Langzeitarbeitslose: Schärfer sparen bei den Abgehängten

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Auf dem Arbeitsmarkt sieht es derzeit so gut aus wie lange nicht mehr. Doch Langzeitarbeitslose profitieren kaum. Nun droht selbst Ein-Euro-Jobs das Aus - weil sie privaten Unternehmen keine Konkurrenz machen dürfen.

Logo der Arbeitsagentur: Die Instrumentenreform sei eine reine Sparreform, klagen einige Zur Großansicht
dapd

Logo der Arbeitsagentur: Die Instrumentenreform sei eine reine Sparreform, klagen einige

Hamburg - Mehr als drei Millionen Arbeitslose - und trotzdem wird allerorten gejubelt: Von einem ungebrochenen Job-Boom spricht die Bundesagentur für Arbeit. Die zuständige Ministerin Ursula von der Leyen sieht nur jahreszeitliche Gründe für die leichte Zunahme und Wirtschaftsminister Philipp Rösler bezeichnet den Arbeitsmarkt gar als munter: "Ermüdungserscheinungen sind nicht sichtbar", sagt er.

Tatsächlich ist die Zahl der Menschen ohne Job für einen Wintermonat vergleichsweise leicht gestiegen. Sie legte um rund 300.000 auf 3,08 Millionen zu. Rechnet man die jahreszeitlichen Einflüsse heraus, wäre sie sogar gesunken.

Doch so positiv die Zahlen auf den ersten Blick auch aussehen mögen, beim zweiten Hinschauen entpuppen sie sich als weniger glanzvoll. Denn vom Boom profitieren vor allem diejenigen, die ohnehin nur kurz arbeitslos sind. Ihre Zahl nahm von Januar 2011 bis Januar 2012 um fast zwölf Prozent auf rund eine Million ab. Die Gruppe derjenigen aber, die länger als ein Jahr ohne Job dasteht und im Hartz-IV-System steckt, ist im gleichen Zeitraum um nur knapp sechs Prozent auf jetzt 2,1 Millionen geschrumpft.

Künftig dürften Erwerbslose im Hartz-IV-System weiter abgehängt werden. Grund ist die sogenannte Instrumentenreform in der Arbeitsförderung, die zum 1. April wirksam wird. Sie sieht Sparmaßnahmen in Milliardenhöhe vor und verschärft zusätzlich die gesetzlichen Vorschriften für Ein-Euro-Jobs. So wird die Maßnahme zum einen seltener bewilligt. Zum anderen müssen Anbieter künftig gewährleisten, dass die Arbeitsgelegenheit nicht nur von "öffentlichem Interesse" und "zusätzlich" ist, sondern auch "wettbewerbsneutral".

Ein-Euro-Jobs binnen eines Jahres um 40 Prozent zurückgegangen

Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände schlagen bereits Alarm. Sie prophezeien für die kommenden Monate einen drastischen Rückgang der Förderungen für Langzeitarbeitslose. So stehen in diesem Jahr bereits für alle Maßnahmen 2,2 Milliarden Euro weniger zur Verfügung als etwa 2010. Zudem verunsichern die schärferen Gesetze die Anbieter von Programmen für Langzeitarbeitslose. "Wir haben kaum mehr Möglichkeiten, jemanden langfristig und ohne Probleme zu fördern", sagt Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der Dachorganisation von rund tausend sozialen Trägern. Die Instrumentenreform entpuppe sich als eine "reine Sparreform".

Viele soziale und kulturelle Einrichtungen, die auf Ein-Euro-Jobber angewiesen sind, bangen bereits um ihre Existenz. "Am Ende des Jahres werden ganze Teile der Infrastruktur zusammengebrochen sein, die über Jahre errichtet wurde", sagt Schneider.

Wie stark sich das neue Gesetz schon jetzt auswirkt, zeigt die Statistik der vergangenen zwölf Monate. Allein Ein-Euro-Jobs gingen um gut 40 Prozent auf nun 134.000 zurück. Bei sogenannten Beschäftigungszuschüssen, bei denen der Staat Jobs über einen längeren Zeitraum finanziell fördert, fiel der Rückgang noch deutlicher aus. Sie schrumpften um knapp 60 Prozent auf nun 9500. Die Jobcenter hätten die Reform in "vorauseilendem Gehorsam" schon in großen Teilen vorweggenommen, sagt Wilhelm Adamy, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Dennoch werde der Rückgang weitergehen.

Die gängigen Förderungen für Langzeitarbeitslose sind umstritten. Kritiker halten sie im besten Fall für wirkungslos, im schlimmsten Fall versperren sie den Jobsuchenden den Weg in den ersten Arbeitsmarkt. Andere monieren, dass Ein-Euro-Jobs reguläre Arbeitsplätze verdrängen.

Dennoch hat eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ergeben, dass Ein-Euro-Jobs den Aufstieg in den regulären Erwerbsmarkt begünstigen, weil sie mehr mit echter Arbeit zu tun haben als manch andere Fortbildung. So gelten in der Forschung langfristige und realitätsnahe Förderungen generell als besonders zielführend. Doch ausgerechnet diese stehen nun vornehmlich auf der Streichliste.

Hinzu kommt die neue gesetzliche Einschränkung für Ein-Euro-Jobs, laut derer die Wettbewerbsneutralität gewährleistet sein muss. Soll heißen: Erwerbslose dürfen nichts machen, was normale Arbeitskräfte erledigen könnten. "Damit werden die Aufgaben der Arbeitslosen vollkommen sinnlos und realitätsfern", sagt Wohlfahrtsverbandschef Schneider.

Gezieltere Förderungen bei schrumpfenden Budgets?

Bei der Bundesagentur für Arbeit bastelt man daher seit längerem an einer Weiterentwicklung der öffentlich geförderten Beschäftigung, die sehr arbeitsmarktnah aussehen soll. Im Mittelpunkt der Denkspiele stehen staatlich geförderte Integrationsbetriebe, denen Behindertenwerkstätten als Vorbild dienen könnten. Im Zuge der Instrumentenreform wurde der Vorschlag auch dem Arbeitsministerium vorgelegt. Dort wird dieser jedoch nicht weiterverfolgt.

Nach Ansicht der Fachleute von DGB und Wohlfahrtsverband ist vor allem problematisch, dass es für die wegfallenden Maßnahmen keinen Ersatz gibt. Zwar erhofft sich das Bundesarbeitsministerium gezieltere Förderungen - doch wie das bei zugleich schrumpfenden Budgets gewährleistet werden soll, ist offen. Für Wohlfahrtsverbandschef Schneider ist daher schon klar: "Die schwer vermittelbaren Arbeitslosen werden künftig einfach links liegen gelassen."

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insgesamt 257 Beiträge
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1. Platzhalter
Casparcash 31.01.2012
Zitat von sysopAuf dem Arbeitsmarkt sieht es derzeit so gut aus wie lange nicht mehr. Doch Langzeitarbeitslose profitieren kaum. Nun droht selbst Ein-Euro-Jobs das Aus - weil sie privaten Unternehmen keine Konkurrenz machen dürfen. Langzeitarbeitslose: Abfuhr*für die Abgehängten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812421,00.html)
Wir müssen uns eben daran gewöhnen, dass es in diesem Land (und anderen Ländern) nicht mehr Arbeit für alle gibt. Zeit also, die Einstellung zu ändern und Arbeitslose nicht mehr als Menschen einer anderen Klasse zu betrachten. Das muss eben die Gemeinschaft mittragen. Hilft ja nichts.
2. Gute Entwicklung!
baynado 31.01.2012
Das ist eine sehr gute Entwicklung . Diese 1 € Jobs sind ein Schlag ins Gesicht für jeden normalen Arbeitnehmer, der von seinem hart erarbeitenden Geld leben möchte. Sie hängen als Damokles Schwert über jeden regulären Job. Grundsätzlich sollten wir jedoch unser Verhältnis zur Arbeit komplett neu überdenken. Diese sinnlos Förderungen von Arbeitsamt sind eine intellektuelle Beleidigung für jeden halbwegs normal denkenden Menschen. Es sollte eigentlich auch jeden geistig Minderbemittelten auch klar sein, dass wenn wir immer mehr Rationalisieren und Automatisieren, Vollbeschäfftigung nicht erreicht werden kann. Unsere Existienzrecht in unserer Gesellschaft, ist an dem Geld aus Arbeit gekoppelt, das muss sich ändern, sonst haben wir spätestens in 10 Jahren eine blutige Revolution.
3. Endlich weg damit
clkr 31.01.2012
Zitat von sysopAuf dem Arbeitsmarkt sieht es derzeit so gut aus wie lange nicht mehr. Doch Langzeitarbeitslose profitieren kaum. Nun droht selbst Ein-Euro-Jobs das Aus - weil sie privaten Unternehmen keine Konkurrenz machen dürfen. Langzeitarbeitslose: Abfuhr*für die Abgehängten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812421,00.html)
die ewig herumalarmierende organisierte Arbeitslosenzweitverwertung unterschlägt, wieviele von den 2,2 G€ in ihren eigenen Taschen gelandet wären. Wenn diese sog. Jobs so furchtbar wichtig sind, dann sollen sie halt auch angemessen bezahlt werden. Wer erst "Erst die Hose, dann die Schuhe" lernen muß, hat auf dem gewerblichen Arbeitsmarkt eh' keine Chance, egal, wieviele MEA er abturnt. Also kann man diese Verbrennungen öffentlicher Mittel auch lassen. Psychosoziale Begleitung im Alltag hat doch mit Arbeitsmarkt nichts zu tun.
4. Ein-Euro-Jobs
Wildes Herz 31.01.2012
Zitat von sysopViele soziale und kulturelle Einrichtungen, die auf Ein-Euro-Jobber angewiesen sind, bangen bereits um ihre Existenz. Langzeitarbeitslose: Abfuhr*für die Abgehängten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812421,00.html)
Man könnte natürlich auch schreiben: "... die ihr Geschäftsmodell auf ausbeuterische und völlig unterbezahlte Ein-Euro-Jobs aufgebaut haben, bangen bereits um ihre Existenz". Das wäre zwar wesentlich richtiger, liest sich aber halt nicht ganz so mitleiderregend...
5. Nicht nur Langzeitarbeitslose
wkdw 31.01.2012
Zitat von sysopAuf dem Arbeitsmarkt sieht es derzeit so gut aus wie lange nicht mehr. Doch Langzeitarbeitslose profitieren kaum. Nun droht selbst Ein-Euro-Jobs das Aus - weil sie privaten Unternehmen keine Konkurrenz machen dürfen. Langzeitarbeitslose: Abfuhr*für die Abgehängten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812421,00.html)
Ein-Euro-Jobs zählen zur Sklavenarbeit und gehören verboten. Mein Arbeitgeber strengt sich sehr an, vor allem ältere Mitarbeiter "freizusetzen". Die sind ihm zu teuer und belasten somit das Budget. Öffentlich wird das natürlich nicht gesagt, vielmehr wird möglichst viel Stress gemacht (Mobbing bzw. Bossing). Ein Kollege erklärte heute, dass er lieber arbeitslos werden möchte, als weiter in diesem Hamsterrad treten zu müssen.
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Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
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Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
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Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
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Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
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Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
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Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
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Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
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Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
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