Medikamentenpreise Rösler zettelt Gesundheitsrevolution an

Das Pharma-Sparkonzept von Gesundheitsminister Rösler ist revolutionär. Setzt er es durch, würden neu zugelassene Medikamente billiger und besser. Jetzt kommt es zum Kampf mit den Arzneikonzernen - den alle Vorgänger des FDP-Politikers verloren haben.

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Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler: Noch ein langer Weg
DDP

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler: Noch ein langer Weg


Hamburg - Die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hätte sich solche Vorschläge nicht leisten können, sie wären in der Luft zerrissen worden - von den Gesundheitspolitikern der FDP. Nun traut sich ausgerechnet der neue, liberale Gesundheitsminister Philipp Rösler, einen Vorschlag zu präsentieren, der einen grundlegenden Wandel in der Arzneimittelversorgung einleiten könnte. Dem ehemaligen niedersächsischen Wirtschaftsminister geht es zunächst darum, Geld zu sparen. Doch am Ende könnte sein Vorhaben ein Durchbruch sein, der die Qualität neu zugelassener Arzneimittel deutlich verbessert.

Was will der Mann? In seinen an diesem Freitag vorgestellten "Eckpunkten zur Umsetzung des Koalitionsvertrags für die Arzneimittelversorgung" findet sich der Vorschlag, dass die Pharmaunternehmen ein Dossier vorlegen müssen, wenn sie ein neues Präparat auf den Markt bringen. Darin müssen sie den "medizinischen Zusatznutzen im Vergleich zum Therapiestandard bzw. zu Therapiealternativen" darlegen.

Hört sich kompliziert an, ist aber eine Revolution: Bisher müssen Pharmahersteller nur nachweisen, dass ein neues Medikament wirkt. Es muss zum Beispiel im Vergleich zu einer Zuckerpille (Placebo) zeigen, dass die Cholesterinwerte oder der Blutdruck sinken. Doch das heißt noch lange nicht, dass das Präparat gut ist: Es kann zum Beispiel irgendwelche Werte im Blut senken - und gleichzeitig zu mehr Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen als bereits auf dem Markt befindliche Arzneien. Die Medikamentenskandale um Lipobay oder Vioxx waren Beispiele, bei denen man erst nach der Zulassung erkannte, dass ein Medikament zwar wirkte, aber der Schaden für die Patienten größer war als bei vergleichbaren Präparaten.

Milliarden Euro könnten gespart werden

Wenn Rösler seine Idee durchsetzt, dass neue Präparate ihren medizinischen Zusatznutzen nachweisen müssen, erfüllt er damit eine uralte Forderung pharmakritischer Wissenschaftler.

So hat Marcia Angell, die frühere Herausgeberin der renommiertesten Medizinzeitschrift der Welt, des "New England Journal of Medicine", schon im Jahr 2004 geschrieben: "Wenn ich mich unter allen Reformen, die ich vorschlage, für eine einzige entscheiden müsste, würde ich diese wählen: Die Zulassungsbehörde sollte vorschreiben, dass neue Medikamente nicht nur mit Placebos verglichen werden, sondern auch mit bereits etablierten Präparaten. Schon diese Reform allein würde die Industrie von heute auf morgen zwingen, sich stärker auf innovative Medikamente an Stelle von Nachahmerpräparaten zu konzentrieren."

Diese Nachahmerpräparate sind auch in Deutschland eine äußerst beliebte Methode, um die Krankenkassen auszuplündern. Man verändert dabei nur die Molekülstruktur eines Medikaments ein wenig und meldet es damit neu an, bekommt einen neuen Patentschutz - und kann kräftig abkassieren.

Kleine Änderungen können große Wirkungen haben

Die Autoren des jüngsten "Arzneiverordnungsreports" gehen davon aus, dass die Krankenkassen durch Abschaffung dieser Nachahmerpräparate allein im Jahr 2008 mehr als 1,7 Milliarden Euro hätten sparen können. Auch zu diesen Nachahmerpräparaten macht Rösler einen sinnvollen Vorschlag: Er schreibt, dass für "Molekülvariationen automatisch" der Festbetrag gelten soll, der für vergleichbare Präparate schon heute gilt.

Bevor nun alle in Jubel über die Vorschläge Röslers ausbrechen ein paar nüchterne Bemerkungen zum Schluss:

  • Erstens ist es bis jetzt nur ein Vorschlag, der vielleicht nur dazu gedacht ist, die Stimmung für die FDP vor der Landtagswahl in NRW zu verbessern. Dieser Vorschlag muss erst in einen Gesetzestext überführt werden, der wiederum im Bundestag und im Bundesrat eine Mehrheit finden muss. Bis dahin ist es ein weiter Weg - ein Weg, auf dem die Industrie ihre ganze Lobbykraft einsetzen wird, um das Gesetz abzuschwächen. Sie müsste es zum Beispiel nur schaffen, das Wort "Zusatznutzen" durch "Nutzen" ersetzen zu lassen - und der ganze Vorschlag würde nichts bringen. Denn, wie beschrieben, einen Nutzen haben die Präparate immer. Entscheidend ist aber, welchen tatsächlichen Fortschritt, welchen "Zusatznutzen" sie für die Patienten bringen.
  • Zweitens gewährt Rösler der Industrie eine lange Schonzeit, in der sie bei neuen Präparaten erst mal weiter kräftig abkassieren kann. Denn die Konzerne müssen bei Zulassung zwar dieses Dossier mit dem nachgewiesenen Zusatznutzen einreichen - doch den Preis können sie wie bisher frei festsetzen. Erst nach einem Jahr - wenn sich der Spitzenverband der Krankenkassen und die Hersteller nicht auf einen Preis geeinigt haben - soll eine Schiedsstelle über den Preis entscheiden. Diese soll den Preis "auf Basis internationaler Vergleichspreise" festsetzen, was für die Industrie sehr komfortabel ist, da sich die internationalen Preise meist an denen in Deutschland orientieren. Diese wurden aber zuvor von der Industrie frei festgesetzt.

Röslers Papier offenbart also insgesamt einige Schwächen. Dazu kommen Unklarheiten - etwa die, wie die Preise für Generika künftig berechnet werden sollen.

Insgesamt aber ist es der erste Versuch eines deutschen Gesundheitsministers, Einfluss auf die Qualität von Zulassungsstudien zu nehmen - kein Wunder, dass der VFA, die Lobbyorganisation der Pharmakonzerne in Deutschland, tobt. Verbandschefin Cornelia Yzer hält Röslers Eckpunkte für ein "Willkürinstrument" und "Gift für den Standort Deutschland".

Nicht auszudenken, wie der VFA reagiert hätte, hätte Ulla Schmidt dieselben "Eckpunkte" vorgeschlagen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
myspace 26.03.2010
1. #
Ich halte das für keine gute Idee. Die Pharmakonzerne müssen extrem aufwendige Studien führen, in denen ein neues Medikament nicht nur mit einem Placebo sondern auch mit anderen Medikamenten verglichen werden muß. Den Aufwand für diese Studien reichen die Konzerne an die Patienten bzw KK weiter.
syllogiker 26.03.2010
2. Ich bin gespannt.......
Zitat von myspaceIch halte das für keine gute Idee. Die Pharmakonzerne müssen extrem aufwendige Studien führen, in denen ein neues Medikament nicht nur mit einem Placebo sondern auch mit anderen Medikamenten verglichen werden muß. Den Aufwand für diese Studien reichen die Konzerne an die Patienten bzw KK weiter.
Das ist ja Originalton Pharmakonzerne. So ein Blödsinn, das mit den ach so aufwändigen Studien, deren Kosten auf den Preis umgelegt werden müssten. Und warum nur in Deutschland? Warum nicht in anderen Ländern?
realredfox, 26.03.2010
3. Genau so isses!
Zitat von myspaceIch halte das für keine gute Idee. Die Pharmakonzerne müssen extrem aufwendige Studien führen, in denen ein neues Medikament nicht nur mit einem Placebo sondern auch mit anderen Medikamenten verglichen werden muß. Den Aufwand für diese Studien reichen die Konzerne an die Patienten bzw KK weiter.
Und außerdem ist grad ein Schwein an meinem Fenster vorbeigeflogen.
pulegon 26.03.2010
4. fanboy bla
Ich kann mich erinnern, vor kurzem wurde eine bestimmte Person, welche die evidenzbasierte Medizin in den Vordergrund stellen wollte unter fadenscheinigen Argumenten gecanceld. Und jetzt kommt der Gesundheitsminister und schon hatte er mal wieder eine nie vorher dagewesene Idee. Davon ab, das mal wieder das übliche Halbwissen aus Hörensagen und dem üblichen 'Das muss aber so sein" nachgeblubbert wird.
pigmentosa 26.03.2010
5. und warum
Zitat von myspaceIch halte das für keine gute Idee. Die Pharmakonzerne müssen extrem aufwendige Studien führen, in denen ein neues Medikament nicht nur mit einem Placebo sondern auch mit anderen Medikamenten verglichen werden muß. Den Aufwand für diese Studien reichen die Konzerne an die Patienten bzw KK weiter.
müssen dann oft Medikamente aus dem Verkehr gezogen werden weil es sogar Tote gibt. An was liegt das? An den aufwendigen Studien?
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