Kampf gegen niedrige Inflation Draghi deutet Eingreifen im Juni an

Der Euro zu stark, die Inflation zu niedrig: Die Europäische Zentralbank ist besorgt - und kündigt mögliche Gegenmaßnahmen für Anfang Juni an. Für Deutschland kann die Niedrigzinspolitik gefährlich werden. Forscher warnen vor einer Immobilienblase.

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Draghi in Brüssel: "Ernsthafte Sorgen"
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Draghi in Brüssel: "Ernsthafte Sorgen"


Hamburg - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat an den Finanzmärkten neue Erwartungen geweckt. "Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln", sagte Notenbankpräsident Mario Draghi nach der Sitzung des wichtigsten Entscheidungsgremiums am Donnerstag in Brüssel. Zuvor wolle man jedoch noch die Prognosen der EZB-Volkswirte zu Inflation und Wachstum abwarten, die Anfang Juni veröffentlicht werden sollen.

Damit wird ein Eingreifen der Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung im Juni deutlich wahrscheinlicher. Die Diskussion an diesem Donnerstag sei nur eine "Vorschau" auf das gewesen, was man beim nächsten Mal besprechen werde, sagte Draghi. Er ließ offen, ob es dabei um eine weitere Senkung des Leitzinses gehen wird oder eher um ein Programm zum Aufkauf von Anleihen.

An den Finanzmärkten zeigte die Ankündigung Wirkung: Aktienindizes wie der deutsche Dax Chart zeigen schossen nach oben, der Kurs des Euro Chart zeigen dagegen sank.

Draghis Spitze gegen Frankreich

Mit ihrer entschlossenen Haltung will die EZB verhindern, dass die Inflation dauerhaft niedrig bleibt. Zuletzt lag die jährliche Teuerungsrate in der Euro-Zone bei 0,7 Prozent. Das Ziel der Notenbank ist ein Wert knapp unter zwei Prozent. Man werde sich nicht mit einer dauerhaft niedrigen Inflation abfinden und sie "nicht als naturgegeben hinnehmen", sagte Draghi.

Auch der starke Euro bereitet den Notenbankern laut Draghi "ernsthafte Sorgen". Der EZB-Rat habe über das Thema gesprochen. Zwar sei der Wechselkurs an sich kein Ziel der EZB. Eine zu starke Währung könne aber das angestrebte Inflationsziel gefährden. Ein starker Euro macht nämlich Importe billiger und drückt so das Preisniveau.

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Auf die französischen Forderungen, etwas gegen die Euro-Stärke zu unternehmen, reagierte der EZB-Chef sichtlich genervt. "Wir sind unabhängig", betonte der Italiener. Wenn der Eindruck entstehe, dass diese Unabhängigkeit gefährdet sei, könne das schädlich sein.

Während Frankreich und andere Staaten von der EZB noch niedrigere Zinsen fordern, um den Euro-Kurs zu drücken, herrscht in Deutschland eher Angst vor den Folgen dieser Politik. Schließlich liegt der Leitzins, zu dem sich Banken Geld bei der EZB leihen können, schon jetzt bei 0,25 Prozent - und damit so tief wie nie zuvor.

Forscher warnen vor Immobilienblase

Deutlich werden die deutschen Sorgen in einer Studie, die das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel für das Bundesfinanzministerium angefertigt hat. Darin warnen die Ökonomen vor einer Spekulationsblase am deutschen Immobilienmarkt - ähnlich der Blasen, die in Ländern wie Spanien oder Irland zu tiefen Krisen geführt haben.

Bei einer "anhaltend expansiven Politik", so die Forscher, bestehe "die Gefahr, dass sich an den Vermögensmärkten Preisblasen bilden, insbesondere am Immobilienmarkt." In diesem Fall "wäre eine schwere Rezession wahrscheinlich".

In vielen deutschen Ballungsräumen sind die Immobilienpreise seit der Euro-Krise deutlich gestiegen. Es ist aber strittig, ob es sich hierbei um eine normale Preisentwicklung handelt oder um eine Spekulationsblase. Die Deutsche Bundesbank hält Immobilien in Großstädten bereits für 25 Prozent überbewertet.

Auch für die Öffentlichen Haushalte sehen die Experten des IfW Risiken durch die Niedrigzinsen. So bestehe die Gefahr, dass "die Lage günstiger erscheint, als sie tatsächlich ist". Nach dem Boom drohten deshalb überraschend hohe Fehlbeträge - ähnlich wie es in Spanien der Fall gewesen sei.

Um den Gefahren zu begegnen, empfehlen die Forscher der Bundesregierung Risikopuffer im Haushalt zu bilden, die Grundsteuer für bebaute oder bebaubare Grundstücke zu erhöhen und auf "jedwede Form von Subventionen im Immobilienbereich" zu verzichten.

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HansCh 08.05.2014
1. Danke H. Draghi.
... auf "jedwede Form von Subventionen im Immobilienbereich" zu verzichten ... - heisst im Klartext: Immobilien in unserem Lande sollen nicht hierlebende Familien erwerben, sondern nur weiterhin ausländische Spekulanten; ... "die Inflation zu niedrig ..." und soll hochgetrieben werden und die Zinsen über den Leitzins werden von Draghi ständig gedrückt, heisst im Klartext: der Bürger erhält für seine Spar-Notgroschen immer weniger Zins während der Wert des Ersparten rasant abnimmt, also Verlust (der Gegenwert landet letztlich in den Taschen privilegierter Inverstoren). Danke H. Draghi.
volker_morales 08.05.2014
2. Natürlich erst im Juni,
damit die AfD im Mai nicht zuviele Stimmen bekommt. Vielleicht ist eine richtige Zuspitzung auch einfach erforderlich, damit das Ende des bisherigen Euros endlich eingeleitet wird.
marthaimschnee 08.05.2014
3.
Jawoll, die Immobiliensubventionen abzuschaffen ist eine gnadenlos tolle Idee. Damit fallen dummerweise auch sämtliche Anreize für eine energetische Sanierung weg, was durch einen moderaten Energiepreisanstieg dank starkem Euro noch zusätzlich befeuert wird. Und schon trommelt die verpfuschte Energiewende wieder an die Tür. Und die Märkte jubilieren, na warum wohl? Weil sie noch mehr Geld in den Ar**h geblasen kriegen! Die EZB sollte vorsichtig sein, die werden hochgradig abhängig nach dem billigen Geld denn es sind bei weitem nicht nur Immobilien in Großstädten, die man mit dem Wort "Blase" bezeichnen kann. Wenn die platzen, sitzt der Steuerzahler wieder auf Billionen an Verbindlichkeiten, die gerettet werden müssen. Dafür reicht keine der getroffenen Maßnahme auch nur annähernd aus!
cryn 08.05.2014
4.
Ich hoffe noch auf Hoffnung nach der Europawahl.. ein bisschen Kritik wäre angebracht. Mal schauen was die Afd bringt :)
genugistgenug 08.05.2014
5. Wieso erst Juni? :-)
wieso erst im Juni was tun und nicht schon jetzt? Gibt es da etwas das sich bis dahin verbessert hat? Nein Gibt es was, dass bis dahin unter der Decke bleiben muss? Ja Stimmt, es sind ja Wahlen und da wollen einige noch ein sicheres Pöstchen mit 340,- € Tagespauschale, usw.
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