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Die zweite Karriere des Lothar Späth: Der kleine König von Thüringen

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Lothar Späth (Aufnahme von 2009) Zur Großansicht
Markus Milde/ VISUM

Lothar Späth (Aufnahme von 2009)

Erst Politiker, dann Unternehmer: Lothar Späth hatte schon früh auf den Aufbau Ost gesetzt. In Jena legte er dann nach dem Sturz als Regierungschef in Stuttgart eine zweite beachtliche Karriere hin - mit einigen erratischen Auswüchsen.

Es ist Frühjahr 1990. Die Mauer ist gerade gefallen. Die DDR beginnt sich und ihre alten Eliten abzuwickeln. Lothar Späth, zu dieser Zeit CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg, ist oft im Osten unterwegs, vor allem in Sachsen. Er hat in Dresden bereits ein eigenes Verbindungsbüro, das Unternehmern aus dem Ländle Startvorteile beim Ausverkauf des DDR-Volksvermögens verschaffen soll.

Und der westdeutsche CDU-Politiker pflegt intensiven Kontakt zu alten SED-Genossen, die einen neuen Platz im neuen Deutschland suchen - wie der letzte Dresdner SED-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer. In der Politik werde er wohl nichts mehr werden, sagt Späth dem Ex-SED-Funktionär bei einem Treffen am 29. April 1990 in Dresden, er soll es doch mal in der Wirtschaft versuchen. Berghofer folgt dem Rat des alten Polit-Schlachtrosses aus Stuttgart und heuert als Generalbevollmächtigter für Ostdeutschland und Osteuropa beim württembergischen Bau- und Immobilienunternehmen Häussler an.

Ein kluger Rat, auch für Späth selbst, wie sich später herausstellen sollte.

Im Januar 1991 trat Späth im Folge der "Traumschiff-Affäre" als Ministerpräsident zurück. Drei Monate später startete er seine zweite Karriere, diesmal in der Wirtschaft und im Osten. Späth fühlte sich, damals 53 Jahre alt, zu jung und zu agil, um das Dasein eines Polit-Rentners mit Festbanketten und Vortragsreisen zu fristen. Späth war voller Tatendrang und wollte gestalten - welcher Ort wäre da besser geeignet gewesen, als der Osten in jener Zeit, wo alles im Umbruch war und eine staatliche Verwaltungswirtschaft ertüchtigt werden musste für Markt und Kapital.

Das große Aufräumen bei Jenoptik

Der einstige DDR-Vorzeigebetrieb VEB Carl Zeiss Jena war für Späth das ideale Spielfeld. Im Juni wurde der Ministerpräsident a.D. vom Land Thüringen als Vorsitzender der Geschäftsführung der Jenoptik GmbH berufen. In der Gesellschaft waren die Teile des ehemaligen volkseigenen Betriebs zusammengefasst worden, die als sanierungsfähig galten. Zudem gehörten der Jenoptik wertvolle Immobilien. Um den Start in die Marktwirtschaft zu erleichtern, hatte die bundeseigene Treuhandanstalt knapp 1,4 Milliarden Euro Steuergelder in Jenoptik gepumpt, weitere 400 Millionen Euro schoss das Land Thüringen zu.

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Lothar Späth: Landesvater und Aufbauhelfer
Späth begann Jenoptik komplett umzukrempeln. Militär- und Raumfahrtechnik ließ er abwickeln, nachdem die Sowjetunion als Hauptabsatzmarkt zusammengebrochen war. 15.500 Arbeitsplätze fielen weg, weitere 7000 ehemalige Zeiss-Werker landeten in Umschulungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Späths Radikalsanierung zeigte aber Erfolge. Zumal er sich mit dem üppigen Startkapital umsatzstarke Technologieunternehmen im Westen kaufte und so den Umsatz von Jenoptik kräftig mehrte. 1995 lag er bereits bei knapp 600 Millionen Euro. Ein Jahr später brachte Späth Jenoptik an die Börse, 1997 hatte sich der Umsatz noch einmal mehr als verdoppelt, er lag jetzt bei knapp 1,4 Milliarden Euro.

Der Erfolg von Jenoptik zog andere Technologieunternehmen nach Jena. Späths Arbeit, so lobte die "Süddeutsche Zeitung" damals, trüge "auch wesentlich zur Entwicklung der ganzen Stadt zur Boomtown der modernen Technologien bei". Das Saaletal hat dem Westimport goldene Kränze geflochten. Anerkennend und ein wenig huldvoll nannten sie den ehemalige Finanzbeamten Späth den "kleinen König von Thüringen", den 2001 auch der damalige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder für sein unternehmerisches Geschick lobpreiste.

"Auf Dauer nicht tragfähig"

Freilich wollten nicht alle in die Lobeshymnen einstimmen. Denn vor allem Späths Zukaufpolitik zeigte sich bald als mitunter reichlich erratisch. Mal stand ein Medizintechnikspezialist auf Späths Einkaufsliste, ein anderes Mal ein Telekommunikationsunternehmen oder ein Finanzdienstleister. "Die hochgelobte Jenoptik", schrieb das manager magazin 2005, "war am Ende der Ära Späth eher ein Emissionshaus mit kostspieliger Technologieabteilung - eine Unternehmenskonstruktion, die auf Dauer nicht tragfähig war."

Doch mit seinem Engagement bei Jenoptik hat sich Späth in der Öffentlichkeit den Ruf eines kompetenten Unternehmers erworben, der oft in Talkshows eingeladen wurde, wenn - fernsehgerecht - ökonomischer Sachverstand gefragt war. 2002 hatte ihn der damalige Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber sogar in sein Schattenkabinett geholt - als künftigen Superminister für Wirtschaft, Arbeit und Aufbau Ost.

Im Video: Trauer um CDU-Politiker

DPA

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