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Makaberer Handel mit Toten: Tutogen bezog Leichenteile auch von kriminellem Geschäftsmann

Von und Martina Keller

Im Medizinbetrieb hat sich ein lukrativer Handel mit Leichenteilen entwickelt, auch die Firma Tutogen mischt mit. Sie bezog Knochen Verstorbener aus der Ukraine - und ihr US-Mutterkonzern sogar von einem kriminellen Geschäftsmann.

Hamburg - Er wusste, dass sein Geschäft nicht legal war: Als der New Yorker Zahnarzt Michael Mastromarino 2001 wegen Drogenmissbrauchs seine Lizenz verlor, entdeckte er ein neues Betätigungsfeld: den Leichenhandel. Er kaufte die toten Körper illegal bei Bestattern an - obwohl darunter viele sehr alte und vom Krebs zerfressene Leichen waren, die nie hätten verarbeitet werden dürfen. Doch Mastromarino weiß sich zu helfen. Er fälscht Blutproben, täuscht Einwilligungserklärungen von Angehörigen vor.

Seine Firma nennt er Biomedical Tissue Services (BTS). Sie bezahlt den Bestattern bis zu tausend Dollar pro Leiche - bei der Weitergabe sollen diese jedoch bis zu 7000 Dollar gebracht haben. Zu den dankbaren Abnehmern von BTS zählten fünf Firmen, darunter auch Tutogen Medical Inc. - die US-Mutter der bayerischen Firma und RTI, der Konzern, zu dem Tutogen heute gehört. Das Unternehmen stellt aus den Leichenteilen medizinische Produkte her und verdienen damit viel Geld - obwohl vielen Angehörigen nach Informationen des SPIEGEL nicht klar ist, was mit den Knochen ihrer Verwandtschaft geschieht.

Im vergangenen Jahr wurde der Zahnarzt rechtskräftig zu bis zu 54 Jahren Gefängnis verurteilt. Rund tausend betroffene Patienten und Angehörige der Verstorbenen klagen noch immer gegen Mastromarino und seine Abnehmer. RTI und Tutogen Medical Inc. beteuern jedoch, nichts von der illegalen Herkunft ihres menschlichen Rohmaterials gewusst zu haben. Insgesamt hat Mastromarino in fünf Jahren 1077 Leichen ausschlachten lassen.

"Überrumpelungstaktik ist unethisch"

Die Ausbeute im bisher größten amerikanischen Skandal um Leichenteile ist allerdings gering im Vergleich zu den Zahlen aus der Ukraine, die nun dem SPIEGEL vorliegen: Allein im Geschäftsjahr 2000/2001 wurden 1152 tote Ukrainer für Tutogen genutzt. Die aktuellen Zahlen könnten ähnlich hoch sein. Häufig wussten die Angehörigen dabei nicht, was mit den Knochen ihrer Verstorbenen genau passiert. So schildert Lena Krat aus Kiew, ihr sei gesagt worden, man brauche bei ihrem Vater nur ein paar Hautstreifen, mit denen dann Kindern medizinisch geholfen werden könne. "Wenn ich gewusst hätte, dass so viel herausgeschnitten würde, hätte ich nie zugestimmt", sagt die Mutter von zwei kleinen Töchtern.

Brigitte Tag, Medizinrechtsexpertin der Uni Zürich, kritisiert denn auch die Überrumpelungstaktik, die mehrere Angehörige in der Ukraine gegenüber der Sicherheitspolizei beschrieben haben. "Das ist unethisch", sagt die Jura-Professorin, "man muss die Angehörigen aufklären, das ist Teil des Totensorgerechts. Wenn die Angehörigen nicht wissen, wie weitreichend ihre Entscheidung ist, ist das ethisch nicht akzeptabel."

In Deutschland ist es wie in den meisten Ländern der Welt verboten, mit Leichenteilen Handel zu treiben. Doch genau dieser Verdacht drängt sich auf, wenn man die mehr als tausend Seiten firmeninterner Protokolle, Faxe, Lieferlisten und Dokumente von Tutogen durchliest, die dem SPIEGEL aus den Jahren 2000 bis 2004 vorliegen. Der Leiter der Rechtsmedizin in Kiew, Wladimir Jurtschenko, berichtet, dass in Kiew bis heute Leichen entbeint werden, deren Knochen dann nach Deutschland geliefert werden.

Ob Tutogen gegen geltendes Rechts verstoßen hat, sei schwierig zu beantworten, sagt Brigitte Tag von der Uni Zürich. "Kompliziert ist die Beurteilung vor allem, wenn die Rechtsvorschriften verschiedener Länder berücksichtigt werden müssen." Grundsätzlich können Deutsche seit dem Jahr 2007 bei Verstößen gegen das Organ- und Gewebehandelsverbot aber auch für Taten belangt werden, die mit ihrer Hilfe im Ausland passieren, wie die Juristin erläutert.

Tutogen lehnte jedes Gespräch mit dem SPIEGEL ab und ließ auch alle schriftlichen Fragen zum Vorgehen der Firma in der Ukraine unbeantwortet. Allerdings prüft inzwischen die Staatsanwaltschaft Bamberg ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachtes auf Störung der Totenruhe sowie des Organhandels.

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