Gerechtigkeit Warum wir alle mehr verdienen sollten

Gerechtigkeitsdebatte hin oder her - deutsche Arbeitnehmer leiden an den Spätfolgen der Agenda 2010: Ihre Löhne sind zu niedrig. Dabei gibt es ernste wirtschaftliche Gründe, den Menschen im Land mehr zu zahlen.

Baustelle in Berlin (Archivbild)
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Baustelle in Berlin (Archivbild)


Jetzt wird bei uns ja schon seit Wochen überlegt, ob es im Land gerecht zugeht oder nicht. Wobei es ein klein bisschen häufiger vorzukommen scheint, dass Leute die Verhältnisse gerecht finden, die im Einkommen, sagen wir, eher am oberen Ende des Problems stehen. Aber das kann natürlich täuschen.

Dabei spricht einiges dafür, dass Deutschland tatsächlich eher zu schlecht zahlt als zu gut. Und dass es ziemlich ernst zu nehmende wirtschaftliche Gründe dafür gibt, alles in allem mehr Lohn und Gehalt zu zahlen. Was, keine Sorge, auch jenen zugutekäme, die gar nicht zu wenig haben. Gerechtigkeit hin oder her.

Der Befund mag überraschen, wo doch ständig zu lesen ist, dass die Deutschen wieder mehr verdienen. Die Reallöhne stiegen 2016 das dritte Jahr in Folge. Das ist allerdings ein bisschen so wie die Freude des Athleten, der nach langer Reha die ersten Schritte macht - toll, aber halt nicht unbedingt schon wieder normal.

Natürlich sollten Reallöhne bei wachsender Wirtschaftsleistung steigen - alles andere wäre ja absurd - und wann, wenn nicht nach ein paar Jahren Aufschwung. Nur stiegen in ähnlich langen Wachstumsphasen die Löhne in Ländern wie Schweden über mehrere Jahre mit Raten von real 2,5 bis vier Prozent.

Von wegen Boom. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft steigen die Lohnkosten selbst im siebten Jahr des Aufschwungs noch langsamer als die Umsätze der Unternehmen - sprich: Die Lohnstückkosten (Löhne je Umsatz) sinken in der Tendenz immer noch und liegen heute sechs Prozent niedriger als 1991. Das heißt: Die Beschäftigten bekommen nach wie vor nur einen unterproportionalen Teil von dem, was erwirtschaftet wird.

Andauernde Schockwirkung

Am mangelnden Geld kann es nicht liegen. Die Dividenden, die Dax-Unternehmen ihren Aktionären zahlen, wurden seit 2005 mehr als verdoppelt. Und auch der Konkurrenzdruck kann es - ungeachtet von Einzelfällen - nicht sein. Die Chinesen sind nach Jahren starker Lohnzuwächse selbst nicht mehr so billig. Gemessen an den Lohnkosten hat sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit seit Mitte der Neunziger um gut 30 Prozent verbessert - keine Umkehr erkennbar.

Wie kann das sein? Wo doch die Macht von Arbeitnehmern bei so deutlich gesunkener Arbeitslosigkeit und Vollbeschäftigung in vielen Regionen enorm gestiegen sein müsste?

Hier könnte die Sache mit der Agenda 2010 einsetzen.

Es spricht einiges dafür, dass ein paar der Reformen andauernde Schockwirkung haben - vor allem jener Mix aus einerseits all den neuen wackeligen Jobformen und andererseits der verkürzten Bezugsdauer von Arbeitslosengeld bei gleichzeitig gestrichener Arbeitslosenhilfe. Dass es seither in vielen Betrieben Leiharbeiter, Minijobber, Teilzeitkräfte und befristet Angestellte gibt, könnte den Druck auf Stammbelegschaften erhöht haben, bloß nicht zu viel Gehalt zu fordern. Noch stärker dürfte die Sorge wirken, bei einer Entlassung ziemlich schnell auf Hartz-Niveau zu landen. Auch das animiert nicht unbedingt, den Chef mal öfter nach mehr Geld zu fragen.

Wie einschüchternd das gewirkt hat, lässt sich an den Lohnkostentrends erkennen. Nach Schätzungen der Bundesbank hatte Deutschland um 1998 noch einen Kostennachteil von durchschnittlich 15 Prozent gegenüber der Konkurrenz, nachdem die Wirtschaft zu einem entsprechend überhöhten Wechselkurs in den Euro gegangen war. Nur war dieser Nachteil schon Anfang der Nullerjahre, vor der Agenda, wettgemacht - durch mäßige Abschlüsse bei uns und starke Zuwächse bei der Konkurrenz. Dann kam besagte Agenda, und die Lohnstückkosten stürzten 2005/06 noch einmal ab: in einer Zeit, in der im Land der Aufschwung schon einsetzte.

Das Ergebnis war eine Art Kostenunterbelastung, die das Hochschnellen von Gewinnen wie Dividenden erklärt und sich für Deutschlands Unternehmen in der Rezession 2009 unverhofft als Glück erwies. Nur so lässt sich erklären, warum die Betriebe trotz Auftragseinbruchs so viel Personal halten konnten.

Die Sache hat nur (mindestens) drei Tücken.

  • Erstens bedeuten durchschnittlich langsam steigende Löhne, dass viele Leute, die unter dem Schnitt liegen, Einkommen verlieren. Zumal wenn einige in der Zeit viel mehr bekommen. Hier kommt der Schulz-Effekt ins Spiel. Die entsprechend gestiegene Ungleichheit hat nach Schätzungen von Ökonomen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu weniger Wachstum und Produktivitätsfortschritt geführt. Nicht gut. Auf Dauer auch nicht für die Bessergestellten.
  • Zweitens hat der Lohnaussetzer zu jenem tückischen Mix aus nochmals verbessertem Export (dank schwacher Lohnkosten) und gleichzeitigem Konsumschwund im Land (wegen schwacher Lohneinkommen) geführt. Was erklärt, warum sich just in der Agenda-Zeit Deutschlands viel zitierter Leistungsbilanzüberschuss binnen vier Jahren mehr als verfünffacht hat - und sich Handelspartner entsprechend hoch verschulden mussten. Krisenalarm. Ein Problem auch für uns. Trump hin oder her.
  • Drittens kollidiert die pathologische Zurückhaltung selbst mit dem, was Ökonomen wollten, die in den Krisenjahren nach mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt zeterten - damals natürlich nach unten. Wenn man schon auf das Wirken von Angebot und Nachfrage von Menschen setzt, müsste das logisch in beide Richtungen gelten. Wenn bei hoher Arbeitslosigkeit die Löhne eher sinken als steigen sollen, muss bei drastisch gesunkener Arbeitslosigkeit und allmählich knapper werdenden Arbeitskräften der Preis für die Arbeit auch umso kräftiger steigen - um Anreize zu setzen, mehr zu arbeiten, sich besser zu qualifizieren und es für qualifizierte Kräfte aus der Ferne attraktiver zu machen, zu uns zu kommen. Hier ist die Sache danebengegangen.

Die Schockreformen haben zwar in der Krise vermeintlich erfolgreich dafür gesorgt, die Ansprüche im Land zu senken, Druck zu erhöhen, alte Sicherheiten zu beseitigen, kurz: für Angst zu sorgen. Jetzt geht nur die Angst nicht mehr weg. Zumindest scheint bei immer weniger Arbeitslosigkeit der Mut zu fehlen, mehr Lohn und Gehalt einzuholen. Zum Wohle aller.

Gleich Montag mal beim Chef vorbeischauen?

Wenn das stimmt, wäre es am besten, gleich Montag mal beim Chef vorbeizuschauen. Wenn das alle machen, hat der keine Chance. Die schlagenden Argumente kennen Sie ja jetzt (nationaler Nachfragemangel, Ungleichheit, Außenüberschussexzesse). Ok, kleiner Scherz.

Das Problem ist, dass man höhere Löhne schlecht verordnen kann (was auch gut ist). Lohnen könnte aber, das eine oder andere zu tun, um die arg einseitig geratene Flexibilität am Arbeitsmarkt sachte zu korrigieren. Etwa über den Mindestlohn - der weit weniger schlimm ist, als es die Löhne-müssen-eigentlich-immer-sinken-Ökonomen meinten. Oder darüber, Arbeitslosengeld wieder länger zu zahlen. Oder, Frevel, gar die alte Arbeitslosenhilfe für Längerarbeitslose wieder einzuführen, wie es der Sachverständige Peter Bofinger meint. Das würde nach empirischen Studien nicht groß schaden, aber womöglich als Angstlöser im Land wirken.

Es ergibt Sinn, Unternehmen Möglichkeiten zu geben, in Krisen flexibel reagieren zu können. Das sollte auch so bleiben. Es ergibt keinen Sinn, Gehälter nach oben systematisch zu bremsen. Weder wirtschaftlich. Noch für die Gerechtigkeit im Land. Wenn die Löhne wieder normaler steigen, wird das für viele Betriebe neue Nachfrage schaffen, sie zu mehr Investitionen animieren - und Gewinn mit sich bringen. Dann haben auch die Aktionäre etwas davon. Nicht dass die noch finden, es ginge nicht gerecht zu.

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Kolumne - Die Rechnung, bitte!


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mps58 07.04.2017
1. Löhne rauf und Steuern runter!
Löhne rauf und Steuern runter müsste die Devise heißen. Stattdessen kommen uns die Politiker mit "mehr Gerechtigkeit", was dann bedeutet, dass wir uns freuen sollen, wenn ein paar Manager weniger Gehalt bekommen, oder gutverdienende Familien mehr Steuern zahlen. Ausser Neidbefriedigung bleibt somit beim Arbeitnehmer eben nichts in der Tasche. Jeden Tag hören wir von verschwendeten Steuergeldern für ideologisch motivierte Schulexperimente und für wirkungslose Sprachkurse. Diesen Politikern muss man weniger Steuern geben und nicht immer mehr. Die müssen erstmal gescheit haushalten lernen.
Newspeak 07.04.2017
2. ..
Die ausfuehrliche Analyse ist gut, aber man kann das Ganze viel einfacher zusammenfassen. Deutschland ist ganz tief verwurzelt ein asoziales Land. Streiks z.B. werden als Unrecht empfunden, als Belastung, als Erpressung und auch teilweise medial so abwertend begleitet. Die Idee, dass man Arbeitslose trietzen muss, findet breite Zustimmung bei der Mehrheit der Bevoelkerung, selbst wenn dieselben Menschen an anderer Stelle selbst unter der verbreiteten Asozialitaet zu leiden haben. Die zeigt sich auch in Fragen der Kinderbetreuung, der Bildungsausgaben, usw., wo sehr vieles immer nur schoen geredet wird, aber jeder mit Augen im Kopf sehen kann, dass seit Jahrzehnten nur gekuerzt und gespart wird. Und Sparen wird dann wieder zum Ideal erkoren, voellig ueberhoeht, die "Schwarze Null" als Ideologie, obwohl jeder Oekonom sagen kann, wie schaedlich es ist, langfristig, im Bildungsbereich zu sparen. Aber Hauptsache die Unis haben schoene Hauptgebaeude fuer die Verwaltung und tolle Namen und schoene Logos und klingen international und bekommen Exzellenzplaketen verliehen, wie Pfadfinder ihre Orden. Ob wirklich was dahinter steckt, interessiert keinen. Und selbst organisiertes Verbrechen, wie bei VW, fuehrt zu keinen staatlichen Sanktionen. DAS ist Deutschland. Aussen hui, innen pfui.
bestrosi 07.04.2017
3. falsche Strategie
Deutschland hat m.E. bei der Arbeitslosenabsicherung den falschen Ansatz, den Kündigungsschutz hoch zu setzen (was Flexibilität verhindert) und die Arbeitslosenunterstützung klein & kurz zu halten (was zu Unsicherheit und Angst führt). Dänemark etwa macht es andersherum und fährt damit gut. Außerdem wird dort (wie auch in Schweden und der Schweiz) auf hohe Löhne sowie breite u. gute Ausbildung geachtet, was zu hoher Produktivität und sinnerfüllter Beschäftigung führt. Deutschland dagegen will sowohl Billgheimer als auch Hightech sein, das geht so nicht.
Pride & Joy 07.04.2017
4. Stärkung der Binnenmärkte durch höhere Löhne
Richtig, Herr Fricke. Anstatt sich darüber zu echauffieren, dass die Franzosen alles falsch gemacht hätten (und wir selbstverständlich alles richtig) und jetzt die Löhne senken sollten. Wäre es an der Zeit, diesen "Hangover" mittels Anhebung der Löhne auszugleichen. Das käme auch allen europäischen Nachbarn zu Gute! Ich wünsche allen ein schönes Wochenende und "quälen" Sie sich nicht zu lange mit der Strategie für Ihre Lohnforderungen herum.
Freidenker10 07.04.2017
5. Danke
Danke das dieses Thema nicht vollens verschwindet! Aber was mir immer auffällt ist die Schonung der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften liegen schon seit jahren mit der Arbeitgeberseite im Bett und verraten ihre Mitglieder! Die Abschlüsse die seit 25-30 Jahren "ausgehandelt" wurden tragen zu dieser Lohnentwicklung maßgeblich bei! Die Politik ist schuld daran, dass noch nicht mal diese lausigen Tarifverträge flächendeckend eingehalten werden, sondern der tariflich abgedeckte Bereich Jahr für Jahr sinkt! Die Arbeitnehmer werden so zum Freiwild für Arbeitgeber so nach dem Motto" friss oder stirb"! Dieses Lohndumping hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die zu erwartende Rente, die natürlich bei realem Einkommensverlust deutlich niedriger ausfallen wird! Unsere Regierungen der letzten 30 Jahre sind leider viel zu Wirtschaftshörig und selbst die grundlegensten Bedürfnisse, nähmlich von seinem Vollzeitlohn auch leben zu können werden nicht mehr eingehalten! Ein weiterer Punkt ist die Definition von Mittelstand: Man zählt tatsächlich ab einem Nettoeinkommen von 1180 Euro/Monat zum Mittelstand! Das ist die Frechheit schlechthin! So manipuliert man die Armut in Deutschland nach unten. Würde halt auch schlecht klingen wenn 40% der Menschen von Armut betroffen wären und man gleichzeitig davon faselt wie gut es dem Land doch geht! Gut und immer besser geht es nur einer kleinen Kaste im Lande, aber um die scheint sich alles zu drehen...
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