S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Die wahre Krise

Alle reden über die Flüchtlingsmisere - dabei ist die viel größere Krise Europas längst nicht ausgestanden: Noch immer funktioniert die gemeinsame Währung Euro nicht. Und schuld sind die Deutschen.

Eine Kolumne von


Während man sich in Berlin fast nur über die Flüchtlingskrise unterhielt und in London über David Camerons Forderungskatalog an die EU, verbrachte ich das vergangene Wochenende auf einem englischen Schloss. Das Thema war, ob man den Euro retten oder aufgeben sollte. Die Atmosphäre der Veranstaltung war einer Edgard-Wallace-Verfilmung würdig. Es gab meines Wissens nach keinen Mord, aber man hatte zuweilen den Eindruck, dass dazu nicht viel fehlen würde. Wie bei den Edgar-Wallace-Filmen der sechziger Jahre waren viele der Hauptakteure Deutsche. Und um Deutschland ging es am Ende auch in jeder einzelnen Debatte, direkt oder indirekt.

Am Ende waren sich die dort mitwirkenden Ökonomen, Politologen, Politiker und Journalisten einig: Der Euro war im Nachhinein ein Fehler. Das ist an sich nicht originell. Sie gingen sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter: Am besten sprengt man ihn auseinander. Denn mit Deutschland ist eine Währungsunion für viele Ländern langfristig weder optimal noch nachhaltig.

Dass den Briten der Euro nie geheuer war, ist kein Geheimnis, aber die Radikalität dieser Forderung überraschte selbst mich. Fast alle der Anwesenden sind mit der EU, ihrer Politik und ihren Verträgen gut vertraut. Sie wissen, dass man ein Ende des Euros nicht mal so eben beschließt. Sie akzeptieren, dass es zu einer massiven Finanzkrise kommen würde, wenn ihr Wunsch in Erfüllung ginge. Mit anderen Worten, das sind keine naiven Euroskeptiker. Und politisch radikal sind die meisten nicht.

Ich selbst habe mich dieser Forderung nicht angeschlossen. Noch ist der ökonomische Effekt des Euros auf seine Mitgliedstaaten im Durchschnitt neutral - was natürlich nicht bedeutet, dass es für jeden so ist. Aber wenn irgendwann der ökonomische Effekt so negativ ist, dass sich ein Land mit einem Austritt aus dem Euroraum saniert, dann ändert sich die Balance des Argumentes. Und wir bewegen uns in diese Richtung.

Vielleicht wenden Sie jetzt ein: Wovon redet der überhaupt? Ist die Eurokrise nicht ausgestanden und die Flüchtlingskrise das ökonomisch wichtigere Thema? Die Antworten auf diese Fragen sind: Nein und Nein. Die Flüchtlingskrise ist politisch wichtig, aber nicht wirklich ökonomisch. Sie wirkt kurzfristig wie ein leichtes Konjunkturprogramm und wird langfristig die deutsche Demographie etwas verbessern. Ich halte den Effekt für positiv, aber viel mehr ist dazu nicht zu sagen.

Deutscher Exportüberschuss Zeichen eines kranken Systems

Die Eurokrise hingegen ist weder ausgestanden noch bewältigt. Sie wirkt weiter, jeden Tag. Sie wirkt ökonomisch auf Europa wie die Flüchtlingskrise politisch. Jeden Tag wird es schlimmer, weil man nicht das Problem löst, sondern weil man damit beschäftigt ist, irgendwelche Feuer zu löschen, die man durch die eigene Inkompetenz entfacht hat.

Wir reden bei der Eurokrise im Übrigen nicht allein von Griechenland und Portugal. Wenn ich von Eurokrise rede, dann meine ich Italien, Spanien und Frankreich. Und ich meine auch Deutschland damit. Deutschland unterhält mit dem Rest der Welt einen Leistungsbilanzüberschuss von 8,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist ungefähr der Betrag, den wir mehr exportieren als importieren.

Diese Zahl ist ungeheuerlich, keineswegs ein Zeichen deutscher Stärke, sondern eines in sich kranken Systems. Die Währung, die Deutschland braucht, um wieder in einer Position des Gleichgewichts zu gelangen, ist eine andere als die, die man im Süden benötigt. In der Krise passt sich der Süden kurzfristig an. Auch dort gibt es jetzt in vielen Ländern Leistungsbilanzüberschüsse. Doch mit der langsam einsetzenden wirtschaftlichen Erholung verschlimmern sich die Ungleichgewichte wieder.

Nord-Süd-Trennung oder chaotische Abspaltung?

Einer der Konferenzteilnehmer schlug vor, man sollte Deutschland, nicht Griechenland, austreten lassen. Politisch wird das nicht gehen, schon allein deswegen nicht, weil Frankreich und andere sich an Deutschland ketten werden. Ich glaube auch, dass die deutsche Angst einer Umzingelung zu groß ist.

Besser wäre schon eine Nord-Süd-Trennung anstatt einer kompletten Auflösung oder einer chaotischen Abspaltung. Letzteres Szenario ist aber aus politischen Gründen wahrscheinlicher. Für mich liegen die beiden Sollbruchstellen in Frankreich und Italien. Sollte Marine Le Pen jemals zur französischen Präsidentin gewählt werden, bei den Wahlen in den Jahren 2017 oder 2022, dann wäre Frankreichs weitere Mitgliedschaft im Euro nicht mehr gesichert. In dem Fall würden die Finanzmärkte eine Entscheidung erzwingen. Denn Frankreich ist für den europäischen Rettungsschirm zu groß. Und in Italien hat Matteo Renzi die effektiv letzte Chance, eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung zu generieren. Das Land hat seit Eintritt in die Währungsunion kein Produktivitätswachstum mehr erzeugt. Scheitert Renzi, dann kommen die Euroskeptiker auch dort an die Regierung.

Angela Merkel trifft keine Schuld an den Ungleichgewichten der Europäischen Währungsunion. Sie hat sie geerbt. Ihr Versagen besteht darin, eine unhaltbare Situation schleifen zu lassen. Die Parallelen zu ihrem Management der Flüchtlingskrise sind offensichtlich.

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derweise 13.11.2015
1. Der Euro kann gar nicht funktionieren!
Jedes Land muß die Souveränität über seine Währung haben! Der Euro führt nur zu einer Transferunion, die Haß zwischen den Völkern stiftet!
schwaebischehausfrau 13.11.2015
2. Na Hauptsache..
...es ist gleich klar, wer schuld ist: Die Deutschen natürlich :-). Wenn Hr. Münchau schreibt "Denn mit Deutschland ist eine Währungsunion für viele Ländern langfristig weder optimal noch nachhaltig" dann erinnert das an jemanden, der einem Fußballverein beitritt und nach 1 Woche fordert, dass ab jetzt im Verein nur noch Golf gespielt werden soll. Sorry, aber die Ziele der Währungs-Union (u.a. eine "stabile Währung, keine Weichwährung a la Lira oder Drachme) wurden am Anfang gemeinsam definiert und waren jedem Euro-Beitrittsland bekannt. Wenn dann Italiener & Co. . auf einmal anfangen zu jammern, dass der Euro ja viel zu stark und Zinsen über 1% unmenschlich seien und man unbedingt wieder eine Weichwährung haben will - dann müssen sie halt aus dem Fussballverein austreten und einen Golf-Club gründen. Schon schlimm genug, dass Deutschland das ebenfalls definierte Schuldenübernahme-Verbot (No Bail-Out) in einem Akt der falsch verstandenen "Solidarität" aufgegeben hat und jetzt die Rechnung zahlt für Länder, die einfach keine Lust auf schmerzhafte aber notwendige Reformen haben. Und was zum Teufel soll Frau Merkel tun: Es ist ganz sicher nicht die Aufgabe eines Regierungs-Chefs seine Industrie so zu schwächen, dass ihre Exporte sinken. Hr. Münchau möge doch mal eine Regierung auf diesem Planeten nennen, die sowas aktiv betreibt. Die deutschen Unernehmen exportieren deshalb so viel, weil ihre Produkte gut und sehr wettbewerbsfähig sind. Und wenn diese Wettbewerbsfähigkeit nachlassen würde, dann würden auch kaum französische, italienische, griechische + spanische Automobilbauer und Maschinenbauer davon profitieren, sondern US-amerikanische, chinesische und koreanische.
agua 13.11.2015
3.
Ich war gespannt,welchem Thema Herr Münchgau diese Woche widmet und bin nicht enttäuscht.Ich stimme dieser Kolumne zu,insbesondere dem Ende.Die EU krise wurde und wird beschönigt und verdrängt.Die Flüchtlingskrise wird nicht mehr ignoriert,seit diese in Deutschland angekommen ist. Der Euro war ein Fehler und Skeptiker haben davor gewarnt.
indiansummer63110 13.11.2015
4.
Seit 2005 ist durch Altkanzler Schröder allseits bekannt: "Sie kanns nicht".
indiansummer63110 13.11.2015
5.
Seit 2005 ist durch Altkanzler Schröder allseits bekannt: "Sie kanns nicht".
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