Merkel in Griechenland Polizei riegelt Athener Regierungsviertel ab

Das Zentrum Athens gleicht einer Festung, Polizisten patrouillieren in den Straßen. Der Grund: Angela Merkel ist in der Stadt. Die griechische Regierung hofft auf deutsche Investitionen, doch in der Bevölkerung überwiegt die Skepsis.

Gesperrtes Regierungsviertel: Demos außerhalb des Sperrgebiets erwartet
Konstantinos Tsakalidis / Demotix

Gesperrtes Regierungsviertel: Demos außerhalb des Sperrgebiets erwartet


Berlin/Athen - Die Innenstadt Athens ist an diesem Freitag weiträumig abgesperrt. Die deutsche Kanzlerin wird in der griechischen Hauptstadt erwartet. Und wie vor rund eineinhalb Jahren legt Angela Merkels Besuch auch diesmal große Teile des Zentrums lahm.

Sonst aber soll jetzt alles anders sein als damals, so die Hoffnung der Regierung in Athen. Die Zeichen stehen gut: Einen Tag vor dem hohen Besuch aus Deutschland gelang dem Krisenland ein fulminantes Comeback an den Märkten. Entsprechend selbstbewusst geht Ministerpräsident Antonis Samaras in die Gespräche mit der gleichsam konservativen deutschen Regierungschefin. Außerdem sind Treffen mit griechischen Mittelständlern und jungen, innovativen Unternehmern geplant.

Laut "Handelsblatt" will Merkel die lange geplante griechische Förderbank mit einer Zwischenlösung auf den Weg bringen. Die Regierungen in Athen und Berlin wollten je 100 Millionen Euro dafür aufbringen, berichtet die Zeitung. Die Absichtserklärung dazu solle bei Merkels Besuch unterzeichnet werden, hieß es. Am Abend wollen die CDU-Chefin und Samaras die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer Gespräche informieren. Wird das Echo in der Bevölkerung diesmal positiver ausfallen als damals?

Bei ihrem Athen-Besuch mitten in der Schuldenkrise im Oktober 2012 war Merkel wegen ihres harten Sparkurses von vielen Griechen persönlich für die schlechteren Lebensbedingungen verantwortlich gemacht worden. Ausschreitungen wie damals werden diesen Freitag jedoch nicht erwartet. Die Polizei hat ohnehin Demonstrationen im Regierungsviertel verboten. Linke Organisationen und die größte Oppositionspartei Syriza wollten am Nachmittag außerhalb des Sperrgebiets demonstrieren.

Kritik des ehemaligen griechischen Außenministers

Die meisten Analysten waren sich am Freitag dennoch einig: Egal was Merkel mitbringt - ihr Besuch sei ein Zeichen des Vertrauens in Samaras. Der ehemalige griechische Außenminister Dimitris Droutsas hält den Besuch hingegen für eine Inszenierung im Europa-Wahlkampf. Der Sozialist warnte im Südwestrundfunk auch vor zu viel Euphorie über Griechenlands Aktivitäten auf den Finanzmärkten. "Ich glaube nicht, dass Griechenland ohne einen weiteren großzügigen Schuldenschnitt in der Zukunft wieder auf eigenen Füßen stehen kann."

Das neue ZDF-Politbarometer ergab, dass nur 22 Prozent der Deutschen die Euro-Krise bereits als überwunden ansehen. Eine Mehrheit von 51 Prozent ist jedoch der Meinung, dass von Griechenland keine große Gefahr für die Stabilität des Euro ausgeht. Deutliche Sorgen macht die Wirtschaftskrise in Griechenland 45 Prozent der Befragten.

Und wie ist die Stimmung in der griechischen Bevölkerung? Unsere Reporter David Böcking und Giorgos Christides haben bei Betroffenen nachgefragt: Was würden Sie Angela Merkel sagen, wenn Sie die Gelegenheit hätten, mit ihr zu sprechen?

Um die Antworten der Umfrage zu lesen, klicken Sie auf die Bilder!

Griechenland: Merkels Athen-Besuch

Mitsaras, arbeitet in einer Taverne:
"Ich würde Merkel eine Maske aufsetzen und ihr dann zeigen, was sie bewirkt hat. An einem Tag würde ich ihr die Obdachlosen zeigen, am nächsten die Suppenküchen. Und die geschlossenen Geschäfte, die Selbstmordstatistiken."

Dimitris Tsavos, Kellner:
"Politik von oben ist einfach. Merkel sollte die Leute besuchen, ihre Sorgen sehen, dass sie nichts zu essen haben. Ich würde sie bitten, den Tag mit mir hier in der Taverne zu verbringen. Wo Griechen, die Gentlemen waren, jetzt um eine Scheibe Brot betteln. Wenn ich 480 Euro brutto verdiene und eine Ein-Zimmer-Wohnung für 250 Euro habe, wie soll ich da zurechtkommen?"

Christos Nasmis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Frau Merkel nach einem gerechteren Europa fragen. Und ich würde sie bitten, Investitionen nach Griechenland zu bringen."

Kostas Karabasis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Merkel bitten, wieder für ein sicheres Geschäftsumfeld zu sorgen. Wer wird investieren, wenn diese Unsicherheit anhält?"

Ioannis Giolas, 56:
"Ich würde ihr sagen, dass sie Menschen in Südeuropa respektieren soll. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse. Wir arbeiten mehr als alle anderen in Europa. Griechenland hat seinen Mittelstand und seinen Handel verloren. All das Zeugs mit Griechenlands Rückkehr an die Märkte und die angebliche Erfolgsgeschichte ist nur eine Erfindung und ein Mythos."

Stamatia Tsoumea, arbeitslos, ehemalige Schulwächterin:
„Was in Griechenland passiert, ist unmenschlich. Wir haben Ihr Land unterstützt, Frau Merkel, mit der Beilegung deutscher Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieselbe Solidarität würden wir in der sogenannten europäischen Familie erwarten. Wir wissen, dass Sie hierhin kommen, um unsere Regierung zu unterstützen und die falsche Botschaft zu senden: Dass die Krise und die Überwachung durch die Troika vorbei sind."

Melina Kotsaki, frühere Stewardess bei Olympic Airways, 70:
"Rückkehr an den Markt? Optimistisch? Wirklich? Kommen Sie, das sind alles Märchen für Naive. Das ist alles ein abgekartetes Spiel, um vor der Europawahl zu punkten. Aber wir sind keine Idioten, zumindest die meisten von uns. Merkel ist die Betrügerin Nummer eins. Die Menschen und Europa sind ihr egal. Sie interessieren nur die Eliten."

yes/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
ziegenzuechter 11.04.2014
1. es ist doch eigentlich ganz einfach.
die bemuehungen des griechischen volkes und die einsparmasnahmen muessen hoch angerechnet werden. um aus der finanziellen schieflage ist herauszukommen muessen sich die griechen strikt an die auflagen der eu halten. sollten sie den befehlen nicht nachkommen werden sie territoriale verluste hinnehmen lassen. die italiener sind scharf auf ihre ehemaligen inseln in der adria. die muss giechenland im notfall an italien verkaufen. sollte auch dies die griechischen politiker nicht zur vernunft bringen, muss deutschland griechenland zu seinem protektorat machen und wirtschaftlich ausbeuten. leider gibt es keine andere moeglichkeit. alles andere als dieser ablauf waere wilde spekulation.
Zapallar 11.04.2014
2.
Zitat von sysopKonstantinos Tsakalidis / DemotiDas Zentrum Athens gleicht einer Festung, Polizisten patrouillieren in den Straßen. Der Grund: Angela Merkel ist ist in der Stadt. Die griechische Regierung hofft auf deutsche Investitionen, doch in der Bevölkerung überwiegt die Skepsis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/merkel-in-griechenland-griechenland-hofft-auf-deutsche-investitionen-a-963852.html
Die griechische Bevölkerung schuldet dem griechischen Staat noch knapp 40 Mrd. Euro an Steuergeldern ... wieviel wurde davon bisher eingetrieben? Wie sehen hier die Bemühunge auf beiden Seiten aus, sich selbst aus dem selbstverschuldeten Schlamassel zu befreien?
t.bird 11.04.2014
3. Crisis, what crisis ??
Ist bei den Interviewten nie mal irgendjemand dabei, der auch nur einen Anflug von Selbstkritik auf Lager hätte. Man muß schon gewaltig verblendet sein, wenn man die Ursachen für die griechische Misere mal flugs der Merkel ans Bein bindet. Dummdreiste Vorwärtsverteidigung nenne ich sowas... Man würde gern mal was hören zum Stand der Bemühungen ein funktionierendes Steuerwesen, dem Aufbau eines Grundbuchkatasters etc. zu hören. Stattdessen wird bei erneutem Rekordschuldenstand schon die Rückkehr ans den internationalen Spekulanten-roulettetisch als Erfolg gefeiert. Na klasse...
mlbn 11.04.2014
4. Griechenland
ist fulminant zurück! Da kann ich bloß lachen, doch nur weil die blöden kleinen Steuerzahler, vornehmlich aus Deutschland, dafür haften und keinerlei Risiko vorhanden ist. Das System ist immer noch krank, und immer noch werden Risiken sozialisiert und Gewinne privatisiert.
kl1678 11.04.2014
5. protektorat südostbayern
Zitat von ziegenzuechterdie bemuehungen des griechischen volkes und die einsparmasnahmen muessen hoch angerechnet werden. um aus der finanziellen schieflage ist herauszukommen muessen sich die griechen strikt an die auflagen der eu halten. sollten sie den befehlen nicht nachkommen werden sie territoriale verluste hinnehmen lassen. die italiener sind scharf auf ihre ehemaligen inseln in der adria. die muss giechenland im notfall an italien verkaufen. sollte auch dies die griechischen politiker nicht zur vernunft bringen, muss deutschland griechenland zu seinem protektorat machen und wirtschaftlich ausbeuten. leider gibt es keine andere moeglichkeit. alles andere als dieser ablauf waere wilde spekulation.
Den Stimmen im Artikel zufolge ist dies ja eh schon der Fall, und durch die Abschaffung der griechischen Scheinregierung könnte viel Geld gespart werden. :-)
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