Lebensstandard Fast jeder zweite Deutsche hat Abstiegsängste

"Ich befürchte, meinen Lebensstandard nicht dauerhaft halten zu können": Das unterschreiben einer neuen Studie zufolge 47 Prozent der Deutschen. Von den Abstiegsängsten bleiben selbst Topverdiener nicht verschont.

Streikkundgebung der IG Metall in Siegen
imago/Rene Traut

Streikkundgebung der IG Metall in Siegen


Nahezu jeder zweite Deutsche bangt um seinen derzeitigen Lebensstandard. Einer Studie der Universität Paderborn zufolge äußerten 47 Prozent die Befürchtung: "Ich befürchte, meinen Lebensstandard nicht dauerhaft halten zu können." Die Abstiegsängste reichen demnach bis weit in die Mittelschicht hinein und betreffen auch Menschen mit relativ hohem Nettoeinkommen.

Am stärksten sind die Befürchtungen allerdings der Studie zufolge bei Menschen mit geringem Einkommen und solchen mit Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Doch auch viele Beschäftigte, die ihren Job für sicher halten, sorgen sich um ihren Lebensstandard oder die Alterssicherung und empfinden zunehmenden Druck und Kontrolle bei der Arbeit als belastend.

Die Paderborner Forscher stützen sich auf eine im Januar 2017 erfolgte Befragung des Meinungsforschungsinstituts Policy Matters. Die Studie wurde von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefördert und veröffentlicht. Angestrebt wurden dabei auch genauere Erkenntnisse über die Hintergründe des starken Stimmenzuwachses für die rechtspopulistische AfD, die den Forschern zufolge von der Verunsicherung in der Bevölkerung profitiert. Befragt wurden 4892 Bürger ab 18 Jahren.

Besonders ausgeprägt sind der Studie zufolge neben den Ängsten um den Lebensstandard auch Sorgen hinsichtlich der Alterssicherung. Nur 25 Prozent äußerten dagegen Sorgen um den Arbeitsplatz, allerdings in Ostdeutschland etwas mehr Menschen als im Westen. Von denjenigen, die über ein geringes Einkommen verfügen und sich am unteren Rand der Gesellschaft verorten, sorgen sich 90 Prozent um ihre finanzielle Situation. Solche Ängste nehmen mit höherem sozialen Status ab, sind aber bis in die Mittelschicht hinein verbreitet.

Doch auch 38 Prozent der Top-Verdiener sorgen sich um ihren Lebensstandard, um ihre finanzielle Lage sogar 47 Prozent. Die Werte sind dabei höher als in der oberen Mittelschicht. Bei Wohlhabenderen spielen als Gründe allerdings Ängste wegen wachsenden Drucks am Arbeitsplatz und zunehmender Arbeitsverdichtung eine stärkere Rolle als bei Einkommensschwachen.

Digitalisierung bereitet vielen Sorgen

Besonders in mittleren Schichten sorgen sich viele Menschen (mehr als 50 Prozent) wegen Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung. Ausgeprägt ist dabei die Befürchtung, dadurch könnten sich Kontrolle und Überwachung am Arbeitsplatz verstärken.

"Abstiegsängste speisen sich auch aus dem Gefühl, den gesellschaftlichen Veränderungen, die Digitalisierung oder Globalisierung mit sich bringen, ausgeliefert zu sein", erklärte dazu die Leitautorin der Analyse, die Soziologin Bettina Kohlrausch.

Dabei sei das Gefühl, "die Kontrolle über die Gestaltung des eigenen Lebens verloren zu haben", weitgehend unabhängig von der Einkommenssituation vorhanden. Besonders stark sei es aber in der Mittelschicht. Parteien wie die AfD machten sich dann dieses "eher diffuse Gefühl einer allgemeinen sozialen Verunsicherung" zunutze.

dab/AFP



insgesamt 37 Beiträge
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GoaSkin 23.02.2018
1. Sparen ist eben die beste Versicherung gegen den Abstieg
Es ist doch verständlich, dass die Leute nicht auf hohem Niveau vom Mund in die Hand leben möchten und sich lieber ein Teil ihres Einkommens sparen. Denn dadurch ist ein eventueller Sozialer Abstieg nicht zwangsläufig mit einer Senkung des Lebensstandards verbunden, wodurch man sich natürlich auch nicht mit Dingen wie der Suche nach einer billigeren Wohnung befassen muss. Und es ist auch verständlich, wenn Gutverdiener etwas gegen die Gefahr tun, sich von einem höheren Lebensstandard abwenden zu müssen. Verprassen kann man sein Vermögen immernoch, wenn man kurz vor der Rente steht oder gerade Rentner geworden ist und nichts mehr passieren kann.
charlybird 23.02.2018
2. Das ist definitiv kein Wunder
mehr bei der Vermögensverteilung. Und es ist ja auch nicht so, dass jemand, der es geschafft hat, ein eigenes Häuschen, eigenen Wohnraum etc. zu erlangen, es halten kann. Die ständig, wahrscheinlich gewollten, steigenden Kosten bei Wohneigentum werden nicht mehr bezahlt werden können. Nachfrage durch Hedgefonds und Spekulanten ( Gern auch unversteuerte Investitionen aus dem Ausland) sei Dank. Es fehlen weiterhin existenzielle Lebensperspektiven innerhalb dieser alternden Gesellschaft, die offenbar überhaupt nicht von der Politik wahrgenommen werden. Schwarzmarktaltenpflege ist jetzt schon der einzige Mantel, der das Elend überdeckt. Selbst gestandene Politiker sollen davon Gebrauch machen. Europa sei Dank. Da versteht man auch die Zurückhaltung gegenüber unseren östlichen Nachbarn, schließlich kommt das ganze Personal, als Touristen getarnt, von dort Der Arbeitsmarkt, schon jetzt fast monatlich mit Änderungen ausgestattet, wird zu einem wirklichen Markt werden. Der Billigste und Jüngste kriegt den Job. Die Tafeln für die Alten und Schwachen werden jetzt politisch gerügt, dass sie sich nationalistisch verhalten, wahrscheinlich hat man es entrüstet beim 120 Euro Italiener erfahren, dass einige Organisatoren bei der Ausgabe Deutsche bevorzugen. Tststst...... Ja, das ist das Land, wo wir alle gern und gut leben. Es haben sogar fast alle Arbeit, nur alle können davon nicht leben, das wäre ja auch ein bisschen viel verlangt. Aber das soll ja noch kommen, wenn die GroKo loslegt.
wire-less 23.02.2018
3. Der Abstieg ist sicher
oder wer hier lebt ewig. Reichtum ist völlig überbewertet. Langanhaltende Gesundheit ist das einzig Erstrebenswerte für die Zukunft. Also wer jetzt z.B. raucht oder Übergewichtig ist sollte sich erst mal um seine Gesundheit kümmern und nicht über Abstieg oder Rente nachdenken. Das ist nicht sein Problem. Ein Butterbrot im Park kann man sich immer leisten und schmeckt besser wie Superessen im Krankenhaus.
andysamak70 23.02.2018
4. Irgendwie logisch
unter Merkel wirft die Regierung jedes Monat die Steuergelder die den Rentnern zustehen da die diese erwirtschaftet haben hinaus > nach Afrika, Bruessel , UN. Afghanistan usw. da bleibt der deutsche Rentner auf der Strecke. Jedoch verwunderlich, der deutsche Steuerzahler waehlt diese Leute immer wieder auch wenn die Deutschland ruinieren.
vitalik 23.02.2018
5.
Siehe das Beispiel mit Siemens in Görlitz. Ein Konzern macht satte Gewinne und schließt trotzdem einen Standort. Und wenn so ein Konzern wie Siemens es nicht schafft für die Beschäftigten in der Region eine Alternative zu bieten, wie soll man sich dann bei einer kleineren Firma fühlen.
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