Luxus-Medizin für Tiere: Hunde, wollt ihr ewig leben?

Von Ann-Kristin Mennen

Akupunktur gegen Inkontinenz, Aqua-Jogging gegen Rückenprobleme - viele Haustiere in Deutschland werden medizinisch inzwischen besser betreut als menschliche Kassenpatienten. Das Geschäft mit der tierischen Luxus-Medizin boomt. Die letzte Grenze: Organtransplantationen für Hunde.

Tierorthopädie: Gehhilfen für Hund, Katze, Storch Fotos
SPIEGEL ONLINE

Die Lebensqualität von Wallace ist dahin. Sieben unbeschwerte Hundejahre waren ihm beschert, dann erkrankte der Jagdterrier an rheumatischer Arthritis. Wallace nimmt jetzt Schmerzmittel vor dem Spaziergang, darf keine Füchse und keine Bälle mehr jagen. Ein Job für Dieter Pfaff.

Der Orthopäde aus der Pfalz bringt jedes Tier zurück auf die Beine: ob Hund, Katze, Ziege oder Esel. Sogar einem Storch verpasste Pfaff schon eine Prothese. Früher hat er Menschen versorgt. Doch seinen Job als Leiter eines orthopädischen Betriebs hat er vor sechs Jahren aufgegeben. Das Geschäft mit den Tieren ist lukrativer und macht dem Hundenarr Spaß. Seine Kunden reisen aus ganz Europa ins beschauliche Frankenthal, denn Paff hat die Tierorthopädie perfektioniert. Seine Körperstützen, Prothesen und Rollwagen sind Einzelanfertigungen - selbst entwickelt und angefertigt. Das hat seinen Preis. Eine Prothese kostet etwa 800 bis 1000 Euro.

Pharmaindustrie freut sich über steigende Umsätze

Die Tierliebe der Deutschen ist legendär. Rund fünf Milliarden Euro im Jahr geben sie allein für die fünf Millionen Hunde hierzulande aus. Hinzu kommen rund acht Millionen Katzen und diverse Kleintiere. Und das tierische Hobby wird immer kostspieliger. Denn dank des Fortschritts bei der Tiermedizin werden Haustiere immer älter, dadurch wiederum anfälliger für Krankheiten - was wieder die Nachfrage nach teuren Therapien treibt. "Die Umsätze mit Haustierarzneien steigen konstant an", sagt Martin Schneidereit, Geschäftsführer des Bundesverbands für Tiergesundheit. Rund 370 Millionen Euro gaben Haustierbesitzer vergangenes Jahr für Medikamente aus. Ein Vielfaches setzten Tierärzte, Tierkliniken und allerlei aufs Animalische spezialisierte Wunderheiler um.

Auch Patient Wallace wurde schon in der Tierklinik durchgecheckt. Jetzt liegt er wieder auf dem Behandlungstisch - diesmal beim Tierorthopäden. Wallace' Pfoten sind nach innen verdreht, sie wirken viel zu lang. Wallace läuft nicht mehr auf seinen Pfoten, sondern auf den Pfotengelenken. Tierärzte schlugen daher eine Versteifung der Vorderbeine vor. "Zu riskant", findet Pflegemutter Manuela Zobel. Sie setzt alle Hoffnung auf die wundersamen Plastikkonstruktionen, die Pfaff anhand eines Gipsabdrucks für Wallace angefertigt hat.

Die erste Anprobe beginnt und endet katastrophal. Hilflos stakst Wallace los, reißt seine Beine unkoordiniert in die Luft, verheddert sich und fällt. "Oh Gott", entfährt es Manuela Zobel. "Alles eine Sache der Gewohnheit", beruhigt sie Dieter Pfaff. Die klobigen Beinstützen von sich gestreckt, liegt Wallace flach auf dem Boden. Manuela Zobel zählt die Scheine einzeln auf den Kassentisch. 760 Euro. "Das Geld ist es wert, wenn er wieder Spaß hat", sagt sie. Zwar gibt es spezielle Krankenversicherungen für Tiere, aber wie die meisten deutschen Hunde ist Wallace nicht krankenversichert.

Akupunktur gegen Inkontinenz

Ob Arthritis, Diabetes, Tumore oder Rückenprobleme: Wie die Herrchen leiden auch Deutschlands Hunde und Katzen an typischen Wohlstandserkrankungen. Und wie in der Humanmedizin stehen den Vierbeinern alle Möglichkeiten der modernen Medizintechnik offen - vom Ultraschall bis zur Computertomographie. Tumore werden entfernt, bestrahlt oder mit einer Chemotherapie bekämpft. Auf die Hüft-OP folgt der Reha-Aufenthalt mit Aqua-Jogging. Kliniken empfehlen ihren Patienten regelmäßige Vorsorge-Checks und individuelle Ernährungsberatung. Dank Akupunktur muss Hund auch im Alter nicht inkontinent sein. Beim Bandscheibenvorfall und nach der Hüft-OP gibt es Massagen.

Das Geschäft mit kranken Tieren ist, anders als die Behandlung von Menschen, wenig reguliert. Zum Ärger von Dieter Pfaff. "Immer mehr Sanitätshäuser bieten jetzt Tierorthopädie an, obwohl sie keine Ahnung davon haben." Man könne nicht einfach von der menschlichen auf die tierische Anatomie schließen, warnt Pfaff. Vor 17 Jahren fertigte der Orthopädiemeister die erste Gehhilfe für seinen eigenen Hund an. Daraus ein Geschäft zu machen, sei damals undenkbar gewesen: "Da wäre ein Großteil meiner Patienten wohl noch eingeschläfert worden."

Letzte Barriere: Organspende

Gehhilfe statt Giftspritze: Mit diesem Wandel beschäftigt sich Peter Kunzmann. Der Philosoph und Theologe forscht an der Uni Jena zu Fortschritt und Berufsethos in der Tiermedizin. Die kostspielige Liebe vieler Haustierbesitzer verurteilt Kunzmann nicht. "Das Haustier ist schließlich oft ein Familienmitglied." Und vieles, wofür die Deutschen sonst viel Geld ausgeben, sei weniger sinnvoll als die teure Tierbehandlung. Problematisch werde es erst, wenn unheilbar kranke Tiere dennoch weiter behandelt würden: "Viele Menschen klammern sich verzweifelt an das Leben ihres Tieres, da muss der Arzt irgendwann Stopp sagen." Leider komme nicht jeder Tierarzt dieser Verantwortung nach, meint Kunzmann: "Schließlich verdienen die Ärzte daran, Therapien zu verkaufen."

Eine letzte medizinische Barriere besteht in Deutschland dann doch noch: die Organspende. Einem gesunden Tier dürfen in Deutschland keine Organe entnommen werden, in den USA ist das erlaubt. "Oft spendet ein Tier aus dem Tierheim zum Beispiel eine Niere und bekommt dafür ein neues Zuhause beim Besitzer des Empfängertiers", sagt Kunzmann, "das ist der Deal."

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1.
outsider-realist 11.08.2012
Zitat von sysopAkupunktur gegen Inkontinenz, Aqua-Jogging gegen Rückenprobleme - viele Haustiere werden in Deutschland inzwischen besser medizinisch betreut als menschliche Kassen-Patienten. Das Geschäft mit der tierischen Luxus-Medizin boomt. Die letzte Grenze: Organtransplantationen für Hunde. Luxus Tiermedizin: das Geschäft mit kranken Haustieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846633,00.html)
Was soll diese Relativierung mit den Kassenpatienten? Da besteht doch überhaupt kein Zusammenhang, außer das man mit der Behauptung provozieren möchte, das manche das Tier über den Menschen stellen. Die Behandlung von Haustieren wird von keiner Kasse übernommen (es sei denn man versichert sich teuer extra) und somit zahlt man für seine Haustiere alles privat, sofern man sich das leisten kann. Das gleiche kann man auch für sich selbst tun. Solange kein Tier unnötig leidet, ist es positiv, das sich Menschen um ihre Haustiere kümmern und Verantwortung übernehmen. Leider sieht die Mehrzahl der Haustierbesitzer es nicht so, denn immer noch werden jährlich über 100.000 Haustiere ausgesetzt oder getötet, weil sie zur Last fallen, nicht die Erwartungen erfüllen oder einfach beim Urlaub stören. Selbst bei Standarduntersuchungen oder Impfungen sparen die meisten. Tiere sind halt doch nur ein Gegenstand.
2. Wer hat das zu bewerten?
gepro 11.08.2012
Zitat von sysopAkupunktur gegen Inkontinenz, Aqua-Jogging gegen Rückenprobleme - viele Haustiere werden in Deutschland inzwischen besser medizinisch betreut als menschliche Kassen-Patienten. Das Geschäft mit der tierischen Luxus-Medizin boomt. Die letzte Grenze: Organtransplantationen für Hunde. Luxus Tiermedizin: das Geschäft mit kranken Haustieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846633,00.html)
Sie etwa nicht, Frau Mennen? Ich meine, wenn es möglich wäre.... Allerdings würden Sie ggfs. die Sozialkassen und damit andere Beitragszahler bis in alle Ewigkeiten belasten. Das Geld, das ich gerne für meine Tiere ausgebe, ist mein Geld und was ich damit mache, dürfte mein Umwelt nicht interessierten. Soweit die Theorie. In der Praxis fühlen sich immer irgendwelche Deppen aufgefordert, mein Verhalten zu kommentieren. Da hilft nur eins: ignorieren.
3. Schuld sind die Hundebesitzer und die Tierärzte
hutten 11.08.2012
Zitat von sysopAkupunktur gegen Inkontinenz, Aqua-Jogging gegen Rückenprobleme - viele Haustiere werden in Deutschland inzwischen besser medizinisch betreut als menschliche Kassen-Patienten. Das Geschäft mit der tierischen Luxus-Medizin boomt. Die letzte Grenze: Organtransplantationen für Hunde. Luxus Tiermedizin: das Geschäft mit kranken Haustieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846633,00.html)
Ein Hund will laufen, rennen und springen -Kurz gesagt, er möchte einfach Hund sein! Was heute in der Tiermedizin teilweise unternommen wird, um Hunde zu retten, die nach einer schwierigen Behandlung für zigtausend Euro dann doch eingeschläfert werden müssen, das ist schon abenteuerlich. Dabei wird der Hund nicht gefragt, er ist den Tierärzten und den Tirekliniken hoffnungslos ausgeliefert und die ach so treusorgenden Herrchen und Frauchen unterstützen diese Tierqualerei auch noch. Die Tierärzte muß man mit der Lupe suchen, die heute noch sagen z.B. bei einer Gelenkathrose: "warum wollen Sie den Hund operieren? Nachher geht es ihm auch nicht besser. Wir geben ihm Schmerzmittel und wenn es gar nicht mehr geht dann erlösen wir ihn" Einer meiner Hunde hatte Hauttumore die wurden operiert, dann nach einigen Monaten roch er furchtbat aus dem Hals und dann mischte sich eine hellrote Flüssigkeit in den Speichel, sofort zum Tierarzt. Unser Hund bekam ein Narkosemittel weil er sich schlecht behandeln ließ und wurde dann untersucht. Ergebnis Maulhöhlenkrebs. Mein Tierarzt schlug vor, ihn zu erlösen, ich stimmte zu, das nennt man dann auch Tierliebe. Viele Menschen können sich heute von ihren Hunden, so krank sie auch sind, einfach nicht trennen, das ist falsch verstandene Tierliebe Wenn ein Hund eine neue Niere bekommt dann stimmt etwas nicht mehr in der Beziehung Mensch und Hund!
4. Irgendwie verrückt
kippelman 11.08.2012
In vielen Ländern Europas leben Hunde unter übelsten Bedingungen auf der Straße - und kaum jemand will helfen oder gar einen solchen Hund aufnehmen. Dabei wäre das weit billiger als den treuen alten Gefährten noch ein Jährchen über die Runden zu quälen. Das klingt zynisch, aber wenn man mal darüber nachdenkt, drängt sich der Schluß auf, dass es bei der Luxus-Tiermedizin absolut nicht um die Tiere geht sondern um die Herrchen und Frauchen selbst, die damit ihre eigenen Egoismen ausleben wollen ... Tierliebe sieht für mich jedenfalls anders aus.
5.
gabrieljuge 11.08.2012
Zitat von huttenWenn ein Hund eine neue Niere bekommt dann stimmt etwas nicht mehr in der Beziehung Mensch und Hund!
so? und wenn ich nun einen kleineren hund mit einer lebenserwartung von 15-18 jahren habe, der mit 2 jahren nierenkrank wird und ich mein geld dafür ausgeben möchte, dass der hund evtl. doch 15 wird? natürlich ist mein motiv absolut egoistisch, ein hund ist ein freund, ist teil der familie, ist emotional mit einem verbunden (sofern man nicht einer dieser dümmlichen hund=nutztier-typen ist) und ich möchte ihn auf keinen fall missen, sofern er sich nicht quälen muss und ein würdiges leben führen kann. mir fehlt das fachwissen, ob eine neue niere von einem hund mit medikamenten gut angenommen werden kann oder nicht, aber wenn es ginge und wir hypothetisch bei diesem beispiel bleiben, sehe ich überhaupt kein problem darin, geschweige denn ein gestörte beziehung zwischen mensch und hund.
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