Trotz Aufschwung Europas Löhne wachsen nur noch um 0,4 Prozent

Europas Arbeitnehmer bekommen vom Aufschwung zu wenig ab: 2017 dürften die Reallöhne laut einer aktuellen Studie kaum wachsen. Dabei gäbe es Spielräume für höhere Löhne - vor allem in Deutschland.

Land-Rover-Werk in Großbritannien
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Die langen Krisenjahre scheint Europa endlich hinter sich zu lassen. Das legt zumindest der Blick auf die gängigen Kriterien nahe. Die Wirtschaft in der EU wächst in diesem Jahr voraussichtlich um 1,9 Prozent - und zum zweiten Mal hintereinander in allen 28 Mitgliedstaaten, selbst in Krisenländern wie Griechenland oder Italien. Die Arbeitslosigkeit dürfte erneut um 0,5 Prozentpunkte auf eine Quote von 8,0 Prozent fallen.

Diesen Aufschwung werden die europäischen Arbeitnehmer im Alltag jedoch kaum bemerken. Ihre Reallöhne werden in diesem Jahr lediglich um 0,4 Prozent steigen, prognostiziert das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Das ist ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Jahr 2016, als die Reallöhne in der EU um 1,5 Prozent zulegten.

Der Hauptgrund dafür liegt in der Inflation. Denn die Veränderungen bei den Reallöhnen errechnen sich, indem die Preissteigerung vom nominalen Lohnzuwachs abgezogen wird. So wird deutlich, wie sich die Kaufkraft der Arbeitnehmer im Schnitt verändert hat. 2016 stiegen die Verbraucherpreise im EU-Schnitt lediglich um 0,2 Prozent - wodurch sich fast die gesamte nominale Lohnerhöhung von 1,7 Prozent auch in einer höheren Kaufkraft bemerkbar machte.

Im Jahr 2017 werden die nominalen Löhne im EU-Schnitt zwar sogar um 2,2 Prozent wachsen - allerdings bei einer erwarteten Inflation von 1,8 Prozent. Einen Großteil der höheren Löhne müssen Arbeitnehmer also für höhere Preise ausgeben. Der Anstieg ihrer Kaufkraft fällt dadurch nur noch mau aus.

Im Detail stellt sich die Situation für Arbeitnehmer in den verschiedenen Ländern der EU jedoch sehr unterschiedlich dar. In der Grafik ist die vom WSI prognostizierte Entwicklung der Reallöhne in den einzelnen Ländern dargestellt:

Deutlich wird: Am stärksten legen die Reallöhne in osteuropäischen Mitgliedstaaten zu, etwa in Rumänien (+8,3 Prozent), Bulgarien (+3,6 Prozent) oder Lettland (+3,7 Prozent). Absolut gesehen sind die Löhne in diesen Ländern immer noch sehr niedrig. In EU-Staaten mit höherem Lebensstandard und höherem Einkommensniveau steigen die Reallöhne hingegen weit schwächer - oder fallen sogar. Während Arbeitnehmer in Irland (+2,3 Prozent), Schweden (+1,1 Prozent) oder den Niederlanden (+1,2 Prozent) noch vergleichsweise hohe Zuwächse an Kaufkraft erleben, müssen die Beschäftigten in Italien (minus 0,7 Prozent), Spanien (minus 1,0 Prozent), Finnland (minus 1,7 Prozent) oder Belgien (minus 0,3 Prozent) damit rechnen, sich von ihrem Lohn weniger leisten zu können als im Vorjahr.

In Deutschland werden die Reallöhne voraussichtlich überdurchschnittlich steigen, um 0,8 Prozent. Damit setzt sich ein Trend der vergangenen Jahre fort: Seit 2009 sind die realen Tariflöhne in acht EU-Ländern nirgendwo stärker als in Deutschland gestiegen (plus neun Prozent). Arbeitnehmer in Belgien und Großbritannien können sich sogar weniger leisten als vor acht Jahren.

In den meisten EU-Staaten ist laut der WSI-Studie in den vergangenen Jahren zudem die Lohnquote gesunken. Sie drückt das Verhältnis zwischen Arbeitseinkommen auf der einen Seite und Unternehmens- und Vermögenseinkommen auf der anderen Seite aus. In Deutschland ist die Lohnquote zwar nicht gesunken, aber trotz der relativ hohen Reallohnzuwächse auch nicht gestiegen:

Deutschlands Arbeitnehmer wurden in den vergangenen Jahren also durchaus gleichberechtigt am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt - ihren Anteil am Kuchen steigern konnten sie aber nicht. Das ist deshalb bemerkenswert, weil dieser Anteil - also die Lohnquote - zuvor, in den Neunziger- und Nullerjahren, erheblich gesunken war. Damals herrschte hohe Arbeitslosigkeit, und die Gewerkschaften waren in einer schwachen Verhandlungsposition.

Inzwischen haben sich die Kräfteverhältnisse auf dem deutschen Arbeitsmarkt aber erheblich verändert: Die Arbeitslosigkeit ist sehr niedrig, Arbeitskräfte werden inzwischen zum knappen Gut. Doch selbst in dieser Boomphase ist es nicht gelungen, den Anteil der Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg zu erhöhen. Dabei könnte das den Binnenkonsum stärken, was wiederum auch dem Rest Europas zugute käme - denn Deutschland würde dann auch mehr aus anderen EU-Staaten importieren.

"Die deutsche Lohnpolitik ist damit weit von einer expansiven Ausrichtung entfernt und steht deshalb nach wie vor in der internationalen Kritik", schreiben die WSI-Forscher. Tatsächlich sprechen sich nicht nur zahlreiche US-Ökonomen, sondern auch die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank nachdrücklich für höhere Löhne aus.

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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
Dr. Murks 01.09.2017
1. Wen überrascht das?
Es wird zwar über Fachkräftemangel gejammert, und Immigration gefordert aber wie man sieht nur um die Löhne zu drücken und die Mieten hoch zu halten.
navysailor 01.09.2017
2.
Solch ein Statistikgereite bringt die echte Unzufriedenheit. Unsere Löhne steigen mehr als die Inflation und das ist doch super. Man kann doch nicht jedes Wachstum 1:1 in die Löhne umlegen? Investitionen ect fressen meist sämtliche Gewinne auf um in Krisenzeiten gut aufgestellt zu sein. In diesen kommt ja auch kein AN an und sagt "... lieber Chef, gib mir 3% weniger - sind harte Zeiten..." Vor allem schreibt ihr heute hüh und morgen hott. Vor ein paar Tagen hieß es noch, dass die Tariflöhne überdurchschnittlich gestiegen sind und jetzt ist wieder alles schlecht. Ist schon alles verwirrend - vor allem für Leser, die keine Raketenwissenschaft studiert haben.
muellerthomas 01.09.2017
3.
"Europas Löhne wachsen nur noch um 0,4 Prozent" Irreführende Überschrift, da es letztlich um die Reallöhne geht, die um immerhin 0,4% wachsen.
muellerthomas 01.09.2017
4.
Zitat von navysailorSolch ein Statistikgereite bringt die echte Unzufriedenheit. Unsere Löhne steigen mehr als die Inflation und das ist doch super. Man kann doch nicht jedes Wachstum 1:1 in die Löhne umlegen? Investitionen ect fressen meist sämtliche Gewinne auf um in Krisenzeiten gut aufgestellt zu sein. In diesen kommt ja auch kein AN an und sagt "... lieber Chef, gib mir 3% weniger - sind harte Zeiten..." Vor allem schreibt ihr heute hüh und morgen hott. Vor ein paar Tagen hieß es noch, dass die Tariflöhne überdurchschnittlich gestiegen sind und jetzt ist wieder alles schlecht. Ist schon alles verwirrend - vor allem für Leser, die keine Raketenwissenschaft studiert haben.
Hier geht es um die EU, in dem Bericht, den Sie erwähnen nur um Deutschland.
jamguy 01.09.2017
5.
Zitat von Dr. MurksEs wird zwar über Fachkräftemangel gejammert, und Immigration gefordert aber wie man sieht nur um die Löhne zu drücken und die Mieten hoch zu halten.
Im Grunde die pimärste Foderung der Bürger ,mehr Geld und genug für Deutschlad zu bekommen da unterscheidet sich Kein Bürgerr von zb.G. Schröder oder sonts Wem in der Regierung.
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