Kritik an Krisenpolitik Obama schürt die Euro-Angst

Reißt die Euro-Krise die Weltwirtschaft in den Abgrund? Barack Obama sieht diese Gefahr offenbar - und drängt die Währungsgemeinschaft zum schnellen Kampf gegen die Schuldenmisere. Die Sorge ist berechtigt, doch der US-Präsident verfolgt auch ganz eigene Interessen.

US-Präsident Obama: Ablenkung von eigenen Problemen?
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US-Präsident Obama: Ablenkung von eigenen Problemen?

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Hamburg - Es sind beunruhigende Signale, die in diesen Tagen von den internationalen Finanzmärkten ausgehen: Die Börsen straucheln, Zehntausende Stellen werden in der Bankenwelt gestrichen, und die ungelöste europäische Schuldenkrise belastet die Geldhäuser zusätzlich. US-Präsident Barack Obama ist nun offenbar alarmiert: Er sieht die Weltwirtschaft in Gefahr. Eine große Bedrohung für das globale Wachstum geht ihm zufolge von Europa aus.

Obamas Befürchtung: Wenn die Euro-Länder ihre Krise nicht in den Griff bekommen, droht auch die globale Konjunktur in Mitleidenschaft gezogen zu werden - und Amerika steckt mittendrin. Jetzt, so der US-Präsident im Interview mit mehreren Medien, müsse Europa endlich richtig handeln. Bald sei es zu spät dafür.

Der Weckruf aus Washington hallt nach: Denn so laut und deutlich wie jetzt hat sich der mächtigste Mann der Welt bisher noch nicht zur Krise in Europa geäußert. Am kommenden Freitag will er sogar seinen Finanzminister Timothy Geithner zu einem Treffen der EU-Finanzminister ins polnische Breslau schicken, um über die Probleme zu beraten. Ein ungewöhnlicher Akt.

Obama fürchtet den Domino-Effekt

Doch meint es Obama wirklich ernst mit seiner Warnung? Oder steckt hinter dem Handeln des US-Präsidenten purer Aktionismus?

Offensichtlich ist: Die Lage in Europa spitzt sich zu. Seit weit mehr als einem Jahr beschäftigt die Schuldenkrise die Regierungen in der Euro-Zone - und sorgt für massive Unruhe an den Finanzmärkten. Und noch immer ist keine Lösung in Sicht. So kommen aus Griechenland fast täglich neue Hiobsbotschaften. Eine Insolvenz des hochverschuldeten Landes gilt als immer wahrscheinlicher.

Doch ein möglicher Sturz des vergleichsweise kleinen Griechenlands ist nicht das eigentliche Problem für Obama. Er fürchtet den vielbeschworenen Domino-Effekt, den eine Pleite des Landes auslösen könnte. "Was passiert in Spanien und Italien, wenn es die Märkte weiterhin auf diese beiden großen Länder in Europa abgesehen haben?", fragt der US-Präsident.

Er hat Angst vor einem Flächenbrand, der erst die Staaten und unmittelbar danach die Banken mitreißen würde, die stark in den Schuldenländern investiert sind. Dann ließe sich auch ein Übergreifen auf die Geldhäuser auf der anderen Seite des Atlantiks nicht mehr verhindern, so die Logik des Präsidenten. "Wir leben heute in einer integrierten Weltwirtschaft", sagte Obama. "Das, was jenseits des Atlantiks oder des Pazifiks geschieht, hat gewaltigen Einfluss auf Amerika, auf unseren gesamten Kontinent, nicht nur auf die USA."

Erinnerungen an Lehman werden wach

Der jetzige Aufruf des Präsidenten weckt böse Erinnerungen: Ausgerechnet in dieser Woche jährt sich die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers zum dritten Mal. Der Zusammenbruch des Geldhauses hatte die größte Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst, auch weil der Interbankenmarkt, also die Geschäfte von Finanzhäusern untereinander, damals nahezu zum Erliegen kam.

Nun fürchtet Obama offenbar ein Lehman II, dieses Mal ausgelöst durch die Pleite eines Staats.

Wie dieses Szenario verhindert werden kann, lässt Obama allerdings offen. Es sei an den großen Ländern in Europa, einen gemeinsamen Weg zu finden, etwa durch eine engere fiskalische Integration. Europa habe zwar eine geeinte Währung, aber es verfüge über keine gemeinsame Wirtschaftspolitik. Und das schaffe große Probleme.

Schuld auf Europa schieben

Die Ratlosigkeit des Präsidenten lässt tief blicken: Zwar mahnt Obama, doch ein Rezept gegen die Krise hat er nicht parat. Vielmehr, so scheint es, versucht er die Probleme der Weltwirtschaft auf Europa zu schieben - und von eigenen Problemen im Land abzulenken.

Denn Amerika droht auch ungeachtet der Euro-Krise erneut in die Rezession abzurutschen, die Arbeitslosigkeit ist weiter sehr hoch, die Opposition blockiert schon jetzt ein neues Konjunkturprogramm der Regierung. Alles keine guten Voraussetzungen für Obama, zumal demnächst der Präsidentschaftswahlkampf beginnt.

Neben der ernsthaften Besorgnis des Präsidenten könnte sein Kalkül daher auch sein: Wenn es bis zur heißen Phase des Wahlkampfs keine Besserung der wirtschaftlichen Aussichten gibt, lässt sich die Schuld an der Misere immerhin auf Europa schieben. Und da die Regierungen sich dort ohnehin nicht einig sind, ist auch nicht mit großem Gegenwind zu rechnen.

insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
Dingdong2 13.09.2011
1. Anscheinend
sitzt der Gute Obama schon an der Dollardruckmaschine und druckt sich seine Pleite einfach mal schnell weg. Zeit das mal die EU eine klare Ansage in Richtung Obama macht!
MaxiScharfenberg 13.09.2011
2. Gerade er!
Zitat von sysopReißt die Euro-Krise die Weltwirtschaft in den Abgrund? Barack Obama sieht diese Gefahr offenbar - und drängt die Währungsgemeinschaft zum schnellen Kampf gegen die Schuldenmisere. Die Sorge ist berechtigt, doch der US-Präsident verfolgt auch ganz eigene Interessen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785948,00.html
Den US- Staat überschuldet, in Kriege verstrickt, die Infrastruktur auf dem Stand von 1942, gerade er hat es nötig, die Europäer zur Ordnung zu rufen. Obama soll sich um seinen eigenen Kram kümmern, Wahlversprechen erfüllen und der Welt Frieden statt Krieg bringen. So ein Scheinheiliger aber auch. Denkt er, ich merke das nicht?
tennessean, 13.09.2011
3. Ach so?
Zitat von Dingdong2sitzt der Gute Obama schon an der Dollardruckmaschine und druckt sich seine Pleite einfach mal schnell weg. Zeit das mal die EU eine klare Ansage in Richtung Obama macht!
Zeit, dass die EU mal ihren eigenen Laden in Ordnung bringt!
toskana2 13.09.2011
4. er tut es!
Zitat von sysopReißt die Euro-Krise die Weltwirtschaft in den Abgrund? Barack Obama sieht diese Gefahr offenbar - und drängt die Währungsgemeinschaft zum schnellen Kampf gegen die Schuldenmisere. Die Sorge ist berechtigt, doch der US-Präsident verfolgt auch ganz eigene Interessen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785948,00.html
Verfolgt er eigene Interessen? Klar tut er das, Europa konkurriert ja mit den USA!
wika 13.09.2011
5. Wundert dieser Ansatz?
Wer schreit als erstes nach einer gemeinsamen Weltwährung? Brauchen wir erst die Marsmännchen um ein neues Feindbild zu bekommen? Nein, wir kriegen uns auch so zerfleischt. Obamas Äußerungen sind ja nachvollziehbar, warum sollte er mit dem Dollar am Ende auch noch den weltweiten Zusammenbruch in die Schuhe geschoben bekommen, wo sich doch jetzt die Europäer geradezu als Prügelknabe anbietet. Aber auch das wäre am Ende noch egal, weil man immer noch die falschen Symptome versucht zu kurieren und niemand da ansetzt wo es sein müsste … bei der Kastration dieses Systems, denn exponentielle Geldvermehrung geht nicht … will nur keiner hören und wir versuchen es dennoch zu praktizieren. Will damit sagen, der Crash würde auch kommen wenn wir eine einzige Weltwährung hätten, solang wir nicht Zins, Zinseszins und Zockertum beseitigen. Jetzt beginnt das Wettrennen um die Weltherrschaft. Bekommt man die Menschen jetzt schnell genug verknechtet bevor das System kollabiert oder kollabiert es und die Menschen organisieren sich außerhalb dieses Systems neu. Wenn es also nach dem Geldadel ginge, dann hieße unser erster *Welt-Präsident „Cajero Automático“*, der beliebte und berühmte Spanier … Link (http://qpress.de/2011/08/19/weltregierung-kommt-cajero-automatico-wird-erster-weltprasident/), den alle Menschen kennen und lieben (solange sie Geld auf dem Konto haben) … also auf in die nächste Runde zur Erringung der Weltherrschaft … (°!°)
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