Ukraine-Krise Deutsche Firmen warnen vor Sanktionen gegen Russland

Die EU-Beratungen über schärfere Sanktionen gegen Russland alarmieren deutsche Firmen. Bei einem Wirtschaftskrieg mit Russland gäbe es nur Verlierer, warnt der Mittelstandsverband.

Russlands Präsident Putin: Vorwurf des "gesponsorten Terrorismus"
DPA/ RIA NOVOSTI/ Kremlin Pool

Russlands Präsident Putin: Vorwurf des "gesponsorten Terrorismus"


Hamburg - Der deutsche Mittelstand warnt die EU-Außenminister vor neuen Sanktionen gegen Russland. "Bei einem Wirtschaftskrieg mit Russland gäbe es nur Verlierer", sagte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, dem "Tagesspiegel". "Ein Embargo oder ähnliche Zwangsmaßnahmen gegen Russland würden vor allem viele unserer exportorientierten Mittelständler treffen."

Die Mehrzahl der etwa 6300 deutschen Unternehmen, die sich auf dem russischen Markt engagieren, sind laut Ohoven Klein- und Mittelbetriebe. 98 Prozent der rund 350.000 deutschen Exporteure seien mittelständische Firmen, und auf jede vierte Firma davon würden Wirtschaftssanktionen zurückschlagen.

Die EU-Außenminister beraten am Dienstag in Brüssel, wie die Sanktionen gegen Russland aufgrund der anhaltenden Krise in der Ukraine verschärft werden können. Dies hatten die EU-Regierungschefs bereits in der vergangenen Woche vor dem mutmaßlichen Abschuss der malaysischen Passagiermaschine in der Ostukraine beschlossen.

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Die USA hatten die Sanktionen gegen Russland zuletzt verschärft. Unter anderem hatten sie Strafmaßnahmen gegen russische Banken sowie Energie- und Rüstungsfirmen verhängt. Unter den betroffenen Unternehmen sind der Ölgigant Rosneft und die Gazprombank des gleichnamigen Gas-Monopolisten. Auch die nicht anerkannten "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk sowie deren selbst ernannter Premierminister Alexander Borodaj wurden auf die Washingtoner Sanktionsliste gesetzt.

Experten zufolge verschärfen die Strafmaßnahmen Russlands Wirtschaftskrise. Die Aussperrung vom US-Bankenmarkt etwa dürfte zwar in Russland wohl keine bedeutende Firma in den Ruin treiben, denn Geld gibt es auch in Asien. Aber die Finanzierungskosten dürften steigen. In der Folge müssten dann auch Unternehmen und Privatverbraucher in Russland höhere Zinsen zahlen, glaubt Ex-Wirtschaftsminister Andrej Netschajew: "Dann wird weniger investiert." Die Investitionen sind ohnehin schon ein großes Problem der russischen Ökonomie, ihre Zahl sinkt seit drei Quartalen.

Für die deutschen Firmen würde ein Abschwung in Russland ebenfalls sinkende Einnahmen bedeuten. Käme es zu einer ausgewachsenen Rezession, könnte das Wachstum in der Bundesrepublik um 0,5 Prozentpunkte sinken, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts hat sich bereits eingetrübt. Jedes dritte befragte Unternehmen erklärte Ende Juni, es rechne künftig mit Beeinträchtigungen. Ein Grund ist, dass sich russische Firmen inzwischen nach Lieferanten außerhalb der EU umsehen - aus Angst, die Europäer könnten wegen möglicher Sanktionsverschärfungen bald nicht mehr liefern.

Das Russland-Geschäft der Dax-Konzerne


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Konzernname in Russland seit Umsatz in Russland 2012, in Mrd. Euro Wachstum 2011/2012, in % Umsatz-
anteil am Gesamt-
umsatz 2012, in %
Russische Mitarbeiter 2012 (teils gerundet)
Adidas 1992 1,095 26 7,4 5000
Allianz 1991 0,573 13 0,5 4500
BASF 1874 1,300 8 1,7 500
Bayer 1978 0,720 31 1,8 400
Beiersdorf 1998 0,237 16 3,9 200
BMW 1999 1,984 32 2,6 200
Commerzbank 1993 0,081 1 0,4 150
Continental 1994 k.A. k.A. k.A. 1300
Daimler 1994 2,340 19 2,0 1000
Deutsche Bank 1998 0,406 19 1,2 1020
Deutsche Börse 2007 k.A. k.A. k.A. k.A.
Deutsche Post 1986 0,245 12 0,4 3000
Deutsche Telekom 1995 0,040 48 0,1 750
E.on 1975 1,879 16 1,4 5038
Fresenius Medical Care 1996 0,091 42 0,7 1200
Fresenius 1990 k.A. k.A. k.A. k.A.
Heidelberg Cement 2001 0,300 15 2,1 4000
Henkel 1990 1,080 7 6,5 1972
Infineon 2005 0,0004 k.A. k.A. k.A.
K+S k.A. k.A. k.A. k.A. k.A.
Lanxes 2009 0,080 k.A. 0,9 250
Linde 1994 0,085 21 0,6 500
Lufthansa 1972 0,150 k.A. 0,5 200
Merck 1898 k.A. k.A. k.A. k.A.
Munich Re 1991 k.A. k.A. k.A. k.A.
RWE 1994 k.A. k.A. k.A. k.A.
SAP 1992 0,403 15 2,5 760
Siemens 1853 1,600 10 2,1 3120
ThyssenKrupp 1999 0,280 30 0,7 1100
Volkswagen 1993 6,500 35 3,4 5713

Quelle: EAC Consulting

ssu/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
kurosawa 22.07.2014
1. augen zu ...
Zitat von sysopDPA/ RIA NOVOSTI/ Kremlin PoolDie EU-Beratungen über schärfere Sanktionen gegen Russland alarmieren deutsche Firmen. Bei einem Wirtschaftskrieg mit Russland gäbe es nur Verlierer, warnt der Mittelstandsverband. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mh17-deutscher-mittelstand-warnt-vor-sanktionen-gegen-russland-a-982235.html
...und durch oder alles schönreden kann auch keine lösung sein. wie sehen denn die vorschläge der wirtschaft aus putin zum einlenken zu bringen?
GaliX622 22.07.2014
2. Geld
Solange der Rubel oder Dollar rollt ist doch alles andere egal. Menschenleben spielen schon seit Jahrzehnte keine Rolle mehr wenn man eine Möglichkeit sieht ein bisschen mehr Geld als sonst zu verdienen.
hlzmchl 22.07.2014
3. Mittelstandsverband?
Ich sehe bei den in der Grafik aufgeführten Firmen nur das who-is-who...
lmo 22.07.2014
4. Das ist ein Dilemma ...
Menschliches Leben in weiten Fernen vs. 0.5 BIP hier. Nur das Problem: Diese weite Ferne könnte plötzlich ziemlich nah werden, so wie die letzten Tage gezeigt hatten.
haarer.15 22.07.2014
5. Sanktionen sind so unsinnig
Eine berechtigte Warnung. Wer Wirtschaftssanktionen so vehement befürwortet, der erkennt die ganze ökonomische Tragweite nicht. Verlierer sind wie beschrieben vorrangig die exportorientierten Länder Mitteleuropas, Deutschland in erster Linie. Und die Gewinner sind - man muss dazu nicht dreimal raten - Amerikaner und die Briten. Vielen scheint leider noch gar kein Licht aufgegangen zu sein.
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