Währungsverfall der Lira "Der Türkei könnte es wie Venezuela oder Simbabwe ergehen"

Nach Ansicht von Wirtschaftsexperte Alexander Kriwoluzky droht der Türkei wegen des Lira-Verfalls der Staatsbankrott. Er sieht nur eine Chance, wie das Land das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen könnte.

Türkische Flaggen in Istanbul
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Türkische Flaggen in Istanbul

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Am Freitag hat die Lira fast ein Viertel ihres Werts verloren. Wie erklären Sie sich diesen massiven Einbruch?

Kriwoluzky: Das war ein erheblicher Kurseinbruch, er war aber weder in seinem Zeitpunkt noch in seiner Höhe überraschend. Diese Entwicklung hatte sich seit Anfang des Jahres abgezeichnet und war zu erwarten. Denn die Ursache für den Lira-Verfall liegt im kaputten Wirtschaftssystem der Türkei: Präsident Erdogan hat die Unabhängigkeit der Zentralbank beschnitten und damit das Vertrauen der Investoren in die Wirtschaft vollends zerstört. Die Lira wird deshalb weiter an Wert verlieren. Der Türkei könnte es ähnlich ergehen wie Venezuela oder Simbabwe.

Zur Person
  • DIW Berlin/Florian Schuh
    Alexander Kriwoluzky ist Abteilungsleiter Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt als Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der 40-jährige Ökonom ist Experte für Währungen und forscht vor allem zum Thema Geldpolitik und die Rolle der Notenbanken.

SPIEGEL ONLINE: Die beiden Länder stehen vor dem Staatsbankrott. Wird es für die Türkei wirklich so schlimm kommen?

Kriwoluzky: Die Parallelen sind sehr deutlich. Auch in Venezuela und Simbabwe waren demokratisch gewählte Präsidenten an der Macht, die ihren Machtbereich immer weiter ausgebaut haben und sich den Zugriff auf die Notenpresse der Zentralbank sicherten, um ihre Macht zu erhalten. Das Ergebnis sind hohe Inflationsraten und ein Zusammenbruch des Wirtschaftssystems.

SPIEGEL ONLINE: Es war also das größte Problem, dass Erdogan die Notenbank massiv unter Druck gesetzt hat?

Kriwoluzky: Ja, er hat seinen Einfluss auf die Zentralbank ausgedehnt, um für ein hohes Wirtschaftswachstum zu sorgen. Das mag sich kurzfristig gelohnt haben, aber langfristig hat er damit das türkische Wirtschaftssystem zerstört. Denn eine Zentralbank, die nicht unabhängig ist, verliert eine ihrer wichtigsten Eigenschaften: Preisstabilität zu sichern und künftige Preiserwartungen zu lenken. Firmen, die auf die Inflationserwartungen einer Zentralbank nicht mehr vertrauen können, werden ihre Preise sicherheitshalber erhöhen. Dadurch wird die Inflation immer weiter angeheizt, bis es zum vollständigen Zusammenbruch der Währung kommt.

SPIEGEL ONLINE: Die Talfahrt der Lira beschleunigte sich, nachdem US-Präsident Trump bekannt gab, die Zollsätze auf türkische Stahl- und Aluminiumprodukte zu verdoppeln. Inwieweit sind die USA verantwortlich für den Kursverfall?

Kriwoluzky: Kurzfristig haben Trumps Ankündigen, die Zölle zu erhöhen, zwar zu weiteren Kurseinbrüchen der Lira geführt. Aber ich denke nicht, dass allein die Zölle zu einer wahnsinnigen Verschärfung der Krise geführt hätten. Dafür sind sie ökonomisch zu unbedeutend. Die Zölle waren mehr als ein Signal Trumps zu verstehen, dass er Erdogan nicht mit Krediten helfen wird.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan selbst hat gesagt, er wolle keine Hilfskredite des Westens annehmen. Wie kommt er also aus der Krise heraus?

Kriwoluzky: Aus ökonomischer Sicht wäre es am besten, wenn er zurücktritt. Ein neuer Präsident könnte die Unabhängigkeit der Zentralbank wiederherstellen. Diese könnte dann die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen. Sie würde damit aber eine tiefe Rezession heraufbeschwören, weil der Wirtschaft Liquidität entzogen würde. Doch bei einem solchen Heilungsprozess käme man daran nicht vorbei. Dass es zu diesem Szenario kommt, halte ich aber politisch für nahezu ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Erdogan stattdessen auf die Krise reagieren?

Kriwoluzky: Erdogan wird einfach weitermachen wie bisher und die Schuld auf den Westen schieben. Doch damit wird er das Vertrauen der Investoren nicht zurückgewinnen: Die Lira wird deshalb weiter an Wert verlieren, die Inflationsraten werden immer weiter steigen. Das könnte einige Jahre so gehen, bis es zu einer Staatsschuldenkrise kommt, eben wie in Venezuela oder in Simbabwe. Dann wird Erdogan Russland oder Iran um Kredite bitten müssen, damit er sein teures Militär finanzieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ihn die Krise seine Präsidentschaft kosten?

Kriwoluzky: Die Krise ist mit Sicherheit die schwerste seiner Amtszeit. Ob es zu seinem Rücktritt kommen wird, ist aber völlig unklar.

SPIEGEL ONLINE: Welches Risiko besteht wegen der türkischen Finanzkrise für die europäische Wirtschaft?

Kriwoluzky: Durch den Lira-Verfall steigt das Risiko, dass türkische Kreditnehmer ihre Verpflichtungen in Dollar oder Euro nicht mehr begleichen können. Das hätte auch Auswirkungen auf Europas Banken: Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien Kredite in die Türkei in Höhe von 145 Milliarden Euro vergeben. Die könnten im schlimmsten Fall weg sein.

SPIEGEL ONLINE: Droht uns also eine zweite Griechenlandkrise?

Kriwoluzky: Natürlich wäre der Euroraum betroffen, da Kredite ausfallen könnten und Europas Unternehmen weniger in die Türkei exportieren würden. Aber es würde nicht zu einer handfesten Krise in der Eurozone kommen. Denn die Krise in der Türkei lässt sich von ihrem Ausmaß her nicht mit der Griechenlandkrise vergleichen: Die Türkei ist kein Euro-Mitglied, die Ansteckungsgefahr ist deshalb sehr gering. Zudem sind Europas Banken bei Weitem nicht mehr so fragil wie vor einigen Jahren. Sie könnten solch einen Kreditausfall verschmerzen, es wird keine Bankenpleiten geben.

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peter-11 13.08.2018
1. voraussehbar
Ein kurzer, treffender und nüchterner Kommentar. Bin echt gespannt wie das weitergeht. Einfach gesundbeten geht nicht, denn als Importland werden die Lebenshaltungskosten durch den Kursverfall der türk. Lira immer höher. Das dürfte in der Folge größere Spannungen geben.
allessuper 13.08.2018
2. Klar auch,
dass die Finanzkonzerne so schnell nicht aufgeben. Das ist eine Art der Kriegsführung gegen die islamische Welt, die sich nicht mehr dem Petrodollar fügen möchte. Insofern ist Erdogans Ablehnung von Hilfskrediten aus dem Westen mehr als verständlich. So wurde ja auch schon Griechenland niedergeputzt. Man muss wahrlich kein Freund von Erdogan sein, um das zu verstehen, denn diese Strategie ist inzwischen so durchsichtig. Ja, man darf gespannt sein, ob er sich aus der Schlinge der Dealer herausziehen kann. "Aus ökonomischer Sicht wäre es am besten, wenn er zurücktritt. Ein neuer Präsident könnte die Unabhängigkeit der Zentralbank wiederherstellen. Diese könnte dann die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen." Wie immer die einzig weiterführende Frage: cui bono. Ohne Zinsen geht ja in der Finanzwirtschaft nicht mehr viel..
bluraypower 13.08.2018
3. Kriwoluzky, absolut korrekte Aussagen...
... die sich mit den meisten anderen Experten im weltweiten Finanzsystem decken. Allein die Zeitspanne des zu erwartenden Kollaps der Wirtschaft in der Türkei sind nicht ganz richtig oder spekulativ. Hier sei auch gesagt das eine genaue Analyse nicht möglich ist, ansonsten aber im Prinzip genau den marktüblichen Analysen entspricht.
eckawol 13.08.2018
4. Nicht nur wie Venezuela oder Simbabwe ,
man erinnere sich an den Staatsbankrott von Argentinien zu Beginn dieses Jahrhunderts ; darunter nicht nur der Währungsverfall, sondern auch die Nichterfüllung von Anleiheschulden, was dann die Kapitalmarktfähigkeit dieses Landes über eine Dekade hinweg ausschloss. In der Krise wurde dann von Präsident Kirchner die Unterstützung des IWF lange abgelehnt....; das Ausland war für die Misere verantwortlich.
4711_please 13.08.2018
5. Das soll noch Jahre so weitergehen?
So ein Staatsbankrott ist doch ab einem gewissen Punkt kein schleichender Prozess mehr. Ich denke, das wird viel schneller gehen. Wenn ich das richtig einschätze, ist die Kreditklemme schon da: keiner leiht der Türkei mehr Geld. Insofern steckt Erdogan schon im Schlamassel. Ich glaube nicht, dass die Russen oder Chinesen der Türkei helfen werden. Die Russen achten sehr darauf, dass da was zurück kommt. Die haben keine Hunderte Milliarden in der Portokasse, um die Türkei an sich zu binden, vor allem wissen die auch, dass der Irre sich nicht binden lässt. War doch erst letztes Jahr, dass die russisch-türkischen Spannungen am sieden waren. Iran hat ganz andere Probleme und auch kein Geld übrig, zudem sind sie Schiiten und bekanntlich mit den Sunniten verfeindeten. Zudem müsste Erdogan bei den Kurden Zugeständnisse machen, sowohl mit den Russen, wie mit den Iraner. Der lässt doch alles wegen eines US-Pastors eskalieren, wo soll man da Zugeständnisse sehen. Venezuela hat ja zumindest noch Öl, die Türkei wird es noch in diesem Herbst sehr schlecht ergehen, mal sehen, ob die Repression die hungernde und siechende Bevölkerung zu unterdrücken vermag. Kann auch sein, dass das Militär wieder putschen wird - in einigen Monaten, nicht Jahren. Denn das türkische Militär erscheint mir unabhängiger als das venezolanische.
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