Abhängigkeit von Russland Europa könnte Gasboykott nur kurz durchhalten

Politiker und Ökonomen behaupten, Europa sei nicht allzu abhängig von russischem Gas. Das könnte sich schnell als Wunschdenken erweisen. Eine Marktanalyse zeigt: Manche EU-Länder würden einen Lieferstopp nur wenige Tage überstehen - auch Deutschland träfe es hart.

Gastransport (im Erzgebirge): Milliarden für Putins Machtapparat
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Gastransport (im Erzgebirge): Milliarden für Putins Machtapparat

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Hamburg - Jedes Mal, wenn wir zu Hause die Heizung aufdrehen, jedes Mal, wenn in Europa ein Gaskraftwerk anspringt, wird der russische Machtapparat um ein paar Rubel reicher. Insgesamt 68 Milliarden Dollar habe das Land 2012 mit seinen Gaslieferungen verdient, etwa 70 Prozent der Exporte landeten nach Angaben der US-Statistikbehörde EIA in der EU.

Die Europäer können sich noch so sehr über die Landnahme auf der Krim und Wladimir Putins Machtpolitik entrüsten - ihr Geld fließt weiter gen Moskau. Das ist die Konsequenz aus Europas Abhängigkeit von Russlands Gas. Gibt es nichts, was wir dagegen tun könnten?

Doch - behaupten einige Politiker und Experten. "Wir sind weit weniger abhängig als jemals zuvor", sagte etwa EU-Energiekommissar Günther Oettinger unlängst in einem Interview. "Eine wochenlange Selbstversorgung wäre möglich." Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, sagt ebenfalls, dass die EU bei einem Lieferstopp nicht gleich in Panik geraten müsse. Alles halb so schlimm also? Taugt ein Boykott der russischen Gaslieferungen am Ende gar als wirtschaftspolitische Waffe?

Die Antwort lautet: nein. Sieht man sich die Gasquellen und Pipelines der EU und den derzeitigen Befüllungsstand der Speicher genauer an, wird klar, dass der europäische Staatenbund einem kompletten Lieferstopp wohl nicht länger als einige Tage standhielte. Das Hamburger Forschungsbüro Energycomment hat dazu am Montag eine umfassende Marktanalyse veröffentlicht. Sein Betreiber Steffen Bukold gilt als ausgemachter Energieexperte. Der Politologe und Wirtschaftswissenschaftler ist Autor des Standardwerks "Öl im 21. Jahrhundert" und verfasst seit mehreren Jahren einen Branchen-Newsletter, oft zum Gasmarkt.

Wenig alternative Quellen

Die Nachfrage Europas ist die größte der Welt, der Gasbedarf der EU liegt nach Angaben des Branchenverbands Eurogas bei jährlich rund 462 Milliarden Kubikmetern. 125 Milliarden Kubikmeter - also rund 27 Prozent ihres Bedarfs - deckte die EU im vergangenen Jahr durch Exporte aus Russland. Alternative Quellen in dieser Größenordnung gibt es laut Energycomment nicht.

Zwar gibt es noch weitere Versorgerländer, allen voran Norwegen, Großbritannien, die Niederlande sowie, außerhalb Europas, Algerien und Libyen. Doch kurzfristig kann der Studie zufolge keines der Länder seine Exporte signifikant steigern. Andere Experten bestätigen Bukolds Analyse: "Freie Produktionskapazitäten sind kaum vorhanden", sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank. "Und ohnehin kann man die Produktion nicht von heute auf morgen steigern. Das dauert Wochen, wenn nicht Monate."

Langfristig werde Europas Abhängigkeit vom ausländischen Gas sogar noch wachsen, sagen beide Experten. Denn die heimischen Vorräte versiegen allmählich. Die Fördermenge werde insgesamt eher stagnieren, da die neuen Felder die schwindenden Erträge der alten Produktionsstätten nur noch ausgleichen.

Auch das sogenannte Liquefied Natural Gas, kurz LNG, hält Energycomment derzeit nicht für eine Alternative. LNG bedeutet: Das Gas wird auf minus 164 Grad abgekühlt und unabhängig von Pipelines per Tankschiff transportiert. Europa bezieht schon jetzt große Mengen solchen Flüssiggases, vor allem aus Katar und Algerien, 2012 waren es gut 63 Milliarden Kubikmeter. Die russischen Lieferungen ließen sich per LNG dennoch nicht ersetzen.

Theoretisch könnten die europäischen LNG-Terminals genug Flüssiggas umschlagen, um einen Exportstopp aus Russland fast komplett zu kompensieren. Ihre Kapazität liegt aktuell bei knapp 193 Milliarden Kubikmetern. Doch gibt es kein entsprechendes Angebot. Das allermeiste LNG wird am Terminmarkt verkauft - Jahre, teils Jahrzehnte im Voraus, konstatiert Energycomment. "Die EU deckt lediglich 15 Prozent ihres Gasbedarfes durch LNG. Die Terminals könnten noch mehr Flussiggas aufnehmen", sagt Weinberg. "Aber es gibt auf dem Markt aktuell kaum kurzfristig verfügbares LNG." Auch DIW-Expertin Kemfert räumt auf Nachfrage ein, es gebe zwar "durchaus verfügbare Mengen", aber "sicherlich keine riesigen".

Flächendeckende Versorgung kurzfristig unmöglich

Bei einem Komplett-Boykott müssten die EU-Länder also vor allem von Reserven zehren. Das aber ginge nicht lange gut. Die wichtigsten Gasspeicher haben sich im Winter geleert. Derzeit sind sie nach Angaben des Verbands Gas Storage Europe (GSE) im Schnitt noch zu 46 Prozent gefüllt. In ein paar Monaten wären sie EU-weit leer.

In Griechenland, Bulgarien, der Slowakei und in Ungarn wären die Gasvorräte sogar noch schneller aufgebraucht. Diese Länder decken einen Großteil ihres Verbrauchs durch russische Lieferungen. Und laut GSE sind die Speicher in diesen Ländern schon jetzt bedenklich leer. Vor allem in Griechenland sind die Speicher obendrein sehr klein. Bei einem Lieferstopp könnte das Land seine nationale Nachfrage schon nach wenigen Tagen nicht mehr vollständig decken, schreibt Energycomment.

Abhängigkeit der EU-Staaten vom russischen Gas
Zwar könnten die anderen EU-Länder noch begrenzt helfen, indem sie Gas in die notleidenden Staaten schicken. Insgesamt aber reichen die Kapazitäten in Europas Pipelines nicht, und es kann nicht schnell genug die nötige Menge Gas aus den Speichern entweichen, um die Versorgung in allen Ländern komplett zu sichern.

Kurzfristig ginge das ohnehin nicht, sagt auch Weinberg von der Commerzbank. "Schon die Gasströme in den Pipelines umzulenken, ist ein kompliziertes Unterfangen", sagt er. "Einige EU-Länger bekämen bei einem kompletten Lieferstopp sehr schnell Probleme."

Ein Ausfall hätte verheerende Folgen

Sollte die EU also tatsächlich einen Gas-Boykott wagen oder sollte Putin wirklich das Gas abdrehen, hätte das schwerwiegende Folgen. Die deutsche Stromversorgung müsste umgestellt werden, damit die Industrieproduktion nicht zusammenbricht. Die Gaskraftwerke decken in Deutschland zwar lediglich die Spitzenlast bei der Stromproduktion. "Jedoch sind die Gaskraftwerke extrem wichtig, auch für den Spannungsausgleich", sagt Weinberg.

Alle verfügbaren Kohle- und Ölkraftwerke müssten auf Hochtouren arbeiten. Die Stromversorgung würde klimaschädlicher und vermutlich teurer Womöglich müssten bereits eingemottete Atomkraftwerke wieder ans Netz. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan, wo derzeit große Mengen Flüssiggas verbraucht werden.

Aber Russland würde ja seine Gaslieferungen nie abschalten, oder? Schließlich brächte sich das Land, so betonen Experten immer wieder, um milliardenschwere Einnahmen?

Das ist richtig. Aber im Jahre 2012 etwa verdiente Russland nach Berechnungen von Energycomment rund 290 Milliarden Dollar mit dem Export von Erdöl - viermal mehr als mit dem Verkauf von Gas. Zudem macht der Kreml nicht all seine Gasprofite in Europa, und mittelfristig könnte sich Russland für seine Rohstoffe auch andere Abnehmer suchen.

Sprich: Den Kreml würde ein Boykott schwer treffen, er könnte aber mit anderen Rohstoffen weiter Gewinne einfahren. Die EU dagegen hätte kaum eine Wahl. Sie könnte ihren Öl-, nicht aber ihren Gasbedarf aus anderen Quellen decken. Putin sitzt im energiewirtschaftlichen Machtpoker am längeren Hebel.

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Seite 1
divStar 25.03.2014
1. Wir könnten immer noch..
..die Atomkraftwerke wieder anwerfen.
ernie78 25.03.2014
2. Wir Europäer müssen den Kopf hinhalten...
Zitat von sysopAPPolitiker und Ökonomen behaupten, Europa sei nicht allzu abhängig von russischem Gas. Das könnte sich schnell als Wunschdenken erweisen. Eine Marktanalyse zeigt: Manche EU-Länder würden einen Lieferstopp nur wenige Tage überstehen - auch Deutschland träfe es hart. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krim-krise-eu-koennte-russischen-gasboykott-nur-kurz-standhalten-a-960421.html
und schmerzliche sanktionen gegen Rußland durchführen. Der Auslöser ist der Wunsch der amerikaner nach immer weiterer Osterweiterung. Europa muß seine eigenen Interessen verfolgen und nicht immer für die wünsche der usa büßen.
nocheinforist 25.03.2014
3. China sagt danke ...
... und freut sich, das russische Gas kaufen zu können. Dann verdient Putin trotzdem und die Europäer haben sich in die selbstgeschaufelte Grube geworfen.
BettyB. 25.03.2014
4. Klar doch...
Aber Obama, der alte Schwätzer, hat ja Energielieferungen versprochen und Merkel vertraut ihm für alle Zeiten...
laurenz-von-arabien 25.03.2014
5. Dem SPON sei Dank
Klare Ansage. Die meisten fossilen Brennstoffe sind nicht in der Hand demokratischer Regime, da wird es bald schwierig mit dem ethischen Import. Was machen wir, wenn die schiitischen Mehrheiten in den bestimmten Ölstaaten (Saudi-Arabien, Bahrein etc.) Autonomie wollen und zur UNO gehen oder wie in der Ukraine putschen? Wie unangenehm. Wer Globalisierung und Freizügigkeit will, muß mit Abhängigkeiten rechnen. Autarkie ist der absolute Gegner der Globalisierung. Da haben wir ein fettes Paradoxon in unserer Medienwelt.
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