Nach Enthüllung über Manipulationen Ministerien sollen auf Qualität ihrer Umfragen achten

Nach den SPIEGEL-Enthüllungen über manipulierte Umfragen sollen Bundesministerien künftig genauer hinsehen, wenn sie Aufträge an Marktforscher vergeben. Doch der Appell dürfte wenig nützen.

Betrug in der Marktforschung
Max Heber/Lorenz Kiefer/DER SPIEGEL

Betrug in der Marktforschung

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Wie zuverlässig sind die Umfragen der deutschen Marktforschungsinstitute? Die SPIEGEL-Berichte über gefälschte Erhebungen haben so hohe Wellen geschlagen, dass der Branchenverband ADM im Bundesjustizministerium erklären musste, wie er derartig systematische Manipulationen in Zukunft ausschließen will. Der für Verbraucherschutz zuständige Staatssekretär Gerd Billen teilte dem SPIEGEL anschließend mit, er nehme die Vorwürfe "sehr ernst, denn Verbraucherinnen und Verbraucher verlassen sich heute in verschiedensten Bereichen auf die Ergebnisse von Tests und Umfragen".

Der Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e.V. (ADM) hatte Billen mitgeteilt, dass eine Transparenz-Richtlinie entstehen solle, "durch die die Institute verpflichtet werden sollen, die Durchführung von Studien und die Entstehung von Ergebnissen intern und für die Auftraggeber umfassend und transparent zu dokumentieren".

Doch offenkundig reicht das Billen nicht. Nach SPIEGEL-Informationen fordert der Staatssekretär im Justizministerium von Katarina Barley (SPD), alle 14 übrigen Bundesministerien nun auf, Marktforschern ganz genau auf die Finger zu schauen: "Auch innerhalb der Bundesregierung werden die Ergebnisse von Umfragen herangezogen und als Orientierung genutzt", so Billen in dem Brief. Die Ministerien müssten "auf ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis wie auch auf die Seriosität der zu beauftragenden Institute" achten, so Billen. Diese könnten anhand von ISO-Zertifizierungen identifiziert werden.

So bemerkenswert und löblich dieses Vorhaben ist: Die Manipulationen der Vergangenheit hätte das nicht verhindert.

Die Akte Marktforschung
  • Dieser Artikel ist Teil der Serie "Die Akte Marktforschung". Tricksen, täuschen, manipulieren: Bei Umfragen in Deutschland wird geschummelt. Eine SPIEGEL-Recherche deckt Betrug in der Branche auf. Lesen Sie alle Texte dazu auf unserer Themenseite.

Denn alle an den Fälschungen beteiligten Institute waren zertifiziert und seit Langem Mitglieder der Branchenverbände. Um Unregelmäßigkeiten zu erkennen, müssten die Ministerien Interview-Mitschnitte und Stichproben der Fragebögen anfordern und auswerten, zudem gehören unangekündigte Besuche in den Callcentern der Institute zu einer gründlichen Kontrolle.

Die Chefin des Branchenverbands ADM, Bettina Klumpe, stellte mehrfach klar, dass die Institute selbst dafür verantwortlich sind, die Richtlinien, Kodizes und Standesregeln einzuhalten. Wann die Arbeitsgruppe mit der Entwicklung der Transparenz-Richtlinie fertig sein soll, hat sie offengelassen.

Der Druck dürfte vorerst nicht nachlassen. Staatssekretär Billen kündigte an, er werde "die Aktivitäten der Branche und die Umsetzung der angekündigten Maßnahmen auch weiterhin kritisch begleiten".

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Na Sigoreng 19.06.2018
1. Prima!
Werden uns ab jetzt im politischen Bereich die tatsächlichen Ergebnisse präsentiert? .... oder gibt es da zertifizierte Ausnahmen?
dasfred 19.06.2018
2. Es müssen nicht die richtigen Ergebnisse sein,
es reicht, wenn man die Umfragen jetzt besser an die gewünschten Ergebnisse anpassen kann. Wer ernsthaft interessiert ist, an der Bürgermeinung, würde auch Volksentscheide zulassen.
H. Krämer 19.06.2018
3. Große Erleichterung
Jetzt bin ich wieder komplett beruhigt, wenn ein Staatssekretär erklärt, dass er eine Sache "sehr ernst" nimmt. Der steigert sich noch in seiner Festlegung: Er will die Sache künftig "kritisch begleiten". Das ist great, da kann ja nichts mehr schief laufen in Deutschland.
forumgehts? 19.06.2018
4. Sage
mir, wer die Umfrage bezahlt und ich sage dir, wie das Ergebnis sein wird.
birke1 19.06.2018
5. Bürgermeinung durch Volksentscheide
Zu 2.. Ja, dasfred! 'Wer ernsthaft interessiert ist, an der Bürgermeinung, würde auch Volksentscheide zulassen.'
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