Krise der Sozialversicherung Rente verkommt zum Hungerlohn

Das Rentensystem steht vor dem Kollaps: Ein heutiger Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre lang Beiträge zahlen, um später gerade mal ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu erhalten. SPIEGEL ONLINE zeigt anhand neuer Berechnungen das Debakel der staatlichen Altersvorsorge.

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Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?
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Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?


Hamburg - Der Standardrentner ist eigentlich ein vorbildlicher Zeitgenosse: Bis zu seinem Ruhestand arbeitet er 45 Jahre, zahlt immer brav seine Beiträge in die Alterskasse und verdient stets das Durchschnittseinkommen aller Versicherten. Der aktuelle Lohn dieses perfekten Sozialstaatsbürgers, der den Behörden zur Berechnung des allgemeinen Niveaus der Alterseinkünfte dient: eine monatliche Rente in Höhe von 1224 Euro im Westen der Republik - und von 1086 Euro im Osten.

Also durchaus Summen, mit denen man im Alter zwar nicht 24 Stunden am Tag die Puppen tanzen lassen kann, die aber alles andere als nackte Armut bedeuten. Zumal viele Rentner noch zusätzliche Einnahmen etwa aus Lebensversicherungen haben oder mietfrei wohnen.

Alles prima also in der Rentnerrepublik Deutschland? Nicht wirklich.

Die guten alten Zeiten, als die Renten unter Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl noch Jahr für Jahr stiegen, weil auch die Ruheständler vom zunehmenden Wohlstand der Gesellschaft profitieren sollten, sind vorbei. Das Rentenniveau, das die Bezüge des Standardrentners ins Verhältnis zum Durchschnittseinkommen aller Beitragszahler setzt, lag in den fünfziger Jahren noch bei mehr als 57 Prozent. Mitte dieses Jahrzehnts waren es noch gut 48 Prozent, 2040 sollen es nur noch um die 40 Prozent sein.

Das bedeutet: Wer in 30 Jahren in Rente geht, bekommt rund 20 Prozent weniger Leistungen als jemand, der vor kurzem in den Ruhestand wechselte. Das ist zwar keine Rentenkürzung im eigentlichen Sinne - denn das hieße, aktuelle Leistungen zu beschneiden. Aber die meisten Rentner von morgen werden das niedrigere Rentenniveau trotzdem als genau das empfinden. Wie auch immer man die Absenkung des Rentenniveaus bezeichnet - die Folgen sind klar: "In Zukunft lässt sich mit der gesetzlichen Rente nicht mehr der aus dem Erwerbsleben gewohnte Lebensstandard sichern", sagt der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen.

Die Renten werden kaum noch steigen

Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass die Renten bis 2016 kaum steigen werden. Das hat allerdings wenig mit den vergangenen Rentenreformen von Rot-Grün und der Großen Koalition zu tun, sondern mit dem mangelnden politischen Mut der Gegenwart. Denn mit den rund 20 Millionen Ruheständlern, die immerhin jeden dritten Wahlberechtigten stellen, will sich kein Politiker anlegen. Deshalb sind die Renten 2008 stärker gestiegen als per Gesetz vorgesehen. Und deshalb sinken sie kommendes Jahr nicht - obwohl sie es laut Formel müssten. Was Politiker ungern sagen: Die Erhöhungen in den besseren Zeiten fallen so lang geringer aus, bis der Rückstand wieder aufgeholt ist.

Klar ist somit: Die Altersbezüge werden auch künftig noch steigen - aber höchstens um mickrige Beträge. Weil aber die Inflation ihr Übriges tut, kann durchaus aus einem kleinen Renten-Plus immer öfter ein realer Verlust an Kaufkraft werden.

Was geringere Rentenanstiege mitsamt Inflation für die Rentner von morgen bedeuten, hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge für SPIEGEL ONLINE berechnet. So wird ein Durchschnittsverdiener mit einem Bruttoverdienst in Höhe von 2500 Euro, der im Jahr 2020 in den Ruhestand geht - also ungefähr Ansprüche in Höhe eines Standardrentners hat -, voraussichtlich von der Versicherung gut 1280 Euro überwiesen bekommen. Dafür kann er sich dann aber nur noch so viel leisten wie heute für knapp 1030 Euro. Zum Vergleich: Der heutige Standardrentner bekommt derzeit im Westen der Republik real fast 200 Euro mehr.

Wie hoch Ihre Rente sein wird und was Sie sich dafür in Preisen von heute kaufen können (in Euro)

Geburtsjahrgang / Rentenbeginn 1955 / 2020 1965 / 2032 1975 / 2042 1985 / 2052
Bruttoeinkommen pro Monat nominal (real) nominal (real) nominal (real) nominal (real)
1500   779     (624) 1040     (667) 1397     (732) 1698     (727)
2500 1284   (1028) 1714   (1099) 2292   (1201) 2708   (1159)
3500 1552   (1243) 2118   (1358) 2800   (1467) 3035   (1299)
4500 1989   (1593) 2715   (1741) 3589   (1880) 3737   (1600)
5500 2404   (1925) 3243   (2079) 4256   (2230) 4367   (1869)

Annahmen: Inflation 2% p.a.; Lohnsteigerung 2,5% p.a
Beginn der Beitragszeit bei Einkommen zwischen 1500 und 2500 mit 25 Jahren und bei Einkommen darüber mit 30 Jahren
Rentenbeginn zum gesetzlich vorgeschriebenen Zeitpunkt
Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge

Was diese nicht gerade euphorische Berechnung noch problematischer macht, ist die Tatsache, dass der Standardrentner eine rein fiktive Größe zur Berechnung der Alterseinkünfte ist - nicht mehr als ein Relikt der guten alten Bundesrepublik. Denn mit 65 Jahren auf eine Erwerbsbiografie von viereinhalb Jahrzehnten und einen stetigen Durchschnittsverdienst zurückzublicken, ist bereits heute nicht eben einfach. Und in Zukunft wird es noch schwieriger.

Schließlich sind die kuscheligen Zeiten, als sich jeder nur ein bisschen anstrengen musste, irgendwie Karriere machte und mit Anfang 60 auf ein zufriedenes Arbeitsleben zurückblickte, lange vorbei. Heute haben immer mehr Lebensläufe Brüche, an eine Festanstellung schließt sich mal eine freie Tätigkeit oder Teilzeitarbeit an - und auch mal eine Phase der Arbeitslosigkeit. Viele Arbeitnehmer werden gar wie in einer Drehtür zwischen Job und Arbeitsamt hin- und hergeschubst. Von nennenswerten Lohnerhöhungen, mit denen auch die Rentenansprüche steigen, können viele Arbeiter und Angestellte ebenfalls seit Jahren nur noch träumen. Nach Abzug der Inflation bleibt oft sogar ein Minus.

Hinzu kommt: Viele Deutsche verdienen - das liegt in der Natur der Statistik - weniger als das Durchschnittseinkommen, das derzeit bei rund 31.000 Euro im Jahr liegt. Also gut 2500 Euro monatlich. Betroffen von geringen Löhnen sind längst nicht mehr nur traditionell schlecht bezahlte Jobs wie Kellner, Krankenpfleger und Coiffeure. Mehr als sechs Millionen Menschen arbeiten mittlerweile im Niedriglohnsektor. Und nur wenige davon schaffen den sozialen Aufstieg.

Forum - Verliert die Rente ihre Legitimität?
insgesamt 2307 Beiträge
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Seite 1
grauer kater 24.11.2009
1.
Da gibt es nur eine Schlussfolgerung, um aus dem Dilemma zu kommen: Bundestags- oder Europaparlamentsabgeordneter werden! Dann ist die Rente schon nach 8 Jahren zumindest für ein Grundauskommen ausreichend sicher! Dazu diverse Lobby-Bezüge und man kommt über die Runden!
Volker Gretz, 24.11.2009
2.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Was soll "Legitimität" in diesem Zusammenhang bedeuten? Richtig: Die Finanzwirtschaft ließ immer wieder neue Gesetze erlassen, um die gesetzliche Rente zu kürzen. Dennoch ist sie weiterhin legitim. Sollten Sie sich auf die "Höhe" der gesetzlichen Rente beziehen, so wäre es ja wirklich schlimm, wenn die Finanzwirtschft die ganzen "Experten", Ex-Staatsekretäre und Ex-Minister auf Frühstücksdirektorenposten durchschleifen müsste, wenn sie nicht die gesetzliche Rente ruiniert hätten. Womit hätte man denn die gestzliche Rente sonst zerstören sollen, und die Milliarden in die gewinnoptimierten "privaten Angebote" umleiten, wenn nicht unter Einsatz von viel Geld? Vile ist natürlich relativ. Der Einsatz von ein paar Milliönchen bringt hier Milliarden - ohgne das ein Versicherungsvertreter oder Bankverkäufer sich bewegen muss.
Stefanie Bach, 24.11.2009
3.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Rentenversicherung, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung sind die Grundpfeiler unseres Sozialstaates. Es muss öffentliche Aufgabe sein und bleiben, diese Systeme auszubauen und zu stabilisieren. Die jetzige Koalition - dem Riester-Unsinn folgend - geht den falschen Weg, wenn mehr und mehr nach Kapitaldeckung gerufen wird, was volkswirtschaftlich unsinnig ist. Da hat der manchmal belächelte, letztlich aber eher erfolgreiche Norbert Blüm völlig recht: Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
Meerkönig 24.11.2009
4.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Wer soll dieses Thema verstehen? Es musste zu allen Zeiten mindestens 35 bis 45 Jahre eingezahlt werden und zwar ununterbrochen Monat für Monat, um eine volle Rente zu erhalten. Die, die nur 35 Jahre einzahlen konnten, waren meist Akademiker oder Halbakademiker verdienten dafür immer Bemessungsgrenze und so kommen alle Beitragszahler zu einer auskömmlichen Rente. Wer nur 26 Jahre eingezahlt hat, hat aus Sicht des Rentensystems keine Existenzberechtigung. Das muss den Leuten ganz klar gesagt werden. Vieleicht denkt der eine oder andere dann nach, bevor er mehr "Netto vom Brutto" wählt. Beispiele: Der Akademiker erhält 1908,- Euro Bruttorente und der Handwerker mit 45 Beitragsjahre erhält 1473,- Euro Bruttorente. Der 26 Jahre eingezahlt hat erhält 850.- Euro. Der der nichts eingezahlt hat erhält auch nichts. (Alle Werte alte Bundesländer)
Volker Gretz, 24.11.2009
5.
Zitat von Stefanie BachRentenversicherung, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung sind die Grundpfeiler unseres Sozialstaates. Es muss öffentliche Aufgabe sein und bleiben, diese Systeme auszubauen und zu stabilisieren. Die jetzige Koalition - dem Riester-Unsinn folgend - geht den falschen Weg, wenn mehr und mehr nach Kapitaldeckung gerufen wird, was volkswirtschaftlich unsinnig ist. Da hat der manchmal belächelte, letztlich aber eher erfolgreiche Norbert Blüm völlig recht: Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
Ja aber betriebswirtschatflich "gewinnmaximierend". Wir haben ja gerade gelernt,, das "kapitalgedeckt" genau so vile wert ist, wie der Staat noch kreditwürdig ist. Die Staatsschulden von heute sind die Gewinne der Finanzwirtschaft von gestern.
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