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26. Mai 2012, 11:50 Uhr

Wütende IWF-Chefin

Lagarde rechnet mit den Griechen ab

"Helft euch selbst und zahlt endlich Steuern!" Unverblümt sagt Christine Lagarde den Griechen die Meinung. In einem Interview gibt die IWF-Chefin jegliche diplomatische Zurückhaltung auf. Sie habe mehr Mitleid mit afrikanischen Kindern als mit Schülern in Griechenland.

London - Weniger sparen, aber trotzdem im Euro bleiben - mit diesem Kurs hat die linksradikale Syriza-Partei bei vielen Griechen Erfolg. Ungeachtet einer drohenden Pleite steuert Griechenland damit auf einen Konfrontationskurs mit den internationalen Geldgebern zu. Diese verlieren nun die Geduld mit den Hellenen. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, hat jegliche diplomatische Zurückhaltung aufgegeben und den Griechen in einem Interview mit dem britischen "Guardian" unverblümt die Meinung gesagt.

"Ich denke, sie sollten sich gegenseitig helfen", sagte Lagarde. Auf die Frage, was sie damit meine, entgegnete sie: "Indem sie Steuern zahlen." Die klaren Worte der IWF-Chefin kommen drei Wochen vor der Parlamentswahl am 17. Juni. Angesichts des prognostizierten Wahlerfolgs von Syriza versucht Lagarde offenbar, die Griechen zum Nachdenken zu bringen.

Macht euch keine Illusionen, lautet die Botschaft der Finanzexpertin. Auch wenn die Spargegner an die Macht kommen, werden die internationalen Geldgeber nicht von ihren Forderungen abrücken. Geldüberweisungen nach Athen könne es nur geben, wenn das Land den Auflagen nachkomme. Um diese Position zu untermauern, gab Lagarde sich auch mit Blick auf soziale Probleme in Griechenland unerbittlich.

Sie habe mehr Mitleid mit afrikanischen Kindern, die keine ordentliche Bildung bekommen, als mit Schülern in Griechenland, sagte die IWF-Chefin. Denn dort hätten die Eltern selbst ihren Nachwuchs in diese Situation gebracht. "Eltern müssen Steuern zahlen", sagte Lagarde. Die Griechen hätten diese Regeln jahrelang missachtet, nun bekämen eben ihre Kinder die Quittung dafür.

Jetzt ist Zahltag für die Europäer

Die IWF-Chefin wurde auch auf Missstände im griechischen Gesundheitssystem angesprochen. Ob sie denn ausblenden könne, dass schwangere Frauen sich keine Hebamme leisten können oder Kranke keine lebenswichtigen Medikamente bekommen? "Ich sorge mich mehr um die Kinder in einem kleinen Dorf in Niger, die nur zwei Stunden Unterricht am Tag haben und sich zu dritt einen Stuhl in der Schule teilen. Sie brennen darauf, Bildung zu bekommen", erwiderte Lagarde. "An diese Kinder denke ich die ganze Zeit. Denn ich glaube, sie brauchen viel mehr unsere Hilfe als die Menschen in Athen."

Denn was Griechenland betreffe, so kämen ihr all die Menschen in den Sinn, die dort ihre Steuern nicht zahlen oder versuchten, Steuerflucht zu begehen. Denn das Problem des heruntergewirtschafteten Sozialstaats hänge direkt damit zusammen, dass viele Griechen keine Steuern bezahlten.

Griechenland bekomme vom IWF keine Sonderbehandlung, sagte Lagarde. Der Fonds müsse sich genauso um Entwicklungsländer kümmern und habe deshalb kein Problem damit, einem reichen Land harte Bedingungen aufzuerlegen. "Es ist meine Aufgabe, die Dinge beim Namen zu nennen - egal, wer mir gegenübersitzt", erklärte die IWF-Chefin. "Und ich sage Ihnen Folgendes: Es ist manchmal härter, Länder zum Sparen aufzufordern, in denen die Menschen ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 3000 bis 5000 Dollar haben. Denn ich weiß genau, was das dann für das Sozialsystem und die Versorgung der Armen dort bedeutet."

Die Griechen und andere Europäer müssten sich eins klarmachen, erklärte Lagarde: Jahrzehntelang hätten sie es sich gut gehen lassen - nun sei Zahltag.

mmq

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