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Lagarde als mögliche EU-Kommissionspräsidentin: Die Frau, die es kann, aber nicht soll

Von , Brüssel

IWF-Chefin Lagarde ist eine der mächtigsten Frauen der Welt. Jetzt ist sie als neue EU-Kommissionspräsidentin im Gespräch. Aber der Widerstand gegen die Französin ist groß.

IWF-Chefin Lagarde: Favoritin der Wirtschaftsblätter Zur Großansicht
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IWF-Chefin Lagarde: Favoritin der Wirtschaftsblätter

Christine Lagarde wirkt so, wie man sich die namenlose Dame aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung immer vorstellte: Mit perfekt sitzender Frisur scheint sie unermüdlich auf dem Weg zur nächsten großen Aufgabe. Erst dirigierte die elegante Französin als erste Frau eine der einflussreichsten amerikanischen Anwaltskanzleien, dann manövrierte sie ihr Heimatland als Finanzministerin durch die Euro-Krise, schließlich verlieh sie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) neue Glaubwürdigkeit, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn im Skandalsumpf versank.

Und nun soll die 58 Jahre alte Juristin mal eben noch Europa retten - zumindest wenn es nach den beiden einflussreichsten Leitmedien der europäischen Elite geht: "Economist" und "Financial Times". Kurz nacheinander veröffentlichten die britischen Blätter glühende Empfehlungen für eine Kandidatur Lagardes als Präsidentin der Europäischen Kommission. "Lagarde for president", schrieb der "Economist": "Wenn Europa jemals eine kompetente Führungsperson mit neuen Ideen brauchte, dann jetzt."

Noch sei es Zeit, eine weise Entscheidung über die nächste Person an der Kommissionspitze zu treffen, sekundierte die "Financial Times", ohne direkt Lagardes Namen zu nennen. Doch das Blatt attackierte entschlossen ihre möglichen Rivalen, den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, den aussichtsreichsten konservativen Bewerber Jean-Claude Juncker und den liberalen Hoffnungsträger Guy Verhofstadt als "Männer von gestern" - sie alle stünden für die europäischen Sünden der jüngeren Vergangenheit, also für Bankenkollaps, Massenarbeitslosigkeit und die Schwächen der Währungsunion.

Lücke bei Europas Konservativen

Die Autoren des "Economist" lieferten auch gleich konkrete Hinweise, wie Lagardes Inthronisierung gelingen könne: Die Französin solle anstelle des bisherigen Favoriten Juncker als Spitzenkandidatin der EVP, der europäischen Konservativen, in den Europawahlkampf ziehen. Und so bis an die Kommissionspitze gelangen, denn diese sollen Europas Staats- und Regierungschefs im Lichte der Parlamentswahlen bestimmen. Unter führenden Regierungschefs genieße Lagarde genug Rückendeckung: Frankreichs Präsident François Hollande komme eine französische Kommissionspräsidentin gelegen, der EU-skeptische britische Premier David Cameron erhoffe sich von ihr mehr Durchschlagskraft bei Reformen, und auch Kanzlerin Angela Merkel sei nicht abgeneigt.

Dass Lagarde ihren Posten beim IWF, den sie seit 2011 bekleidet, aufgeben würde, setzen bei derlei Gedankenspielen alle Beteiligten voraus. In der Tat schien Lagarde bei Auftritten in Europa mit einer EU-Kandidatur zu liebäugeln - und schon frühere IWF-Chefs wie Horst Köhler verließen Washington rasch, wenn sich eine noch verlockendere Aufgabe fand.

Auch ist unübersehbar, dass Europas Konservative unter Zugzwang stehen. Während Sozialdemokrat Schulz sich erfolgreich als Obereuropäer inszeniert, ist der mögliche EVP-Spitzenkandidat Juncker, bis vor kurzem Regierungschef in Luxemburg, angeschlagen - etwa durch Berichte über Alkoholprobleme, die er öffentlich zurückweisen musste.

Ebenso klar ist aber, dass der Widerstand gegen Lagardes Kandidatur groß ist. Dass sie Juncker noch verdrängen kann, halten EVP-Insider für wenig wahrscheinlich. "Frau Lagarde hat einen herausragenden Posten. Wir können froh sein, dass eine Europäerin an der Spitze des IWF steht. Ich finde, dort hilft sie uns am meisten", gab etwa EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) kühl zu Protokoll. Auch als europäische Kompromisslösung, sollte es ein Patt nach der Europawahl geben, wirkt sie schwer vermittelbar: Lagarde gilt durch ihre Mitverantwortung für IWF-Sparauflagen in Teilen des Kontinents als Reizfigur.

Egal aber, wie es ausgeht: Die ungewöhnliche Pressekampagne zeigt, wie fragil das angestrebte neue Demokratiemodell in Europa bleibt. Die Kür der Spitzenkandidaten und ihr Anspruch auf den Platz an der Kommissionsspitze sollte die Demokratie in Europa befördern. Nun schreibt der "Economist" höhnisch über solche Hoffnungen: "Dream on." Die meisten Europäer würden weder die Spitzenkandidaten noch deren Positionen genauer kennen.

Das Schlimme ist: Derlei Skeptiker könnten recht behalten, gerade wenn auch die Bestimmung von Spitzenkandidaten die Begeisterung für die Europawahl nicht hebt. Die bereits ernüchternden Debatten über Schulz, Juncker und Co. dienen dafür als Menetekel.

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1. Vergesslich SPON, oder?
dapmr75 13.02.2014
Wie schaut es mit den Skandalen, dem Umgang mit der Schuldenkrise in Europa und eher flachen Ideen aus, durch die sich C Largarde auszeichnet? Oder vielleicht einmal Mitarbeiter des IWF fragen, wie kompetent Frau Largarde wahrgenommen wird. Wer Optionen wie C Largarde für Europa nennt, kann die Idee eines besseren Europa nicht mögen (UK Journalisten des Economist oder der FT sind über diesen Verdacht natürlich erhaben).
2. Ausgerechnet Briten
bikerrolf 13.02.2014
bzw. deren Wirtschaftsblätter sind sicher die schlechtesten Ratgeber für Europa. Europa nach britischen Wünschen - das fänden nicht. mal mehr die Schotten lustig.
3. Keine
elwu 13.02.2014
der genannten Personen kommt in Frage, und Lagarde zuallerletzt. Schon wieder eine Vertreterin der GIPSIFs, das kann ja wohl wirklich nicht sein. Juncker, der Lügner, ebensowenig. Es wird Zeit, dass ein stabilitätsorientierter Mensch die Leitung der Kommission übernimmt, und der zudem nicht aus einem der Problemländer GIPSIF kommt.
4. Lieber Lagarde
leser75 13.02.2014
Zitat von sysopAPIWF-Chefin Lagarde ist eine der mächtigsten Frauen der Welt. Jetzt ist sie als neue EU-Kommissionspräsidentin im Gespräch. Aber der Widerstand gegen die Französin ist groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/lagarde-spekulationen-eu-kommissionspraesidentin-a-952860.html
als den peinlichen Schulz, der sich nun auch noch in der Knesset ungeschickt um nicht zu sagen dumm angestellt hat; der Mann ist hypertroph, wer das nicht erkennt, hat entweder keine Ahnung oder erkennt es nicht. Wenn Merkel aus Koalitionsgründe den Ex-Buchhändler zum Nachfolger von Barroso beruft, ist sie dann auch Schuld an dessen Aussetzern.
5. Schwierig
Herr Hold 13.02.2014
Bei dem Kandidaten Juncker fällt mir immer der Satz: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ ein. Also ein No-Go. Und Schulz ist ja auch nicht gerade eine Lichtgestalt und plärrt meistens nur herum.
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