Milliarden für neues Ski-Paradies Tourismus in der Terrorzone

Wer braucht Kitzbühel, wenn es Kabardino-Balkarien gibt? Mitten im Krisengebiet Kaukasus will der Kreml ein neues Ski-Paradies bauen. Das 15-Milliarden-Dollar-Projekt soll die Macht der Terroristen brechen. Bislang aber traut sich nicht einmal der zuständige Regierungsbeauftragte dorthin.

DPA

Von , Moskau


Trotz des schweren Bombenanschlags auf den Moskauer Flughafen Domodedowo hält Dmitrij Medwedew demonstrativ an seinen Reiseplänen fest. Russlands Präsident fährt wie geplant zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, dem jährlichen Treffen der globalen Business-Elite. Am Mittwochabend wird er dort die Eröffnungsrede halten - und er hält dafür eine Überraschung bereit.

Nach dem Willen des Kreml soll der Auftritt Auftakt für eine Anti-Terror-Offensive der besonderen Art sein: Bis 2020 will Moskau ein riesiges Skigebiet im Kaukasus-Gebirge bauen, geplantes Investitionsvolumen 15 Milliarden Dollar. Das "Gipfel 5642" getaufte Projekt soll den "teuren und überlaufenen Resorts in den Alpen" mächtig Konkurrenz machen.

Der Plan gilt als ambitioniert: Der Kreml will in der strukturschwachen Nordkaukasus-Region fünf neue Skigebiete und Hotels mit 90.000 Betten aus dem Boden stampfen. Die neuen Pisten sollen unter anderem am Elbrus entstehen, dem mit 5642 Metern höchsten Berg des Kaukasus. Und in den russischen Teilrepubliken Karatschai-Tscherkessien, Adygeja, Nordossetien sowie in Dagestan.

Zwei Milliarden Dollar will Moskau selbst in das Projekt pumpen, den Rest sollen Investoren bereitstellen, um deren Gunst Medwedew in Davos werben will. "Wir fangen im Kaukasus bei null an", sagt Achmed Bilalow, Chef der Projektgesellschaft NCRC. "Wir wollen die besten Resorts in der Welt, aber wir haben nicht die nötige Expertise in Russland. Wir werden deshalb mit den besten Unternehmen zusammenarbeiten, wo auch immer sie beheimatet sein mögen."

"Armut und Extremismus mit Tourismus besiegen"

Schon 2014 sollen die ersten Besucher in den Kaukasus kommen. In dem Jahr richtet Russland die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus. Die Stadt liegt am Schwarzen Meer, nur wenige Kilometer vom Kaukasus entfernt. "2014 kommt die Welt nach Sotschi, und wir wollen, dass die Welt wiederkommt", sagt Medwedew.

Die Tourismus-Offensive ist Teil einer grundlegenden Strategiewende, mit der Russland die Unruheregion Nordkaukasus befrieden will. Bislang setzte Moskau dort meist auf eine Politik der militärischen Härte. Weil die allein jedoch kaum langfristige Erfolge brachte, will der Kreml nun die Wirtschaft voranbringen und Fundamentalisten so das Wasser abgraben.

Erste Anzeichen für den Strategiewandel gab es schon Anfang Januar 2010. Seinerzeit ernannte Medwedew Alexander Chloponin zum Sondergesandten für den Nordkaukasus. Der einstige Gouverneur aus Sibirien steht in dem Ruf, ein ausgewiesener Wirtschaftsfachmann zu sein.

Chloponins Ziele sind ehrgeizig: Bis 2025 sollen 400.000 neue Jobs im Nordkaukasus entstehen, die Arbeitslosigkeit soll von offiziell 16 auf 5 Prozent sinken. Das Bruttoinlandsprodukt will Moskau nahezu verdreifachen, das durchschnittliche Monatseinkommen von derzeit knapp 250 auf 600 Euro verdoppeln. "Wir können Armut und Extremismus mit Tourismus besiegen", erklärt Präsident Medwedew.

754 Tote in einem Jahr

Fraglich scheint, inwieweit sich ausländische Investoren und Wintersportler an den milliardenschweren Plänen des Kreml beteiligen mögen. Zwar behauptete Russlands Premierminister Wladimir Putin im vergangenen Jahr, die Rebellen "degenerierten" zu kriminellen Banden, deren "Zeit ablaufe". Doch die Sicherheitslage ist weiter angespannt. Schwere Attacken wie der Bombenanschlag auf den Flughafen Domodedowo oder die Selbstmordattentate auf die Moskauer Metro Ende März zeigen, dass Extremisten nach wie vor über Schlagkraft verfügen.

Im Nordkaukasus verdoppelte sich die Zahl der schweren Terroranschläge im vergangenen Jahr. Bei Bombenexplosionen und Gefechten sterben beinahe täglich russische Sicherheitskräfte. Nur in der ehemaligen Unruheprovinz Tschetschenien, in den vergangenen 16 Jahren Schauplatz von zwei Kriegen, hat sich die Sicherheitslage verbessert, weil Ramsan Kadyrow die Republik mit harter Hand regiert.

Dafür weiten die islamistischen Kämpfer ihre Aktivitäten an anderer Stelle aus, in der Nachbarrepublik Inguschien etwa. Oder in Dagestan und Kabardino-Balkarien und in Nordossetien. In Gebieten also, die nach dem Willen des Kreml schon bald Skifreunde aus aller Welt anlocken wollen. Insgesamt kamen in diesen Regionen im vergangenen Jahr 754 Menschen ums Leben, unter ihnen 349 Rebellen, 225 Angehörige von Moskaus Sicherheitskräften und 180 Zivilisten.

2020 aber sollen hier nach den Plänen des Kreml bis zu fünf Millionen Erholungsuchende Halt machen, angelockt durch Kampfpreise. Rund 40 Euro soll eine Übernachtung in einem der Resorts kosten.

Derzeit aber mag noch nicht einmal Medwedews Kaukasus-Beauftragter Chloponin in dem Gebiet urlauben. Auch dienstlich meidet er die Region so gut er kann. Offizielle Begründung: Wichtige Amtsgeschäfte und "riesige Vorbereitungsaufgaben" erforderten seinen langen Aufenthalt in Moskau.

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nahal, 26.01.2011
1. Extremsport
Zitat von sysopWer braucht Kitzbühel, wenn es Kabardino-Balkarien gibt? Mitten im Krisengebiet Kaukasus will der Kreml ein neues Ski-Paradies bauen. Das 15-Milliarden-Dollar-Projekt soll die Macht der Terroristen brechen. Bislang aber traut sich nicht einmal der zuständige Regierungsbeauftragte dorthin. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741370,00.html
Der Trend ist schon lange zu beobachten: Extremsport. :-)
mitch72, 26.01.2011
2. Nachbarschaft
Zitat von sysopWer braucht Kitzbühel, wenn es Kabardino-Balkarien gibt? Mitten im Krisengebiet Kaukasus will der Kreml ein neues Ski-Paradies bauen. Das 15-Milliarden-Dollar-Projekt soll die Macht der Terroristen brechen. Bislang aber traut sich nicht einmal der zuständige Regierungsbeauftragte dorthin. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741370,00.html
Wichtig ist in diesem Fall, dass Russland es schafft, die Nachbarlaender mit ins Boot zu bringen. Das bringt fuer alle Seiten Vorteile und graebt z.B. nach Georgien uebergelaufenen Kriminellen das Wasser ab. Ich wuensche ihm Erfolg dabei - und wenig Korruption!
Mueller-Luedenscheid 26.01.2011
3. Solange
eine echte und nachhaltige Entwicklung der Regionen nicht betrieben wird und sich die Wirtschaft in drei bis fünf grossen Zentren abspielt, solange wird es wohl auch wenig mit der geplanten Entwicklung der Kaukasus Region. Wenn zudem das Visa-Regime einen spontanen Ausflug von Touristen aus dem Westen dorthin nicht möglich macht, dann ist das Projekt schon am Start gescheitert, leider. Die Ukraine hat gezeigt, dass man durchaus anders agieren kann, kein Visum für Bürger der EU-Staaten mehr obwohl ukrainische Bürger für den Besuch in der EU noch ein solches Visum brauchen. Tourismus als Arbeitgeber? Sehr gut die Idee, aber sie muss zu ende gedacht werden. Daher wird es wenig nutzen wenn man die Landschaft mit 5-Sterne-Herbergen vollpflastert. Ein Entwicklungsplan, der das ganze Spektrum möglicher touristischer Nutzung vorsieht muss her. Und solch ein Plan muss auch in Betracht ziehen, welche Fehler in anderen Urlaubszonen gemacht worden sind und wie man sie vermeiden kann. Ansonsten wird es wieder heissen: "Wir haben das Beste gewollt, geworden ist es wie immer."
flying_dutchman 26.01.2011
4. Plan
Ein verwegener Plan mit Vorbildcharakter. Und billiger als Krieg.
jura12 26.01.2011
5. Wahnsinn
Es beschleicht einen der Verdacht, daß die Herrschenden in Rußland nun völlig durchdrehen, wer fährt in eine Region, die permanent von Terroranschlägen erschüttert wird ?
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