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Kriselnde US-Konjunktur: Amerikas Tunnel ins Nirgendwo

Von , New York

Milliarden hat Präsident Obama in die Wirtschaft gepumpt, doch die USA kommen nicht aus der Krise. Ökonomen fordern ein neues Konjunkturpaket, die Republikaner halten vor den anstehenden Wahlen dagegen. Ein Ausweg ist nicht in Sicht - und ein gigantisches Bauprojekt in New York zeigt, warum.

Stotternde US-Konjunktur: Ein Tunnel, der nirgendwo hinführt Fotos
AP

Es soll das größte Infrastrukturprojekt der USA werden. Fast neun Milliarden Dollar sind dafür veranschlagt, 600 Millionen Dollar bereits ausgegeben. Nach zwei Jahrzehnten Planung buddelten die ersten Bagger, Politiker stellten sich zum ersten Spatenstich unter ein riesiges Sternenbanner und priesen ihren Masterplan als "gewagt", "historisch", "biblisch" sogar.

Die Rede ist vom ARC Tunnel, dem geplanten neuen Bahntunnel unter dem Hudson River zwischen Manhattan und New Jersey: 15 Kilometer lang, 60 Meter tief, zwei Röhren, sechs Gleise. Er soll nicht nur den frustrierten Pendlern das Leben leichter machen, sondern auch 44.000 dauerhafte Arbeitsplätze und 45 Milliarden Dollar an neuer Wirtschaftstätigkeit schaffen - ein Traumprojekt zur Konjunkturbelebung.

Chris Christie, der republikanische Gouverneur von New Jersey, sieht das anders. Er hat das Megavorhaben, das lange vor seiner Zeit konzipiert wurde, nun erst mal auf Eis gelegt. "Ein Fass ohne Boden", schimpfte er über die Kosten, die seine Berater auf mehr als 14 Milliarden Dollar hochgerechet haben - mehr, als der neue Gotthard-Basistunnel kosten soll.

Fast 6000 Arbeiter, schon eingestellt, könnten ihre Jobs jetzt wieder verlieren. Partnerverträge im Wert von 856 Millionen Dollar, schon vergeben, hängen in der Luft. Die Westseite des Tunnels in New Jersey, schon angegraben, droht zur Bauruine zu werden. Statt die Konjunktur zu fördern, mutiert das Projekt dank Christies Rotstift zum Konjunkturkiller.

"Amerika hat sich verrannt"

Die Saga des ARC Tunnels illustriert, was in den USA wirtschaftspolitisch gerade falsch läuft - und warum. Denn in New Jersey kollidieren die gleichen Positionen, die, in größerem Rahmen, auch Washington und Europa spalten. Mit fatalen Folgen: Amerikas Konjunkturpolitik ist so ausweglos festgefahren wie eine griechische Tragödie - ohne Aussicht auf ein Happy End.

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Demokraten vor der Wahl: Obamas Krisen
In einem sind sich alle einig: Die Ausgangslage wird bedrohlicher. Die US-Wirtschaft kommt nicht aus dem Keller, die Arbeitslosenquote hat sich auf hohem Niveau etabliert, immer mehr Amerikaner rutschen in die Armut. Was tun?

Hier scheiden sich die Geister.

  • Die einen sehen den einzigen Ausweg in einer neuen, massiven Konjunkturspritze, um Infrastruktur und Handel anzukurbeln.
  • Die anderen lehnen das partout ab und wollen die Nation vielmehr brutal gesundsparen.

Beide Seiten stecken fest in einem Patt: Weder vor noch nach den US-Kongresswahlen scheinen Lösungen möglich.

"Amerika", schreibt der Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog, "hat sich verrannt." Er hatte genau die Misere, die sich jetzt offenbart, vorausgesagt.

Ausgeben oder sparen? Es ist ein globale Grundsatzdiskussion, die da tobt, und sie ist so alt wie die Wirtschaftswissenschaft selbst. Seit der britische Ökonom John Maynard Keynes in den dreißiger Jahren erstmals postulierte, die Konjunktur lasse sich durch Staatsausgaben beleben, gibt es ebenso scharfe Widersacher dieser Lehre. Amerikas Dilemma - das US-Präsident Barack Obama im November die Kongressmehrheit kosten könnte - ist jetzt die bisher größte Nagelprobe dieser ökonomischen Grundsatzdebatte.

Die Mittelschicht im freien Fall, die Industrie am Boden

Keynes hätte seine Freude gehabt, als der von Obamas Demokraten beherrschte US-Kongress Anfang 2009 ein Konjunkturpaket absegnete, das sich am Ende auf 814 Milliarden Dollar belief. Dieser gigantische Stimulus verhinderte zwar den Absturz der USA von der Rezession in die Depression, ist ansonsten aber verpufft.

Zwar haben die Wirtschaftsweisen das Ende der Rezession längst ausgerufen. Doch in den USA bleibt der Aufschwung so flach, dass die meisten Betroffenen davon wenig spüren. Der Arbeitsmarkt kommt nicht in Gang, die Verbraucher können es sich nicht leisten, den klammen Handel anzustoßen, und so kümmert das Wirtschaftswachstum weiter vor sich hin.

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USA: So schlecht steht es um die Wirtschaft
Warum kommen die USA so viel langsamer aus der Krise als Europa? Die Gründe liegen in der Struktur wie in der Politik. So hatte Amerika - anders als etwa Deutschland - weder das soziale Netz, die Krisenverlierer aufzufangen, noch das industrielle Rückgrat, das als Konjunkturmaschine einspringen konnte.

Stattdessen ist die Mittelschicht im freien Fall, während traditionelle Industriegiganten, allen voran die Autokonzerne Detroits, nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Kein Wunder, dass die USA immer mehr Güter importieren als exportieren. So entsteht ein Handelsdefizit, das vom Währungsstreit mit China nur noch verschärft wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. -
semper fi, 17.10.2010
Zitat von sysopMilliarden hat Präsident Obama in die Wirtschaft gepumpt, doch die USA kommen nicht aus der Krise. Ökonomen fordern ein neues Konjunkturpaket, die Republikaner halten vor den anstehenden Wahlen dagegen. Ein Ausweg ist nicht in Sicht - und ein gigantisches Bauprojekt in New York zeigt, warum. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,723585,00.html
Zu dem Tunnel muss man allerdings wissen, dass derartige Bauwerke von der "Port Authority of New York & New Jersey" managed werden. Und dieser Laden ist eine Mischung zwischen "Neuer Heimat", Finanzamt, Priesterseminar und Mafia. Braucht eigentlich kein Mensch. Wer weiss schon, was da alles wieder hintersteckt? Ich nicht.
2. Dreisatz
stanis laus 17.10.2010
"15 Kilometer lang, 60 Meter tief, zwei Röhren, sechs Gleise." Wenn 60 km Gotthardt-Tunnel durch härtesten Granit 15 Mrd. € kosten, was dürfen dann 15 km Tunnel kosten? Richtig: 1/4. Aber nicht, wenn die amerikanische Politik und damit die Mafia beteiligt ist. Und was kosten dann ca 2 km, 4 Röhren und 8 Gleise? Richtig ca. 1 Mrd. € ohne Bahnhof. Der ca. 400 Mio. €. Und 4 Mrd. € für ein neues Stadtviertel. Aber nur dann, wenn die schwäbische Mafia nicht voll zuschlägt.
3. Christie will den Tunnel sterben lassen,
Gandhi, 17.10.2010
Zitat von sysopMilliarden hat Präsident Obama in die Wirtschaft gepumpt, doch die USA kommen nicht aus der Krise. Ökonomen fordern ein neues Konjunkturpaket, die Republikaner halten vor den anstehenden Wahlen dagegen. Ein Ausweg ist nicht in Sicht - und ein gigantisches Bauprojekt in New York zeigt, warum. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,723585,00.html
aber das Geld, das dafuer schon bereit gestellt worden ist, behalten. Er will es behalten, um andere Loecher im Haushalt New Jerseys zu stopfen. Bei dailykos gibt es einen guten Artikel dazu: http://www.dailykos.com/main/2
4. Sie sind Projektplaner?
Alf.Edel 17.10.2010
Zitat von stanis laus"15 Kilometer lang, 60 Meter tief, zwei Röhren, sechs Gleise." Wenn 60 km Gotthardt-Tunnel durch härtesten Granit 15 Mrd. € kosten, was dürfen dann 15 km Tunnel kosten? Richtig: 1/4. Aber nicht, wenn die amerikanische Politik und damit die Mafia beteiligt ist. Und was kosten dann ca 2 km, 4 Röhren und 8 Gleise? Richtig ca. 1 Mrd. € ohne Bahnhof. Der ca. 400 Mio. €. Und 4 Mrd. € für ein neues Stadtviertel. Aber nur dann, wenn die schwäbische Mafia nicht voll zuschlägt.
Stimmt's?
5. Rechnung geht nicht auf..
Deutscher__Michel 17.10.2010
>Wenn 60 km Gotthardt-Tunnel durch härtesten Granit 15 Mrd. € >kosten, was dürfen dann 15 km Tunnel kosten? Richtig: 1/4. Nicht dass ich solchen Projekten unkritisch gegenüber stehe (ich lehne auch Stuttgart 21 als Fass ohne Boden strikt ab, das Geld wäre woanders besser investiert (z.B: in Streckenerneuerung) Allerdings glaube ich nicht dass die Kosten so direkt von der Länge des Tunnels abhängen. Die Bohrmaschine, die Vorbereitungen etc. fallen nur einmal an. Ich glaube nicht das eine Verdoppelung der Bohrtage (und damit vor allem Kosten für Personal und Energie) die Kosten verdoppelt.. sicher steigen sie, aber nicht in diesem Maße.
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