Zehn Jahre Lehman-Pleite Von der Finanzkrise zu Trump

Zehn Jahre nachdem der Kollaps der Bank Lehman Brothers eine weltweite Wirtschaftskrise auslöste, ist die Panik von damals fast vergessen. Nur eine Konsequenz wird lange nachhallen: US-Präsident Trump.

Lehmann Brothers 2008, Donald Trump
EPA/dpa; AFP

Lehmann Brothers 2008, Donald Trump

Von , New York


Die einstige Zentrale von Lehman Brothers hat bessere Zeiten gesehen. Das Hochhaus in der Nähe des Times Square in New York, heute im Besitz der britischen Barclays Bank, ist unten eingerüstet, weiter oben platzt die Verkleidung ab. Lastkräne parken vor dem Eingang, aus dem damals schockierte Angestellte strömten, Pappkartons in den Armen.

Montag, 15. September 2008: Nach einem Wochenende hektischer, aber erfolgloser Rettungsversuche meldete die US-Investmentbank Lehman Brothers Konkurs an. Die folgenreichste Insolvenz aller Zeiten brachte die Finanzwelt an den Abgrund und stürzte Amerika in eine Rezession, die sich um die Welt fraß.

Zehn Jahre später scheint jene Panik fast vergessen zu sein. Doch die Folgen haben die USA dramatisch verändert und hallen weiter nach: Die Krise zerstörte den "American Dream" - und führte schließlich zum Aufstieg von Donald Trump.

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Verursacher, Krisenmanager, Profiteure: Die Akteure der Finanzkrise - und was sie heute machen

Nationalismus, Protektionismus, politische Polarisierung: Die Wurzeln für Trumps Erfolg liegen im Crash von 2008, in dessen mangelnder Aufarbeitung, im schleppenden, ungleichen Aufschwung danach und in der Wut darüber, die das Land tief geteilt hat. "Präsident Trumps Wahl", attestiert Kolumnist Andrew Ross Sorkin in der "New York Times", "war ein direktes Resultat der Finanzkrise."

Als die ihren Siedepunkt erreichte, war Trump offiziell sogar noch ein Demokrat, auch wenn er im Präsidentschaftswahlkampf 2008 den Republikaner John McCain unterstützte. Doch Trumps politische Ansichten interessierten da kaum jemanden.

Die USA hatten 2008 andere Sorgen. Die Lehman-Pleite platzte mitten in besagten Wahlkampf und drehte die Stimmung zugunsten des "Hope"-Kandidaten Barack Obama. Der stellte die Weichen für das Ende der Krise - und unbewusst für den Anfang der Trump-Ära.

Lehman-Chef Richard Fuld (2008)
AP

Lehman-Chef Richard Fuld (2008)

Die Rezession zerstörte den Mythos des amerikanischen Traums, indem sie dessen Grundfesten vernichtete: Jobs, Eigenheime, eine gesunde Mittelschicht. Als das Kartenhaus der Ramschhypotheken einstürzte, riss es Banken und deren Kunden mit. Allein der Lehman-Kollaps radierte fast 700 Milliarden Dollar Vermögen aus.

Acht Millionen Arbeitsplätze: weg. Vier Millionen Häuser: zwangsversteigert. Mit der Zahl der neuen Armen stieg die Selbstmordrate. Die Politik unterschätzte das Leid - und den Zorn. Die Krise raubte vielen den Glauben an den Staat, die Institutionen, die Medien und die Intellektuellen, die das nicht geahnt hatten.

Die Verursacher der Krise hingegen kamen meistens davon. Sie büßten allenfalls ihre Titel ein (mit lukrativen Abfindungen), wurden juristisch jedoch nie belangt: Kein einziger US-Banker landete hinter Gittern.

Auch die Börsenkurse an der Wall Street erholten sich bald wieder - und haben längst neue Höchststände erreicht. Doch die bis zu 45 Millionen Amerikaner, die in Armut leben, warten bis heute auf bessere Zeiten. Das bestärkt nur den Eindruck, dass der neue Wohlstand allein den Reichen zugute kommt - zumal Löhne und Gehälter inflationsbereinigt sogar leicht gesunken sind.

Occupy Wall Street gegen NYPD-Cop (2012)
AP

Occupy Wall Street gegen NYPD-Cop (2012)

Bei den Linken entlud sich die Empörung über das Finanzsystem in der Occupy-Wall-Street-Bewegung, bei den Rechten in der Tea Party, getragen von einer breiteren Antipathie gegen Obama und seine Politik. Alleingelassen und überrollt von gesellschaftlichen, demografischen und technologischen Umwälzungen, waren diese "forgotten Americans" ein gefundenes Fressen für Trump, seine Demagogie und seine Sündenböcke - Ausländer, Einwanderer, Muslime, die bösen Freihandelspartner.

"Finanzkrisen tendieren dazu, Wählerschaften zu radikalisieren", schreiben die Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi aus Chicago in "House of Debt", einer 232-seitigen Analyse der Rezession in den USA und ihrer Auswirkungen in Europa: In der Regel steige der Anteil der "linken oder rechtsgerichteten Radikalen" danach.

Trumps letzter Wahlspot 2016 war eine zweiminütige Tirade gegen die "globale Machtstruktur", wie er intonierte, "die unsere Arbeiterklasse ausgeraubt, unserem Land seinen Reichtum abgenommen und dieses Geld in die Taschen einer Handvoll großer Konzerne und politischer Einrichtungen gesteckt" habe.

Trump im Wahlkampf 2016
AP

Trump im Wahlkampf 2016

Dass der Milliardär Trump selbst ein Mitglied dieser Machtstruktur ist und jetzt die Wall Street wieder entfesselt, stört anfangs wohl wenig. Der Linksruck der US-Demokraten und der jüngste Erfolg sozialistischer Kandidaten zeigt aber: Die andere Seite schläft nicht - vor allem, da sie ihren Wahlschock überwunden hat.

Die Wut kocht weiter. Das "Wall Street Journal" berichtete jüngst von einem Lehman-Anleger, der seinerzeit 25.000 Dollar in die Bank investiert hatte: Endlich habe der seine Vergleichszahlung bekommen - einen Scheck über exakt 35,98 Dollar.

insgesamt 35 Beiträge
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Gebr.Engels 15.09.2018
1. Ausgerechnet Trump
Trump hat einige -sehr zaghafte- Versuche der Regulierung des Finanzsektors durch Obama inwischen ja wieder kassiert. Ich empfehle Interessierten hierzu immer folgende Lektüre: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wirtschaft/freut-euch-nicht-zu-frueh-80309 , danach hat man vielleicht eine Ahnung wie es um uns steht. Hier wird auch einer der wenigen Banker vorgestellt der "gesessen" hat, nämlich Kweku Adoboli (UBS). Wie konnte er 2,3Mrd Dollar (Platz 3 der Weltrangliste der "Schurkenhändler") einfach so verzocken? -Ganz einfach: "Er schob Verluste in die Zukunft, Gewinne in die Vergangenheit, er schrieb sie ins System, und sie wurden Wirklichkeit". Es wird auch dargestellt wie es früher einmal war: Damals konnten die Händler ihre Verluste nach Glockenschluss nicht einfach irgendwohin buchen, "es wurde abgerechnet. Auf dem Parkett. Cash. Und fehlte einem dazu das Geld, verlor er noch am Abend seinen Sitz." Btw: Verluste in die Zukunft buchen? kommt mir irgendwie bekannt vor, wie war das nochmal mit den Griechenland-Krediten?
der IV. Weg 15.09.2018
2. Zitat: Dass der Milliardär Trump selbst ein Mitglied ..
.. dieser Machtstruktur ist und jetzt die Wall Street wieder entfesselt, ... zeigt wie unglaublich dumm diese Wähler waren. Wählten sie doch ihre eigenen Schlachter. Von der Seite gesehen hat die Demokratie auch ihre Nachteile. Ich hoffe ja gerne dass die Wähler in D etwas schlauer sind, allein mir fehlt der Glaube. GsD
insideman 15.09.2018
3. Einiges durcheinander...
Pitzke ist kein Ökonom oder zumindest Wirtschaftsjournalist, und das merkt man leider in vielen seiner Artikeln. Die Krise der US Mittelschicht begann schon lange vor der Lehman-Pleite. Die Verlagerung von gut bezahlten Mittelklasse-Jobs ins Ausland und die damit einhergehende Globalisierung begannen schon in den späten 80er Jahren. Trump ist eher jemand der versucht diesen Trend umzukehren, in dem er offen die CEOs der Firmen angreift die Jobs und Produktionsstädten ins Ausland wie Mexiko oder Asien verlagert haben, oder dabei sind. Die Unternehmenssteuerreform diente lediglich dem Zweck, mehr Firmen dazu zu bewegen, wieder mehr Jobs in der Herstellung und Produktion in die USA zu verlegen. Natürlich wurden nach Lehman die Falschen bestraft, und es war ein Versäumnis das niemand der Verantwortlichen auch strafrechtlich verfolgt wurde. Aber so einfach kann man es sich dann doch nicht machen. Das republikanische Stammland ergo die Staaten zwischen der East und Westküste haben auch in der Immobilienkrise keine Exzesse bei Häuserpreisen erlebt. Das Zentrum dieser Krise war Florida und New York. Das 2012 Obama mit großer Mehrheit eine zweite Amtszeit bekam, spricht auch völlig gegen Pitzke's These. Die Ursachen die einen Präsidenten Trump möglich gemacht haben, sind deutlich differenzierter und liegen viel weiter zurück. Pitzke versucht sich an einer einfachen Antwort, scheitert aber grandios.
bauklotzstauner 15.09.2018
4.
Zitat von der IV. Weg.. dieser Machtstruktur ist und jetzt die Wall Street wieder entfesselt, ... zeigt wie unglaublich dumm diese Wähler waren. Wählten sie doch ihre eigenen Schlachter. Von der Seite gesehen hat die Demokratie auch ihre Nachteile. Ich hoffe ja gerne dass die Wähler in D etwas schlauer sind, allein mir fehlt der Glaube. GsD
Zur ganzen Wahrheit gehört aber eben auch, daß die einzige Alternative zu Trump 2016 die von der Wallstreet gekaufte Hillary Clinton war, deren Ehemann als Präsident einst wichtige Weichen in Richung Finanzkrise stellte (Aufkündigung des Glass-Steagal-Acts), die noch nicht mal rhetorisch gegen das "Große Geld" anging. Ja, im Gegenteil den "linken" Gegenkandidaten Sanders mit übelsten und illegalen Methoden aus dem Rennen warf - was ausdrücklich von der Demokratischen Partei so mitgetragen wurde. Woher da der "Linksruck" kommen soll, den Spon hier am Ende des Artikels behauptet, ist mir bestenfalls schleierhaft. Nur aus dem wortreichen Bekämpfen Trumps?
kirase 15.09.2018
5.
Zitat: "Der Linksruck der US-Demokraten und der jüngste Erfolg sozialistischer Kandidaten zeigt aber: Die andere Seite schläft nicht - vor allem, da sie ihren Wahlschock überwunden hat." Sie schläft nicht. Die Art der Reaktion ist aber unüberlegt und wird dazu beitragen Trumps Wiederwahl zu ermöglichen. Die sozialistischen Kandidaten sind zu offensichtlich Verführer welche sich für Dinge einsetzen die offensichtlich sehr schlecht für das Land wären. Firmen privatisieren, Profit verbieten, alle vorstellbaren sozialen Leistungen komplett "kostenfrei" machen, ein Grundrecht auf Arbeitsplätze schaffen, ein Grundrecht auf Wohnraum schaffen, Grenzen abschaffen, Grenzkontrollen abschaffen, Wahlrecht für jeden, inklusive illegaler Immigranten usw. Sie versuchen demokratischen Sozialismus als soziale Demokratie zu verkaufen und argumentieren dazu mit Lügen wie das Dänemark ein gutes Beispiel dafür sei das Sozialismus funktionieren würde. Den Bürgern geht es aktuell viel zu gut als das sie auf solche Lügen reinfallen würden. Interessant wird der Umgang mit der nächsten Finanzkrise welche anscheinend in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Diese könnte dann den genannten sozialistischen Kandidaten in die Hände spielen.
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