Milliardenschulden Krisentreffen zu Griechenland erschüttert Euro-Zone

Sorge um den Euro: Bei einem Geheimtreffen in Luxemburg wird nach Informationen von SPIEGEL ONLINE über die Zukunft Griechenlands in der Gemeinschaftswährung beraten. Die Finanzmärkte reagierten nervös. Verabschiedet sich Athen aus der Euro-Zone?

Euro-Symbol vor der Europäischen Zentralbank: Krisentreffen in Luxemburg
DPA

Euro-Symbol vor der Europäischen Zentralbank: Krisentreffen in Luxemburg


Berlin/Brüssel - Die Devisenmärkte gerieten nochmals heftig unter Druck, als der SPIEGEL-ONLINE-Bericht über Griechenlands Überlegungen zum Euro-Ausstieg am Freitag veröffentlicht wurde. Der Euro-Kurs Chart zeigen sackte um mehr als einen Cent auf unter 1,44 Dollar ab und baute dadurch seine jüngsten Verluste im Vergleich zur US-Währung noch aus, Anleger flüchteten sich in US-Staatsanleihen und ließen deren Kurse am Abend steigen.

Griechenlands Regierung zieht nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in Erwägung, aus dem Euro auszusteigen und eine eigene Währung einzuführen. Alarmiert durch die Bestrebungen hatte die EU-Kommission für den Freitagabend zu einem Krisentreffen nach Luxemburg geladen. Das Treffen findet im Château de Senningen statt, das von der luxemburgischen Regierung für offizielle Termine genutzt wird.

Zunächst war die Zusammenkunft heftig dementiert worden. Die Regierungen Griechenlands und der Euro-Zone sowie die EU wiesen zudem Ausstiegspläne zurück. Das Finanzministerium in Athen reagierte scharf. In einer Pressemitteilung bezeichnete es die Informationen als "unwahr", sie zu veröffentlichen zeuge "von einer unverständlichen Leichtfertigkeit" und sei eine "Provokation". "Derartige Berichte untergraben die Bemühungen Griechenlands und dienen nur den Spekulanten", sagte ein Vertreter aus dem Büro des griechischen Regierungschefs Georgios Papandreou.

In deutschen Regierungskreisen hieß es, ein Austritt Griechenlands "stand und steht nicht an". Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker ließ über einen Sprecher ein Krisentreffen in Luxemburg dementieren: "Ich verneine vollkommen, dass es ein Treffen gibt, diese Berichte sind falsch." Auch aus den Finanzministerien der Euro-Länder Spanien, Belgien und der Slowakei hieß es, über eine solche Sitzung sei nichts bekannt. "Ich weiß davon nichts", sagte ein Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn in Brüssel.

Existentieller Wendepunkt

Wie zuvor SPIEGEL ONLINE berichteten hingegen die Nachrichtenagentur Reuters und die ARD-"Tagesschau" übereinstimmend von dem freitagabendlichen Geheimtreffen in Luxemburg. Laut "Tagesschau" nehmen unter anderem Vertreter Deutschlands und Finnlands sowie der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, teil. Während ein Sprecher des Finanzministeriums sich nicht dazu äußerte, ob Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach Luxemburg reiste, sagte ein hochrangiger Koalitionsvertreter: "Es stimmt." Eine EU-Quelle berichtete in Agenturberichten von den drei G-8-Mitgliedern im Währungsraum, also Deutschland, Frankreich und Italien. Eine weitere Person sagte, auch Vertreter der Staaten mit der besten Bonitätsnote AAA seien beteiligt, etwa die Niederlande, Österreich und Finnland.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen steht bei dem Treffen auch eine baldige Umschuldung Griechenlands auf der Tagesordnung. Ein Jahr nach Ausbruch der Griechenland-Krise bedeutet dies für die Europäische Währungsunion einen existentiellen Wendepunkt - unabhängig davon, für welche Variante sie sich entscheidet.

Wegen der angespannten Lage wurde für das Treffen in Luxemburg höchste Vertraulichkeit verordnet, nur die Finanzminister und je ein enger Mitarbeiter dürfen kommen. Für Deutschland nehmen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen teil.

Schäuble will die Griechen unter allen Umständen vom Euro-Austritt abhalten. Eine interne Vorlage seines Ministeriums, die er mit nach Luxemburg nahm, warnt vor den Folgen. "Es wird zu einer erheblichen Abwertung der neuen Inlandswährung gegenüber dem Euro kommen", heißt es darin. Schätzungen zufolge sei mit einem Kursverlust von bis zu 50 Prozent zu rechnen. Dadurch wachse die Verschuldung Griechenlands drastisch an. Schäubles Fachleute rechnen damit, dass die Staatsschuld nach der Abwertung auf rund 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen würde. "Eine Umschuldung wäre unumgänglich", warnen sie. Im Klartext: Griechenland wäre pleite.

Massive Auswirkungen für die Wirtschaft in Europa

Zwar ist umstritten, ob ein Euro-Austritt Griechenlands juristisch überhaupt möglich wäre - nach Ansicht von Rechtsexperten müsste das Land dafür gleichzeitig auch die Europäische Union insgesamt verlassen. Allerdings ist fraglich, ob die anderen Mitglieder der Währungsunion der Regierung in Athen einen einseitigen Austritt aus der Euro-Zone tatsächlich verwehren würden.

Fest steht: Die Maßnahme hätte nach Einschätzung der Schäuble-Beamten massive Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben in Europa. "Die Währungsumstellung würde eine Kapitalflucht auslösen", schreiben sie. Griechenland könnte sich gezwungen sehen, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. "Dies wäre mit den Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts nicht in Einklang zu bringen." Zudem wäre das Land für viele Jahre vom Kapitalmarkt abgeschnitten.

Darüber hinaus würde der Austritt eines Landes aus der Währungsunion "das Vertrauen in das Funktionieren der Euro-Zone schwer beschädigen", heißt es weiter. Internationale Investoren müssten damit rechnen, dass künftig weitere Euro-Mitglieder austreten wollten. "Dies würde zu Ansteckungseffekten in der Euro-Zone führen."

Die deutschen Steuerzahler käme der Schritt teuer zu stehen

Schwere Auswirkungen hätte ein Ausscheren Griechenlands auf den noch immer angeschlagenen Bankensektor, vor allem im eigenen Land. Durch den Währungsschnitt "wäre das gesamte Eigenkapital des Bankensystems aufgezehrt, die Banken des Landes wären schlagartig insolvent". Doch auch die Banken in anderen Ländern hätten zu leiden. "Deutsche und ausländische Kreditinstitute müssten mit erheblichen Verlusten auf ihre Forderungen rechnen", heißt es in dem Papier.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) wäre betroffen. Sie müsste "einen wesentlichen Teil ihrer Forderungen als uneinbringlich abschreiben". Zu den Krediten an Banken kämen noch die Bestände an griechischen Staatsanleihen hinzu, welche die EZB in den vergangenen Monaten aufgekauft hat. Ihr Volumen schätzen die Schäuble-Beamten auf mindestens 40 Milliarden Euro. "Deutschland müsste entsprechend seinem EZB-Kapitalanteil von 27 Prozent den größten Teil der Verluste tragen."

Unter dem Strich käme ein Austritt Griechenlands mit anschließender Staatspleite die Euro-Staaten und ihre Steuerzahler noch teurer zu stehen. Zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds haben sie dem Land Hilfen in Höhe von 110 Milliarden Euro bewilligt - von denen rund die Hälfte bereits ausgezahlt wurde. "Die Euro-Staaten müssten nach der Insolvenz des Landes auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten."

fdi/Reuters/dpa/dapd/AFP

Forum - Griechenland raus aus dem Euro?
insgesamt 2501 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kantundco 06.05.2011
1. Sich schon.
Aber seine Schuldner nicht. Ich wünsche den Griechen alles Gute. Aber nicht den Euro.
Meckerliese 06.05.2011
2. sollen sie doch
Aber vorher bitte unsre Millionen zurückzahlen. Dann können sie meinetwegen wieder ihr eigenes Süppchen kochen. Die EU ist eh nur ein aufgeblasener Apparat der uns mit allen möglichen doofen und unsinnigen Gesetzen schickaniert.
kjartan75 06.05.2011
3. Titellos glücklich!
Ehrlich gesagt, das ist mir ein bisschen zu hoch. Was bringt Griechenland denn ein Währungsaustritt? Die Probleme bleiben doch dieselben, ob nun Euro oder irgendwas anderes. Schulden sind Schulden. Und die EU zahlt mit drauf, egal, ob die Griechen den Euro haben, oder nicht. In der EU verbleiben sie ja weiterhin. Es wäre schön, wenn SPON das nochmal etwas verständlicher aufarbeiten könnte.
nixrechtsnixlinksnixmitte 06.05.2011
4.
Zitat von sysopDie Regierung in Athen erwägt einen Austritt aus der europäischen Währungsunion. Könnte sich Griechenland so retten? Und was hieße das für den Euro?
Wie sollten die sich sonst retten?
shechinah 06.05.2011
5. tschüß!
Zitat von sysopDie Regierung in Athen erwägt einen Austritt aus der europäischen Währungsunion. Könnte sich Griechenland so retten? Und was hieße das für den Euro?
...und tschüß! Griechenland weine ich keine Träne nach, nehmt Spanien, Portugal und Italien doch auch gleich mit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.