Lehren aus der Lehman-Pleite Wie die Finanzwelt die Politik erpresst

Die Politik wähnte sich mächtig, als sie vor drei Jahren die US-Investmentbank Lehman Brothers pleitegehen ließ. Ein fataler Irrtum. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie sehr das Wohl der Staaten an ihren Banken hängt - und dass Regierungen den Märkten nur hinterherhecheln. Gerade jetzt in der Euro-Krise.

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Politiker beim G20-Gipfel im Herbst 2010: Viel vorgenommen, wenig erreicht
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Politiker beim G20-Gipfel im Herbst 2010: Viel vorgenommen, wenig erreicht


Hamburg - Henry Paulson muss sich stark fühlen an jenem 15. September 2008. Der US-Finanzminister hat eine schwere Entscheidung zu treffen: Zweimal ist er bereits mit Staatsgeldern eingesprungen, um strauchelnde Banken zu retten: bei der Investmentbank Bear Stearns sowie bei den Immobilienfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac. Nun steht Lehman Brothers vor der Pleite - die viertgrößte Investmentbank an der New Yorker Wall Street. Keiner der Konkurrenten will das Institut übernehmen. Nur noch Paulson kann helfen.

Der Minister war früher selbst Chef einer Investmentbank. Erst vor kurzem ist er von Goldman Sachs Chart zeigen auf die Seite der Politik gewechselt. Nun will er ein Zeichen setzen: Die Regierung ist stärker als die Finanzwelt. Sie hat es in der Hand, einen Giganten wie Lehman Brothers zu retten oder ins Verderben zu schicken. Paulson lässt die Bank fallen.

Die Pleite von Lehman Brothers sollte eine Machtdemonstration der Politik werden - am Ende wurde daraus das Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit.

Paulsons fatale Entscheidung liegt nun drei Jahre zurück. Doch sie bewegt die Finanzwelt bis heute. Denn das, was nach Lehman kam, war eine ökonomische Katastrophe: Die halbe Weltwirtschaft erstarrte vor Schreck. Banken in Europa und den USA liehen sich untereinander kein Geld mehr. Um ein noch größeres Desaster zu vermeiden, mussten die Staaten gleich reihenweise mit Steuergeldern einspringen. Die Volkswirtschaften der westlichen Welt stürzten in die Rezession. Und die Staaten türmten enorme Schuldenberge auf - eine der Hauptursachen für die aktuelle Euro-Krise und die Haushaltsmisere in den USA.

Vor allem aber ist seit Lehman klar: Viele Banken sind so groß, dass die Regierungen sie nicht pleitegehen lassen können. Im Umkehrschluss hieß das: Die Finanzriesen haben eine Überlebensgarantie. Die Politik ist erpressbar.

Seitdem wurde viel geredet. Über das "Primat der Politik", das es wiederherzustellen gelte. Eine "Ära der Verantwortungslosigkeit" werde beendet, jubelte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem der vielen internationalen Krisengipfel. Doch geschehen ist seitdem wenig.

Drei Jahre nach der Lehman-Katastrophe kündigt sich das nächste Bankenbeben an. Wie damals trauen die Geldhäuser sich gegenseitig nicht mehr über den Weg - und auch die Investoren haben die Zuversicht verloren: Seit Anfang August rauschen die Aktienkurse nach unten. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht sich bereits an den Herbst 2008 erinnert.

Die Regierungen haben ein Monster gezüchtet

Die Politik hat es versäumt, sich aus ihrer Abhängigkeit von der Finanzwelt zu lösen. Noch immer sind die Banken "too big to fail" - zu groß, um pleitezugehen. Auch deshalb müssen die Regierungen Europas all die Hilfspakete für Griechenland, Portugal oder Irland schnüren: Um ihre eigenen Banken zu retten, die haufenweise Staatsanleihen der Krisenländer in ihren Bilanzen haben.

Die Euro-Krise zeigt besonders deutlich, dass die Regierungen zu Getriebenen der Finanzmärkte geworden sind. Ob Notkredite, Rettungsschirme oder Anleihenkäufe - die Märkte bekommen, was sie wollen. Und die Politik wirkt umso machtloser, je länger sie sich gegen das Unvermeidliche zu sträuben versucht.

Doch wer ist Schuld an der prekären Lage? Stecken hinter den Finanzmärkten böse Mächte, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Politik zu unterwerfen? Schon im Mai 2008, vier Monate vor dem Lehman-Desaster, sprach der damalige Bundespräsident Horst Köhler von den Finanzmärkten als "Monster", das in seine Schranken gewiesen werden müsse. Was Köhler damals weitgehend verschwieg: Die Politik hatte dieses Monster selbst erst gezüchtet.

Deregulierung hieß die Devise von den achtziger Jahren bis zum Jahr 2007: In den USA unterschrieb der damalige Präsident Bill Clinton 1994 ein neues Bankengesetz, das Instituten erlaubte, im ganzen Land tätig zu werden. 1999 hob er die seit mehr als 60 Jahren geltende Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken auf. Hinzu kam seit Anfang der neunziger Jahre eine laxe Geldpolitik der US-Notenbank Fed, die die Finanzwelt mit billigen Krediten fütterte.

Auch Deutschland setzte voll auf die Entfesselung der Bankenbranche: "Die gewaltigen Potentiale des deutschen Finanzmarktes" müssten vollständig ausgeschöpft werden, schrieb das Bundesfinanzministerium noch 2005 auf seiner Internetseite. Dabei rühmte sich das damals noch SPD-geführte Ministerium: "Die Bundesregierung hat es Kreditinstituten erleichtert, Kreditforderungen zu verbriefen" - eine Praxis, die damals in den USA so extensiv betrieben wurde, dass sich daraus zwei Jahre später, im Jahr 2007, die erste Stufe der Weltfinanzkrise entwickelte.

Da war das Monster längst so groß geworden, dass die Politik es nicht mehr einfangen konnte. Von nun an diktierten die Finanzmärkte den Regierungen, was diese zu tun und zu lassen haben. Die Bankenrettungen im Herbst 2008 machten die neuen Machtverhältnisse lediglich für alle sichtbar.

Hektische Alibi-Aktionen statt wirklicher Emanzipation

Märkte haben keine Moral. Woher auch? Sie bestehen aus einer Masse von Individuen, die alle nach dem für sie größten Gewinn streben. Deshalb darf auch niemand von ihnen erwarten, dass sie moralisch handeln und zum Beispiel freiwillig Griechenland vor der Pleite retten. Es ist vielmehr an der Politik, den Rahmen für die Marktteilnehmer so zu setzen, dass in der Summe kein Schaden für die Allgemeinheit entsteht.

Doch dazu müsste die Politik erst einmal wieder die Hoheit über ihr eigenes Handeln gewinnen. Wie das gehen soll, weiß momentan niemand so recht. Die bisherigen Versuche verliefen ernüchternd: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble setzte im August zwar durch, dass sich private Banken und Versicherungen mehr oder weniger freiwillig am neuen Rettungspaket für Griechenland beteiligen. Doch der Coup droht zum Flop zu werden, wenn die angekündigte Beteiligungsquote von 90 Prozent nicht erreicht wird.

Auch sonst ist die Politik kaum vorangekommen bei dem Versuch, sich von Banken und Finanzmärkten zu emanzipieren. Die geplante Bankenabgabe fällt so niedrig aus, dass sie das Kräfteverhältnis kaum umkehren wird. Und ob die von einigen Ländern Europas angepeilte Finanztransaktionssteuer jemals kommen wird, steht in den Sternen - zu schwierig ist es, so viele verschiedene Staaten politisch auf eine Linie zu bringen.

Um wenigstens ein bisschen Stärke zu demonstrieren, versuchen es einzelne Staaten immer wieder mit hektischen Alibi-Aktionen wie dem Verbot von Leerverkäufen. Doch zähmen können sie die Märkte damit kaum: Obwohl seit August in Frankreich ein Leerverkaufsverbot für Bankaktien gilt, rauschen die Kurse von BNP Paribas Chart zeigen oder Société Générale Chart zeigen ungebremst nach unten.

Ein wenig Hoffnung macht lediglich die geplante Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften. Um künftige Krisen besser ohne Staatshilfe auffangen zu können, sollen vor allem Großbanken dazu verpflichtet werden, ihr Eigenkapital zu stärken. Ganz ohne staatliche Hilfe werden sie im Notfall aber wohl trotzdem nicht auskommen.

Der nächste Test für das Machtverhältnis zwischen Märkten und Politik könnte der Fall Griechenland sein. Doch bei genauerem Hinsehen ist auch dieser Kampf schon entschieden. Selbst wenn sich Europas Regierungen dazu durchringen sollten, das schuldengeplagte Land pleitegehen zu lassen, dürfte dies ein Sieg für die Finanzwelt sein. Durch die Rettungspakete von EU und IWF sowie die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank liegt der Großteil der griechischen Schulden nämlich längst bei der öffentlichen Hand. Die größten Risiken einer Pleite tragen also die Steuerzahler und nicht die Banken.

Die Politik wird wohl noch eine ganze Weile eine Getriebene der Märkte bleiben.

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insgesamt 212 Beiträge
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Seite 1
das_dunkle_Orakel 14.09.2011
1. Fragen über Fragen
Zitat von sysopDie Politik wähnte sich mächtig, als sie*vor drei Jahren die US-Investmentbank Lehman Brothers pleitegehen ließ. Ein fataler Irrtum. Die Finanzkrise hat gezeigt,*wie sehr*das Wohl der Staaten an ihren Banken hängt - und*dass Regierungen den Märkten*nur hinterherhecheln. Gerade jetzt in der Euro-Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785824,00.html
Warum muss ein Staat private Banken retten? Damit die Wirtschaft weiter arbeiten kann? Unsinn. Der Staat sollte eigene Banken (oder nur eine) etablieren und diese können dann mit Krediten die Wirtschaft am Laufen halten. Denen sollte es auch verboten werden, riskante Finanzgeschäfte zu tätigen. Die einfachen ursprünglichen Aufgaben (Kredite vergeben für Land und Leute) müssen alleinige Aufgabe sein. Zinsen sollten moderat sein. Wenn dann die privaten Banken nicht mehr arbeiten, ist immer eine Alternative vorhanden.
Emmi 14.09.2011
2. Zu groß um pleite zu gehen? - Verkleinern!
Wenn die Banken zu groß sind, um sie pleite gehen lassen zu können, dann müssen sie eben verkleinert werden. Bei vielen kleinen Banken ist es nicht so schlimm, wenn mal eine pleite geht und erpressen kann so eine kleine Bank keinen Staat. Man muss es nur wollen und tun: Die Großbanken zerschlagen!
friedliche 14.09.2011
3. Genau da liegt der Hase im Pfeffer!
Endlich mal ein richtiger Ansatz, um dieses entartete System in den Griff zu bekommen: Die Diktatur des Großkapitals muss beendet werden! Es wird immer nur rumgedoktert, oberflächlich behandelt, aber die Grundübel bleiben bestehen. Solange mit reinen Spekulationen soviel Geld verdient werden kann, ohne dass auch nur ansatzweise eine Wertschöpfung erfolgt, muss es zu Ungleichgewichten und damit Spannungen kommen, die sich entladen müssen. Schon lange hat die sog. Finanzindustrie die Politik am ausgetreckten Arm und diktiert, wohin der Hase zu laufen hat. Versuchen Sie doch mal, heutzutage ein Unternehmen zu gründen! Aussichtslose Kiste, sobald Sie auf Kredite angewiesen sind. Kein Wirtschaftsministerium, niemand kann hier Einfluss ausüben, keine Chance. Und dann werden solche Kröten wie Griechenland geschluckt, obwohl das jeglichen Geboten der VW/BW widerspricht. Die ESM-Verträge gleich noch hinterher und schon hat das Großkapital sein Ziel erreicht: Vollkommene Abhängigkeit der Politik Europas! Klasse.
scholi3 14.09.2011
4. Titel wurde aberkannt
Zitat von das_dunkle_OrakelWarum muss ein Staat private Banken retten? Damit die Wirtschaft weiter arbeiten kann? Unsinn. Der Staat sollte eigene Banken (oder nur eine) etablieren und diese können dann mit Krediten die Wirtschaft am Laufen halten. Denen sollte es auch verboten werden, riskante Finanzgeschäfte zu tätigen. Die einfachen ursprünglichen Aufgaben (Kredite vergeben für Land und Leute) müssen alleinige Aufgabe sein. Zinsen sollten moderat sein. Wenn dann die privaten Banken nicht mehr arbeiten, ist immer eine Alternative vorhanden.
lol...Der Staat als Unternehmer hat bereits oft genug versagt, und damit meine ich nicht den Sozialismus!
thomasca 14.09.2011
5. Henry Paulson & Lehmann
Paulson war bis kurz vor seinem neuen Job Chef von Goldmann-Sachs, einem der grössten Abkassierer der Finanzwelt und er hatte einen Erzfeind -- den Chef von Lehmann Brothers... Wer glaubt hier gibt es irgendwelche 'rationalen' Gründe dafür Lehmann pleite gehen zu lassen, der irrt... Paulson wollte in seinem neuen Amt seinem Erzfeind mal zeigen wo die 'Harke hängt'...
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