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Kritik von Verbraucherschützern: EU patzt im Kampf gegen Giftspielzeug

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Chrom und Blei im Plastikspielzeug, Halogene in Kinderschminke: Alle Jahre wieder warnen Experten vor zu vielen Schadstoffen in Spielwaren. Die neue Sicherheitsrichtlinie der EU hilft kaum gegen die Gifte. Verbraucherschützer fordern daher einen strengen Produkt-TÜV.

Gefahr im Kinderzimmer: Gift für die Kleinen Fotos
Corbis

Hamburg - Ganz harmlos kommt das Heft daher: Auf dem Cover spielt ein Kleinkind mit einem bunten Plastikauto, die Räder leuchten knallig rot, die Scheinwerfer dunkelgelb. "Spielzeug" steht in großen Lettern auf der aktuellen Ausgabe des Magazins "ÖkoTest" - doch der Inhalt ist alles andere als erfreulich: Insgesamt ein Drittel aller getesteten Produkte wiesen deutlich zu hohe Schadstoffwerte auf. In den Kunststoffteilen einer Plastikgarage haben die Tester Chrom und Blei entdeckt, bei einer Mini-Bohrmaschine war es Cadmium, in Kinderschminke fanden die Prüfer Halogene.

Ähnlich alarmierend ist auch der Befund des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das in einer aktuellen Stellungnahme vor krebserregenden Chemikalien in Kinderspielzeug warnt und strengere Richtlinien fordert: "Insbesondere in Spielzeug aus Gummi oder anderen Elastomeren können krebserregende polyzyklische Kohlenwasserstoffe (PAK) vorhanden sein, die durch Verwendung von Weichmacherölen in das Produkt gelangen können", sagt Bärbel Vieth vom BfR. In manchen Fällen könne der Gehalt dieser Stoffe in Spielzeug so hoch sein, dass Kinder beim Spielen mehr davon aufnehmen können als Raucher über Zigaretten. "Diese Werte können nicht mehr als unbedenklich gelten."

Höhere Belastung als bei Autoreifen

Es klingt zwar absurd, aber tatsächlich lässt die erst im Dezember vergangenen Jahres verabschiedete Spielzeugrichtlinie der EU eine um bis zu 1000-mal höhere Konzentration der krebserregenden Stoffe zu als etwa in Autoreifen. Und die Vorschriften, die der EU-Gesetzgeber formuliert hat, werden dann auch noch unzureichend überwacht. "Die Vorgaben sehen keine unabhängige Drittprüfung vor", sagt Johannes Näumann vom Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV), "der Käufer muss sich also darauf verlassen, dass die Grenzwerte nicht überschritten werden." Das sei die Hauptschwäche der Richtlinie.

Dazu kommt: Die Stellen, die überwachen könnten, haben zu wenige Kapazitäten. "Wir haben da ein klassisches Vollzugsproblem", klagen Verbraucherschützer seit langem. Die staatliche Marktüberwachung habe schlicht zu wenig Personal, um ausreichend Stichproben zu nehmen.

Die laxe Haltung erstaunt - denn seit Jahren sorgen Meldungen über Schadstoffe in Puppen, Autos und Teddybären für Aufregung. Vor knapp zwei Jahren musste der US-Spielzeugriese Mattel millionenfach seine Produkte zurückrufen - die in China produzierte Ware enthielt Kleinst-Magnete, die von Kindern verschluckt werden konnten. Vollmundig versprach EU-Industriekommissar Günter Verheugen daraufhin, Spielzeuge künftig sicherer zu machen. Im Schnelldurchlauf wurde die jetzt geltende Richtlinie verabschiedet. Schon damals war allen Beteiligten klar, dass sie nicht ausreicht.

Grenzwerte für Uhren und Schmuck - aber nicht für Spielzeug

Denn neben den Lücken bei den Weichmachern fehlen auch klare Regelungen in anderen Bereichen: So gibt es zum Beispiel keine besonderen Vorschriften für Fingermalfarben, Knetmasse oder ähnliches Spielzeug mit intensivem Hautkontakt - obwohl Schadstoffe gerade über die Haut besonders giftig wirken oder Allergien auslösen können. Und bei Blei wurde der Grenzwert gar auf 160 Milligramm pro Kilo Spielzeug erhöht - dreimal so viel wie der zulässige Bleigehalt von Blumenerde und zehnmal so viel wie der von Waldpilzen. Und bei Nickel, das besonders häufig Allergien auslöst, gibt es zwar Höchstwerte für Schmuck und Uhren - nicht aber für Spielzeug.

Auch wenn die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sofort öffentlichkeitswirksam ein Importverbot für Spielsachen mit krebserregenden Stoffen ankündigte - viel versprechen sich die Experten davon nicht: "Die Richtlinie ist in Kraft, damit hat sich das Thema für die EU erst einmal erledigt", sagt Alexander Kekulé, Chef des Instituts für biologische Sicherheitsforschung (IBS) in Halle. "Entscheidend wäre, eine Art TÜV einzuführen, der die Qualität und die Inhaltsstoffe der Spielsachen unabhängig prüft - und der müsste von staatlicher Seite organisiert und vor allem finanziert werden."

Denn von Seiten der Industrie wird ein solcher Vorstoß nicht kommen - weil die Überprüfung der eigenen Produkte viel Geld kostet. Laut Branchenkennern müssen die Unternehmen einige hunderttausend Euro investieren, um eine Produktlinie chemisch und technisch zu untersuchen - viel Geld für eine Leistung, die der Gesetzgeber nicht verlangt. Kekulé fordert deshalb eine professionelle staatliche Einrichtung, die diese Aufgabe übernimmt: "Als Bürger erwarte ich, dass der Staat sich darum kümmert. In anderen Bereichen, etwa bei der Lebensmittelsicherheit macht er es doch auch."

Vorsicht bei Billigprodukten

Bis dahin kann der Kunde nur abwarten - und auf ein Siegel vertrauen, das ebenfalls freiwillig ist: das sogenannte GS-Siegel. "Die Anforderungen für dieses Siegel liegen weit über den europäischen Normen und Richtlinien", sagt TÜV-Experte Näumann. Weil das Siegel sich aber auf vielen technischen Geräten, aber nicht auf allen Spielsachen findet, hat er noch einen anderen, ziemlich einfachen Rat: "Nicht immer auf die billigsten Produkte zurückgreifen, sondern auch beim Einkauf auf Qualität achten."

Zwar garantiert ein teurerer Preis nicht immer, dass die Produkte keine Giftstoffe enthalten. Aber eine Studie des TÜV Rheinland hat gezeigt, dass der Anteil an beanstandeten Spielwaren im Discounterbereich deutlich höher war als bei Markenherstellern. Experten erstaunt das nicht: "Wer billig produzieren möchte, verwendet auch billige Rohstoffe - und deren giftige Reste finden sich dann manchmal auch im Produkt", sagt Biochemiker Kekulé.

Bleibt ein Trick, den vor allem Verbraucherschützer empfehlen: am Spielzeug riechen. Denn je mehr die Produkte stinken, desto eher enthalten sie giftige Stoffe.

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Forum - Kinderspielzeug - wie kann man Sicherheit garantieren?
insgesamt 26 Beiträge
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1. Einseitige Sichtweise...
Tabman 07.12.2009
Das Problem ist, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Vorgaben haben. Ein Hersteller, der seinen Hauptsitz in den USA hat und daher die US-Richtwerte berücksichtigt, könnte unter Umständen beim Vertrieb identischer Ware auf dem EU-Markt Probleme bekommen. Man kann es natürlich auch anders machen: Als vor ein paar Jahren die Blei-im-Spielzeug-Geschichte kursierte, ging der US-Hersteller Hasbro zur Offensive über. Firmenchef Brian Goldner verkündete damals, dass die internen Richtwerte noch strenger seien als die des Gesetzgebers. http://www.hasbro.com/corporate/product-safety-letter.cfm Das paßt allgemein zur Firmenpolitik Hasbros, die in Sachen Sicherheitsvorkehrungen, Markenrechtsproblemen usw. im Zweifelsfall immer auf Nummer sicher gehen, selbst in Fällen, in denen dies überhaupt nicht nötig wäre. Zu beachten ist allerdings auch, dass der falsche Weichmacher bzw. Sparen an selbigem ebenfalls unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Mir ist ein Fall bekannt (ebenfalls von Hasbro), in dem der eingesetzte Weichmacher nach etwa einem Jahr Luftkontakt seine Wirkung verliert. Das betreffende Teil wird danach hart und brüchig. Meine alten Spielzeuge aus Kindertagen haben dagegen nach wie vor ihre Flexibilität erhalten - wer weiß, was da drin ist. Aber ich nehme so was ja auch nicht mehr in den Mund...
2.
Stefanie Bach, 07.12.2009
Zitat von sysopBlei in Barbiepuppen, Formalin in Holzautos und jetzt krebserregende Stoffe im Plastikspielzeug: Immer wieder finden Prüfer Schadstoffe in Kinderspielzeug. Auch die neue EU-Richtlinie hat daran bislang nichts ändern können. Jetzt fordern Experten einen Spielzeug-TÜV. Was glauben Sie - kann das die Sicherheit garantieren?
Der Schlüssel für Sicherheit lautet Qualität. Anders gesagt: "Als aufgeklärte Eltern steht man vor der Wahl, die Kinderaugen strahlen zu sehen – aber nur kurzfristig – oder mit durablen und vielseitigen Stücken Phantasie zu fördern und Experimentierfreude zu befeuern – dafür langfristig." Gutes Spielzeug! (http://www.blog1.institut1.de/gutes-spielzeug/)
3. Recherche, bitte
brux 07.12.2009
Wenn ich mich recht erinnere, ist die Spielzeugrichtlinie juengst (2009) novelliert worden. Verantwortlich war der deutsche EU-Kommissar Verheugen. Sollten die im Artikel genannten Grenzwerte Teil der neuen Richtlinie sein, muesste man fragen, wessen Interessen Herr Verheugen (oder andere Gesellen) hier vertreten hat. Sollten sich die Informationen auf die alte Richtlinie beziehen, muesste man wohl folgern, dass hier einmal mehr die EU angeschwaerzt werden soll, obwohl sie genau das getan hat, wofuer sie da ist.
4. Was genau macht diese Stoffe so gefährlich?
Tabman 07.12.2009
Zu beachten ist allerdings auch, daß viele dieser Stoffe erst dann schädlich sind, wenn sie a) mit anderen Stoffen reagieren, zu denen kein Kind Zugriff haben sollte b) über das Verdauungssystem aufgenommen werden. Ich will hier keinen Hersteller in Schutz nehmen, aber ich sehe hier auch eine Verantwortung der Eltern, die eigentlich auch ohne Schadstoffe dafür sorgen sollten, dass ihre Kinder nicht versuchen, ihre Spielsachen zu essen oder diese in gefährliche Chemikalien zu tauchen. Und Eltern, die einem Zweijährigen Spielsachen geben, die laut Aufschrift auf der Verpackung nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet sind, können im Schadensfall die Verantwortung in meinen Augen auch nicht auf den Hersteller abwälzen - auch wenn dies in den USA bereits vorgekommen ist.
5. gehts nicht einfacher?
Meckerliese 08.12.2009
Warum kann man nicht dafür sorgen, dass solcher Schrott bei uns nicht eingeführt wird?
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Giftige Weichmacher (PAK)
Die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) gehören zu den sogenannten Umweltchemikalien und setzen sich aus mindestens zwei und auch mehreren miteinander verbundenen zyklischen Kohlenstoffringen zusammen. In den meisten Fällen werden diese ringförmigen aromatischen Kohlenwasserstoffe bei unvollständigen Verbrennungsprozessen organischer Materialien - wie Fleisch beim Grillen - und anderen pyrolytischen Prozessen gebildet. Einige PAK wirken erbgutverändernd und sind für den Menschen krebserregend. Das unter anderem beim Grillen entstehende, besonders gefährliche Benzopyren gilt als Hauptursache für Magenkrebs. PAK werden auch als Weichmacher in Kinderspielzeugen eingesetzt.

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