Von Stefan Kaiser
Das Rettungspaket für Zypern:
Weitere Texte zur Zypern-Krise:
Die Bilanzsumme aller zyprischen Banken ist mehr als siebenmal so groß wie die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Neben dem Tourismus war der Finanzsektor über Jahre der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes.
Dass dieses Modell riskant ist, war Experten schon lange klar. Gerät ein solch überdimensionierter Bankensektor erst einmal ins Wanken, kann der Staat ihn nicht mehr auffangen. Schlimmer noch: Die Schulden der Geldhäuser reißen ihn mit in die Pleite. Nicht mal internationale Rettungsgelder können da noch helfen - zumindest nicht, wenn sie als Kredit gewährt werden.
Hätte Zypern die nötigen 17 Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM erhalten, wären die Staatsschulden auf rund 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Ein untragbarer Wert, meinten die anderen Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) und beharrten auf einem Eigenbeitrag des Landes. Sieben Milliarden Euro muss Zypern nun stemmen - den Großteil davon durch die Beteiligung von Bankengläubigern und Sparern. Das Land steckt mittendrin in einem Horrorszenario.
Maltas Politiker sind eingeschüchtert
Das Beispiel Zypern dürfte nun all jene Staaten aufschrecken, die ähnliche Merkmale aufweisen. Malta etwa teilt mit Zypern nicht nur den Status als Mittelmeerinsel, sondern auch den als Steueroase. Der Finanzsektor ist hier im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sogar noch größer. Die Bilanzsummen der Banken machen zusammengenommen rund das Achtfache der Wirtschaftsleistung aus (siehe Grafik). Den Großteil davon stellen internationale Institute, die Malta als günstigen Standort nutzen. Laut "Handelsblatt" werben internationale Kanzleien bei den Kunden zyprischer Banken schon für eine Umschichtung der Konten nach Malta.
Doch die dortige Politik ist eingeschüchtert. Der maltesische Finanzminister Edward Scicluna konnte in Brüssel gerade erst erleben, welchen Druck die europäischen Institutionen auf Länder in Finanzschwierigkeiten ausüben. "Es gibt nichts Würdeloseres als den Anblick eines bankrotten Menschen, der um Hilfe bettelt", schrieb Scicluna nach dem ersten Rettungsgipfel der Euro-Finanzminister am vorletzten Wochenende in der "Times of Malta". Zypern sei eine "Fallstudie dafür, welche Behandlung eine kleine Mittelmeerinsel erwarten darf, wenn sie jemals Hilfe von den anderen Mitgliedstaaten braucht".
Er habe bei der entscheidenden Sitzung direkt neben Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gesessen, berichtete Scicluna. Nach zehn Stunden Verhandlungen habe Zyperns Finanzminister Michalis Sarris mit der "Pistole am Kopf" den Bedingungen der Retter zugestimmt. Niemals im Leben wolle er in eine solche Situation geraten, schreibt Scicluna.
Dabei steht gerade sein Land im Visier derjenigen, die den Fall Zypern nun als Modell für künftige Rettungsaktionen in der Euro-Zone sehen. So wie der niederländische Finanzminister und Euro-Gruppen-Chef. Der drohte am Dienstag in mehreren Interviews, Bankgläubiger und Kunden in pleitebedrohten Staaten künftig zur Verantwortung zu ziehen. Länder wie Luxemburg, Malta oder Slowenien sollten deshalb besser prüfen, ob sie den Sektor nicht verkleinern.
"Andere Länder werden erwürgt"
Gerade für Luxemburg ist das ein Affront. Das Land ist das reichste in der Euro-Zone und stellte mit Jean-Claude Juncker bis vor wenigen Wochen selbst den Euro-Gruppen-Chef. Doch sein Bankensektor ist fast 22-mal so groß wie die Wirtschaftsleistung - der mit Abstand höchste Wert in Europa. Sollten Luxemburgs Banken aus irgendwelchen Gründen einmal in Schwierigkeiten kommen, der Staat könnte sie niemals auffangen.
Entsprechend gereizt reagiert das Land auf die Drohrhetorik, die nun aus Ländern wie den Niederlanden, aber auch aus Deutschland kommt.
"Luxemburg ist besorgt über jüngste Äußerungen und Erklärungen, die seit der Zypern-Krise verbreitet wurden", teilte die Regierung des Großherzogtums am Mittwoch mit. Das Verhältnis von Bilanzsumme zu Bruttoinlandsprodukt (BIP) tauge nicht als Kriterium für die "Verhältnismäßigkeit eines Finanzsektors".
Außenminister Jean Asselborn war am Vortag noch deutlicher geworden: "Deutschland hat nicht das Recht, die Geschäftsmodelle für andere Länder in der EU zu fixieren", hatte er gesagt. "Es darf nicht soweit kommen, dass unter dem Deckmantel von finanztechnischen Fragen andere Länder erwürgt werden."
Die Bundesregierung bemühte sich am Mittwoch um diplomatische Entspannung. "Zypern ist ein singulärer Fall", betonte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Aus der zyprischen Lösung sind keine Rückschlüsse auf andere Länder zu ziehen."
Das hofft auch Slowenien. Das Land könnte das nächste sein, das Hilfe beantragen muss. Dort ist der Finanzsektor zwar längst nicht so überdimensioniert wie anderswo (siehe Grafik). Doch die maroden Banken machen dem Staat trotzdem zu schaffen. Allein die faulen Kredite belaufen sich laut IWF auf 20 Prozent des BIP. Regierungschefin Alenka Bratusek versuchte am Mittwoch, die Situation zu beruhigen. "Slowenien ist in der Lage, die Dinge in Ordnung zu bringen", sagte sie. "Panik ist nicht notwendig."
Mit Material von Reuters und dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Schuldenkrise in Zypern | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH