Krawalle in Großbritannien Der Zorn der Abgehängten

In englischen Städten tobt der Mob, Premier Cameron nennt die Randalierer einfach "krank". Dabei läuft in der Gesellschaft etwas schief: Die Chancen der Armen schwinden, die soziale Schere klafft immer weiter auseinander.

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Randalierer in Hackney: Rächen sich die Jugendlichen für Ungerechtigkeit?
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Randalierer in Hackney: Rächen sich die Jugendlichen für Ungerechtigkeit?


Hamburg - Die Briten nennen sie "Chavs": Jugendliche, die bevorzugt Trainingsanzüge tragen, zur Unterschicht gehören und durch asoziales Verhalten auffallen - weshalb man ihren Namen im deutschen Slang mit "Asis" übersetzen könnte. Chavs gibt es schon lange in Städten wie London, Manchester oder Birmingham. Doch erst seit einigen Tagen zetteln sie in diesen Städten massive Krawalle an, die bereits die ersten Toten gefordert haben.

Was steckt hinter dieser Wut? Stumpfer Zerstörungssinn oder Wut über die gesellschaftlichen Verhältnisse? Rächen sich die Jugendlichen für Ungerechtigkeit? Oder sind die Randalierer einfach "krank", wie der britische Premier David Cameron erklärte?

Allein als Aufbegehren der Armen lassen sich die Krawalle jedenfalls nicht erklären, geschweige denn entschuldigen. Dafür sind die Gewaltexzesse zu groß und die Lage im Land nicht brisant genug: Mit einer Armutsgefährdung von 22 Prozent liegt Großbritannien sogar leicht unter dem EU-Schnitt von 23 Prozent.

Auch die Vermögensverteilung scheint für sich noch keine Antwort zu sein. Zwar ist die Spaltung zwischen britischer Oberschicht und Arbeiterklasse seit jeher groß. Allein das wohlhabendste Zehntel der Briten verfügt laut der britischen Statistikbehörde über 44 Prozent des bekannten Vermögens, die untere Hälfte besitzt zusammen 13 Prozent.

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England in Flammen: Gewaltwelle breitet sich aus
Doch diese Verteilung ist in Deutschland noch viel extremer: Hier verfügt das oberste Zehntel laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sogar über rund 61 Prozent, die untere Hälfte kommt auf gerade einmal 1,6 Prozent. Dennoch blieb Deutschland von ähnlich extremen Ausschreitungen wie in Großbritannien bislang verschont.

Zwei Entwicklungen aber könnten einen großen Teil der Wut auf Londons Straßen erklären: Zum einen hat die Ungleichheit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stetig zugenommen. Zum anderen haben die Armen immer geringere Chancen, ihrer Lage durch sozialen Aufstieg zu entkommen.

Thatchers große Umverteilung

Besonders stark stiegen die sozialen Gegensätze nach Berechnungen des Institute for Fiscal Studies (IFS) unter der konservativen Brutal-Reformerin Margaret Thatcher: Während der elfjährigen Regierungszeit der "eisernen Lady" (1979 bis 1990) konnte das ärmstes Fünftel der Briten sein reales Einkommen gerade einmal um 0,4 Prozent steigern - beim reichsten Fünftel waren es 3,6 Prozent. Laut IFS gab es "eine Zunahme an Ungleichheit, die erwiesenermaßen sowohl historisch als auch im Vergleich zu Entwicklungen in anderen entwickelten Ländern ohne Beispiel war".

Unter Thatchers Parteifreund John Major sowie den Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown ging die Schere zwar nicht mehr so krass auseinander. Doch auch seit Mitte der neunziger Jahre wuchs das Einkommen laut IFS "am schwächsten ganz unten und am stärksten ganz oben".

Diese Entwicklung zeigt sich am sogenannten Gini-Koeffizienten, der die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung misst. Mit einem Wert von 33,5 befindet sich Großbritannien hier laut OECD etwa auf dem Niveau von Rumänien, über dem EU-Schnitt (30,0) - und weit jenseits von besonders egalitären Ländern wie Dänemark (23,2).

Im stark zentralistischen Großbritannien ist die Ungleichheit auch ein regionales Problem: Die absoluten Topverdiener, welche die obersten 0,1 Prozent der Einkommen verdienen, ballen sich zu 37 Prozent in London. Der Nordosten des Landes oder Wales kommen hingegen gerade einmal auf jeweils rund ein Prozent dieser Bezieher von Spitzengehältern.

Diese extremen Unterschiede haben mit dem wirtschaftlichen Wandel zu tun: Das verarbeitende Gewerbe, das seinen Ursprung in der industriellen Revolution in England hatte, ging wie in den meisten westlichen Ländern zurück. Nicht einmal mehr 16 Prozent trägt die britische Industrie heute zur Wirtschaftsleistung bei. Damit befindet sich die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt auf dem niedrigen Industrie-Niveau der wirtschaftlich gebeutelten Euro-Krisenstaaten Griechenland und Spanien. In Deutschland ist der Anteil auch rückläufig, liegt aber noch immer bei deutlich mehr als 20 Prozent.

Alles auf die "City" gesetzt

Stattdessen setzte Großbritannien wie kaum ein zweites Land auf die Dienstleistungsgesellschaft. Schneller, höher, weiter - das Prinzip galt vor allem für den Finanzsektor: Die "City of London" als eines der größten Geldzentren der Welt ist das Symbol für die Verwandlung der britischen Wirtschaft. Inzwischen tragen Dienstleistungen fast 80 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei.

In der Theorie ist dieser Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft auch für gering qualifizierte Arbeitnehmer kein Problem. Schließlich ist der Arbeitsmarkt nicht statisch, Arbeitgeber und Arbeitnehmer passen Angebot und Nachfrage an die Verhältnisse an. Vereinfacht gesagt wäre schon vielen geholfen, wenn diejenigen, die früher am Band etwas zusammenschraubten heute die Büros der Banken putzen würden.

In der Praxis aber sind die Anforderungen an die Arbeitnehmer immer weiter gewachsen. Das zeigt sich an deutschen Ausbildungsberufen, für die früher ein Hauptschulabschluss reichte und für die inzwischen oft ein Realschulabschluss Pflicht ist. Und das merken auch Geringqualifizierte in Großbritannien: Seit Mitte der neunziger Jahre liegt ihre Beschäftigungsquote selten höher als 60 Prozent - für Höherqualifizierte liegt sie dagegen um die 80 Prozent.

Die Geringqualifizierten litten extrem unter dem Abschwung

Briten wie Deutsche erlebten eine bittere Wahrheit: Geringqualifizierte werden in Boomzeiten meistens als Letzte eingestellt und in Krisenzeiten als erste rausgeworfen. Denn auf einfache Tätigkeiten können Firmen am ehesten verzichten.

Warum aber ist die Wut in Großbritannien so viel größer als in Deutschland oder anderen EU-Ländern? Möglicherweise hatten sich die Armen des Landes von der letzten Krise ja ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit erwartet. Schließlich galten die Banker in der City of London eindeutig als Verursacher der Krise.

Doch am Ende lief auch in dieser Rezession alles gleich: Die Geringqualifizierten litten so stark wie keine andere Gruppe unter dem Abschwung, ihr Beschäftigungsgrad fiel um mehr als 20 Prozent. Und die Topverdiener? Sie erlebten nach dem Höhepunkt der Finanzkrise laut IFS den stärksten Einkommenszuwachs seit einem Jahrzehnt.

Nur die Armen zahlen für die Krise: Es dürfte auch dieses Gefühl sein, dass derzeit Randalierer in Großbritannien auf die Straße treibt. Verschärft wird es durch das historische Sparpaket, das die Regierung von David Cameron Ende vergangenen Jahres verabschiedete und das auch zu tiefen Einschnitten bei den Sozialleistungen und einer Verdreifachung der Studiengebühren führte.

Dass diese Politik zu Gewalt führen kann, zeigte sich schon Ende vergangenen Jahres, als Prinz Charles und seine Frau Camilla auf dem Weg ins Theater in ihrer Limousine attackiert wurden. Die Täter damals waren nicht etwa Chavs im Jogginganzug - sondern aufgebrachte Studenten.

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insgesamt 320 Beiträge
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Seite 1
UdoL 10.08.2011
1. ...
Zitat von sysopSind die Randalierer in britischen Städten einfach "krank", wie Premier Cameron behauptet? Die Armen des*Landes haben durchaus Grund zur Wut: Ihre Benachteiligung nimmt stetig zu, ihre Chancen werden immer geringer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,779516,00.html
Ganz zu schweigen von der Bereitschaft, etwas daran zu ändern.
abfallverwertung 10.08.2011
2. krank vs normal
Krank ist vielmehr, wer den Kapitalismus für normal oder gar gut hält.
moderne21 10.08.2011
3. um Ausreden nicht verlegen
Die Randalierer sind in meinen Augen nicht `krank´, sondern schlichtweg faul. Nirgendwann war Bildung so einfach zu erlangen, wie in Zeiten des Internets. Aber grundsätzlich die anderen für die eigene Misere verantwortlich machen und alles kaputtschlagen ist natürlich einfacher für die Ego (http://www.wir-sind-wichtig.de)-Generation als sich mal am Riemen zu reißen.
Hubatz 10.08.2011
4. ...
Wie der Premier schon sagte: Wenn 12 - 14 Jährige plündern, wenn Schwerverletzte ausgeraubt werden, wenn junge unschuldige Menschen absichtlich überfahren werden - dann steckt da nicht sozialer Unmut hinter sondern einfach nur asoziales Verhalten. Ein Grossteil der englischen Bevölkerung ist gegen diese Randale, was diverse Aktionen im Netz zeigen. Ich selber würde nie auf die Idee kommen, Unterhaltungsmedien oder Modechic zu plündern die mir garnicht zustehen und wofür andere bezahlen müssen. Wer sowas macht, ist asozial und aufgrund solcher Charakterzüge wohl auch von der Gesellschaft isoliert. Zurecht.
Ephemeris 10.08.2011
5. ....
Je weiter sich die Schere zwischen arm & reich öffnet, desto mehr Menschen haben das Gefühl nicht an der Gesellschaft teilzunehmen. Sie sehen wie ihr Studiengebühren massiv erhöht werden, oder Sozialarbeiter gestrichen werden. Auf der anderen Seite werden den Reichen, sollten sie sich mal verzocken , sofort ohne mit der Wimper zu zucken hunderte von Milliarden in den Arsch geschoben. Immer wieder das gleiche Spiel, der Staat geht immer mehr dazu über, das unsozial erworbene Eigentum weniger reicher zu schützen
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