Krise in Zypern Banken rüsten sich für den Ansturm der Anleger

Am Dienstag öffnet auf Zypern zum ersten Mal seit elf Tagen wieder ein Teil der Banken. Angestellte rechnen mit großem Andrang. Vor allem zyprische Unternehmer fürchten um ihr Geld. Sie sehen durch das chaotische Krisenmanagement der Euro-Retter ihre Existenz bedroht.

Aus Nikosia berichtet


Auf der Leoforos Archiepiscopou Makariou, einer Hauptstraße unweit des Zentrums von Nikosia, reihen sich große Filialen von Zyperns Bankhäusern. Die Bank of Cyprus, das größte Institut des Landes, betreibt hier eine größere Filiale. Ebenso die hoffnungslos überschuldete Laiki-Bank, die zweitgrößte des Landes, die nach dem Willen der Euro-Retter zerschlagen und abgewickelt werden soll. Diese beiden größten Geldinstitute der Insel sollen zwar voraussichtlich noch bis Donnerstag geschlossen bleiben. Die kleineren Banken werden aber am Dienstag erstmals seit 11 Tagen ihre Schalter wieder öffnen.

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Heft 13/2013
Der Krieg und die Deutschen

Die Straße, benannt nach Erzbischof Makarios III, dem ersten Präsidenten der Republik Zypern, ist ein symbolischer Ort für Zyperns Finanzkrise. Wenn hier das erste Mal seit dem 15. März wieder ein Teil der Banken-Rollläden hochfährt, wird ein Ansturm der Anleger erwartet. Der Chef der Bankangestellten-Gewerkschaft, Loizos Chatzikostis, appellierte bereits an seine Landsleute, die Filialen nur bei sehr dringenden Transaktionen aufzusuchen. Sie sollten besser zwei bis drei Tage warten, bis sich die Lage wieder beruhigt habe.

Schon jetzt ist die Shopping-Meile Projektionsfläche einer wachsenden Zukunftsangst. Leere Ladenzeilen, Geschäfte, die zwischen 50 und 80 Prozent Rabatt auf ihre Waren bieten: Zu besichtigen sind die Auswirkungen einer Wirtschaftskrise, die das Land schon jetzt erfasst und die sich durch das Finanzbeben in Zypern in den kommenden Monaten zu verschärfen droht.

Am Dienstag dürften auch viele lokale Geschäftsleute vor den Banken Schlange stehen, deren Geld eingefroren ist und die um ihre Existenz fürchten. Menschen wie Pantelis Lagos, der ein Café in der Innenstadt betreibt und dessen Frau in einem Import-Export-Unternehmen für Nahrungsmittel arbeitet. Seit vergangener Woche sei es kompliziert geworden, Überweisungen auszuführen, sagt Lagos. Der Chef seiner Frau habe Lieferanten teils nicht mehr pünktlich bezahlen können. "Meine Frau weiß nicht, ob sie kommenden Monat pünktlich ihr Gehalt bekommt. Sie fürchtet um ihren Job. Wir könnten Schwierigkeiten bekommen, die Familie zu ernähren."

Banges Warten

Zwar gibt es für solch geschäftliche Transaktionen weiter Mittel und Wege. Doch sehen sich gerade kleinere Unternehmer mit den komplizierten Sonderregelungen überfordert. Pantelis Lagos selbst klagt, ihm gehe das Wechselgeld aus, weil er nur noch geringe Beträge von seinem Konto abheben dürfte. Zudem blieben die Kunden weg. Er wünscht sich rasch Klarheit in der Bankenkrise. Doch die ist noch nicht in Sicht.

Bis Montagmittag war nicht einmal sicher, ob die Banken am Dienstag wie geplant wieder öffnen können. Bankangestellte in Nikosia beteuerten, das sei vielleicht gar nicht möglich; der befürchtete Ansturm der Kunden sei zu groß. Am Nachmittag dann meldete der staatliche Rundfunk, die kleineren Institute würden öffnen. Die beiden größten zyprischen Banken, die Bank of Cyprus und die Laiki-Bank, öffnen erst am Donnerstag wieder.

Was die Bankkunden indes erwartet, ist weiter unklar. Die Laiki-Bank soll ganz geschlossen und abgewickelt werden. Wer dort mehr als 100.000 Euro eingezahlt hat - bis zu diesem Betrag greift die Einlagengarantie - droht einen Großteil seines Geldes zu verlieren, wie viel genau dürften sie erst in einigen Monaten wissen. Bei der Bank of Cyprus könnten Kunden derselben Größenordnung bis zu 40 Prozent ihrer Einlagen verlieren, heißt es im zyprischen Parlament.

Aber auch für alle übrigen kündigte Präsident Nikos Anastasiades in einer Fernsehansprache am Abend Beschränkungen im Kapitalverkehr an. Sie dürfen demnach auch künftig nur einen bestimmten Höchstbetrag pro Tag oder Monat abheben. So soll verhindert werden, dass zu viele Kunden ihr Geld abziehen und die Geldhäuser in noch größere Finanznöte bringen. Details nannte Anastasiades zwar nicht, betonte aber, die Maßnahmen seien zeitlich begrenzt und sollten stufenweise wieder "abgeschwächt" werden. "Ich versichere Ihnen, dass dies nicht lange dauern wird."

Anzeichen einer Kapitalflucht

Tatsächlich aber ist wohl schon längst sehr viel Geld abgeflossen. Allein im Januar sollen nach Angaben der "Neuen Zürcher Zeitung" etwa 1,7 Milliarden Euro von zyprischen Bankkonten abgehoben worden sein. Und am Montag meldete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" weitere Zeichen einer Kapitalflucht.

Bereits vor Zuspitzung der Zypern-Krise seien die Verbindlichkeiten der zyprischen Notenbank gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) über das Zahlungsverkehrssystem Target täglich um rund 100 bis 200 Millionen Euro gestiegen, berichtet die "FAZ". Dieser Wert habe sich mehr als verdoppelt, nachdem das zyprische Parlament einen ersten Rettungsplan am Dienstag vergangener Woche abgelehnt hatte.

Für Zyperns Unternehmer sind diese Geldabflüsse kein gutes Zeichen. Es steht zu befürchten, dass es zu einer Kreditklemme kommt. Dass Firmen weniger Darlehen bekommen. Dass es schwieriger wird, Geschäfte zu machen.

Wut auf die Euro-Retter

Das Vertrauen in den Finanzsektor ist erschüttert, und viele Zyprer geben dafür vor allem den Euro-Rettern und ihrem chaotischen Krisenmanagement die Schuld.

147 Bankenkrisen gab es laut IWF seit 1970; doch nie zuvor sollten Bankkunden, die über die Einlagensicherung geschützt sind, einen Teil der Krisenkosten übernehmen. Genau das aber stand vergangene Woche zur Debatte. In einem ersten Kompromiss hatte sich Zyperns Regierung mit den Euro-Rettern darauf geeinigt, dass auch Rentner mit ein paar tausend Euro auf dem Konto 6,75 Prozent ihrer Einlagen opfern sollten.

Das Vorhaben scheiterte am Widerstand des zyprischen Parlaments. Doch allein, dass es überhaupt erwogen wurde, hat nach Ansicht vieler in Nikosia großen Schaden angerichtet. "Das Vertrauen ist zerstört", sagt Georgios Chrysostomou, Professor an der Universität von Nikosia, während er vergeblich versucht, an einem Automaten in der Innenstadt Geld abzuheben. "Die reichen Russen werden sich neue Geschäftsoptionen im Ausland erschließen. Die zyprischen Unternehmer aber werden den vollen Schock dieses miesen Krisenmanagements spüren."

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
pacificwanderer 25.03.2013
1. Man sollte die Zyprioten bedenken
lassen, dass diese sich ihren Bankerott selber erwirtschaftet haben. Aber mit DL als designiertem Hauptschuldigem kann man ja vortzueglich von der eigenen Verantwortung ablenken.
Benjowi 25.03.2013
2. Bitte nicht immer diesen argumentativen Kopfstand!
"Vor allem zyprische Unternehmer fürchten um ihr Geld. Sie sehen durch das chaotische Krisenmanagement der Euro-Retter ihre Existenz bedroht." Nicht das Krisenmanagment, sondern die chaotische zypriotische Wirtschafts- und Finanzpolitik sind für das Chaos verantwortlich. Es ist einfach pervers immer die Feuerwehr für die gelegten Brände verantwortlich zu machen! Es reicht schließlich schon, dass die "Retter" überhaupt eingreifen müssen!
viwaldi 25.03.2013
3. Dumm gelaufen...
Zitat von sysopDPAAm Dienstag öffnet auf Zypern zum ersten Mal seit elf Tagen wieder ein Teil der Banken. Angestellte rechnen mit großem Andrang. Vor allem zyprische Unternehmer fürchten um ihr Geld. Sie sehen durch das chaotische Krisenmanagement der Euro-Retter ihre Existenz bedroht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krise-in-zypern-banken-ruesten-sich-fuer-den-ansturm-der-anleger-a-890878.html
Am Ende kommt raus, dass die Zypern mit dem ersten Lösungsansatz, - der vom pseudonationalistischen Parlament abgelehnt wurde - wesentlich besser gefahren wären. 6-7%, dass wären gerade mal die Zinsen der letzten 1,5 Jahre gewesen, die man sowieso MEHR als in seriösen Ländern bekommen hatte. Auch die 9,9% ab 100.000 wären noch moderat gewesen im Vergleich zu dem, was jetzt kommt. Jetzt ziehen die Großen alles ab und der wirtschaftlich Schock wird für die "Kleinen" weit teurer werden als die 6-7%. So ein nationalistisches Gebahren muss man sich halt auch leisten können - jetzt kommt die Rechnung. Und viellecht sollte die Bundesregierung auch einfach tun, was die vielen Demonstranten in Zypern so vehemment fordern: Raus aus Zypern. Heisst für Deutschland übersetzt: Kein Geld rein nach Zypern.
DerKritische 25.03.2013
4. ....
Zitat von Benjowi"Vor allem zyprische Unternehmer fürchten um ihr Geld. Sie sehen durch das chaotische Krisenmanagement der Euro-Retter ihre Existenz bedroht." Nicht das Krisenmanagment, sondern die chaotische zypriotische Wirtschafts- und Finanzpolitik sind für das Chaos verantwortlich. Es ist einfach pervers immer die Feuerwehr für die gelegten Brände verantwortlich zu machen! Es reicht schließlich schon, dass die "Retter" überhaupt eingreifen müssen!
Stimmt so nicht, denn durch die Retter, wird Zypern nun am Tropf der EU hängen. Es glaubt doch wohl keiner, dass nach diesem Schuldenschnitt noch irgendwer dort Kapital anlegt oder Investiert.
muffelkopp 25.03.2013
5. optional
So schlimm das für die zyprischen Menschen ist, was habe ich (jawoll! Ich persönlich!) damit zutun? Ich kann auch nur die Kohle ausgeben, die ich habe. Zappele selber wegen der Finanzierung des Hauses, bekomme keine 4% Zinsen auf mein Guthaben
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