Britischer Zinsskandal: Finanzwächter sollen Kontrollen vernachlässigt haben

Die britische Finanzmarktaufsicht FSA gerät in die Kritik: Laut "Wall Street Journal" bekam sie schon vor Jahren Hinweise, dass Banken den zentralen Zinssatz manipulieren, zu dem sich Institute untereinander Billionen von Dollar leihen. Doch erst 2010 ging die Behörde den Spuren nach.

FSA-Chef Turner: Hinweise nicht ausreichend geprüft? Zur Großansicht
Getty Images

FSA-Chef Turner: Hinweise nicht ausreichend geprüft?

Hamburg - Der Skandal um mögliche Manipulationen des zentralen Zinssatzes Libor zieht immer weitere Kreise. Neben zahlreichen Banken aus mehreren Ländern steht nun auch die britische Finanzmarktaufsicht FSA in der Kritik. Laut "Wall Street Journal" ("WSJ") hat sie bereits 2007 deutliche Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in dem Zinssatz erhalten, ging diesen aber erst 2010 nach. Die FSA äußerte sich bislang nicht zu den konkreten Vorwürfen.

Seit Tagen dominiert der Skandal die Schlagzeilen der Finanzmedien. Der Libor - kurz für "London Interbank Offered Rate" - ist der zentrale Zinssatz, zu dem sich britische Banken untereinander Geld leihen. Er wird jeden Tag neu ermittelt: Vormittags teilen Händler von bis zu 19 Banken dem britischen Bankenverband mit, wie viel sie für Kredite mit unterschiedlicher Laufzeit zahlen müssen. Der Durchschnitt dieser Werte ist dann der Libor für den Tag. Er ist Basis für Wertpapiere im Volumen von 350 Billionen Dollar, legt den Zins für Immobilienkredite, Sparverträge und Anleihen fest.

Banken wie das Institut Barclays Chart zeigen sollen den Libor von 2005 bis 2009 manipuliert haben - und aus den Schwankungen Profit geschlagen haben. Barclays musste vergangene Woche als erste Bank in dem Skandal eine Strafe von 290 Millionen Pfund zahlen, Institutschef Bob Diamond musste zurücktreten - und stellte sich bei einer Anhörung im britischen Unterhaus als Opfer dar. Die Zinsmanipulationen seien ein branchenweites Problem, sagte der 60-jährige Amerikaner in der mehrstündigen Anhörung. Tatsächlich ermitteln Behörden in dem Skandal inzwischen gegen bis zu zwei Dutzend Geldhäuser. Und nun drohen auch noch der Finanzaufsicht FSA Probleme.

Laut "Wall Street Journal" war die Arbeit der Financial Services Authority vor allem durch Nachlässigkeit geprägt. Zu den Aufgaben der Behörde gehört es ganz klar, die Integrität der britischen Märkte zu schützen. Dennoch überwachte die FSA Unregelmäßigkeiten des Libor lange nicht genauer - selbst dann nicht, als es schon Hinweise gab, dass möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Schon zuvor Vorwürfe gegen FSA

Schon im Dezember 2007 hätten Bankenvertreter bei der FSA Zweifel an der Aussagekraft des Libor bekundet, berichtet die Zeitung. Im April 2008 habe ein hochrangiger Barclays-Manager der Behörde in einem Telefonat offenbart, sein Institut habe die Zinsen der eigenen Kredite nicht immer akkurat mitgeteilt. Und dass es noch andere Institute gebe, die dies getan hätten. Die Vergehen von Barclays seien nicht die schlimmsten, sagte der Manager laut "WSJ". Die Zeitung beruft sich in ihrem Bericht auf Insider und Dokumente der US-Börsenaufsicht CFTC, die ebenfalls in dem Fall ermittelt.

Im Sommer 2008 untersuchte der Britische Bankenverband, sprich: die Interessenvertretung der Institute, die Unregelmäßigkeiten. Sie stellte nach eigenen Angaben keine größeren Probleme fest - und entlastete so die Banken. Das reichte der FSA offenbar zunächst. Laut "Wall Street Journal" startete sie erst 2010 eine eigene Untersuchung.

Auch bei der Personalie um Ex-Barclays-Manager Jerry del Missier steht die FSA alles andere als gut da. 2010 hatte die Behörde den Manager in der Affäre um Zinsmanipulationen entlastet, berichtet die Zeitung. Nur wenige Wochen später segnete sie zudem seine Beförderung zum operativen Chef ab. Am Dienstag nun trat Missier zusammen mit Diamond zurück.

Die FSA steht nicht erst seit dem Libor-Fiasko in der Kritik. Sie war bereits zuvor wegen ihrer eher laxen Marktregulierung in den Jahren vor dem Ausbruch der Finanzkrise gerügt worden. FSA-Chef Adair Turner hatte zuvor angegeben, die tägliche Überwachung des Libor sei nicht Kernkompetenz der FSA, sondern der British Bankers' Association. Dennoch ist die FSA in dem Skandal die wichtigste unabhängige Instanz - und eine der wichtigsten Prüfbehörden bei der Aufklärung des Skandals.

Der Autor auf Facebook

ssu

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Finanzwächter
taggert 06.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie britische Finanzmarktaufsicht FSA gerät in die Kritik: Laut "Wall Street Journal" bekam sie schon vor Jahren Hinweise, dass Banken den zentralen Zinssatz manipulieren, zu dem sich Institute untereinander Billionen von Dollar leihen. Doch erst 2010 ging die Behörde den Spuren nach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,842893,00.html
Wie jetzt? Eine Finanzaufsicht die ihrer Aufgabe nicht nachkommt? Oha! Überraschung! Die letzten 12 Jahre gepennt? ... und nun mal im ernst, gibt es hier auch nur einen der über derartige Meldungen überrascht ist?
2. Losgelöst
hubertrudnick1 06.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie britische Finanzmarktaufsicht FSA gerät in die Kritik: Laut "Wall Street Journal" bekam sie schon vor Jahren Hinweise, dass Banken den zentralen Zinssatz manipulieren, zu dem sich Institute untereinander Billionen von Dollar leihen. Doch erst 2010 ging die Behörde den Spuren nach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,842893,00.html
Es ist nicht einfach nur ein Versagen der Finanzaufsicht, es geht viel weiter, denn die Finanzwelt hat sich völlig losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung. London hat sich zu einer reinen Banken und Spekulationsstadt entwickelt, man hat sich die Zustimmung von der Politik regelrecht erkauft. Es ist schon völlig egal welche Partei am Ruder ist, denn sie haben der Zepter des Handelns aus ihren Händen gegeben. Aber das ist nur die Entwicklung die uns die Philosophen prophezeit hatten, es ist alles ganz genau so eingetroffen. Wer da was aufhalten will, der muss grundsätzliches am System des Kapitalismus verändern, sonst geht alles bald sehr schnell den Bach hinunter. Aber den Aufschrei der Bürger hält man nicht ewig mit der Polizei auf, es entwickelt sich zu einem Pulverfass und die Lunte legen die zur Zeit an der Macht sitzende Politiker mit der Finanzwelt selbst. HR
3. Nicht nachgekommen
hubertrudnick1 06.07.2012
Zitat von taggertWie jetzt? Eine Finanzaufsicht die ihrer Aufgabe nicht nachkommt? Oha! Überraschung! Die letzten 12 Jahre gepennt? ... und nun mal im ernst, gibt es hier auch nur einen der über derartige Meldungen überrascht ist?
Wenn ich hier im Artikel zu lesen bekomme, dass die Finanzwächter ihre Aufgaben nicht nachgekommen sind, so kann man das bei uns in Deutschland mit dem Versagen des Verfassungsschutz vergleichen, denn sie sind ihrer Tätigkeit das Grundgesetz und die Bürger zu schützen auch nicht nachgekommen. Woran mag das wohl liegen, es liegt man System, man ist mit anderen Dingen beschäftigt, aber die vom Gesetzgeber aufgetragenen Aufgaben werden nicht mehr beachtet. Es ist das Problem dieses System, wer nichts grundsätzliches verändern will, der wird zwangmäßig in die Katastrophe laufen. HR
4.
umi85 06.07.2012
Sicher dass es sich hier nicht evtl. um "nur" 1/1000 von 350 Billionen Doller handelt?! Nämlich 350 Mrd. Dollar. 350 Billionen wäre wirklich ein wenig viel.
5. Nöö,
con_damillo 06.07.2012
Zitat von taggertWie jetzt? Eine Finanzaufsicht die ihrer Aufgabe nicht nachkommt? Oha! Überraschung! Die letzten 12 Jahre gepennt? ... und nun mal im ernst, gibt es hier auch nur einen der über derartige Meldungen überrascht ist?
ich schon mal nicht! Und darüber hinaus: Gibt es hier irgendjemanden, der auch nur annähernd plausibel erklären kann, wie eine solche Kontrolle in der Praxis erfolgreich(!) und lückenlos durchgeführt werden hätte können? Dieser Fall ist ja wohl im Handbuch für Kontrolleure nach wie vor eher theoretischer Natur und nur dazu da, um sich aus der Haftung zu winden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Barclays
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 45 Kommentare