Berlin - Angela Merkel bemüht sich, ihre Rolle als oberste Krisenmanagerin zurückzuerobern. In den vergangenen Wochen hatte sich der Eindruck verstärkt, als verliere die Kanzlerin in Europa an Ansehen und Einfluss. Dabei erfasst die Schuldenkrise nach Griechenland immer mehr Staaten, vor allem Spanien gerät in den Sog aus Staatsverschuldung und wirtschaftlicher Depression. Von Merkel war dazu wenig zu hören. Den Ton gaben andere an, unter anderem der neue französische Präsident François Hollande.
Doch nun meldet sich die Kanzlerin wieder zu Wort. In einem Auftritt beim ARD-"Morgenmagazin", dessen Inhalt vorab verbreitet wurde, bereitet sie die Deutschen darauf vor, Macht an Europa abgeben zu müssen. Beim kommenden Krisengipfel Ende Juni soll es einen Arbeitsplan für eine politische Union geben. Darin werde es um "mehr Europa" gehen, so Merkel. "Wir brauchen nicht nur eine Währungsunion, sondern wir brauchen eine sogenannte Fiskalunion, also mehr gemeinsame Haushaltspolitik." Vor allem sei aber eine politische Union nötig, "das heißt, wir müssen Schritt für Schritt im weiteren Verlauf doch auch Kompetenzen an Europa abgeben, Europa auch Kontrollmöglichkeiten einräumen".
Merkel fordert ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Schon jetzt gebe es dies, etwa bei der Schengen-Regelung oder dem Euro, sagte die CDU-Vorsitzende. Zwar müsse man offen sein und immer allen ermöglichen, mitzumachen. "Aber wir dürfen nicht deshalb stehen bleiben, weil der eine oder andere noch nicht mitgehen will."
Ein Drittel der Deutschen vertraut dem Euro nicht mehr
Zweifel an einer stärkeren europäischen Integration gibt es allerdings auch in Deutschland. Einer Umfrage zufolge haben viele Bürger Angst vor Inflation und steigenden Kosten. Auch das Vertrauen in den Euro stagniert auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Vor allem junge Menschen misstrauen der europäischen Währung, ergab die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest im Auftrag der Allianz Bank.
Obwohl die Befragung noch vor der Zuspitzung der Lage in Spanien stattfand, wuchs das Vertrauen in die Währungsstabilität im Vergleich zur letzten Umfrage im Dezember nur um zwei Prozentpunkte auf 32 Prozent. 31 Prozent der Befragten haben kein oder kaum mehr Vertrauen in die Stabilität der gemeinsamen Währung. Die Mehrheit von 38 Prozent kann sich nicht wirklich entscheiden. Insgesamt kommen die Meinungsforscher zu dem Ergebnis: je älter die Befragten, desto größer ist das Vertrauen in die Stabilität des Euro.
Merkel, die am Mittwoch bereits mit US-Präsident Barack Obama über die Krise diskutierte, trifft sich am Donnerstag mit dem britischen Premierminister David Cameron. Gespannt dürften beide Regierungschefs dann auch auf das Ergebnis einer Anleihenauktion Spaniens an diesem Donnerstag blicken. Denn je nachdem, wie bereitwillig die Anleger dem Land frisches Geld leihen, dürfte der Druck auf die Krisenmanager weiter wachsen.
cte/dpa
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