Streit um Klinikschließungen "Kleine Krankenhäuser kosten Patientenleben"

Forscher fordern die Schließung von drei Vierteln aller Krankenhäuser. Im Interview erklärt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, warum die Radikalreform kein Geld sparen würde - und trotzdem richtig wäre.

Symbolbild
DPA

Symbolbild

Von und


Deutschland soll sich bei der Krankenhausstruktur an Dänemark orientieren - und radikal Kliniken schließen, fordern Forscher der Nationalen Akademie für Wissenschaften in einem Diskussionspapier. An die Stelle von derzeit mehr als 1600 allgemeinen Krankenhäusern könnten dann rund 330 Großkliniken treten, mit besserer Ausstattung und mehr Spezialisten, schreiben die Autoren.

Scharfe Kritik an dem Konzept kommt von der Interessenvertretung der deutschen Kliniken. "Die Vorschläge haben nichts mit der Versorgungswirklichkeit zu tun", sagt Joachim Odenbach, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Qualität der Versorgung sei heute schon gut, Klinikschließungen würden "auch keine Einsparungen bringen".

Die Autoren der Studie weisen allerdings darauf hin, Kürzungen seien gar nicht ihr Ziel. Deutschland betreibe aber "eine überproportional hohe Zahl von oft schlecht ausgestatteten Krankenhäusern". Eine Folge: Herzinfarktpatienten sterben in deutschen Kliniken doppelt so häufig wie in Australien und Schweden.

Der Gesundheitsökonom und SPD-Politiker Karl Lauterbach erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum ein radikaler Umbau notwendig ist - und was die Politik plant.

Zur Person
  • DPA
    Karl Lauterbach, 53, ist Mediziner und Gesundheitsökonom. Der SPD-Politiker ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretender Fraktionsvorsitzender seiner Partei.

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftler plädieren für die Schließung von rund drei Vierteln der deutschen Kliniken. Ist das sinnvoll oder verrückt?

Lauterbach: Nur noch 300 Kliniken für ganz Deutschland wären natürlich eindeutig zu wenig. Richtig ist aber: Wir müssen Kliniken schließen. Das ist notwendig, um die Qualität der Versorgung dauerhaft zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie können denn Kürzungen zu einer besseren Versorgung führen?

Lauterbach: Wir müssen aus Gründen der Qualität Kliniken abbauen - nicht aus Spargründen. Das Modell mit weniger Kliniken wird nicht billiger sein, aber besser. Die moderne Medizin wird immer komplexer. Das verlangt nach höherer Spezialisierung. Im Moment verteilen wir eine beschränkte Zahl von Fachleuten auf zu viele Krankenhäuser. In der Folge haben wir an vielen Standorten zu wenig oder gar keine Expertise.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen für Patienten?

Lauterbach: Ein Beispiel ist die Krebsbehandlung. Deutschland gibt in der Krebstherapie vergleichsweise viel aus, bei den Erfolgen liegen wir aber nur im Durchschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Lauterbach: Wir haben einige wenige Kliniken, die spezialisiert sind auf moderne Krebstherapien. Deren Resultate sind sehr gut, sie können sich mit den besten Kliniken in den USA messen. Vielen anderen Häusern fehlt es aber an Erfahrung und Ausstattung, sie reichen nicht im Ansatz an diese guten Ergebnisse heran. Zu viele kleine Kliniken kosten vielen Patienten das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es dann nicht auf dem Land zu Versorgungslücken kommen?

Lauterbach: Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu dem Thema, alle kommen zum gleichen Schluss: Die Klinikdichte ist in den Großstädten besonders hoch. Die überflüssigen Krankenhäuser mit zum Teil sehr fragwürdigen Behandlungsergebnissen liegen dort, wo Erreichbarkeit kein Problem ist.

SPIEGEL ONLINE: Krankenhausvertreter plädieren für mehr Geld statt Schließungen.

Lauterbach: Wer kein Spezialist ist, wird auch nicht besser, wenn ich ihm mehr Geld gebe. Wir haben im internationalen Vergleich eigentlich eine hohe Arztdichte in den Kliniken. Das Problem ist, dass die Medizin mit jedem Monat komplizierter wird. Je kleiner die Klinik, desto schwerer ist es, der internationalen Forschung zu folgen. Heute werden moderne Techniken oft übernommen, ohne dass die Mitarbeiter ausreichend fortgebildet werden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisiert, zahlreiche Kliniken seien bereits geschlossen worden und der Bedarf sei hoch.

Lauterbach: Der Widerstand von Lobbygruppen ist massiv, aber er muss überwunden werden, von den Krankenkassen ebenso wie von verantwortungsbewussten Politikern. Bislang ist es oft so: Lokale Politiker setzen sich für kleine Krankenhäuser vor Ort ein. Sie meinen es gut und glauben, ein paar neue Geräte oder ein neuer Chef werte die Klinik strukturell auf. Das ist ein Irrtum. Mitarbeiter, die keine Spezialisten sind, werden es auch nicht durch neue Apparate. Wenn sie einem Rentner einen Ferrari kaufen, wird er dadurch auch nicht zu einem sichereren Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Was tut die Politik?

Lauterbach: Bislang hat die Qualität der Versorgung bei der Planung der Krankenhausstandorte keine Rolle gespielt. Das wird sich ändern. Ab 2017 werden die Behandlungserfolge erstmals berücksichtigt. Wenn dann Kliniken mit belegbar schlechten Ergebnissen weiter arbeiten, wird das die Ministerien unter Druck setzen, die diesen Kliniken trotzdem weiter die Lizenz erteilt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird die Qualität messen?

Lauterbach: In Berlin entsteht ein neues Institut. Das IQTIG wird die großen Unterschiede zwischen den Kliniken transparent aufbereiten und den Patienten zur Verfügung stellen. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen dann mit den Füßen abstimmen und schlechte Häuser meiden. Es wird Bewegung auf den Klinikmarkt kommen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cobaea 27.10.2016
1. Zweifel
Lauterbach sagt zwar, vor allem in grossen Städten gebe es zu viele Krankenhäuser - dort müssten Kliniken geschlossen werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass schlussendlich dann doch kleinere Häuser (wobei "kleiner" noch zu definieren wäre) in Kleinstädten und auf dem Land geschlossen werden. Allein schon deshalb, weil Ärzte nicht aufs Land oder in die Kleinstadt wollen, sondern lieber eine Karriere in der Grossklinik in der Grossstadt bzw. einer Uni-Klinik anstreben. Am Schluss sitzen die Patienten dann auf dem Land ohne Krankenhausversorgung da und auch nicht hoch komplizierte stationäre Behandlungen erfolgen nur noch in grosser Distanz zum Wohnort. Was dann wieder dazu führt, dass die Patienten kaum noch Besuch bekommen (Angehörige und Freunde müssen ja auch noch arbeiten und lange Anfahrtswege sind dann entsprechend seltener zu bewerkstelligen). Für hoch komplexe Behandlungen nimmt man das in Kauf. Aber z.B. betagte Patienten liegen dann mit chronischen Erkrankungen tagelang alleine auf einer Station (das Pflegepersonal hat ja keine Zeit mehr für mehr als den notwendigsten Patientenkontakt), bevor Angehörige bemerken können, dass evtl. die Physiotherapie nicht verordnet wurde - was bei alten Menschen schnell verheerende Konsequenzen haben kann. Zudem tendieren Ärzte in Grosskliniken oft dazu, Patienten noch stärker nur als ihre Krankheit bzw. deren Symptome zu sehen, denn als Menschen.
spon_2937981 27.10.2016
2.
Das klingt plausibel. Viele wollen ja auch lieber 1 Krankenkasse anstatt über 100 wie aktuell. Warum also nicht auch Kliniken reduzieren? Vorausgesetzt, es gibt innert noch genügend, ausreichend nah und mit entsprechender Bettenzahl. Es würden dann auch insgesamt geringere Über-Kapazitäten vorgehalten.
Stadtguerilla 27.10.2016
3.
Ich bin mir nicht sicher ob Herr Lauterbach wirklich weiss wo das Problem entstanden ist. Nungut da ich an einem Uniklinikum(NRW) arbeite versuche ich mal dahinter zu kommen was genau Herr lauterbach so vorhat, mir wiederstrebt irgendwie ihm Ahnungslosigkeit zu attestieren, eher "andere" Beweggründe. Vorweg, um gleich mal was zum "drüber grübeln" zu geben, Herr Bahr war seinerzeits alle 6Monate in unserem Klinikum, Frau Steffens seit Amtsantritt nicht ein einziges mal. KÖNNTE daran liegen das Frau Steffens ihren Job nicht ernst nimmt, KÖNNTE aber auch daran liegen das Klüngelrunden mit der FDP latent mehr spaß machen als mit Grünen... Zum Thema, die "gesunkene Qualität" kleinerer Häuser liegt [bekanntlich] daran das sich die Großen Kliniken die ganzen Abteilungen unter den Nagel gerissen haben die Gewinne versprechen(Fallpauschale), in aller Regel sind das Krebsabteilungen, Transplantation uvm. . Andere Abteilungen meidet man aber sehr bewust da sie nicht genug Gewinn versprechen, diese hat man bei den kleinen Häusern belassen. Das diese Häuser mit ihren übrig gebliebenen "B-Abteilungen" und somit recht pauschal defizitär nicht die großen sprünge mehr machen können, dürfte klar sein. Nur... irgendwer MUSS es machen, sonst verschwinden ganze Fachbereiche, die großen Häuser wollen sie nicht haben und selbst wenn dem anders wäre bzw. man die Kliniken "zwingt" alles anzubieten würde dann ZWANGSläufig die Qualität sinken. Der "fehler" liegt, im übrigen wie jeher, in der Fallpauschale und daran das Kliniken gewinne machen dürfen(wozu, entzieht sich mir völlig ist schließlich ausnahmslos nicht ihr Geld sondern Steuern und Beiträge...). Nun kann sich jeder selber ausrechnen ob Herr Lauterbach einfach keine Ahnung hat(unwahrscheinlich), seinen Kumpels in den Vorständen noch ein bisschen was besorgen will(möglich) oder das Problem versucht auf dem weg mit dem geringsten Wiederstand zu umgehen in der er ein bisschen auf der Qualitätskeule spielt die es de facto nicht gibt(sehr wahrscheinlich).
geando 27.10.2016
4. Haarige Vergleiche
Zitat Artikel: "Eine Folge: Herzinfarktpatienten sterben in deutschen Kliniken doppelt so häufig wie in Australien und Schweden"- Ja, dort sterben sie eben schon auf dem Weg, nicht wahr? Wie kommt jemand darauf, ein Land wie Deutschland ausgerechnet mit Schweden oder Australien zu vergleichen? Da schrillen doch alle Alarmglocken. Gerade Schweden und Australien sind Beispiele für flächenmässig sehr grosse Länder mit sehr schwacher Besiedelungsdichte, also kein Vergleich zu Deutschland. Wer in Australien den mehrstündigen Transport ins nächste Krankenhaus trotz Herzinfarkt überlebt, ist eben auch stabil genug um im Krankenhaus noch gute Chancen zu haben. Bin kein Experte, aber da wird scheinbar Stimmung mit an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen gemacht!
j1958 27.10.2016
5. So ist es
Ich war häufig in Krankenhäusern, meistens in Großstädten. Keine Probleme. Seit 8 Jahren lebe ich auf dem flachen Lande, bei 4 Krankenhausaufenthalten gab es dreimal Probleme. Das letzte schwerwiegend, durch eine falsche Diagnose der Notaufnahme verbrachte ich 3 Monate im Krankenhaus und kann heute nur noch mit Krücken und kurze Distanzen laufen. Seither plane ich alle Krankenhausaufenthalte in der nächsten Grossstadt ein, was bei einem Notfall netürlich nicht gelingt. Da ich auf die 60 zugehe und Ärzte immer wichtiger werden werde ich in ein oder zwei Jahren in eine Grossstadt umziehen. Null Vertrauen in das Lokalkrankenhaus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.