Krise der Gemeinschaftswährung Euro in der Psychofalle

Griechenland ist gerettet. Doch Spekulanten wetten schon auf den nächsten Pleitekandidaten - und sogar auf ein Euro-Aus. Das eigentliche Problem sind nicht die Krisenländer, sondern das mangelnde Vertrauen in die Währung.

REUTERS

Eine Analyse von


Hamburg - Die Erleichterung ist erst einmal groß: Die Staats- und Regierungschefs haben sich bei ihrem Gipfel in Brüssel am Donnerstag auf einen Notfallplan für das hochverschuldete Griechenland geeinigt. Hilfen wird es demnach nur als Ultima Ratio geben - und neben den EU-Ländern soll im Fall der Fälle auch der Internationale Währungsfonds (IWF) Mittel zur Verfügung stellen. Allerdings müssen auch andere Staaten unterstützt werden, wenn ihnen das griechische Schicksal droht.

Und da war es eine eher unpässliche Nachricht, dass die Ratingagentur Fitch Mitte dieser Woche die Bonität Portugals herabgestuft hat. Zumal alles ja noch viel schlimmer kommen könnte: Schließlich sind neben Griechenland und Portugal auch Spanien, Italien und Irland Teil der unrühmlichen PIIGS-Staaten - also jener Länder, denen die internationalen Finanzmärkte angesichts ihrer hohen Staatsverschuldung von bis zu 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eine beachtliche Gefahr bescheinigen, in nicht allzu ferner Zukunft ihren Staatsbankrott erklären zu müssen.

Deshalb dürfte - bei aller Erleichterung über das Brüsseler Signal vom Donnerstagabend - schon bald wieder die Diskussion aufkommen, welches Land der Euro-Zone wohl als nächstes in den Abwärtsstrudel gerät und die europäische Gemeinschaftswährung noch stärker in Bedrängnis bringt. Zumal mancher Finanzhai in London und New York schon auf das ganz große Finale setzt: das Auseinanderbrechen der Euro-Zone.

Vor allem ein psychologisches Problem

Mehr denn je stellt sich deshalb die Frage, wie ernst die Euro-Krise wirklich ist - und ob ein Euro-Aus ein realistisches Szenario darstellt.

Wer allein auf die wirtschaftliche Relevanz von Griechenland und Portugal abzielt, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass ihr Schlamassel die Euro-Zone kaum gefährden kann. Denn beide Länder vereinen gerade einmal gut vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der gemeinsamen Währungsunion auf sich.

Würden Griechenland und Portugal den Euro in den Abgrund reißen, wäre das - verglichen mit den USA - in etwa so, als würde der Dollar in die Knie gehen, weil in den Bundesstaaten Massachusetts und Tennessee die Haushalte aus den Fugen geraten sind. Ein Szenario, das wohl nicht einmal Berufspessimisten zeichnen würden.

"Das Problem der aktuellen Krise ist weniger ökonomischer denn psychologischer Natur", sagt denn auch Jens Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Schließlich habe der Euro gerade einmal seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Im Vergleich zum Dollar sei er damit eine junge Währung, die noch immer viel mehr auf das grundlegende Vertrauen der Märkte angewiesen sei als der uralte Greenback, die traditionelle Leitwährung der Welt.

Ein Euro-GAU droht aus heutiger Perspektive nicht

Entsprechend ist es durchaus wahrscheinlich, dass die internationalen Finanzmärkte im Falle einer Pleite von Griechenland oder eines Austritts aus der Euro-Zone die Versuchsreihe "Der Schwächste fliegt" beginnen und genüsslich austesten würden, wie belastungsfähig die Währungsunion insgesamt ist. Das wäre allerdings nichts anderes als Zockerei. Nach und nach könnten sich die Spekulanten dann die anderen PIIGS-Staaten vorknöpfen.

Zunächst geriete wahrscheinlich Portugal stark unter Druck, dann Spanien, Irland und alsbald vielleicht auch Italien. Im schlimmsten Fall würde die Euro-Zone nach und nach ausfransen - und schließlich wohl auch auseinanderfallen. Dies dürfte allerdings ein echtes Worst-Case-Szenario sein. "Es ist nach derzeitigem Stand weder realistisch, dass ein Euro-Staat pleite geht, noch, dass die Währungsunion auseinanderfliegt", sagt Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Schaden für alle Beteiligten sei einfach zu groß.

Auch für Deutschland: Denn die Bundesrepublik ist - das zeigt die aktuelle Debatte um die Exportdominanz der Deutschen - der größte Profiteur der Währungsunion. Der Großteil der deutschen Ausfuhren geht in die Euroländer. Das bedeutet: Die hiesigen Unternehmen haben kein Wechselkursrisiko mehr.

Auch wenn der Euro-GAU aus heutiger Perspektive also nicht droht, legt die aktuelle Krise doch einige Schwächen der Währungsunion in Europa offen. Bei der Suche nach den Ursachen fällt schnell das Stichwort "Optimaler Währungsraum".

Eine Währungsunion braucht Ventile

Es war der Wirtschaftswissenschaftler Robert Mundell, der für die Entwicklung dieser Theorie just im Jahr der Euro-Einführung 1999 den Nobelpreis erhielt. Mundell untersuchte, wann es für Länder überhaupt sinnvoll ist, eine Währungsunion einzugehen. Der Hintergrund: Hat ein Land eine eigene Währung, kann es auf wirtschaftliche Schocks reagieren - etwa indem es eine Abwertung vornimmt und somit seine Wettbewerbsfähigkeit erhöht.

Weil diese Möglichkeit bei einer gemeinsamen Währung nicht mehr besteht - in der Euro-Zone bestimmt allein die Europäische Zentralbank darüber, wie viel Geld gedruckt wird -, muss es laut Mundell entsprechende Ausgleichsmechanismen geben, etwa eine hohe Mobilität der Arbeitskräfte. Würden die Arbeitnehmer aus einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit einfach in prosperierende Regionen umziehen (so wie es etwa in den USA der Fall ist), lassen sich wirtschaftliche Ungleichgewichte leicht kompensieren. Es gibt also ein Ventil.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre in Europa zeigt jedoch, dass diese Mobilität der Arbeitnehmer zwar weitestgehend ein Recht ist - dieses aber kaum jemand nutzt. Nach wie vor sind die sprachlichen Hürden zu hoch. "Rückblickend hatten wohl die Euro-Kritiker Recht, die gesagt haben, die EU sei kein optimaler Währungsraum", sagt IfW-Experte Hogrefe. Er verweist allerdings darauf, dass sich die Ungleichgewichte beheben lassen. "Länder wie Griechenland müssten dafür jedoch ihre Haushalte konsolidieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen."

Allerdings ist dies ein Prozess, der Jahre - wenn nicht Jahrzehnte - dauern würde. Entsprechend pessimistisch ist DIW-Experte Belke: "Die Unterschiede zwischen den Ländern innerhalb der Währungsunion sind in den vergangenen Jahren eher größer als kleiner geworden." Staaten wie Griechenland und Spanien hätten chronische Defizite in ihrer Handelsbilanz, würden also deutlich mehr im- als exportieren, und seien damit immer mehr von der Entwicklung der prosperierenden Staaten wie Deutschland abgekoppelt.

Deutschland will vor allem eine Stabilitätsgemeinschaft

Als kurzfristige Reaktion auf die Ungleichgewichte zwischen den Mitgliedstaaten der Währungsunion wäre es deshalb möglich, diese durch finanzielle Transfers zu kompensieren. Das wäre nichts anderes als ein Länderfinanzausgleich auf europäischer Ebene. Allerdings lehnt Bundeskanzlerin Angela Merkel ein solches Modell für die Euro-Zone kategorisch ab - vor allem wohl aus der Sorge, die Deutschen müssten den Großteil dieser Transfers finanzieren.

Bei dieser Debatte reißen jedoch alte Wunden auf: "In der aktuellen Diskussion, wie man die Euro-Zone krisenfester macht, prallen noch immer zwei völlig verschiedene Wirtschaftsmodelle aufeinander", sagt DIW-Experte Belke. Jedes Land wolle zwar irgendwie eine abgestimmte Wirtschaftspolitik, nur verstehe jeder Mitgliedstaat darunter etwas anderes.

In der Tat: Deutschland sieht die Euro-Zone vor allem als Stabilitätsgemeinschaft. Die größte Befürchtung ist, der Euro könne aufgrund zu viel keynesianischer Spielereien nicht so hart sein wie die D-Mark. Der Gegenentwurf zu diesem Modell stammt vor allem von französischer Seite. In einer europäischen Wirtschaftsregierung à la francaise würden sich alle Staaten in ihrer Haushalts- und Wirtschaftspolitik abstimmen.

Ein Vorschlag, der nicht viel jünger ist als die Idee von der gemeinsamen Währung. Und der angesichts des deutschen Widerstands wenig Aussicht auf Erfolg hat. Es sei denn, der Druck der Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone wird in Zukunft noch größer - oder das Problem entspannt sich, weil Länder wie Griechenland und Portugal ihre Schulden reduzieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Ein Vorbild dafür gibt es durchaus: Belgien.

insgesamt 159 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
TheBlind, 26.03.2010
1. sie hatten es in der Hand!
Hi ! Die Politiker hatten es in der Hand, die Bangster und Heuschrecken wieder in normalen Grenzen zu setzen. Man wollte es nicht. Mit dem Wissen, das ihnen nicht passiert, greifen sie noch ungenierter zu. Shit happens, das konnte man ja nicht voraussehen :D Cu.
Wattläufer 26.03.2010
2. Analyse
Zitat von sysopGriechenland ist gerettet. Doch Spekulanten wetten schon auf den nächsten Pleitekandidaten - und sogar auf ein Euro-Aus. Das eigentliche Problem sind nicht die Krisenländer, sondern das mangelnde Vertrauen in die Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,685678,00.html
Was ist denn das für eine "Analyse" ? Das mangelnde Vertrauen in den Euro resultiert doch grade daraus, daß die Krisenländer ( PIIGS-Staatten ) ihre Haushaltsdifizite nicht in den Griff bekommen. Und wenn der Euro fällt, die DM wieder eingefüht wird, was wäre daran so schlimm für Deutschland ? Die deutsche Exportwirtschaft ist stark genug die daraus entstehenden Probleme zu überwinden. Und was wir wirklich am allerwenigsten brauchen ist eine Zuwanderung von ( mangelhaft ausgebildeten )Arbeitskräften. Wir brauchen vielmehr eine Abwanderung damit die Sozialkassen entlastet werden. Außerdem ist die Krise Griechenlands noch lange nicht überwunden, nur ausgesetzt Dank Frau Merkel. Weiter hart bleiben so wie einst die DM war. Dann klappt es auch mit der NRW-Wahl. Endlich wurde dem Ausland mal gezeigt daß Deutschland nicht nur EU-Zahlemännchen ist.
Peter Kunze 26.03.2010
3. Geld ist Vertrauenssache
Zitat von sysopGriechenland ist gerettet. Doch Spekulanten wetten schon auf den nächsten Pleitekandidaten - und sogar auf ein Euro-Aus. Das eigentliche Problem sind nicht die Krisenländer, sondern das mangelnde Vertrauen in die Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,685678,00.html
Tach, VWL-Grundkurs in der Schule. Solange ich kein Edelmetall in meinen Münzen befindet und ich meine Banknoten in der Wilhelm-Epstein-Straße 14 zu Frankfurt a.M. nicht jederzeit gegen Gold tauschen kann ist Geld reine Vertrauenssache. Jede gedruckte Banknote erzeugt schliesslich eine Schuld. Im übrigen hat die Geschichte gezeigt, dass kaum eine Währungsunion mehr als ein paar Jahre überlebt hat. Weshalb sollte dies beim Euro anders sein. Bye Peter
Viva24 26.03.2010
4. Der Preis im Urlaub nicht Geld zu wechseln war zu hoch!
Jeder Volkswirt wusste es, Wirtschaften unterschiedlicher Entwicklungen und Strukturen kann man nicht mit einer Währung vereinbaren. Es waren Spekulanten und Exportlobbisten, die es 2002 schafften, den Euro einzuführen. Dem Bürger wurde gesagt, Eurer Vorteil Ihr könnt überall im Urlaub mit dem Euro bezahlen. Das der Wert des Geldes abgewertet wurde (gegenüber der DM) dass hat man dem dummen Bürger nicht gesagt! Jedenfalls freue ich mich auf meine DM, wieder !!!
ADie 26.03.2010
5. Der Konvergenzdruck wächst
Zitat von sysopGriechenland ist gerettet. Doch Spekulanten wetten schon auf den nächsten Pleitekandidaten - und sogar auf ein Euro-Aus. Das eigentliche Problem sind nicht die Krisenländer, sondern das mangelnde Vertrauen in die Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,685678,00.html
Aus der gemeinsamen Währung muss und wird eine gemeinsame Wirtschaft werden. Das haben kluge Köpfe schon vor der Euro-Einführung prophezeit. Wer wie Griechenland meint, sich Extravaganzen erlauben zu können, wird früher oder später dafür bestraft und muss sich anpassen. Daraus wird der Euro gestärkt hervorgehen. Die Zocker mögen wohl kurzfristig Gewinn aus den damit verbundenen Turbulenzen ziehen können, aber langfristig beißen sie sich am Euro die Zähne aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.