Abzocker-Initiative Schweizer entscheiden über schärfstes Aktienrecht der Welt

Millionengehälter, Boni und Abfindungen in horrender Höhe - in der Schweiz könnten solche Lohnexzesse bei Managern bald der Vergangenheit angehören. An diesem Sonntag entscheiden die Eidgenossen über eine Initiative, die dem Land das schärfste Aktienrecht der Welt verschaffen würde.

Plakat gegen Abzocker-Initiative in Basel: Standort Schweiz in Gefahr?
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Plakat gegen Abzocker-Initiative in Basel: Standort Schweiz in Gefahr?


Zürich/Bern - Im Rückblick könnte Daniel Vasella als der Mann gelten, der das Ende der Lohnexzesse in der Schweiz besiegelte. Ausgerechnet jener Präsident des Pharmariesen Novartis, der vorige Woche seinen Posten räumte - und nach Jahren als bestbezahlter Manager des Landes allein 72 Millionen Franken (umgerechnet 58 Millionen Euro) dafür kassieren sollte, sechs Jahre lang nicht für die Konkurrenz zu arbeiten.

Nach massivem öffentlichen Druck verzichtete der 59-Jährige zwar auf seine vertraglich vereinbarte Abfindung - doch scheint es jetzt sehr wahrscheinlich, dass die Schweizer sich an der Wahlurne für eine einscheidende Begrenzung von Managergehältern entscheiden.

An diesem Sonntag stimmen die Eidgenossen in einem Volksentscheid über die sogenannte Abzocker-Initiative ab. Erhält sie die Mehrheit, werden Gehaltsexzesse unter Strafe gestellt und die Rechte von Aktionären gestärkt. Und die Chancen dafür stehen gut: Jüngste Umfragen ergaben eine Zustimmung von 64 Prozent. Die Schweiz hätte dann das härteste Aktienrecht der Welt.

Harte Strafen für Lohnexzesse

Die Wirtschaftselite des Landes sieht allerdings rot - und nicht nur sie: Die Abzocker-Initiative sieht sich einer "nie dagewesenen" Gegenwehr aus Regierung, Parlament, Parteien, Arbeitgebern und sogar Gewerkschaften gegenüber, wie es der Unterstützer Paolo Bernasconi, Ex-Staatsanwalt im Kanton Tessin, formuliert. Das Schweizer Parlament und die Regierung haben unter dem öffentlichen Druck einen eigenen, weit weniger ambitionierten Gegenentwurf vorgelegt.

Kopf hinter der Abzocker-Initiative ist Thomas Minder. Der heute 52-jährige Chef der familieneigenen Kosmetikfirma Trybol und Hobby-Politiker, der als parteiloser Abgeordneter im Parlament sitzt, sammelte vor fünf Jahren mehr als 100.000 Stimmen und setzte damit den Volksentscheid durch.

Konkret sehen die Forderungen der Initiative unter anderem vor:

  • Aktionäre und nicht mehr Konzernvorstände sollen das letzte Wort über Manager-Vergütungen haben. Dem Votum der Anteilseigner sollen sich börsennotierte Großunternehmen jährlich unterwerfen müssen, auch der Verwaltungsrat soll jedes Jahr neu gewählt werden.
  • Sogenannte goldene Handschläge bei Abgängen von Spitzenmanagern - wie im Fall des Ex-Novartis-Präsidenten Vasella - werden verboten.
  • Ebenfalls untersagt werden sogenannte Begrüßungsgelder - wie die 2012 gezahlten vier Millionen Franken (heute 3,27 Mio Euro) für Ex-Bundesbanker Axel Weber bei dessen Antritt als UBS-Präsident.
  • Auch Sonderprämien bei Firmenkäufen oder -verkäufen werden verboten.

Bei Verstößen schreibt Minders Kampagne Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren und Geldstrafen in Höhe von bis zu sechs Jahresvergütungen vor - ein Kulturschock für die Schweiz: Jahrzehntelang war das Wirtschaftsmodell des Landes von den Eliten als besonders liberal und deshalb besonders erfolgreich gepriesen worden. Dass der Staat - noch dazu mit Mitteln der Strafjustiz - in die Chefetagen hineinregieren könnte, erschien absurd.

Gegenkampagne mit 40fachem Budget

Doch auch in der Schweizer Öffentlichkeit hat die Finanzkrise und ihre Folgen ein Umdenken bewirkt. Selbst in dem reichen und weitgehend neidlosen Land reiben sich Menschen die Augen angesichts von Millionenboni, die Banker und Vorstandsmitglieder selbst dann noch kassieren, wenn Unternehmen Verluste einfahren.

Schweizer Manager gehören zu den Spitzenverdienern: 15 Millionen Schweizer Franken (zwölf Millionen Euro) verdiente der Novartis-Chef Vasella im Jahr 2011. 12,5 Millionen Schweizer Franken gingen an den Roche-Chef Severin Schwan, 11,2 Millionen Franken an Paul Bulcke von Nestlé, zehn Millionen Franken an Ernst Tanner vom Schokoriesen Lindt & Sprüngli. Durchschnittlich acht Millionen Euro verdiente ein Konzernchef 2011 in der Schweiz - verglichen mit 6,7 Millionen Euro in Deutschland oder Großbritannien.

Unisono warnen Schweizer Unternehmen, dass so weitgehende Einschränkungen wie in der Abzocker-Initiative festgeschrieben der Wettbewerbsfähigkeit schweren Schaden zufügen würden. "Die Initiative schwächt den Werkplatz Schweiz", ist überall im Land auf Riesenpostern des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse neben den Gesichtern erfolgreicher Unternehmer zu lesen.

Acht Millionen Franken hat der Verband dafür der Schweizer "Wochenzeitung" zufolge in seine Kampagne gesteckt, und damit das 40fache der lediglich 200.000 Franken der Abzocker-Initiative. Anfangs schien das Wirkung zu zeigen. Die Zustimmung zur Initiative ging zurück. Bis in der heißen Phase des Meinungskampfes Novartis' 72-Millionen-Franken-Handschlag an seinen Ex-Chef Vasella für Furore sorgte.

fdi/Reuters/dpa/AFP



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insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
papayu 02.03.2013
1. Was macht man mit diesen RIESENGEHAELTERN??
Man kann doch nicht jeden Tag 10.000 sfr ausgeben, dazu fehlt die Zeit und bald hat man doch ALLES! Eigentlich sollte man die Erfinder dieser "Gehaelter und Boni" bestrafen. Das letzte Hemd hat leider keine Taschen!!! Und wenn diese dann noch an der Boerse "spielen," dann beeinflussen sie die Gesamtwirtschaft. Aktien waren mal eine Idee, die Fabrikation zu unterstuetzen. Heute nicht mehr. Die gesamte Industrie wird von Banken und Grossaktionaeren beherrscht. Diese koennen eine Firma in die Pleite schicken. Und wenn es keine" Projekte" mehr gibt, baut man eben mit Hilfe der Politik Philharmonie, S21 und BER usw. Und wenn tatsaechlich S21 eingestellt wird moechten doch die Unternehmer die Parteispenden zurueck, oder??? Und dagegen muss man sich doch wehren!!!!!
awbferdi 02.03.2013
2. Volksentscheid?
Höre und lese ich das richtig? Die Schweizer entscheiden über das schärfste Aktienrecht der Welt? In ihrem eigenen Land? Wenn das klappt, braucht die Kavallerie nicht mehr aufzusatteln. Glück auf. Grüetzi. F.
casamungo 02.03.2013
3. Abzocker
Das ist genau das Richtige auch für Deutschland. Laßt endlich die Aktionäre über die Gehälter abstimmen und nicht den Aufsichtsrat. Das die Gewerkschaften dagegen sind ist ja logisch, da sie ja im AR sitzen stimmen sie auch über Ihre Vergütungen ab.
Bellerophon 02.03.2013
4. Managergehälter müssen wieder vernünftig werden,
denn diese monströsen, absurden und obszönen Beträge schüren das Gefühl des Auseinanderdriftens beim "Rest" der Gesellschaft. Das Argument "dann gehen die eben woanders hin" ist an sich nicht stichhaltig, denn es könnte für die Gesellschaft ja gar nichts besseres passieren. Andererseits zeigt das Argument auch ein Dilemma, in dem wir zusammen stecken. Eine internationale Regelung muss her, mit welcher die Auswüchse dieser Orgien begrenzt werden. Es sollte die "normale" Arbeit der Manager im Büro, der Radiologen am Gerät gegenüber des Dregers an der Maschine und der Putzfrau auf der Treppe ins Verhältnis gesetzt werden. Ein Busfahrer hat den ganzen tag Verantwortung, und zwar für Menschenleben, nicht für Aktienkurse. Monstergehälter gehören über die Firmenphilosophie geächtet. Augen auf, Bosch macht es doch vor!
superswissmiss 02.03.2013
5. Tja
Der Artikel enthält leider einige Unschärfen: Die Schweizer entscheiden nicht an der "Wahlurne" über die Vorlage, sondern in einer Volksabstimmung, somit an der "Urne" (wenn man so will). Wahlen finden zurzeit keine statt. T. Minder ist im streng genommenen Sinn kein "Hobby-Politiker", sondern Milizpolitiker. Berufspolitiker gibt es in der Schweiz kaum (nur die Parteipräsidenten und Bundesräte). Hobby-Politiker tönt schon sehr abwertend! Berufspoltiker sind vom schweizer Politiksystem gar nicht vorgesehen (zumindest im Parlament). Das Schweizervolk entscheidet an der Urne nicht über die Höhe der Managergehälter (wie der Artikel zunächst suggeriert), sondern darüber, ob an der Generalversammlung die Aktionäre stärker über die Gehälter der Verwaltungs- und Geschäftsleitung bestimmen dürfen. Es werden lediglich bestimmte Formen der Entschädigung mit der Initiative verboten.
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