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Streit um Londons Luxusimmobilien: My Keller is my Castle

Von , London

Luxusimmobilien in London: Ein Haus mit Tiefgang Fotos
RIGBY&RIGBY

Ein unterirdischer Tennisplatz - warum nicht? Weil die meisten Stadthäuser keinen Platz für Schwimmbad und Heimkino bieten, lassen Londons Superreiche graben, gern auch mehrere Geschosse tief. Die Nachbarn laufen Sturm, die Behörden wollen dem Treiben ein Ende setzen.

Touristen sind entzückt, wenn sie sich im Londoner Stadtteil Notting Hill verlaufen. Niedliche Reihenhäuschen mit Sprossenfenstern verströmen Puppenstuben-Charme. Alles wirkt so menschlich und gemütlich. Die Eigentümer der Häuschen stehen jedoch regelmäßig vor einem Problem: Wohin mit meinem Heimkino?

Londons Superreiche, die mehrere Millionen in ein Haus in Nobelbezirken wie Kensington, Chelsea oder eben Notting Hill investieren, stellen gewisse Ansprüche. An- und Aufbauten sind aus Gründen des Stadtbilds aber meist nicht erlaubt. Der Trend geht daher zum Tiefbau: Wer es sich leisten kann, lässt schweres Gerät anrücken und baut sein Traumhaus im Untergrund.

Der Ehrgeiz kennt dabei kaum Grenzen. Ein amerikanischer Banker beantragte vier Kellergeschosse, um ein extratiefes Schwimmbad mit Sprungturm unterzubringen. Der kanadische Medienmogul David Graham wollte sein Stadthaus dreistöckig unterkellern, um endlich Platz für einen repräsentativen Ballsaal zu haben. Und Immobilienmakler Jon Hunt reichte Pläne für einen unterirdischen Tennisplatz ein - nebst einer Garage für seine Ferrari-Sammlung.

"Das sind keine Keller, sondern riesige unterirdische Vergnügungspaläste", sagte die Labour-Abgeordnete Karen Buck vergangene Woche im Unterhaus. Als sie in ihrem Wahlkreis Westminster mal in ein solches Haus hinabgestiegen sei, habe sie sich an das Deck eines Flugzeugträgers erinnert gefühlt.

"Einige Leute stoßen schon an die Erdkruste"

Zur Grundausstattung der fensterlosen Luxuskatakomben zählen Heimkino, Pool und Spa. Auch Weinkeller sind sehr beliebt. Der Zuwachs an Wohnfläche kann beträchtlich sein: Das unterirdische Reich von Hedgefonds-Manager Reade Griffith umfasst rund 900 Quadratmeter. Das St. Saviour's House in Knightsbridge, gerade auf dem Markt, wuchs durch zwei Kellergeschosse von 800 auf 1068 Quadratmeter. Neben dem obligatorischen Pool bietet der neue Spa-Bereich eine gläserne Sauna, einen Massageraum und eine "Juice Bar".

"Eisberghäuser" werden diese Immobilien genannt, weil ein großer Teil unter der Erde liegt und nicht sichtbar ist. "Es ist ein Wettkampf: Wer kann tiefer graben? Wer hat mehr Geld?", sagte die Schauspielerin Ruby Wax in der BBC-Sendung "Newsnight". "Einige Leute stoßen schon an die Erdkruste." Wax wohnt in Notting Hill, wo immer irgendwo gegraben wird. Der Lärm lasse sich nur mit Ohrstöpseln aushalten, sagt sie.

Im September konnte Wax einen kleinen Erfolg feiern: Die Baubehörde lehnte einen Antrag des Fondsmanagers Mark Hawtin ab. Der wollte sogar die Straße unterkellern, das geplante zweite Kellergeschoss unter seinem Haus sollte bis unter den Bürgersteig reichen. Wax und andere lokale Prominente, darunter Rachel Johnson, Schwester des Bürgermeisters, machten gegen diesen "Landraub" mobil und zwangen den Nachbarn zum Rückzug.

"Reihenhäuser sind für eine Palastausstattung nicht geeignet"

Greg Hands kennt das Problem nur zu gut. Beschwerden über Tiefbauarbeiten zählen zu den fünf häufigsten Anliegen in seiner Sprechstunde. "Die Keller werden immer größer", sagt der konservative Unterhausabgeordnete des Wahlkreises Fulham and Chelsea. "Die Bauarbeiten dauern oft Jahre." In der Zeit müssen Nachbarn nicht nur mit Lärm und Staub leben, sondern häufig auch auf Garten und Parkplatz verzichten. Der Abtransport der Erde gestaltet sich schwierig, weil es von vielen Gärten keinen Zugang zur Straße gibt.

Simon Jenkins, Kolumnist und Vorsitzender der Denkmalschutzstiftung National Trust, kam bereits 2011 zu dem Schluss: "Die bescheidenen Reihenhäuser, die den Charakter Westlondons prägen, sind für eine Palastausstattung nicht geeignet."

Das jedoch wollen viele Eigentümer nicht hinnehmen. Allein in Kensington und Chelsea ist die Zahl der Kelleranträge von 13 im Jahr 2001 auf 307 im vergangenen Jahr gestiegen. Die Nachfrage hat in den vergangenen Monaten noch zugenommen, weil viele Hausbesitzer ihren Keller ausbauen wollen, bevor die Bauvorschriften verschärft werden.

Die Bezirksverwaltung hat angekündigt, mehrgeschossige Keller künftig verbieten zu wollen. Auch sollen sie statt 85 Prozent nur noch 50 Prozent der Gartenfläche betragen dürfen. Unter denkmalgeschützten Häusern sollen Keller ganz verboten werden. Nach Protesten von Baufirmen liegen die Pläne allerdings derzeit auf Eis. Laut Gesetz muss der Bezirk gute Gründe für ein Kellerverbot vorbringen.

Angriff auf Eigentumsrechte

"Das ist ein Angriff auf die Eigentumsrechte", sagt Kevin O'Connor, Chef von Cranbrook Basements. Jedem Hausbesitzer stehe es frei, einen zusätzlichen Raum für das neue Baby oder ein Fernsehzimmer zu bauen. Von den 25 Kellern, die seine Firma im Jahr baue, seien vielleicht drei mehrgeschossig. Schärfere Regeln könnten spürbare Auswirkungen auf seine Branche haben. Der typische Garten hinter einem Reihenhaus sei viereinhalb Meter lang, sagt O'Connor. "Wenn davon nur die Hälfte unterkellert werden darf, lässt man es gleich bleiben".

Der Bezirk Kensington and Chelsea will sich von dem Widerstand der Baufirmen nicht abhalten lassen. "Unsere Pläne haben offensichtlich einen Nerv getroffen", sagt der Bezirksabgeordnete Tim Coleridge. Es sei an der Zeit, einen "Sinn für Verhältnismäßigkeit" beim Kellerausbau einzuführen.

Der kam John Caudwell offenbar abhanden. Der Mobilfunkmilliardär will seine beiden benachbarten Villen in Mayfair durch einen Tunnel verbinden und unter der Erde eine 1300 Quadratmeter große Fläche für Pool, Garage, Kino und Spieleraum schaffen. Wenn dieses "Monster Mansion" fertig sei, schrieb der "Evening Standard", werde es nur unwesentlich kleiner sein als Westminster Cathedral.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Widerlich
jakam 24.11.2013
Einzelne Menschen sollten nicht soviel Geld haben, während andere nicht mal was übrig haben, um sich eine winzige Rente ersparen zu können. Oder drei Jobs zum Überleben brauchen... Mir wird schlecht.
2. Gentrifizierung.
keinuntertan 24.11.2013
Selbst Universitätsprofessoren und leitende Angestellte können sich die Londoner Miet- und Eigentumspreise nicht mehr leisten und müssen in günstigere Vororte ziehen. Eigentlich ein normaler Vorgang, doch das Ausmaß der Gentrifizierung in London sprengt alle Grenzen.
3. Lärm und Dreck sind sicher schlecht, aber
Blödian 24.11.2013
... ich finde Bauprojekte super. Damit werden doch gute, einheimische Arbeitsplätze geschaffen. Würden sich die Leute stattdessen z.B. Diamanten kaufen wäre die Welt davon auch nicht besser dran. Wenn Leute schon so viel Geld haben, ist es wenigstens positiv, wenn damit Arbeitsplätze finanziert werden und nicht unnötige Umweltschäden oder oder menschliche Tragödien angerichtet werden. Wenn sich da jemand einen Massagepalastmit zig Bediensteten leistet, können die dann ihre Familie ernähren.
4. Sinn für Verhältnismäßigkeit
robert.lechl 24.11.2013
Da lache ich mich doch kaputt.. die sollten mal bei den Gehältern Anfangen. Ein TopManager verdient zwischen 500-5500 Euro die Stunde und regt sich wegen 8,50 min. Lohn auf. Die Herren wollen eine Stadtwohnung, damit sie unter der Woche mit ihrer Geliebten kuscheln können oder mit ihren Kumpels feiern. Die Villen am Stadtrand sind für die Exfrauen, die dann mit den 6 meter SUV in die Stadt fahren um die Kinder vom Kindergarten zu holen.. natürlich nen Firmenwagen. Aber solange Merkel oder wer auch immer seine schützende Hand über die Lümmel hält wird sich nix ändern.. Ein Glück nur das München auf Kies steht!!!
5. Fluchtunnelnetz?
genugistgenug 24.11.2013
das sind doch keine Keller, sondern der Anfang eines riesigen Fluchttunnelnetzes - falls mal (ist absehbar) oben die Armen anklopfen und tauschen wollen
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