Landwirtschaft Macron sichert Weinbauern Unterstützung zu

Frankreichs Präsident Macron wendet sich gegen die zusätzlichen Restriktionen für Weinwerbung: Sein Plädoyer für das Nationalgetränk kommt politisch kalkuliert - zum Auftakt des Landwirtschaftssalons.

Französischer Staatspräsident Emmanuel Macron
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Französischer Staatspräsident Emmanuel Macron

Von , Paris


Emmanuel Macron, sonst ein Verfechter sorgsam gedrechselter Wortwahl, äußerte sich ungewöhnlich drastisch: "Ich werde den Franzosen nicht auf den Sack gehen", verkündete der Präsident bei einem Treffen mit Landwirten. Mit dem ungewöhnlich volksnahen Ausdruck versprach der Herr des Élysée seine ganz persönliche Unterstützung - für die Zunft der einheimischen Winzer. Der Staatschef, der nach eigener Aussage "Wein mittags und abends trinkt", wehrte sich mit dem derben Zitat seines früheren Amtsvorgängers Georges Pompidou gegen das Ansinnen von Ärzten, Gesundheitsexperten oder Abstinenz-Vereinen, Alkoholreklame weiter einzugrenzen. "So lange ich Präsident bin, wird es keine neuen Restriktionen geben", gelobte Macron.

Das mannhafte Bekenntnis, zwei Tage vor Beginn des Pariser Landwirtschaftssalons, war zeitlich genau kalkuliert. Denn die jährliche Messe ist nicht nur eine Leistungsschau mit prämierten Rindviechern und Medaillen für hochwertige Lebensmittel. Die Ausstellung an der "Porte de Versailles" ist zugleich ein hochpolitisches Rendezvous zwischen Bauern und Politikern, bei dem die Regierung gern den Schulterschluss mit der Agrarindustrie zelebriert.

Grund genug für Macron ("Ich stamme aus der Provinz") sich noch vor dem minutiös inszenierten Auftritt als Anwalt der Landwirtschaft zu präsentieren, die von einer tiefen Strukturkrise gebeutelt ist: Verärgerte Bauern protestierten diese Woche gegen Fleischimporte aus Südamerika und gingen wegen gekürzter Zuschüsse für notleidende Regionen auf die Straße. Um die Wogen zu glätten, lud der Präsident vorab tausend Bauern in den Élysée und versprach prompt seine Unterstützung für Frankreichs Nationalgetränk - den Wein.

Franzosen trinken weniger Wein

Ein kapitales Anliegen: Mit 26 Milliarden Euro Umsatz, 87.500 Betrieben in 66 Departements und rund 800.000 Beschäftigten (die Daten stammen aus dem Jahr 2016), zählt der Weinanbau zu den Grundpfeilern der Landwirtschaft. Frankreichs Rebenanbau macht mit 780.000 Hektar zehn Prozent der weltweiten Anbaufläche aus. Und gemessen am Profit ist der Wein ein Exportschlager - übertroffen nur von der Luftfahrt.

Dennoch leidet die Branche nicht nur unter schwächelnden Ernten, wachsender ausländischer Konkurrenz oder der Kritik traditioneller Anbaumethoden, mit hohem Einsatz von Pestiziden und Insektiziden. Es gibt auch noch einen anderen Grund für den schwächelnden Absatz. Die Franzosen trinken spürbar weniger als früher. Und die Winzer schieben die Schuld auf den Gesetzgeber: "Die strafrechtliche Verfolgung im Straßenverkehr, die Kampagnen gegen den Alkohol", klagt das Internetportal Oenologie.fr, "haben aus den regelmäßigen Konsumenten von gestern heute gelegentliche Konsumenten gemacht."

Hinzukämen, so klagen die Produzenten, ausgerechnet heimische Auflagen, die die absatzfördernde Reklame in Frankreich weitgehend eingrenzten. Seit 1991 nämlich untersagt ein Gesetz "gegen die Gefahren von Tabak und Alkohol" jede "absatzfördernde Reklame". Und egal ob Wein, Champagner, Bier oder Schnaps - stets gehört seither zur Werbung auch die Warnung: "In Maßen genießen, Missbrauch ist gefährlich."

50.000 Tote jährlich

Die Warnung ist keine Übertreibung. Der Konsum von alkoholischen Getränken ist laut Claude Evin Ursache für den Tod von rund jährlich 50.000 Menschen verantwortlich. "Wie kann man dann dessen Meriten loben, als handele es sich um Parfum?" fragt der Ex-Gesundheitsminister und einstige Initiator der gesetzlich verankerten Werbeauflagen.

Trotz solcher Bedenken wurde Evins Regelwerk auf Druck der Weinlobby aufgeweicht. Zusammen mit befreundeten Abgeordneten, organisiert im "Nationalverband der Volksvertreter des Weins", erreichten sie 2016 eine Novellierung der strikten Auflagen. Hinweise auf Regionen, geografische Ursprünge oder Wein als Kulturerbe, gelten seither als "erlaubte Informationen". Aber noch immer wurmt die Branche, dass Publicity für ihre edlen Gewächse genauso behandelt wird wie der Kundenfang für hochprozentige Spirituosen oder billigen Gerstensaft.

Im brisanten Streit zwischen gesundheitsbewussten Kritikern des Alkoholkonsums und den einflussreichen Weinproduzenten, schlug sich Präsident Macron auf die Seite der Winzer. "Es ist ein Problem für die öffentliche Gesundheit, wenn sich Jugendliche mit starken Alkoholika oder mit Bier volllaufen lassen", gestand der Staatschef. Beinahe trotzig schränkte er ein: "Schuld ist nicht der Wein."

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