Getreide zu Cent-Preisen: Neue Ernährungssubventionen in Indien ernten Kritik

Pranab Mukherjee (Mitte) im Juni in Neu-Delhi: Urgestein der indischen Politik Zur Großansicht
AFP PHOTO/Presidential Palace

Pranab Mukherjee (Mitte) im Juni in Neu-Delhi: Urgestein der indischen Politik

Alles nur ein "halbgarer Köder" vor den Wahlen? Indiens Präsident Mukherjee hat eine Verordnung für Ernährungssicherheit auf den Weg gebracht, durch die Millionen Menschen Getreide zu Cent-Preisen erhalten sollen. Doch Kritiker winken ab - die Maßnahme sei unzureichend.

Hamburg/Neu-Delhi - Es klingt wie ein Heilsversprechen: Indiens Regierung will mehr als 800 Millionen Einwohner des Landes künftig pro Familie mit fünf Kilogramm Getreide für umgerechnet wenige Euro-Cent jeden Monat versorgen. Präsident Pranab Mukherjee unterschrieb am Freitag eine entsprechende Rechtsverordnung, mit der die armen Menschen des Landes unterstützt werden sollen. Doch laut der Tageszeitung "Times of India" rügen Kritiker die Verordnung als unzureichend.

Die Verordnung für Ernährungssicherheit - Food Security Bill - sei ein "halbgares Lockmittel", sagte der Zeitung zufolge der Minister für Öffentlichkeitsarbeit im Punjab, Bikram Singh Majithia. "Damit sollen am Vorabend der Wahlen nur die Massen geködert werden." Die veranschlagten fünf Kilo Reis, Weizen oder Hirse pro Familie erfüllten keinesfalls den Zweck, arme Familien zu versorgen.

Subventioniertes Getreide taucht auf regulären Märkten auf

Die Regierung hatte das 16 Milliarden Euro teure Programm am Mittwoch verabschiedet. Mit der Unterschrift des Präsidenten tritt es in Kraft, eine Zustimmung des Parlaments ist aber innerhalb von einem halben Jahr nötig. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung haben damit Anspruch auf Reis für umgerechnet vier Cent pro Kilogramm, Weizen für drei Cent und andere Getreidesorten für einen Cent.

Kritiker halten das Vorhaben zudem für viel zu teuer und wegen der schlechten Infrastruktur für kaum umsetzbar. Erst im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass in Indien Millionen Tonnen von Getreide verrotten, weil es zu wenig Lagerkapazitäten gibt. Bei ähnlichen Hilfsprogrammen wurden immer wieder Korruptionsskandale aufgedeckt, etwa wenn das subventionierte Getreide auf regulären Märkten auftauchte - einem BBC- Bericht zufolge gar zwischen 37 und 55 Prozent des subventionierten Getreides. Der Erfolg der Ernährungshilfe in Indien sei vielmehr abhängig davon, ob sichergestellt werden könne, dass die Nahrung auch wirklich die Bezugsberechtigten erreiche, sagte ein Ökonom der BBC.

In Indien sind laut Unicef etwa die Hälfte der Kinder unterernährt und zu klein. Trotz des starken Wirtschaftswachstums in den vergangenen 20 Jahren gehöre Indien noch immer zu den Ländern mit den meisten unterernährten Kleinkindern, schreibt die Weltbank.

bos/dpa

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1.
marthaimschnee 05.07.2013
Zitat von sysopdie Maßnahme sei unzureichend
nein, ich denke auch, daß 5 Kilo Getreide für 800 Millionen Menschen nicht reichen
2. So lange das drängende Problem mit den unzureichenden...
Holledauer 05.07.2013
Zitat von sysopAlles nur ein "halbgarer Köder" vor den Wahlen? Indiens Präsident Mukherjee hat eine Verordnung für Ernährungssicherheit auf den Weg gebracht, durch die Millionen Menschen Getreide zu Cent-Preisen erhalten sollen. Doch Kritiker winken ab - die Maßnahme sei unzureichend. Kritik an Ernährungshilfe von Indiens Präsident Mukherjee - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kritik-an-ernaehrungshilfe-von-indiens-praesident-mukherjee-a-909733.html)
Infrastrukturen und der schlampigen Tätigkeit der Behörden nicht behoben ist, verpufft leider jegliche Maßnahme. Es ist erschütternd zu sehen, welche Denkmäler sich manche Politiker setzen, und es fehlen ausreichende Lagermöglichkeiten für die Getreideernte, wie im Artikel angesprochen. Ein Beispiel ist in Lakhnau im Bundesstaat Uttar Pradesh zu bewundern: Da werden riesige Regierungspaläste hoch gezogen. Einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt regieren Armut und Desorganisation!
3.
testthewest 06.07.2013
Zitat von HolledauerInfrastrukturen und der schlampigen Tätigkeit der Behörden nicht behoben ist, verpufft leider jegliche Maßnahme. Es ist erschütternd zu sehen, welche Denkmäler sich manche Politiker setzen, und es fehlen ausreichende Lagermöglichkeiten für die Getreideernte, wie im Artikel angesprochen. Ein Beispiel ist in Lakhnau im Bundesstaat Uttar Pradesh zu bewundern: Da werden riesige Regierungspaläste hoch gezogen. Einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt regieren Armut und Desorganisation!
Die Frage die sich aufdrängt ist doch: Warum bauen denn die Nahrungsmittelerzeuger keine Lager? Muss der Staat wirklich jeden Scheiss machen? Ist das Korn nichts wert, oder warum produziert man es, nur um es verrotten zu lassen? Am Ende muss Indien einfach von China lernen: Sie können noch so viel Nahrung produzieren: Solange ihre Bevölkerung so weiter wächst wird es nie reichen! Ein-Kind-Programm - dann kommt der Wohlstand von alleine.
4. Getreide zu Cent-Preise
oefter 06.07.2013
Der Agrarminister, einer der korrupterste des Landes will keine Lager fuer die Getreide bauen. Ein sehr grosse Areal, wo frueher bereits Lager gaben unter einen PL-480 Weizen Lieferung aus dem USA soll fuer Wohnungen umgewandelt und sein Partei einen Segen von Korruptionsgelder fuer sein Partei und Minister ernten kann. Die indische Politiker sind das grosste Ruin Indiens. Etwa 25% dieses "Geschenk" wird in die Haushalte von Reichen und Mitlaeufer von Politiker landen.
5. optional
Boandlgramer 06.07.2013
Mit ein wenig logischem Denken könnte man darauf kommen: Bei einem festgesetzten Preis ist Spekulation weitgehend sinnlos - was bedeutet, dass der schnellstmögliche Vertrieb/Verkauf die beste Option für Erzeuger und Händler sind. Das könnte den Bedarf an Lagerung und Logistik extrem senken. Es ist in Indien ja nun auch nicht so, dass nur einem Landesteil was wächst, was dort dann auch verrottet, weil es nicht zu den Abnehmern transportiert werden kann. Dass bisher große Bestände verrottet sind, werte ich eher als Indiz für Spekulation und Korruption - und dagegen helfen festgesetzte Preise recht gut. Abgesehen davon würd' ich das jetzt auch nicht einfach als Wahlgeschenk abtun. Indien ist ein Schwellenland mit rasantem Wachstum - aber von 1 Milliarde Indern kriegen wahrscheinlich 800 MIllionen kaum etwas davon ab. Wie die Chinesen können die Inder die Ärmsten nicht einfach abhängen. Da passen mehrere Entscheidungen ganz gut dazu, wie etwa die Aberkennung von Medizin-Patenten, um selbst preiswert eine Grundversorgung für die eigene Bevölkerung herzustellen. Und die Korruption sieht in anderen Ländern vielleicht anders aus - aber unsere institutionalisierte Korruption (ich rede etwa von geheim gehaltenen PPP-Verträgen, den Drehtür-Versorgungen von Politikern und vielem anderen..) ist die gefährlichste, weil sie sich so gut tarnt und noch viel schädlicher. Deswegen glaube ich den deutschen Presse-Geblubber bezüglich der Korruption in anderen Ländern überhaupt nichts mehr.
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