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Bohrinsel-Leck "Elgin": Die Verdrängung der nächsten Katastrophe

Ein Essay von

Das Gasleck in der Nordsee verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem: Konzerne wie Total, BP oder Tepco beteuern hartnäckig, riskante Förderprojekte seien beherrschbar - trotz immer neuer Umweltkatastrophen. Sie kommen damit durch, weil auch die Bürger gerne an diese Illusion glauben.

DPA/ Total

Es ist wie ein Reflex: Immer wenn es zu einer Umweltkatastrophe kommt, betreibt der dafür verantwortliche Konzern zunächst Krisen-PR mit technischen Begriffen. So auch der Energiemulti Total, dessen Förderstätte "Elgin" in der Nordsee havarierte - jetzt strömen riesige Mengen Gas ins Meer.

Der Konzern sprach von einer "Entlastungsbohrung". Was hieße: Neben dem Leck würde ein neues Loch gebohrt, um das Gas durch eine intakte Leitung abzupumpen. Der Konzern stellte eine "Kill"-Operation in Aussicht. Was hieße: Das Leck soll per Schlamminjektion gestopft werden, falls es sich nicht ohnehin wider Erwarten oberhalb der Wasseroberfläche befinden sollte.

"Entlastungsbohrung", "Kill"-Operation. Das sind Worte, die auch der BP-Konzern benutzte, nach der Havarie der "Deepwater Horizon", jener Bohrinsel, die 2010 im Golf von Mexiko explodierte und die größte Ölpest Nordamerikas auslöste. Worte, die beruhigen sollen. Es gibt Strategien gegen die Katastrophe, lautet die Botschaft. Die Krisenmanager von Total werden das Loch schon stopfen.

Diese Krisenrhetorik ist bemerkenswert. Da hat sich gerade eine Katastrophe ereignet, die an der Sicherheit von Tiefenbohrungen zweifeln lässt, die zeigt, wie riskant diese Fördertechnik ist, schon beeilt sich der Konzern zu betonen, alles sei technisch beherrschbar. Schon müht sich Total, diese für die Branche so elementare Illusion wieder herzustellen, damit die Geschäfte weiterlaufen.

Konzerne wie Total und BP spielen Rohstoff-Roulette. Ebenso wie der Energiekonzern Tepco es an Land tat, als er mitten im Erdbeben- und Tsunami-Gebiet das Atomkraftwerk Fukushima baute, das im Frühjahr 2011 - von einem Tsunami getroffen - eine nukleare Katastrophe auslöste.

Zwiedenken à la George Orwell

Solche Projekte, die die Umwelt und sehr viele Menschen enormen Risiken aussetzen, sind nur möglich, weil die Konzerne immer wieder beteuern: Es mag riskant klingen, aber es ist technisch zu kontrollieren. Und weil Regierungen und Verbraucher diese Illusion oft bereitwillig glauben - obwohl sich verheerende Katastrophen inzwischen im Jahrestakt ereignen. "Deepwater Horizon" (2010), Fukushima (2011), "Elgin" (2012).

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Riskante Förderprojekte: Von Katastrophe zu Katastrophe

Das hat bisweilen schon etwas vom Zwiedenken, wie es George Orwell in seinem Roman "1984" beschreibt: Je deutlicher die Realität zu Tage tritt, desto trotziger verteidigt man das eigene konträre Weltbild. Die eigenen Argumente nehmen dabei immer absurdere Züge an.

Beispiel "Deepwater Horizon": Es wurde suggeriert, die Katastrophe sei nur durch einen defekten Sicherungsmechanismus am Bohrloch möglich gewesen. Dabei gibt es regelmäßig Lecks bei Tiefseebohrungen, aus ganz verschiedenen Gründen. Die technische Beherrschbarkeit beschränkt sich darauf, dass bisher zumindest jedes größere Leck irgendwann gestopft werden konnte. Bei der BP-Bohrinsel dauerte das allerdings fünf Monate, 769 Millionen Liter Rohöl flossen in den Golf, die Meer und Küsten noch heute schädigen. Kann man das noch beherrschbar nennen?

Beispiel Fukushima: Energiekonzerne wie E.on argumentieren inzwischen, die nukleare Katastrophe wäre vermeidbar gewesen. Erdbeben und Tsunamis von der Stärke, wie sie zur Katastrophe führten, seien schon in der Vergangenheit vorgekommen. Tepco hätte sein Kraftwerk Fukushima entsprechend dafür auslegen müssen. Wohlgemerkt: Das Kraftwerk wurde von einer 15 Meter hohen Flutwelle überrollt. Kann man einen Atomreaktor wirklich so bauen, dass er gegenüber einer solchen Urgewalt risikofrei bleibt?

Mal scheinen es Baumängel zu sein, die eine Katastrophe auslösen, mal technische Pannen, immer also etwas vermeidbares. In Wahrheit müsste man sich fragen, ob manche Projekte nicht generell zu riskant sind, eben weil die Technik schon bei kleinen Pannen für lange Zeit außer Kontrolle geraten kann.

Schuld sind nicht nur die anderen

Man muss den Fortschritt dazu nicht verteufeln. Statt die Atomkraft per se zu verbieten, wäre es schon ein Anfang, keine Reaktoren in Erdbebengebiete zu bauen. Statt Öl- und Gasbohrungen in der Tiefsee komplett zu blockieren, wäre es ein Anfang, gewisse Projekte zu überdenken.

Das Gegenteil passiert. So will der brasilianische Staatskonzern Petrobras 7000 Meter unter dem Meer nach Öl bohren, obwohl BP schon sein Leck in 1500 Metern Tiefe kaum noch stopfen konnte. Zu viel Kritik daran ist politisch nicht gewollt. Brasilien will mit der Förderung riesiger Ölmengen seinen Wirtschaftsboom antreiben.

BP darf inzwischen wieder im Golf von Mexiko nach Öl bohren, weil die US-Regierung sich unabhängiger von Rohstoffimporten aus Nahost machen will. Im vergangenen Jahr machte der Konzern schon wieder rund 24 Milliarden Dollar Gewinn.

Man kann die Macht- und Profitgier von Regierungen und Konzernen verteufeln, doch das wäre zu kurz gegriffen. Ohne Tiefseebohrungen zum Beispiel würde der Ölpreis in die Höhe schnellen, die Weltwirtschaft würde einbrechen, Millionen Jobs gingen verloren. Die wenigsten Verbraucher dürften bereit sein, diesen Preis zu zahlen. Wir sind an dem Dilemma also auch selbst schuld.

Eine Alternative ist noch nicht in Sicht. Vielleicht wären wir dem Ziel, die Energieversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen, schon näher gekommen, wenn wir konsequenter und früher damit angefangen hätten.

Solange wir aber mit dem jetzigen System leben müssen, ist uns die Illusion von der technischen Beherrschbarkeit durchaus willkommen. Ist ein Bohrloch in Tausenden Metern Tiefe vielleicht doch nicht so riskant? Immerhin gibt es Schlamminjektionen und Entlastungsbohrungen. Vielleicht stellt sich ja auch noch heraus, dass man das Leck in der Nordsee doch recht leicht stopfen kann.

Es ist erleichternd, so zu denken - bis zur nächsten Katastrophe.

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1.
ctrlaltdel 29.03.2012
Zitat von sysopDPA/ TotalDas Gasleck in der Nordsee verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem: Konzerne wie Total, BP oder Tepco beteuern hartnäckig, riskante Förderprojekte seien beherrschbar - trotz immer neuer Umweltkatastrophen. Sie kommen damit durch, weil auch die Bürger gerne an diese Illusion glauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824382,00.html
der technische Fortschritt ist immer eine Folge von Disaster und dem Lernen aus dem Disaster. Anders geht es nicht. Es bliebe nur, auf technischen Fortschritt zu verzichten.
2. Geister
diekleinehexe 29.03.2012
Zitat von sysopDPA/ TotalDas Gasleck in der Nordsee verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem: Konzerne wie Total, BP oder Tepco beteuern hartnäckig, riskante Förderprojekte seien beherrschbar - trotz immer neuer Umweltkatastrophen. Sie kommen damit durch, weil auch die Bürger gerne an diese Illusion glauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824382,00.html
Die Menschheit hat schon allzuviele Geister aus der Flasche gelassen und wundert sich nun, dass sie sich weigern zurück zu gehen oder wenigstens zu gehorchen!
3. Doch, es gibt eine Alternative
WillyWusel 29.03.2012
Zitat von sysopDPA/ TotalDas Gasleck in der Nordsee verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem: Konzerne wie Total, BP oder Tepco beteuern hartnäckig, riskante Förderprojekte seien beherrschbar - trotz immer neuer Umweltkatastrophen. Sie kommen damit durch, weil auch die Bürger gerne an diese Illusion glauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824382,00.html
So, wie der Mensch als Lebewesen angewiesen ist auf Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung und Wohnraum, so sind moderne Gesellschaften angewiesen auf Energie. Sie zählen die drei Katastrophen auf, die jetzt im Jahrestakt auf diesem Planeten geschehen sind: Öl, dann Kernenergie und jetzt Erdgas. Alle drei haben mit Energie zu tun. Das hat seinen Grund, und das wird so weiter gehen. Es gibt keine Alternative? Doch, es gibt eine Alternative: 1. Die Menschen auf diesem Planeten müssen weniger werden, denn die Erde ist von Menschen überbevölkert. 2. Die Menschen, die auf der Erde leben, müssen ihre "Bedürfnisse" auf ein Maß einpegeln, dass für das restliche Leben auf diesem Planeten erträglich ist. 3. Wir müssen lernen sämtliche Bedürfnisse, die wir haben, aus erneuerbaren Energien zu befriedigen. Und damit ist nicht nur Energie gemeint. Gibt es sonst noch Alternativen? Antwort: NEIN.
4.
hanz77 29.03.2012
1) Das Wort Katastrophe wird viel zu oft verwendet und übertreibt das geschehene. Günstige Fördermöglichkeiten sind nun mal nicht risikofrei. Im nachhinein ist man immer klüger, welches Projekt besser gestoppt worden wäre. 2) Keine Panik. Erdöl ist ein Naturprodukt und es gelangt einfach wieder zurück in die Natur. Alles Bio! 3) Der Planet ist groß und ein paar unschöne Stellen darauf sind noch lange kein Problem. Der Drang neue Nachrichten aus dem Ärmel zu zaubern zwingt die Presse darüber zu berichten.
5. Einfache, aber poitisch nicht gewollte Lösung.
TheBear 29.03.2012
Zitat von sysopDPA/ TotalDas Gasleck in der Nordsee verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem: Konzerne wie Total, BP oder Tepco beteuern hartnäckig, riskante Förderprojekte seien beherrschbar - trotz immer neuer Umweltkatastrophen. Sie kommen damit durch, weil auch die Bürger gerne an diese Illusion glauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824382,00.html
Um all diese Grossprojekte in einen geregelten Rahmen zu zwingen gibt es eine einfache, aber poitisch nicht gewollte Lösung. Da staatliche Einmischung sich auf das wesentliche konzentrieren muss, und zwar in Form von Rahmenbedingungen, muss nur eines erzwungen werden: *jedes Risiko muss versichert werden, und zwar so, dass im Falle einer Katastrophe der Gesamtschaden von der Versicherung, und nicht vom Steuerzahler, "repariert" werden muss.* Es liegt in der alleinigen Verantwortung des Gesetzgebers Regeln dafür aufzustellen welcher Schaden durch wieviel Geld abgeglichen werden muss. Die Abschätzung des Risikos (and die sich daraus ergebenden Prämien) kann man dann getrost den Versicherungen überlassen, das ist nämlich deren Job. Einwände, die darauf abzielen "man kann doch Umweltschäden, Todesfälle, Erkrankungen nicht in Geld ausdrücken" sind falsch. Man kann, aber es ist nicht einfach. Mit einem entsprechenden Einsatz - gering im Vergleich zu den Schäden selbst - geht es. *Im übrigen zielen die Einwände gegen eine Versicherungspflicht darauf ab a) das Risiko dem Steuerzahler aufzubürden b) als Folge davon das Wesen des Risikos zu verschleiern, nicht begreifbar zu machen.*
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