Mai-Kundgebungen: Gewerkschaften attackieren "gierige Eliten"

Er beklagte Sparpolitik zu Lasten der Beschäftigten, forderte Finanzmarkt- und Reichensteuern: DGB-Chef Sommer hat die Krisenpolitik der Bundesregierung scharf kritisiert. Auf ihren Mai-Kundgebungen kündigten die Gewerkschaftsvertreter harte Tarifkämpfe an.

Kundgebungen zum 1. Mai: Arbeiterfolklore im Sonnenschein Fotos
DPA

Stuttgart/Berlin/Hamburg - Der Widerstand gegen die merkelsche Sparpolitik wächst in Europa - auch die deutschen Gewerkschaften kritisieren den Krisenkurs der Kanzlerin massiv: Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Michael Sommer, geißelte die deutsche Haltung in der Euro-Krise als falsche Politik auf dem Rücken der Arbeitnehmer. Stattdessen forderte Sommer Konjunkturprogramme für die schwächelnden Staaten Europas.

Die Schuld an der Euro-Krise verortete der DGB-Boss eindeutig: "Es sind doch nicht die Menschen, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, sondern es sind die gierigen Eliten, die die Staaten ausgeplündert haben und es weiter tun und tun wollen", sagte Sommer auf der Hauptkundgebung des DGB in Stuttgart unter großem Beifall. Schuldenbremsen würden die Handlungsfähigkeit der Staaten einschränken und den Sozialstaat beschneiden.

Um eine Schuldenbremse überhaupt sozial verträglich zu gestalten, gebe es laut Sommer eine vernünftige Möglichkeit: "Die Steuern für Reiche müssen endlich wieder rauf." Statt Spar- müssten Konjunkturprogramme her. In Anlehnung an das Belebungsprogramm nach dem Weltkrieg sprach er von einem "milliardenschweren Marshall-Plan".

Sommer warb zudem für eine Finanztransaktionsteuer, um die Geldmärkte zu regulieren. "Der Staat bekäme nicht nur Geld, wenn Ihr Euch eine Brezel kauft, sondern auch dann, wenn die Spekulanten ihre Computer tanzen lassen." Damit könnten Konjunkturprogramme oder die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit finanziert werden. "Dann wird jeder Knopfdruck, mit dem Spekulanten Milliarden um den Globus jagen, richtig teuer. Und dann würden sich die Wetten für die Finanzhaie auch nicht mehr lohnen", argumentierte der Gewerkschaftschef.

IG Metall droht mit massiven Streiks

Vor den gut 5000 Teilnehmern, die sich nach Angaben des DGB in Stuttgart eingefunden hatten, schwor Sommer die Gewerkschaften auf einen harten Kampf gegen niedrige Löhne, die Macht der Banken und die schwarz-gelbe Bundespolitik ein. An einem allgemeinen Mindestlohn führe kein Weg vorbei: "8,50 Euro die Stunde - das ist Beton. Darunter geht gar nichts", rief der DGB-Chef unter tosendem Applaus.

Auch in anderen deutschen Städten folgten bei sonnigem Wetter etliche Menschen dem Aufruf der Gewerkschaften zum Tag der Arbeit. Laut den Gewerkschaften waren es insgesamt mehr als 400.000 Teilnehmer. In Berlin kamen demnach etwa 5000 Menschen und zogen unter dem Motto "Gerechte Löhne - soziale Sicherheit" durch die Innenstadt zum Brandenburger Tor. Auch in Hamburg versammelten sich mehrere tausend Menschen zur Kundgebung mit dem IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber.

Die IG Metall steckt derzeit mitten im Arbeitskampf - und der Vorsitzende Huber kündigte eine harte Gangart an. Die Gewerkschaft will 6,5 Prozent mehr Lohn für die bundesweit rund 3,6 Millionen Beschäftigten erstreiten, zudem die unbefristete Übernahme von Auszubildenden und mehr Mitsprache bei Leiharbeit. "Wenn wir bis Pfingsten kein Ergebnis haben, dann heißt das Urabstimmung und Streik", sagte Huber. Dabei werde die Gewerkschaft keinen Tarifabschluss akzeptieren, bei dem nicht alle ihre Forderungen erfüllt würden. Bereits von diesem Mittwoch an plant die IG Metall massive Warnstreiks.

fdi/dpa/dapd

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insgesamt 151 Beiträge
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1.
cp³ 01.05.2012
Zitat von sysopSparpolitik zu Lasten der Beschäftigten, noch immer keine Finanzmarkt- und Reichensteuern: DGB-Chef Sommer hat die Bundesregierung für ihre Krisenpolitik scharf kritisiert. Auf den Mai-Kundgebungen kündigten die Gewerkschaftsvertreter für die nächsten Monate zudem harte Tarifkämpfe an. Mai-Kundgebung: Gewerkschaftsboss Sommer wettert gegen "gierige Eliten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,830767,00.html)
Schön Reich - Steuern zahlen die Anderen! Part 1 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=kM8a7g-YiC0)
2. DGB versagte als Unternehmer
Eutighofer 01.05.2012
Zitat von sysopSparpolitik zu Lasten der Beschäftigten, noch immer keine Finanzmarkt- und Reichensteuern: DGB-Chef Sommer hat die Bundesregierung für ihre Krisenpolitik scharf kritisiert. Auf den Mai-Kundgebungen kündigten die Gewerkschaftsvertreter für die nächsten Monate zudem harte Tarifkämpfe an. Mai-Kundgebung: Gewerkschaftsboss Sommer wettert gegen "gierige Eliten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,830767,00.html)
Populistische Forderungen können die Gewerkschaften - es selber besser machen leider nicht. Die weitgehend gewerkschaftseigenen Konzerne "Neue Heimat" und "coop" wurden einst von den Gewerkschaften in den Abgrund geführt - und tausende Arbeitsplätze mit dazu.
3. Elite wettert gegen Eliten
Palmstroem 01.05.2012
Zitat von sysopSparpolitik zu Lasten der Beschäftigten, noch immer keine Finanzmarkt- und Reichensteuern: DGB-Chef Sommer hat die Bundesregierung für ihre Krisenpolitik scharf kritisiert. Auf den Mai-Kundgebungen kündigten die Gewerkschaftsvertreter für die nächsten Monate zudem harte Tarifkämpfe an.
Auch DGB-Chef Sommer verdient mehr als unsere Bundeskanzlerin oder unser Bundespräsident. Würde er das ernstnehmen, was er sagt, würde er sein völlig überzogenes Gehalt aus Beiträgen der Arbeiter erst mal selbst kürzen!
4. Ob dieser "feine Herr", der von den mühsam erarbeiteten Kröten
herr_kowalski 01.05.2012
Zitat von sysopSparpolitik zu Lasten der Beschäftigten, noch immer keine Finanzmarkt- und Reichensteuern: DGB-Chef Sommer hat die Bundesregierung für ihre Krisenpolitik scharf kritisiert. Auf den Mai-Kundgebungen kündigten die Gewerkschaftsvertreter für die nächsten Monate zudem harte Tarifkämpfe an. Mai-Kundgebung: Gewerkschaftsboss Sommer wettert gegen "gierige Eliten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,830767,00.html)
der Gewerkschaftmitglieder lebt, sich auch selbst meinte ? Diese mafiöse Gesellschaft der Gewerkschaften hat das Lohndumping mindestens ebenso zu verantworten wie Arbeitgeber und Politik. Aber wenn man mit den Großen dieser Welt an einem Tische sitzen und Schampus saufen will, was tut man nicht alles dafür. Schäbig, diese Schelte.
5. 8,50€?
hartholz365 01.05.2012
Das ist doch heute schon Grundtarif und der ist z.T. schon darüber. Reiner Mitgleiderverarsche betriebt der Sommer wieder mal. Reichensteuer fordert er, wo er genau weiss dass die nie kommen wird, kommt aber gut bei Feiertagsreden an. Was steicht der eigentlich im Monat ein? Jetzt droht er auch noch mit Streiks. Wann hat denn die IGM das letzte mal grossartig gestreikt? Das waren doch alles Alibiveranstaltungen wenn sich die windelweichen Ergebnisse hinterher ansah, in den 70/80ern war das noch anders. Ich halte den Mann für von den Arbeitgebern gekauft.
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Der Deutsche Gewerkschaftsbund
Die Dachorganisation
Der 1949 gegründete Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist Dachverband von heute acht Einzelgewerkschaften mit rund 6,2 Millionen Mitgliedern. Vorsitzender ist Reiner Hoffmann.

Der DGB versteht sich als politisches Sprachrohr der Mitgliedsverbände. Das Sagen haben die Großgewerkschaften IG Metall und Ver.di, auf die zusammen gut 70 Prozent der DGB-Mitglieder entfallen. Weitere Gewerkschaften sind die IG Bau, IG Chemie, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft,Polizeigewerkschaft, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und Transnet.


Obwohl sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder seit 1991 fast halbiert hat, ist ihre Zahl um ein Vielfaches größer als bei den politischen Parteien.
Der Bundeskongress
Der DGB-Bundeskongress findet alle vier Jahre statt. Er ist das höchste Beschlussorgan und legt die Richtlinien der Gewerkschaftspolitik fest.


Die Delegierten werden von den DGB-Gewerkschaften gemäß ihrer Stärke entsandt: IG Metall und Ver.di stellen demnach die meisten Delegierten, die Polizeigewerkschaft die wenigsten. dpa

Mindestlöhne in der EU
Land Mindestlohn in Euro pro Stunde zuletzt geändert
Luxemburg 11,1 01.10.2013
Frankreich 9,43 01.01.2013
Belgien 9,10 01.12.2012
Niederlande 9,07 01.07.2013
Irland 8,65 01.07.2011
Großbritannien 7,78 01.10.2013
Slowenien 4,53 01.01.2013
Malta 4,06 01.01.2013
Spanien 3,91 01.01.2013
Griechenland 3,35 01.03.2012
Portugal 2,92 01.01.2011
Kroatien 2,29 01.06.2013
Polen 2,21 01.01.2013
Tschechien 2,01 01.08.2013
Ungarn 1,97 01.01.2013
Slowakei 1,94 01.01.2013
Estland 1,90 01.01.2013
Litauen 1,76 01.01.2013
Lettland 1,71 01.01.2011
Rumänien 1,06 01.07.2013
Bulgarien 0,95 01.01.2012
Quelle: WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut)
Stand Oktober 2013
Rente mit 67
Als Antwort auf den wachsenden Anteil älterer Menschen in Deutschland hat die große Koalition die Anhebung des gesetzlichen Rentenalters von derzeit 65 auf 67 Jahre beschlossen. Das im April 2007 verabschiedete Gesetz sieht vor, dass die Rente mit 67 von 2012 an schrittweise eingeführt wird. Die Regelung soll helfen, die Belastung für die Beitragszahler - also Beschäftigte und Arbeitgeber - langfristig zu mildern.

Betroffen ist als erster der Geburtsjahrgang 1947. Alle, die damals auf die Welt kamen, müssen einen Monat über den 65. Geburtstag hinaus arbeiten, um die volle Rente zu bekommen. Bis 2023 verschiebt sich das Renteneintrittsalter jeweils um einen weiteren Monat nach hinten.