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Zuwanderungsdebatte: Ökonom greift Sinns Migranten-Rechnung an

Von Victor Gojdka

Hans-Werner Sinn: Ein Ökonomenkollege wirft ihm unsaubere Berechnungen vor Zur Großansicht
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Hans-Werner Sinn: Ein Ökonomenkollege wirft ihm unsaubere Berechnungen vor

Neue Kritik an einer umstrittenen Rechnung: Hans-Werner Sinn bilanziert, dass Migranten den Staat 1800 Euro im Jahr kosten. Nun bezeichnet ein Forscher die Ergebnisse als "völlig schräg".

Hamburg – Wo der Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn ist, sind kontroverse Debatten nicht weit: Nach der Diskussion um die Target-Salden hat der Chef des Münchner Ifo-Instituts zum Jahreswechsel mit Thesen rund um das Thema Zuwanderung für Aufregung gesorgt. 1800 Euro koste jeder Zuwanderer den Staat unter dem Strich jährlich, lautete Sinns Bilanz in einem Gastbeitrag in der "FAZ". Die Einwanderung nach Deutschland laufe falsch.

Je länger Sinns Beitrag in der Öffentlichkeit steht, desto größer werden die Zweifel an seinen Berechnungen: Nachdem im Januar SPIEGEL ONLINE Fragen zu Sinns Kalkulation aufgeworfen hatte, greift jetzt ein Ökonom des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Berechnungen an: "Sinns Ergebnisse sind völlig schräg", sagt Herbert Brücker, Ökonom des Instituts, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört.

Brückers Papier mit dem trockenen Titel "Fiskalische Wirkungen der Zuwanderung" kommt unscheinbar daher, birgt allerdings Stoff für Debatten. Die Kritik des IAB-Ökonomen liegt im volkswirtschaftlichen Detail, in den "sonstigen Staatsausgaben und -einnahmen". Hinter diesem nebulösen Posten verbergen sich laut Brücker außer den Vermögenseinkommen des Staates wie Zinsen oder Pachteinnahmen beispielsweise auch sogenannte Transfers, wie etwa Kreditrückzahlungen anderer Staaten. Das Problem: Wie kann man diese Kosten und Einnahmen auf Migranten und Deutsche aufteilen?

Sinn verteile die Kosten dieser Posten gleichmäßig auf die Schultern von Deutschen und Ausländern. Die Erträge schlage er dagegen allein den Deutschen zu, analysiert Ökonom Brücker. Ein Beispiel: In Sinns Rechnung würden Ausländer an den staatlichen Subventionskosten für einen Großflughafen beteiligt, mögliche Gewinne dieses Flughafens flössen in Sinns Rechnung jedoch allein an Deutsche. "Das ist ökonomisch kaum zu begründen", sagt Brücker.

Der Münchner Ökonom verteidigt sich nun, nachdem die Kritik Brückers auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht wurde. Das Beispiel mit dem Flughafen sei an den Haaren herbeigezogen, sagt Sinn. Bei jenen Einnahmen des Staates, die er allein den Deutschen zurechne, handele es sich beispielsweise um die Einnahmen aus Erbschaftsteuern, Gewinnausschüttungen öffentlicher Unternehmen oder die Einnahmen aus pauschalen Unternehmensabgaben.

Diese Einnahmen hätten in aller Regel mit den Ausländern nichts zu tun, sondern seien Einnahmen aus Vermögenswerten, die von früheren Generationen gebildet worden seien und zur Erbmasse der deutschen Bevölkerung gehörten. Es sei "geradezu grotesk", sie den Ausländern als Einnahmen zuzurechnen, um so die fiskalische Nettobilanz zu verbessern.

IAB-Ökonom Brücker zufolge sind Sinns Rechnungen außerdem "hochgradig inkonsistent". In einigen Rechnungsschritten kalkuliere Sinn mit Zahlen für langjährige Ausländer in Deutschland - in anderen argumentiere er plötzlich mit Neueinwanderern. Der Durchschnitt der ausländischen Bevölkerung wohne allerdings bereits seit mehr als 18 Jahren im Land, zahle hier Steuern und Abgaben.

In seiner Kalkulation arbeitet Sinn zunächst mit Zahlen des Volkswirts Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: Der hatte alle Einnahmen und Ausgaben aufgerechnet, die einem Menschen individuell zugerechnet werden können - also beispielsweise Steuern gegen Kindergeld. Nach diesem ersten Schritt bringt ein Migrant dem Staat noch Geld, nämlich rund 3300 Euro.

Doch außer diesen klar identifizierbaren Zahlungen des Staates existieren auch Ausgaben für die gesamte Gesellschaft, zum Beispiel für Straßenbau oder staatliche Zinszahlungen. In der Fachsprache nennt man sie "allgemeine Staatsausgaben". Legt man diese Ausgaben gleichmäßig auf alle Deutschen und Migranten um, errechnet Sinn einen Kostenblock von 5100 Euro pro Bürger. Unter dem Strich koste ein Zuwanderer den Staat also rund 1800 Euro, ergibt Sinns Rechnung.

Diesen skeptischen Blick auf Migranten findet IAB-Ökonom Brücker problematisch, Sinns Rechnung blende weitere Argumente zugunsten der Einwanderer einfach aus. Weil Migranten zum Beispiel seltener Auto führen, trügen sie auch weniger zum Verfall der Straßen bei. Ähnlich falle die Bilanz bei Opern, Theatern und Bibliotheken aus. Kann man Migranten und Deutschen mit diesem Wissen Kosten für Straßenbau und Kultur in gleicher Höhe anrechnen?

Sinn argumentiert, dass es im Sozialbereich und bei der Justiz viele Einrichtungen gebe, die wesentlich mehr von Ausländern genutzt würden. Seine Annahme, dass alle in Deutschland Anwesenden die Kosten gleichmäßig verursachen, stelle die Bilanz der Ausländer eher zu günstig dar.

Bereits im Januar hatte SPIEGEL ONLINE Fragen zu Sinns Rechnung aufgeworfen, die auch Brücker thematisiert. Statt die Staatsausgaben auf Deutsche und Migranten gleichmäßig umzulegen, müsse man vielmehr die zusätzlichen Kosten pro zusätzlichem Migrant errechnen (die sogenannten Grenzkosten). Wenn ein Migrant eine bereits gebaute Straße nutze, koste das den Staat nicht viel. Erst, wenn diese Straße wegen vieler Migranten ausgebaut werden müsse, werde die Zuwanderung teuer.

In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE hatte Sinn anschließend seine Äußerungen verteidigt, einen entscheidenden Teil aber auch präzisiert. Er vermute, dass Migration unter dem Strich einen großen Gewinn für Deutschland bedeute. Das Land brauche Migranten sowohl für den Arbeitsmarkt, als auch wegen des Rentenproblems. Im Vorspann seines Gastbeitrages in der "FAZ" hatte es noch geheißen, die Einwanderung nach Deutschland sei derzeit "ein großes Verlustgeschäft". Sinn argumentierte, er habe diesen Vorspann weder geschrieben noch vor der Veröffentlichung autorisiert: "Jeder kann sich anhand meiner Stellungnahmen selbst davon überzeugen, wie ich das Problem sehe."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. es verwundert
TangoGolf 07.03.2015
dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis der erste Ideologe sich in Stellung bringt. Und mithin - wer die viel zitierte Bertelsmannstudie selbst gelesen hat, der weiss, dass dort steht, dass ein positiver Effekt nur in zukunft erreicht werden kann, wenn pro jahr 200.000 hochqualifizierte migranten kommen. Und zwar ausschließlich!
2. Die Debatte ist bei weitem zu undifferenziert!
Onsom2000 07.03.2015
Beim Thema "Migration" wird der spanische Facharbeiter mit dem indischen Physikprofessor, dem Asylanten aus Syrien, der angeheirateten Frau aus der Türkei und dem Wirtschaftsflüchtling aus dem Kosovo in einen Topf geworfen!
3. Grenzkosten
leo6023 07.03.2015
"Wenn ein Migrant eine bereits gebaute Straße nutze, koste das den Staat nicht viel. Erst, wenn diese Straße wegen vieler Migranten ausgebaut werden müsse, werde die Zuwanderung teuer." Also Leute, damit Ihr das begreift, erkläre ich Euch das noch einmal ganz einfach. Sinns Rechnungen sind angeblich nicht gut, weil Ihr die Grenzkosten nehmen müsst. Also, wenn Ihr Euer Auto dem Nachbar leiht. Das kostet Euch nichts, darum bitte kein Geld vom Nachbarn verlangen. Erst wenn Ihr ein neues Auto braucht, dann kostet es etwas! Darum kostet es Euch gar nix, wenn der Nachbar Euer Auto fährt. Verstanden???? Eine weitere Erklärung: Sinns Rechnungen sind nicht gut, weil sie politisch für Multikulti unbequem sind. Besser verstanden?
4. Die ganze Debatte ist schräg!
dns82 07.03.2015
Wir können ja mal ganz nüchtern und rational alle Menschen, die dieser Gesellschaft angehören auf volkswirtschaftlicher Basis auf den Prüfstand stellen. Und dann machen wir mit denen die keinen "Gewinn" bringen was...? Diese Rechnereien sind der Anfang der Entmenschlichung! Wehret den Anfängen!
5. Durcheinander
drq1 07.03.2015
Hier werden mal wieder alle Ausländer in einen Topf geworfen. So kann man z.B. einen nigerianischen Analphabeten, der gerade im Auffanglanger ankommt nicht mit der thailändischen Krankenschwester vergleichen, dir hier schon 3 Jahre Steuern zahlt. Da braucht man auch keine komplizierte Rechnung um zu sehen, dass ersterer eher eine finanzielle Last ist, zweitere eher nicht.
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