Krise in Griechenland Wirtschaftsweise wollen radikalen Schuldenschnitt

Wie kommt Griechenland aus der Schuldenspirale? Deutsche und französische Experten fordern in der "Financial Times Deutschland" die harte Lösung: Gläubiger sollen auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Die EU feilt weiter am Rettungsschirm, neue Gerüchte über einen Ausbau befeuern die Börsen.

Fahnen vor dem griechischen Parlament: Schulden auf ein "nachhaltiges Niveau" senken
dapd

Fahnen vor dem griechischen Parlament: Schulden auf ein "nachhaltiges Niveau" senken


Hamburg - Seit fast anderthalb Jahren wird Griechenland durch Finanzhilfen der übrigen Euro-Länder gestützt, doch noch immer gibt es kaum Hoffnung, dass die Wirtschaft des südeuropäischen Landes in absehbarer Zeit wieder auf die Beine kommt. Die deutschen Wirtschaftsweisen fordern deshalb jetzt gemeinsam mit französischen Regierungsberatern einen radikalen Schritt: Die Hälfte der Schulden solle Griechenland erlassen werden, verlangen sie in einem Gastbeitrag für die "Financial Times Deutschland". Als Wirtschaftsweise werden die fünf Mitglieder eines Sachverständigenrates bezeichnet, der die Bundesregierung in ökonomischen Fragen berät.

Die Gläubiger sollten "auf ungefähr die Hälfte des Nominalwerts ihrer ausstehenden griechischen Staatsanleihen verzichten", schreiben die Wissenschaftler. Dazu könnten griechische Staatsanleihen im Wert von 100 Euro gegen eigene Anleihen des EU-Rettungsschirms EFSF zu 50 Euro getauscht werden können. Anschließend wäre es für Griechenland möglich, seine Staatsverschuldung aus eigener Kraft auf ein "nachhaltiges Niveau" abzusenken.

Damit der Schuldenschnitt nicht zu neuen Verwerfungen in der Euro-Zone führt, plädieren die Ökonomen zugleich für eine Unterstützung der Banken durch den EFSF. Der Fonds solle dazu ermächtigt werden, von der Umschuldung besonders stark betroffene Finanzkonzerne zu stützen. Der "Teufelskreis aus Banken- und Schuldenkrise" könne so durchbrochen werden, auch wenn die Umschuldung kurzfristig "sehr schmerzhaft" wäre.

Neue Ideen für den Rettungsschirm befeuern die Börse

Wissenschaftler plädieren im Fall Griechenlands schon länger für eine geordnete Insolvenz mit einem Schuldenschnitt. De facto hat dieser bereits stattgefunden: Wer seine griechischen Staatsanleihen verkaufen möchte, bekommt am Markt schon heute weniger als die Hälfte des Ausgabepreises. Als Teil des zweiten Rettungspakets für Griechenland wurde zudem ein Tausch von Staatsanleihen verabredet, bei dem Gläubiger auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten sollen.

In der Politik werden unterdessen offenbar Konzepte für eine Ausweitung des EFSF konkreter. Der TV-Sender CNBC berichtete von Plänen, die eine doppelte Verwendung von EFSF-Geldern vorsehen. Demnach sollen damit zum einen die Kapitalpolster der Banken aufgebessert werden. Zum anderen könnten sie als Gründungskapital für eine Zweckgesellschaft eingesetzt werden, die von der Europäischen Investitionsbank (EIB) ins Leben gerufen werden soll.

Diese Zweckgesellschaft könne eigene Anleihen begeben, die als Sicherheiten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) dienen könnten, sowie europäische Staatsanleihen aufkaufen, berichtete der Sender unter Berufung auf einen hochrangigen europäischen Finanzpolitiker. Damit würde die Zweckgesellschaft eine ähnliche Rolle übernehmen, wie sie derzeit auch für den EFSF diskutiert wird.

Ziel des neuen Plans ist es laut dem Bericht, durch die Mobilisierung von Fremdkapital einen Effekt zu erzielen, der die Ausstattung des Hilfsfonds um ein Mehrfaches übersteigt. Laut CNBC soll diese Hebelwirkung ein Verhältnis von bis zu acht zu eins erreichen - je nachdem, wie viel Geld vom EFSF kommt.

An der Wall Street schlug die Nachricht hohe Wellen und bescherte den US-Indizes deutliche Kursgewinne im späten Handel. Auch der Dax Chart zeigen legte am Dienstagmorgen in den ersten Minuten um 2,8 Prozent auf 5496 Zähler zu.

Zugleich rief der Bericht von CNBC auch skeptische Reaktionen hervor. Ein europäischer Regierungsvertreter, der in die Gespräche zur Krisenlösung eingebunden ist, nannte den Bericht "bizarr". Die darin dargestellten Überlegungen zur EIB spiegelten nicht den Stand der Gespräche wider.

In Deutschland dementierte das Bundesfinanzministerium auf Drängen der FDP erneut, dass es Pläne für eine Aufstockung des EFSF gebe. "Das Volumen des EFSF bleibt so, wie es in dem Gesetz vorgesehen ist: insgesamt rund 440 Milliarden Euro und eine Obergrenze von rund 211 Milliarden Euro für Deutschland, was die Garantien betrifft", sagte ein Sprecher des Ministeriums. Es gebe zwar eine Diskussion, wie man das maximale Volumen des Fonds von 440 Milliarden Euro am effizientesten einsetzen könne. "Aber dabei kann es aus deutscher Sicht nicht um eine Einbeziehung der Mittel der EZB, eine Banklizenz für den EFSF oder Ähnliches gehen."

Zuvor hatte die FDP Klarheit von Wolfgang Schäuble (CDU) gefordert, dass er solche Pläne ablehne. Der FDP-Finanzexperte Hermann Otto Solms hatte sogar die Zustimmung im Bundestag am Donnerstag daran geknüpft.

Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) warnte, bei einer Stärkung des EFSF könnte auch die deutsche Bonität in Gefahr sein. Die verschiedenen Alternativen zur Reform des EFSF könnten sich auf die Kreditwürdigkeit in unterschiedlicher Weise auswirken, sagte S&P-Experte David Beers. Dies könne sich auch in führenden Euro-Zonen-Ländern wie Deutschland oder Frankreich bemerkbar machen.

dab/Reuters



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insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
mbu66 27.09.2011
1. .
Die Forderungen kommen viel zu spät. Inzwischen ist es ja nicht mehr nur ein griechisches Problem. Hätte man konsequent gehandelt, als damals bekannt, dass sich die damalige griechische Regierung die Aufnahme in die Währungsunion mit gefälschten Daten heimtückisch erschlichen hat, würden die heutigen Probleme nicht existieren. Konsequentes Handeln, statt endlosem Herumirren, würde auch die "Märkte" beruhigen - vor allem, wenn die Marktteilnehmer, die auf solche Krisen spekulieren, durch solche Entscheidungen konsequent abgestraft werden.
BesserwisserMichel 27.09.2011
2. Das wär doch mal was :)
Warum fordert dass nicht schon längst einer? Die Banken haben doch schon längst die entsprechenden Gelder kassiert und werden über die Zinsen auch weiter kassieren.
Verimathrax 27.09.2011
3. Hm
Vielleicht sollte man mal ruhig 1, 2 Banken pleite gehen lassen (bei voller Entschädigung der Anleger). Dann würden die Banken lernen das auch Kredite an Staaten mit Risiko behaftet sind, das treibt die Zinsen in die Höhe, das macht es für Regierungen weniger attraktiv Geschenke an das Volk per Verschuldung zu verteilen.
avollmer 27.09.2011
4. Kurverlauf?
Zitat von sysopWie kommt Griechenland aus der Schuldenspirale? Deutsche und französische Experten fordern in der "Financial Times Deutschland" die harte Lösung: Gläubiger sollen auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Die EU feilt weiter am Rettungsschirm, neue Gerüchte über einen Ausbau befeuern die Börsen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,788530,00.html
Zwischenzeitlich lag der Kurs einzelner griechischen Anleihen bei 45% des Ausgabepreises, eine Quote von 50% im Falle einer Umschuldung würde eine Besserung darstellen. Dazu kommt, dass fast alle, die die Papiere seit mehr als drei Jahren halten durch den Zinsaufschlag schon 50% Mehrertrag bekommen haben. Unterm Strich wären 50% weder für treue Halter der Papiere noch für kurzfristige Spekulanten eine Belastung. Papiere die in den letzten drei Jahren ausgegeben wurden sollte man differenziert behandeln. Um die Gläubiger zu beteiligen sollte man den Kurs am 1. August betrachten, die Zinserträge während der bisherigen Laufzeit und dann den Eigner des Papiers ertragsfrei stellen. Bei einigen Schuldverschreibungen bedeutet das eine Reduzierung der Rückzahlung auf weniger als Null. Der Risiko-Zinsaufschlag für Griechenland würde sonst bei Greifen der Rettungsmaßnahmen an Betrug grenzen.
elserpico 27.09.2011
5. Lösung
Der Schuldenschnitt und der Verbleib Griechenlands im Euro, ist die Lösung die auch von der Mehrheit der Griechen befürwortet wird. Da die Löhne bei 600 Euro Brutto im Monat liegen (für Nicht-Staatsbedienstete) und Griechenland 70-80 % seiner Lebensmittel importiert, ist allen bewusst, dass diese durch die Drachme unbezahlbar würden. Griechenland wird, also nicht zur Drachme zurückkehren. Schon jetzt kostet der Liter Milch 2 Euro. Durch eine Abwertung wären Lebensmittel unbezahlbar. Dies ist nur für Staaten rentabel, die auch eine Produktion und Exporte haben. Der Euro (Importe) hat den Griechen fast eine Verdreifachung der Preise gebracht.
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