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Maroder Bundeshaushalt: Sparen, kürzen, wegradieren

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Elterngeld, Arbeitslosenförderung oder Bundeswehr? Die Regierung muss radikal sparen - Finanzminister Schäuble macht seinen Kollegen Vorgaben, doch die wehren sich. SPIEGEL ONLINE analysiert, in welchen Ressorts sich die Milliarden reinholen lassen.

DDP

Hamburg/Berlin - Es geht um Milliarden. Es geht ums Sparen. "Wir haben jedes Jahr mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben." Sagt die Kanzlerin. Mit der jahrzehntelangen Prasserei soll es nun vorbei sein. Was Angela Merkel von den Südeuropäern zur Stabilisierung des Euro verlangt, gilt auch in Deutschland: Haushaltskonsolidierung ohne Wenn und Aber.

Hierzulande hat man sich das Ziel sogar in die Verfassung geschrieben: Ab 2011 müssen bis 2016 jedes Jahr zehn Milliarden Euro eingespart werden. Aber wie? Das ist die Frage der Fragen in Berlin.

Wolfgang Schäuble (CDU) hat seine Kabinettskollegen schon an diesem Mittwoch zu einem energischen Sparkurs gedrängt. Die ersten Ressortentwürfe für den Bundeshaushalt 2011 seien viel zu hoch gewesen, sagte Schäuble in der Kabinettssitzung am Mittwoch nach Angaben von Teilnehmern und kritisierte seine Kollegen. Nach den Berechnungen des Bundesfinanzministeriums würden alle Ressortanmeldungen derzeit die bisherigen Haushaltsplanungen für die Jahre 2011 bis 2014 um neun Milliarden Euro übersteigen.

In einem Rundschreiben an die Ministerien fordert Schäubles Staatssekretär Werner Gatzer deshalb ein Umsteuern. "Um die notwendigen Konsolidierungsbeträge tatsächlich gewährleisten zu können, erwarte ich von Ihren Häusern zunächst Einsparungen in Höhe von drei Milliarden Euro", schrieb er in dem mehreren Nachrichtenagenturen vorliegenden Brief. Dies sei aber nur ein "erster, kleiner Schritt" - praktisch ausgenommen von dieser ersten Sparrunde ist den Berichten zufolge nur das Arbeitsministerium von Ursula von der Leyen, die mit Abstand den größten Etat verantwortet (siehe Grafik). In den kommenden Wochen müsse dann über weitere Einsparungen gesprochen werden, schrieb Gatzer - und: Aus dem geltenden Finanzplan ließen sich "keine Besitzstände ableiten".

Wo aber sparen?

Klar ist, dass bei Bildung, Forschung und Kinderbetreuung nicht gespart werden soll - das hat Kanzlerin Angela Merkel gesagt. Aber auch das ist nur herausgekommen, weil Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) im SPIEGEL-Interview genau in diesen Punkten Sparvorschläge unterbreitet hatte. Auf diese gezielte Provokation musste Merkel reagieren.

Ein wenig konkreter wird das Sparszenario beim Merkel-Vertrauten Peter Altmaier, dem Geschäftsführer der Unionsfraktion. Der markiert die schwarz-gelben No-gos in der Bildungspolitik, der Familien- und Integrationspolitik sowie der ökologischen Erneuerung der Marktwirtschaft. Diese Bereiche bildeten ja auch "den neuen Markenkern der Union, den wir uns in den letzten Jahren hart erarbeitet haben und jetzt nicht zur Disposition stellen dürfen", sagte Altmaier in der "Süddeutschen Zeitung".

Hört man sich bei konservativer gesinnten Parteifreunden Altmaiers um, sind die Prioritäten anders gelagert. Da wird dann durchaus auch über die Abschaffung etwa des Elterngeldes nachgedacht. Doch so lange diese Bereiche unter dem persönlichen Schutz der Kanzlerin stehen, müssen sich die Ressortchefs Kristina Schröder (Familie) und Annette Schavan (Bildung) wohl keine Sorgen machen.

Dass Bildung und Forschung geschont werden sollen, freut auch die FDP. Das sei "Priorität" ihrer Partei gewesen, sagt FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger. Die Partei, der gerade die Steuersenkung auf absehbare Zeit abhandengekommen ist, hatte das Thema im Wahlkampf und in den Koalitionsverhandlungen breit herausgestrichen.

"Der Arbeitsmarkt birgt sicher noch Einsparpotential"

Wo aber dann sparen? Die Liberalen wollten bei den Subventionen ansetzen, auch gebe es in allen Etats "strukturelle Punkte", wo man etwa Ineffizienz beseitigen könne, sagt Homburger. Doch wirklich konkret wird derzeit kein Koalitionär. Man will sich nicht vom politischen Gegner und den Medien treiben lassen. Sie werde jetzt keine Vorschläge herausgreifen, notwendig sei ein Gesamtpaket, das "sozial ausgewogen" sei, sagt Fraktionschefin Homburger.

Der Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller, bringt immerhin den Bereich Arbeitsmarktpolitik ins Spiel. "Der birgt sicher noch Einsparpotential", so Müller zum "Hamburger Abendblatt": Wenn man bis 2013 etwa 40 Milliarden Euro einsparen wolle, "wird das nicht ohne Kürzungen bei staatlichen Leistungen gehen". Konkreter wird auch der CSU-Mann nicht.

Das wird die Aufgabe des Finanzministers sein. In den kommenden drei, vier Wochen geht es auf die Zielgrade. Auf einer Kabinettsklausur am 6. und 7. Juni im brandenburgischen Meseberg wird dann über das Sparpaket gesprochen.

Tatsächlich bereiten sich die meisten Minister längst auf Schäubles Rotstift vor. Zum Beispiel Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

Guttenbergs Streichliste

In dessen Ministerium, das über einen Jahresetat von rund 31 Milliarden Euro verfügt, plant man schon jetzt mögliche Streichungen. Guttenberg hat seinen Staatssekretär Walther Otremba beauftragt, eine sogenannte Priorisierungsliste zu erstellen. Auf dieser sollen die Projekte aufgeführt werden, bei denen man sparen kann oder die gar gestrichen werden könnten. Auch wenn die Streichliste erst im Juni fertig gestellt wird, steht jetzt schon fest, dass das Luftverteidigungssystem Meads ganz oben stehen wird. Eine Maßnahme, die die FDP nun erneuert. "Meads brauchen wir nicht mehr", sagt Fraktionschefin Homburger am Mittwoch.

Daneben stehen das Kampfflugzeug "Eurofighter", unbemannte Aufklärungssysteme, Transport- und Kampfhubschrauber, Fregatten des Typs 125 und verschiedene gepanzerte Fahrzeuge möglicherweise zur Disposition. So voluminös sich das Vorhaben anhört, so schwierig sind Ausstiege aus Rüstungsprojekten in der Realität. Durch horrende Vertragsstrafen und viele Zwangsklauseln in den Kontrakten hat sich die Rüstungsindustrie gut abgesichert gegen den möglichen Rotstift. Streichen, heißt es deswegen im Ministerium, bedeutet nicht unbedingt sparen.

Sparen - alles andere als leichtgemacht. Also doch Steuererhöhungen, wie sie ebenfalls von Hessen-Premier Koch ins Spiel gebracht worden sind?

Schäuble und Merkel wollen davon bisher nichts wissen. Allerdings wäre auch die möglicherweise geplante Abschaffung steuerlicher Subventionen nichts anderes als: verdeckte Steuererhöhungen. Und selbst wenn darüber hinaus die Etats der Ministerien eingefroren werden sollten, bedeutet das noch lange nicht, dass gespart wird. Das Geld wird nur nicht ausgegeben.

Aber gibt es überhaupt einen Spielraum für echte Sparmaßnahmen in den Ministerien? Oder sind die Ausgaben ohnehin gesetzlich so verankert, dass gar nicht an ihnen gerüttelt werden kann?

SPIEGEL ONLINE hat die Ressort-Etats überprüft - und zeigt, in welchen der 14 Ministerien Einsparungen am realistischsten sind: Klicken Sie auf die interaktive Grafik oben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 154 Beiträge
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1.
Gebetsmühle 19.05.2010
Zitat von sysopElterngeld, Arbeitslosenförderung oder Bundeswehr? Die schwarz-gelbe Koalition muss radikal sparen - und knöpft sich nun die Etats der Ministerien vor. SPIEGEL ONLINE analysiert, in welchen Ressorts sich die fehlenden Milliarden reinholen lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695508,00.html
ich würde sagen: bundeswehr. einfach weg damit. wird nicht mehr gebraucht. dann könnte man noch ein dutzend länder zusammen legen und maximal 5-8 einheiten bilden. das spart hunderte milliarden. damit kann man die schuldenlast verringern und hat dann wieder luft für investitionen, weil man weniger schuldendienst leisten muss. ausserdem kann man uach noch parlamente und apparate verkleinern und das geld für bildung ausgeben. wenn das volk besser gebildet is, werden auch bessere politiker gewählt. das wärs fürs erste. mir fällt aber noch viel ein.
2. Die SPAR-Platte mit dem Sprung. Läuft seit 30 Jahren
onzapintada 19.05.2010
Zitat von sysopElterngeld, Arbeitslosenförderung oder Bundeswehr? Die schwarz-gelbe Koalition muss radikal sparen - und knöpft sich nun die Etats der Ministerien vor. SPIEGEL ONLINE analysiert, in welchen Ressorts sich die fehlenden Milliarden reinholen lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695508,00.html
Und weils so gut dazu passt, hier nochmal Teil 3 der Banken-Ballade Deutschland Duke of Dumping Wie wir bereits erfahren ham, Fing alles mit deutschen Lohnkürzungen an. So ungefähr vor dreißig Jahren, Als wir noch ein Sozialstaat waren, Hauten die wirtschaftsweisen Professoren, Von Industrie und Banken bezahlt Und von Verbänden des Kapitals, Uns plötzlich diesen Satz um die Ohren: Die Leistung muss sich wieder lohnen – Schluss mit lustig, der Lenz ist vorbei, Ihr könnt euch nun nicht länger schonen. Und weiter wie im Schlaraffenland wohnen, Soziale Rechte sind einerlei. Deutschland laut Kohl war ein Freizeitpark, Wir wolln eure Leistung, keinen Sozen-Quark. Drum müssen die Brutto-Löhne runter, Auf dass unsre Wirtschaft wird wieder munter. Damit meinten sie den Export, Genau genommen mehr Überschüsse - Dies war‘n und sind die geist‘gen Ergüsse. Der Standort ist immer in Gefahr, Wenn wir uns nicht einschränken Jahr für Jahr. Und sie sorgten in den Medien ohne Hemmung Pausenlos für die richtige Stemmung: Wir brauchen bill‘gere Arbeitsplaetze! - Die Regierung erließ draufhin Gesetze, Hartz Vier davon war ihr Meisterstück. Da gingen die Löhne erst richtig zurück - Die Lohnstückkosten, so nennt man das, Wurden die bill‘gsten im Euroland - Ein Hoch auf den Hartz, der das erfand! Für die Elite ist es ein Spaß, Die Leute durch Kürzungen zu zwingen, Und zur Annahme jeder Arbeit zu bringen. So kann man die Vollzeit-Arbeitsplätzen Jetzt einfach durch Minijobs ersetzen. Zunächst wirkte der Arbeitszwang Nur unten in der Arbeiterschicht, Aber wie bei ‘nem Berge, über kurz oder lang, Auch in der Gesellschaft die Mittelschicht bricht, Wenn sie die unteren Schichten weghauen, beziehungsweise ihr die Löhne klauen. Doch Teile der deutschen Mittelschichte Begreifen es noch immer nichte, Die Strategien der Eliten-Wichte. Sicher werdet ihr fragen nun: Was hat das mit den Banken zu tun? Wartet‘s ab.
3. sparen...
egils 19.05.2010
Solange Ruestungsprojekte merh politisch als militaerisch/wirtschaftlich sinnvoll sind, wird amn auch nichts sparen, sondern höchstens streichen und trotzdem zahlen! es ist erschreckend wie mit dem Wehretat Schindludfer betrieben wird, aber dies von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, da die Bundeswehr irgendwie das "Stiefkind" der Nation ist... Die meissten Ruestungsprojekte sind extrem schlecht gemanagt, ueberteuert, und extrem verpaetet. Wearum der Bund als Auftragsgebe nie auf Vertragsstrafen fuer die Anbieter besteht ist auch Politisxch. man möchte Arbeitsplaetze halten indem man der ruestungsindustrie zuwschiebt was geht. Fehler ueber fehler...wer erinnert sich schn daran dass der Eurofighter mal "Jaeger 90" hiess weil er ein Zukunftsprojekt fuer die 90'er jahre war, hahaha...Alle Wehrppflichtigen dieses Jahr waren noch nicht einmal geboren als diese projekt begonnen wurde. Und das ist nur ein bBispiel von vielen...
4. Sparen?
nemansisab, 19.05.2010
Zitat von sysopElterngeld, Arbeitslosenförderung oder Bundeswehr? Die schwarz-gelbe Koalition muss radikal sparen - und knöpft sich nun die Etats der Ministerien vor. SPIEGEL ONLINE analysiert, in welchen Ressorts sich die fehlenden Milliarden reinholen lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695508,00.html
Wetten, dass nirgendwo gespart werden kann und die Mehrwertsteuer erhöht wird? Außerdem kann endlich die PKW-Maut auf den Weg kommen und alles wird gut.....
5. Rasenmähermethode erzeugt den Anschein von Gleichheit.
k.h.a. 19.05.2010
Das ist ihr Vorteil. Von Nachteil ist, daß dort nicht einiges mehr gekürzt wird, wo es geboten wäre. Wenn man sich aber nur noch darüber streiten muß, ob es in den entsprechenden Bereichen mehr als die durchgehenden - sagen wir 20% - Ausgabenkürzungen geben soll, wäre einiges gewonnen. Wenn sodann die Politiker den guten Erfolg ihrer Maßnahmen am aufbrausenden Protest orientieren, hätte sich weiteres ganz maßgeblich verändert - wieder zum Guten. Sollte es dann auch noch zur politischen Gewohnheit werden, jedes Haushaltsjahr 10% weniger auszugeben als im Vorjahr, könnten vielleicht einige Folgegenerationen Mut fassen, mit einer angemessenen Pro-Kopf-Verschuldung halbwegs erträglich leben zu können.
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Heft 20/2010:
Aus Schutt und Schuld
Der unglaubliche Wiederaufstieg der Deutschen nach 1945

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