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Neue Rollenbilder: "Der Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst"

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Frauen fordern ihr Recht auf Karriere. Und Männer? Wollen sie ein Recht auf Familie? Tatsächlich sind viele verunsichert. Ein Forscher hat mit Männern über ihr Rollenbild gesprochen - und bemerkenswerte Zitate zusammengetragen.

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Corbis

Vater mit Kindern: Verloren zwischen Job und Familie

Eine Stunde lang musste Jens Lönneker bohren, bis die Männer wirklich etwas preisgaben. Eigentlich hatte der Geschäftsführer des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Rheingold Salon den Teilnehmern seiner Studie eine ganz einfache Frage gestellt: "Was fällt Ihnen spontan zu Männern ein?" Doch Stille. Dann die ersten zögerlichen Antworten:

"Männer müssen jetzt mehr im Haushalt erledigen, weil die Frauen jetzt auch arbeiten. Was einfach nur fair und gut ist."

"Frauen wollen gerne Karriere machen. Manche Männer kommen damit nicht klar."

"Ich hatte Glück mit meiner Frau: die putzt, kocht und kümmert sich um das Kind."

Dagegen stellt ein weiterer Teilnehmer resigniert fest:

"Der Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Er versucht nur noch, es den Frauen recht zu machen."

Anfangs sei es immer nur darum gegangen, wie sich die Männer von Frauen abgrenzen, berichtet Lönneker. Meist schön politisch korrekt. "Das war für mich als Mann entsetzlich, zu sehen, wie mühsam man das alles freibuddeln musste." Erst nach gut einer Stunde ging es dann wirklich um die Männer selbst und das, was ihnen Spaß macht.

"Mit Freunden zusammen sein und dabei sein eigener Herr sein."

"Wir stellen einen Kasten Bier in einen Bach. Und der hält da auch - da müssen wir nicht noch dreimal schauen, ob der Kasten noch steht."

"Surviv al-Reisen."

"Einen Tag mit komplettem Frauenfahrverbot."

"Einen Feiertag, an dem nur die Männer frei haben, fände ich schön."

"Fußball, Alkohol."

"Geile Autos mit megamäßig PS."

Also alles nur Klischee? Das Männerhirn kreist nur um Bälle, Bier und Benzin? Nicht ganz: Bei den Vätern unter den Teilnehmern spielen auch die Kinder eine Rolle.

"Einen Männerhaushalt mit Kindern - da lasse ich mir dann nicht reinpfuschen."

"Mit den Kindern alleine zu Hause sein - und im Wohnzimmer aus Pappschachteln essen."

Was ist nur mit den Männern los?

Psychologe Lönneker macht sich Sorgen um seine Geschlechtsgenossen. "In der gesellschaftlichen Diskussion geht es viel um die Rolle und das Bild der Frau. Aber es geht nicht um die Männer", sagt Lönneker. Frauen diskutierten ausführlich darüber, wie sich Privatleben und Arbeit vereinen ließen. "Von Männern hört man da kaum was - die sind seltsam still", sagt Lönneker.

In einer Studie wollte er herausfinden, warum das so ist. Wie sieht eigentlich das Lebensgefühl der Männer aus? Welche bewussten und unbewussten Lebensstrategien verfolgen sie? Und welche Sorgen treiben sie um? Bis zu 3000 Leute hat Rheingold Salon jährlich für Studien auf der Couch. Lönneker und sein Team wählten 50 Männer für eine tiefenpsychologische Studie in Einzel- und Gruppengesprächen aus - jüngere, ältere, quer durch alle Bildungsschichten.

Nach der Studie ist Lönneker überzeugt: Wir müssen uns in Deutschland um die Männer kümmern. Denn während Frauen in den vergangenen Jahren immer mehr Terrain erobert hätten, hätten die Männer noch keine Methode gefunden, damit umzugehen.

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Das Problem aus Sicht des Rheingold-Forschers: Der Wandel geht im beruflichen Bereich sehr viel schneller voran als im privaten. Während die Männer im Job mit den Frauen teilen müssten, bleibe ihnen daheim meist noch die traditionelle Rolle. Wenn sie nach Hause kämen, bestimme immer noch die Frau, wo das Sofa stehe und wie die Spülmaschine eingeräumt werde.

Nur ganz oben in den Führungsetagen, da herrsche meist noch das klassische Männerregiment mit der Ehefrau zu Hause. Und irgendwo darunter, da hätten Männer inzwischen das Gefühl, dass sie weder im Büro noch daheim viel zu sagen hätten. Sie fühlten sich zurückgesetzt - obwohl sie immer noch die entscheidenden Plätze in der Berufswelt besetzen würden.

Doch wie könnte ein neues Selbstbild aussehen? Reicht ein Rollentausch? Frau geht arbeiten, Mann bleibt zu Hause? Nein, sagt Lönneker. "Die Wertschätzung für das häusliche Terrain war doch in Wahrheit nie so hoch wie die im beruflichen Bereich." Darum sei es für die Männer völlig unattraktiv, den Hausmann zu machen.

Die Studie habe gezeigt: Erst langsam dämmert es den Männern, dass sie auch im privaten Bereich ihr Terrain erobern müssen. Und es gebe eine große Sehnsucht, das wiederzufinden, was als typisch männlich gilt.

"Meine Frau mag nicht, wenn ich mich wie ein lieber kleiner Schlumpf verhalte", berichtete ein Teilnehmer.

Wenn es darum geht, mit der Frau beruflich und privat Terrain abzustecken, verfolgen Männer unterschiedliche Strategien. Lönneker hat drei Typen herausgearbeitet.


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Der traditionelle Typ

Er versucht, das Problem zu umgehen, indem er sich eine Partnerin sucht, die das althergebrachte Rollenmodell mit ihm lebt.


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Der veränderungsbereite Typ

Er sagt: Ich will keine brave Frau. Ich will eine, die mit mir anpackt. Aber in der Realität geraten diese Männer dann in Verdacht, unterm Pantoffel zu stehen.


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Der resignierte Typ

Er fügt sich einfach der Frau.


Die Studie habe gezeigt, dass es bei den Männern eine große Sehnsucht danach gebe, das wiederzuentdecken, was sie als männlich empfänden, sagt Lönneker. Zum Beispiel Rivalität ausleben, Spaß am Risiko, am Ausprobieren. Aber wenn die Frauen dann Nein sagen würden zur Motorradtour, dann scheuten viele Männer den Konflikt. "Sie verkneifen sich das, weil sie gute Männer sein wollen - indem sie die Anerkennung der Frau bekommen." Statt selbstbewusst aufzutreten, arrangierten sich Männer also mit den neuen Weiblichkeitsidealen, sagt der Forscher.

Viele seiner Geschlechtsgenossen hätten das Gefühl, dass sich keine Freiräume mehr auftäten. So hätten Teilnehmer berichtet, wie sie heimlich einen abgestellten Traktor kurzschlossen und damit übers Feld donnerten. Aber das weitererzählen? Bloß nicht! Das würde ja nur als Quatsch wahrgenommen.

"Die Männer müssen selbstbewusster mit den Frauen darum ringen, wie sie ihr Feld abstecken wollen", fordert Lönneker. "Männer müssen an bestimmten Stellen sagen: Hier will ich meinen eigenen Stil haben."

Lönneker versucht das selbst bereits. Er und seine Frau lagen immer wieder im Clinch, wenn es ums Kinderanziehen ging. Seine Farbkombinationen brachten sie zur Weißglut. Lönnekers Lösung: Er kaufte selbst Klamotten für die Kinder, die sie dann tragen, wenn er zuständig ist. "So habe ich den Fuß in die Tür zu ihrem Terrain bekommen", sagt er.

Aber was den Männern fehle, seien Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Und anders als Frauen, die sich intensiv darüber austauschen und beraten würden, wie man denn die neuen Rollenmodelle unter einen Hut kriegen könne, versuchten es Männer auf die einsame Tour. Sie sprächen nicht darüber, sondern suchten nur für sich selbst eine Lösung.

Gerade die jüngeren Männer seien bereit für neue Arrangements, sagt Lönneker. "Aber dann müssen wir ihnen auch wieder Rückzugsräume geben."

Oder wie es ein Teilnehmer der Studie formulierte:

"Wir Männer müssen authentischer sein, wir dürfen uns den Mund nicht verbieten lassen. Ehrlichkeit ist wichtig, sonst sind wir Männer ohne Eier."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
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1. Oh, danke...
reznikoff2 18.08.2015
...dass Sie mich informiert haben. Der Artikel füllt ein großes Vakuum in meinem Leben. Auf jeden Fall das Sommerloch. Danke nochmal. Weitere Informationen zum Thema brauche ich aber nicht.
2. Zur Typologie:
Mastermason 18.08.2015
Es gibt einen vierten Typen, jenseits von Tradition und Resignation: Der sein Ding macht, sich nicht von Frauen therapieren lässt und zu den Dingen steht, die er sagt/tut. Der mit seiner Partnerin wirkliche Gleichberechtigung in beiderseitigem Respekt lebt. Was mit den weiblichen Mängelexemplaren, die ich bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr kennengelernt hatte, übrigens nicht möglich war. Da musste ich schon eine Ostdeutsche kennenlernen, die meine Vorstellungen teilt.
3.
Michael200669 18.08.2015
Das traurige ist, das Frauen sich immer andere Männer wünschen als sie letztendlich selber nehmen. Sie erwarten einerseits einen liebevollen verständlichen Mann, aber gleichzeitig ein Macho der den Ton angibt. Das funktioniert nur nicht. Sobald man Terrain abgibt stürzt sich die Partnerin darauf und verteidigt es mit Haut und Haaren. Irgendwann ist es einen Leid, ständig im Clinch zu liegen. Vor allem wegen Nichtigkeiten, wo man sich fragt, ob man im Kindergarten ist. Die Frauen sollten endlich begreifen, das man es auch mal gut sein lassen sollte. Ich von mir aus, sage derzeit, keine Frau kommt in meine Wohnung. Denn Streß will ich nicht mehr.
4. Die
dukatenjunge 18.08.2015
bedeuten heute den Verzicht auf ein Privatleben, Wochenendarbeit und massig Überstunden. Und da soll der Mann noch abspülen, oder wie? Inzwischen verzichtet eine stetig ansteigende Zahl von Männern auf die Gründung einer Familie, sie werden schon ihre Gründe dafür haben.
5. Konflikte
THX4711DL 18.08.2015
Wer Konfliktsituationen scheut nur um des Friedens willen wird schnell unzufrieden und hat im Laufe der Zeit nix mehr in seiner Beziehung zu melden...
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