Pleite von Lehman Brothers vor zehn Jahren "Wann waren wir dem Abgrund am nächsten, Herr Asmussen?"

Vor zehn Jahren kollabierte die US-Bank Lehman Brothers - und die Finanzwelt stand am Abgrund. Jörg Asmussen war damals Krisenmanager im Finanzministerium. Im Interview erzählt er, wie brenzlig die Lage auch in Deutschland war.

Zentrale von Lehman Brothers in New York am 15. September 2008
PETER FOLEY/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Zentrale von Lehman Brothers in New York am 15. September 2008

Ein Interview von


Als 2008 die Finanzwelt bebt, ist Jörg Asmussen mittendrin. Am 15. September meldet die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an - nach tagelangen Verhandlungen hat die amerikanische Regierung sie fallengelassen. Die Pleite sendet Schockwellen um den Globus; überall auf der Welt treffen sich Regierungen und Notenbanker zu Krisensitzungen, um Banken und Finanzmärkte zu stützen. Denn schnell ist klar: Diese Krise wird nicht auf die USA beschränkt bleiben. Sie wird sich weltweit durch das Finanzsystem fressen.

Jörg Asmussen ist damals Staatssekretär im Finanzministerium - und muss kurz nach der Lehman-Pleite die Rettung deutscher Banken organisieren. Zuerst ist es die Hypo Real Estate, später die Commerzbank, die BayernLB, die WestLB und die Landesbank Baden-Württemberg. Eine Bank nach der anderen droht zu kippen und muss vom Staat gerettet werden. Einen zweiten Fall Lehman will niemand riskieren.

Asmussen hat sich damals einen Ruf als wichtigster deutscher Krisenmanager erworben. Später nahm er eine ähnliche Rolle in der Eurokrise ein. Mittlerweile ist Asmussen raus aus der Politik - und arbeitet für die amerikanische Investmentbank Lazard.

Er sei immer noch ein politischer Mensch, sagt er beim Treffen in der Lobby eines Berliner Luxushotels. Auch wenn er mittlerweile Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen berät. Er hat einen orangefarbenen Rucksack dabei und muss gleich noch den Flieger nach Paris bekommen, dem Europasitz von Lazard. Aber vorher will er über Lehman Brothers reden - über die folgenschwere Pleite und darüber, was danach über die Welt hineinbrach.

SPIEGEL ONLINE: Herr Asmussen, können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal von der bedrohlichen Situation bei Lehman Brothers erfahren haben?

Asmussen: Das war in der Tat erst drei Tage bevor die Bank zusammenbrach. Wir waren alle gemeinsam bei einem informellen Treffen der europäischen Finanzminister und Notenbankchefs in Nizza, als am Freitagnachmittag die ersten Informationen bei uns ankamen. Und dann haben wir uns auch schnell besprochen und Kontakt zur US-Regierung und der amerikanischen Notenbank Fed aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Investoren an den Finanzmärkten und auch wir Journalisten gingen damals ja zunächst davon aus, dass die US-Regierung Lehman schon retten würde. Glaubte die Bundesregierung das auch?

Zur Person
  • ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock
    Jörg Asmussen (51) leitet das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen der amerikanischen Investmentbank Lazard in Europa. Während der Finanzkrise war er Staatssekretär im Finanzministerium unter Peer Steinbrück (SPD). Diesen Posten behielt der SPD-Mann zunächst auch, als der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble das Ministerium übernahmen. 2012 wechselte Asmussen ins Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), nach der Bundestagswahl 2013 wurde er abermals Staatssekretär, diesmal im Arbeitsministerium. Ende 2015 scheiterte Asmussens geplanter Wechsel in den Vorstand der staatlichen Förderbank KfW.

Asmussen: Ja, das war damals die Erwartung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine so große global agierende Bank wirklich fallengelassen würde, war in fast allen Eventualplänen gleich null. Es war dann aber eine bewusste politische Entscheidung, die Bank in die Insolvenz gehen zu lassen. Das war ja kein Versehen. Man wollte offenbar bewusst ein Zeichen setzen, dass eben nicht immer Steuergeld zur Bankenrettung eingesetzt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Das war ein teures Zeichen. Schon einen Tag nach der Lehman-Pleite stand die Welt vor dem nächsten, noch größeren Problem: Dem US-Versicherungsriesen AIG drohte der Kollaps. Diesmal sprangen die US-Regierung und die Notenbank Fed mit 85 Milliarden Dollar ein. Was wäre passiert, wenn auch AIG pleitegegangen wäre?

Asmussen: AIG war sichtlich größer und vernetzter als Lehman Brothers. Die Lage wäre also, vorsichtig gesagt, nicht einfacher geworden. Alle großen Finanzinstitute weltweit hatten Verbindungen zu AIG.

Lehman-Beschäftigte räumten ihre Büros
REUTERS

Lehman-Beschäftigte räumten ihre Büros

SPIEGEL ONLINE: Knapp zwei Wochen später brannte es auch in Deutschland. Die Hypo Real Estate konnte sich am Finanzmarkt kein Geld mehr leihen, um ihre langfristigen Kredite zu refinanzieren. Hat die Regierung darüber nachgedacht, auch hier ein Exempel zu statuieren und die HRE pleitegehen zu lassen?

Asmussen: Es gibt immer Pro- und Contra-Argumente, auch damals. Ich war der Auffassung, dass man die HRE retten müsse - nicht wegen der Bank selbst, sondern wegen der Stabilität des Finanzsystems. Spätestens an diesem Wochenende war klar, dass wir eine systemische Krise hatten, die viele Staaten betraf. In Belgien und den Niederlanden wackelten die Finanzkonzerne Fortis und Dexia, in Großbritannien Bradford & Bingley. Es ging nicht mehr um einzelne Banken, sondern um das System.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Krisensitzung in Frankfurt saßen Sie mit am Tisch. Am Ende einigten sich Kanzlerin Merkel und Deutsche-Bank-Chef Ackermann auf eine milliardenschwere Rettung, bei der der Bund die Hauptlast trug und die Banken relativ glimpflich davonkamen. Hat Ackermann Merkel damals über den Tisch gezogen?

Asmussen: Nein. Es ging in dieser Nacht um mehrere Ziele: Man wollte das Finanzsystem retten, aber auch mit dem Geld der Steuerzahler sparsam umgehen. Deshalb gab es die Gespräche über die Lastenteilung. Herr Ackermann verhandelte dabei als informeller Sprecher der Bankenbranche - und der Finanzminister und die Bundeskanzlerin verhandelten für den Bund.

SPIEGEL ONLINE: Was dabei rauskam, war aber eine recht einseitige Lastenteilung. Die Banken mussten insgesamt nur 8,5 Milliarden Euro stemmen.

Asmussen: Das würde ich so nicht sehen. Neben der Aufgabe, das System zu stabilisieren, geht es auch immer darum, das Vertrauen der Bürger zu erhalten. Und dazu braucht es in solchen Situationen ein starkes Signal des Staates. Außerdem kann auch ein Vorstandsvorsitzender wie Herr Ackermann nicht einfach sagen, ich lege mal noch ein paar mehr Milliarden für eine andere Bank hin. Da bekommt er im Zweifel Ärger mit seinen Aktionären.

Zentrale der Hypo Real Estate 2008 in München
REUTERS

Zentrale der Hypo Real Estate 2008 in München

SPIEGEL ONLINE: Schon eine Woche später musste der Bund noch mal Geld für die HRE nachschießen - und Merkel und Steinbrück mussten im Fernsehen garantieren, dass die Spareinlagen sicher seien. Wie weit war Deutschland damals von einem Bank-Run entfernt, also von einem Sturm der Sparer auf ihre Bankkonten?

Asmussen: Es gab in der Tat wachsende Hinweise darauf, dass immer mehr Leute in ihre Bankfiliale gingen und sagten: "Ich würde gerne mal mein Geld sehen." Und es gab in den ersten Oktobertagen auch eine verstärkte Nachfrage nach 500-Euro-Scheinen. Das sind alles Anzeichen dafür, dass die Situation zumindest angespannt war. Deswegen mussten wir an diesem Wochenende ein ganz klares Zeichen setzen, dass die Spareinlagen sicher sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie entstand diese doch sehr ungewöhnliche Idee mit dem Fernsehauftritt?

Asmussen: Wir waren an diesem Freitag mit der Bundeskanzlerin in Paris, bei einem europäischen Abstimmungstreffen, zu dem Präsident Sarkozy eingeladen hatte. Und wir haben den Freitag und Samstag intensiv darüber diskutiert - auch weil wir wussten, dass wir bei der HRE noch mal nachlegen mussten. Und deshalb war diese Garantie der Einlagen am Sonntag auch eine koordinierte Aktion mit anderen Ländern.

Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück am 5. Oktober 2008
AP

Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück am 5. Oktober 2008

SPIEGEL ONLINE: War das für Sie der brenzligste Moment in der Finanzkrise? Waren wir da am nächsten am Abgrund?

Asmussen: Ich würde das gar nicht auf einen bestimmten Tag festlegen. Aber wir standen damals kurz vor der Kernschmelze, wie der damalige Chef der Finanzaufsicht, Jochen Sanio, es einmal formuliert hat. Deshalb war es wichtig, die HRE noch mal zu stabilisieren und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Vertrauen der Menschen in das System nicht verloren geht.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat seine strauchelnden Banken vor allem mit Garantien und Krediten gerettet. Andere Länder, allen voran die USA, haben ihre Institute dagegen zwangsverstaatlicht - und die Anteile später mit viel Gewinn wiederverkauft. War der deutsche Weg falsch?

Asmussen: Mit dem Wissen von heute hätte man einiges wahrscheinlich anders gemacht. Das Hauptziel, das Finanzsystem zu stabilisieren, wurde damals zwar erreicht. Heute würde ich aber auch eher zur Zwangskapitalisierung neigen. Wir haben damals aus ordnungspolitischen Gründen den Banken nur angeboten, freiwillig Kapital vom Staat zu nehmen. Die Amerikaner sind da deutlich härter vorgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Heute stehen die großen deutschen Banken immer noch sehr schwach da. Die Finanzriesen in den USA dagegen strotzen vor Kraft. Ist das noch ein Erbe der Krise?

Asmussen: Nicht nur. Sicher war das Krisenmanagement dort gut. Die US-Banken sind aber auch nur von einer Welle der Krise getroffen worden, der sogenannten Subprime-Krise , die vom amerikanischen Immobilienmarkt ausging. Die europäischen Banken dagegen wurden von drei Wellen getroffen: Zuerst von der Subprime-Krise, dann aber auch noch von der europäischen Staatschuldenkrise und der Krise fauler Kredite.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest die europäische Staatsschuldenkrise hätte man vielleicht vermeiden können, wenn man bei der Bankenrettung eine gesamteuropäische Lösung gewählt hätte, bei der alle Euro- oder EU-Staaten gemeinsam für die Rettung aller Banken geradegestanden hätten. Das hat Deutschland aber verhindert. Jeder müsse vor seiner eigenen Tür kehren, war damals die Ansage der Bundesregierung.

Asmussen: Das ist eine sehr vereinfachte Sicht der Dinge. Wir hatten damals einfach keinen europäischen Instrumentenkasten. Heute gibt es eine gemeinsame Bankenabwicklung und den Rettungsfonds ESM - das gab es damals alles noch nicht. Also musste man aus dem Stand koordinierte nationale Lösungen wählen. Auch wenn das natürlich nicht der beste Weg war.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile gibt es den ESM, die Bankenaufsicht und härtere Eigenkapitalregeln - sind damit alle Gefahren gebannt?

Asmussen: Das Finanzsystem ist stabiler als vor zehn Jahren. Aber natürlich gibt es keine vollkommene Sicherheit. Die europäische Bankenunion ist noch nicht vollendet - und vor allem außerhalb des Bankensystems bauen sich neue Gefahren auf: all das, was man das Schattenbankensystem nennt, also zum Beispiel Hedgefonds. Wenn man den Bankensektor stärker reguliert, weicht die Tätigkeit eben aus. Aber das Risiko ist ja nicht weg, es liegt nur woanders. Und von dort dürfte wahrscheinlich auch die nächste Finanzkrise kommen.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump dreht in den USA einen Teil der Finanzmarktregulierung wieder zurück. Wie gefährlich ist das?

Asmussen: Das lehne ich klar ab. Wer durch diese Krise gegangen ist, weiß, dass wir vorher zu viel dereguliert haben. Diesen Fehler darf man jetzt nicht wiederholen. Und wenn die USA jetzt die Regulierung wieder lockern, setzt das auch die Europäer unter Druck. Niemand weiß, was die Briten nach dem Brexit machen. Und dann gibt es auch hier irgendwann wieder eine Deregulierungsdebatte.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren vor der Krise an der Liberalisierung der Finanzmärkte beteiligt und haben sich unter anderem in einem Aufsatz in einer Fachzeitschrift für Kreditverbriefungen stark gemacht - jene Papiere, die letztlich zu einem Kernproblem der Krise wurden, weil sie die faulen US-Immobilienkredite bei Banken in aller Welt verteilten. Bereuen Sie das heute?

Asmussen: Es gab damals eine seit 20 Jahren andauernde Welle der Deregulierung des Finanzsektors - in der Politik, den Medien und der Wissenschaft - und ich war bis zum Krisenausbruch ein Teil davon, das habe ich wiederholt schon selbstkritisch gesagt. Die Banken hatten damals zum Beispiel zu wenig Eigenkapital oder durften zu viele Geschäfte neben der Bilanz machen. Zu dem Artikel über Verbriefungen kann ich sagen: Ja, der ist unter meinen Namen erschienen und ich trage dafür selbstverständlich die volle politische Verantwortung. Ich habe ihn aber nicht geschrieben und auch vor der Veröffentlichung nicht gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat ihn denn geschrieben?

Asmussen: So funktionieren Ministerien. Da kommt eine Anfrage für einen Namensartikel in einer Fachzeitschrift, und dann schreibt der Apparat das. Heute weiß ich: Man sollte es zumindest vor der Veröffentlichung lesen.

Im Video: Die große Pleite 2008 - Anatomie der Finanzkrise

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Seite 1
Sandlöscher 12.09.2018
1. Lustig
ausgerechnet Herrn Asmussen zu befragen. Da trifft das Sprichwort „den Bock zum Gärtner machen“ zu. Herr Asmussen steht für die Deregulation des Finanzsektors in D, der diese Exzesse auch in D ermöglichte. Seine Rolle im Fall der Pleite der IKB (er war im Aufsichtsrat) war für den Steuerzahler sehr teuer. Sein ehemaliger Chef , Herr Steinbrück, hat ja auch einen Superjob in Sachen Hyporeal Estate abgeliefert. Hans Eichel hat den Hedgefonds in D Tür und Tor geöffnet. Herr Asmussen hat sein Salär trotzdem weiterhin vom Steuerzahler erhalten. Jetzt ist er wieder Banker. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Deregulation und der Steuerzahler hat es bezahlt. So verkauft man totales Versagen. Schade, dass SPON ein derart schwaches Interview führt. Den interessierten empfehle ich das Nachlesen im Netz, was dieser Herr mitzuverantworten hat. So schnell darf man das nicht vergessen.
cup01 12.09.2018
2. Das Gute....
Der nächste Crash wird der Letzte sein.
kittti 12.09.2018
3. So blauäugig kann keiner sein !
"So funktionieren Ministerien. Da kommt eine Anfrage für einen Namensartikel in einer Fachzeitschrift, und dann schreibt der Apparat das. Heute weiß ich: Man sollte es zumindest vor der Veröffentlichung lesen." Damit hat Herr Asmussen sich als absoluter Amateur geoutet. Und dieser Mensch war einer der Berater der damaligen Bundesregierung ? Unfassbar !!
carahyba 12.09.2018
4. Herr Kaiser,
warum haben Sie Jörg Asmussen nicht nach den EZB-Salden-II gefragt. Asmussen war da derjenige, der dieses Instrument wie es heute gehandhabt wird, umgesetzt hat.
Malto Cortese 12.09.2018
5.
Zitat von Sandlöscherausgerechnet Herrn Asmussen zu befragen. Da trifft das Sprichwort „den Bock zum Gärtner machen“ zu. Herr Asmussen steht für die Deregulation des Finanzsektors in D, der diese Exzesse auch in D ermöglichte. Seine Rolle im Fall der Pleite der IKB (er war im Aufsichtsrat) war für den Steuerzahler sehr teuer. Sein ehemaliger Chef , Herr Steinbrück, hat ja auch einen Superjob in Sachen Hyporeal Estate abgeliefert. Hans Eichel hat den Hedgefonds in D Tür und Tor geöffnet. Herr Asmussen hat sein Salär trotzdem weiterhin vom Steuerzahler erhalten. Jetzt ist er wieder Banker. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Deregulation und der Steuerzahler hat es bezahlt. So verkauft man totales Versagen. Schade, dass SPON ein derart schwaches Interview führt. Den interessierten empfehle ich das Nachlesen im Netz, was dieser Herr mitzuverantworten hat. So schnell darf man das nicht vergessen.
Klarer Fall von Bock ist Gärtner.
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