Kritik an Rating-Agenturen: Perfekte Sündenböcke

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Ob Griechenland, Portugal oder Italien - wenn Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit von Staaten schlechter beurteilen, finden das alle ungerecht. Dabei sprechen Moody's & Co nur das aus, was viele Bürger und Experten denken.

Gewaltsame Proteste in Griechenland: Die Wut richtet sich auch gegen die Rating-Agenturen Zur Großansicht
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Gewaltsame Proteste in Griechenland: Die Wut richtet sich auch gegen die Rating-Agenturen

Wenn es eng wird in der Politik, braucht man einen Sündenbock. Jemanden, dem die Öffentlichkeit ohnehin schon jede Schandtat zutraut, und dem man bequem auch noch eigene Fehler unterschieben kann.

In der Euro-Krise stehen den Regierungen in Berlin, Athen oder Rom derzeit gleich drei perfekte Sündeböcke zur Verfügung: Sie heißen Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Diese Rating-Agenturen, die die Bonität von Schuldnern prüfen, eignen sich hervorragend für die Rolle. Ihr Ruf ist ohnehin schon ruiniert. Das liegt vor allem daran, dass sie einst bei der Bewertung amerikanischer Immobilienkredite versagt haben und deshalb mitverantwortlich waren für die größte Finanzkrise seit Jahrzehnten. Weil die Firmen zudem alle aus den USA kommen, bedient jede Kritik an ihnen wunderbar die klassischen europäischen Zweifel am ungezügelten amerikanischen Finanzkapitalismus.

Die Rating-Agenturen sollen Schuld sein an der misslichen Lage Griechenlands, Portugals, Irlands oder neuerdings auch Italiens. Je weiter die Agenturen die Kreditwürdigkeit eines Landes herabstufen, desto schwerer hat es das Land, sich Geld am Kapitalmarkt zu leihen - und desto wahrscheinlicher wird es, dass der Europäische Rettungsfonds mit Steuergeldern der übrigen Mitgliedstaaten einspringen muss. Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) bezeichnet die Herabstufungen deshalb als "bewusste Provokation gegenüber den europäischen Steuerzahlern".

Die Fehleinschätzungen der Politik

Diese Kritik offenbart gleich zwei fatale Fehleinschätzungen vieler Politiker: Die erste betrifft den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, die zweite die Aufgabe der Rating-Agenturen.

Zum ersten Punkt: Nicht die Rating-Agenturen haben die Euro-Krise verursacht. Nicht sie haben die gewaltigen Schuldenberge angehäuft, nicht sie haben die Währungsunion so konstruiert, dass es nun massive Probleme gibt, nicht sie haben gezaudert, als ein eindeutiges Bekenntnis zu dieser Schicksalsgemeinschaft Schlimmeres hätte verhindern können. Diese Fehler haben die europäischen Regierungen begangen.

Die Rating-Agenturen bewerten lediglich die Folgen dieser vermurksten Politik. Und ihre Urteile unterscheiden sich kaum von denen des gesunden Menschenverstandes. So dürfte jeder, der einigermaßen aufmerksam die Nachrichtenlage verfolgt, wissen, dass Portugals Staatsfinanzen derzeit nicht gerade in bester Verfassung sind. Das Land hängt bereits am Tropf des Europäischen Rettungsfonds. Und es ist gut möglich, dass es weitere Hilfen braucht. Wenn die europäische Politik nun zeitgleich über eine Beteiligung privater Gläubiger am neuesten Griechenland-Hilfspaket verhandelt, wird es umso wahrscheinlicher, dass auch die Gläubiger Portugals beim nächsten Mal nicht ungeschoren davon kommen werden.

Für die Rating-Agenturen bedeutet das: Sie müssen die Bonität Portugals herabstufen. Trotzdem geht ein Aufschrei der Empörung durch die Öffentlichkeit: Wie können die es nur wagen, das Zeugnis auszustellen, das wir auch vergeben würden?!

Keine übernatürlichen Wesen aus dem Reich des Bösen

Hier besteht das nächste Missverständnis: Die Rating-Agenturen sind keine übernatürlichen Wesen aus dem Reich des Bösen. Sie sind ein Haufen oft junger Menschen, die Nachrichten lesen, mit Betroffenen sprechen und sich daraus ein Bild über die Kreditwürdigkeit des Staates oder des Unternehmens machen. Oft genug, vollziehen sie auch einfach nur das nach, was die Kurse an den Finanzmärkten vorgeben. Man kann das banal finden, und man sollte sogar fragen, warum riesige Institutionen wie die Europäische Zentralbank sich kein eigenes Urteil über die Kreditwürdigkeit von Staaten bilden können.Aber all diese Einwände rechtfertigen nicht die harte Kritik an den Agenturen. Sie machen nur ihren Job - und bislang gibt es niemanden, der ihnen den streitig macht.

Beispiel Griechenland. Die drei großen Rating-Agenturen bewerten die Staatsanleihen des Landes als hochspekulative beziehungsweise extremspekulative Anlage - ein Urteil, dem derzeit wohl kaum jemand ernsthaft widersprechen kann. Jeder Bankberater, der seinen Kunden etwas anderes erzählt, würde zum Scharlatan erklärt.

Auch der Hinweis der Agenturen, eine Umschuldung Griechenlands als teilweisen Zahlungsausfall zu werten, ist weniger eine Drohung als ein logischer Schritt: Denn wie soll man es sonst bezeichnen, wenn Gläubiger die Laufzeiten ihrer griechischen Staatsanleihen verlängern müssen, weil sie befürchten, ihr Geld sonst nicht wieder zu sehen?

Die Agenturen haben aus ihren Fehlern gelernt

Die aktuelle Kritik an den Agenturen ist besonders absurd, wenn man die Vorgeschichte kennt: In der Finanzkrise wurden die Rating-Gesellschaften zu Recht dafür kritisiert, viele Risiken übersehen zu haben, die in den gebündelten Immobilienkrediten lauerten. Viel zu lange hatten sie damals Bestnoten für hochriskante Kreditpapiere vergeben. Dieses Mal wollen sie die Gefahren früher erkennen und darauf hinweisen. Das ist richtig so - auch wenn es der Politik nicht passt.

Am liebsten würden sich Europas Regierungen ihre Bonitätsnoten eh selbst verteilen. Nicht anders ist die immer wieder neu vorgebrachte Forderung nach einer europäischen Rating-Agentur zu werten. Dahinter steckt der Gedanke, dass eine hiesige Institution schon so handeln würde, dass es den Europäern nützt - das ist aber das Gegenteil von unabhängig. Eine europäische Agentur, die Wunschnoten vergibt, würde vielleicht kurzfristig helfen, langfristig würde sie die Probleme jedoch nur verschlimmern.

Am Montag gab es übrigens noch eine Meldung von den Rating-Agenturen: Fitch hat den Sparkurs der rumänischen Regierung honoriert und die Kreditwürdigkeit des Landes hochgestuft. Der öffentliche Aufschrei blieb aus. Die Meldung passt eben nicht in das gängige Empörungsschema.

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1. Von wegen
GerhardFeder 06.07.2011
... was alle denken: Sind die Rating-Agenturen nicht immer noch dieselben Versager, als die sie sich vor / in der "Finanzkrise" entpuppt haben? Auch als Nicht-Anhänger von Verschwörungstheorien glaube ich inzwischen, dass den USA der EURO zu stark wurde, da hat man erst die Banken betrogen, damals die Staaten nur indirekt, und als das nicht genügte, ist man nun dabei, die Staaten direkt zu betrügen. Aufwachen, Finanzprodukte ehrlich besteuern und "too big to fail" vorher mit Kartellrecht verkleinern. Was haben wir als Bürger/innen denn "von den ach so wichtigen" Großbanken? Da profitieren Bankster und Gangster, die Wirtschaft kaum, denn die muss das Versagen mitfinanzieren.
2.
bogol 06.07.2011
Ungerecht ist nicht, daß Portugal und Griechenland nun endlich realistisch bewertet werden. Ungerecht ist, daß Rekordschuldenmacher wie die USA nach wie vor die völlig unverdiente Bestnote "AAA" erhalten. Ungerecht ist auch, daß die Agenturen nicht dafür haften mußten, daß sie vor der Finanzkrise auch Schrottpapieren die Bestnote gaben oder Lehman kurz vor der Pleite noch als gut einstuften.
3. Schwachsinn.
Wolf_68 06.07.2011
Zitat von sysopOb Griechenland, Portugal oder Italien - wenn Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit von Staaten schlechter beurteilen, finden das alle ungerecht. Dabei sprechen Moody's & Co nur das aus, was Bürger und Experten denken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772761,00.html
Das klingt in etwa, die Schufa ist schuld, wenn ich lebe wie ein Donkosake und dann bei keiner Bank mehr ein Darlehen erhalte.
4. Danke, Herr Kaiser!
kantundco 06.07.2011
Für diesen endlich mal einigermaßen vernünftigen Artikel. Dass auch die Rating-Agenturen auf einem Auge blind sind, zeigt, dass die USA immer noch falsch beurteilt werden. Aber vielleicht spiegelt das einfach den Zwangsoptimismus der Länder wieder, die sich nach wie vor hoher Dollarbestände "erfreuen" und deshalb – to big to fail - den Dollar nach wie vor nicht fallen lassen.
5. Natürlich sind die ...
47/11 06.07.2011
Rate-Agenturen an dem Disaster massgeblich beteiligt . So wie sie durch zu gute Bewertungen Ländern die masslose Kreditaufnahme zu günstigen Zinsen ermöglich haben, genauso können sie jetzt, wenn es den Auftraggebern oportun erscheint , mit Abstufungen deren Abschuss einleiten und den Spekulanten in die Hände arbeiten . Zu keinem anderen Zweck wurden sie erfunden . Dass sie keinerlei sachdienliche Auskünfte erteilen können, habe sie ja bewiesen. Oder war das etwa auch geplant ?
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Die drei Rating-Riesen
Standard & Poor's
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's . Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service , die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch Ratings
1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings . Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall