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Millionen-Investition: China kauft sich ein Stück Island

Von und Annelie Naumann

Das krisengeplagte Island rückt in den Fokus von Großinvestoren: Ein chinesischer Multimillionär will auf der Insel für 100 Millionen Dollar Land kaufen. Verfolgt Peking damit heimliche Interessen in dem Nato-Staat?

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Hafen von Húsavík: Alles nur Kleinstadtparanoia?

Hamburg/Berlin - Eine leichte Brise weht, die Sonne glitzert in der spiegelglatten Bucht, im Hafen liegen alte Boote aus Eichenholz: Húsavík bietet perfekte Island-Idylle. Das beschauliche Fischerdorf an der Nordküste gilt als erster von Menschen besiedelter Ort der Insel. Obwohl seit einigen Jahren eine Hochburg für Wal-Tourismus, hat Húsavík nur etwa 2500 Einwohner - und eine einzige Kneipe. In der stritt man bislang vor allem über Pläne für einen gigantischen Kreuzfahrtkai, der die scheuen Meeressäuger aus dem Naturreservat vertreiben könnte.

Nun dürfte es ein neues Gesprächsthema geben: Im kargen Hinterland von Húsavík, durch das Reisebusse schon jetzt haufenweise Touristen chauffieren, hat ein chinesischer Investor große Pläne: Rund 300 Quadratkilometer will Huang Nubo laut einem Bericht der "Financial Times" ("FT") kaufen. Nach eigenen Angaben plant er dort ein Tourismus- und Golfresort.

Doch die Größe des Areals weckt der "FT" zufolge Sicherheitsbedenken. Laut Gegnern könne das Projekt als "Tarnung für Chinas geopolitische Interessen am atlantischen Inselstaat und Nato-Mitglied" Island dienen. Schließlich werde Island bereits als potentielles Drehkreuz gehandelt, falls der Klimawandel die arktischen Gewässer für die Schifffahrt öffnen sollte.

Nun stellt sich die Frage: Sind dies berechtigte Befürchtungen - oder nur Kleinstädterparanoia? Eine Neuauflage von Tiraden gegen die "gelbe Gefahr", die der Westen schon im 19. Jahrhundert beschwor? Oder doch ein Indiz für die Expansionslust der nächsten, demokratisch nicht legitimierten Supermacht?

Ganz unbegründet ist das Misstrauen jedenfalls nicht: Das einstige Entwicklungsland China baut seinen globalen Einfluss rasant aus und die Wirtschaftspolitik spielt dabei die wichtigste Rolle. Besonders umstritten sind Chinas Geschäfte in Afrika, wo sich das Land mit Milliarden-Investitionen den Zugriff auf zahlreiche wichtige Rohstoffe gesichert hat - mit wenig Rücksicht auf die menschenrechtlichen Situation vor Ort.

Einkaufstour in der Krise

Auch Industrieländer sind im Fokus privater und staatlicher chinesischer Investoren. In den USA kauften sie sich beim Brausebrauer Coca-Cola und der Großbank Morgan Stanley ein, in Australien und Kanada bei Rohstoffkonzernen wie Rio Tinto und Teck Resources. Und auch in Europa hat die Einkaufstour längst begonnen.

Besonders beliebt sind angeschlagene Länder - wie Island. Frühzeitig geriet die Insel in den Strudel der Schuldenkrise, nachdem ihr aufgeblähter Bankensektor kollabiert war. Aus Island wurde Krisland, das nun auf neue Investitionen angewiesen ist. Schon im vergangenen Jahr vereinbarte die Regierung mit China einen sogenannten Währungs-Swap über eine halbe Milliarde Dollar. Auch mit Blick auf den umstrittenen Landkauf teilte das Außenministerium laut "FT" mit, grundsätzlich würden "ausländische Investitionen und die Stärkung des Tourismus willkommen geheißen".

Auch in Kontinentaleuropa agieren die Chinesen als Helfer in der Not:

  • In Griechenland betreiben sie inzwischen einen Teil des Hafens von Piräus, Arbeitnehmerrechte sollen dort nicht mehr viel zählen.
  • In Spanien erwarben sie Anteile an der größten Hotelkette des Landes.
  • In Ungarn kauften sie Staatsanleihen und stellten einen Milliardenkredit zur Verfügung.

Die Schwäche der Europäer ist die Stärke der Chinesen. Das ist ebenso ein offenes Geheimnis wie die Tatsache, dass Investitionen oft mehr als einen Zweck verfolgen. So ist Island für China nicht nur als möglicher Stützpunkt vor Europa interessant - sondern auch ein möglicher Ausgangspunkt in die Arktis, wo zahlreiche Rohstoffe locken. Unter anderem werden dort rund 20 Prozent der noch nicht erschlossenen globalen Ölreserven vermutet.

Doch solche Erwägungen leiten auch westliche Investoren. "Nachvollziehbar, aber unnötig", findet Eberhard Sandschneider deshalb die Sorgen vor dem Landkauf des chinesischen Superreichen. Der Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) verweist auf die Erfahrungen von Unternehmern. Demnach seien chinesische Investoren zwar auf Rendite, nicht aber auf politischen Einfluss aus. "Manchmal sind sie sogar unauffälliger als ein US-Investoren."

Auch Forscher, die den chinesischen Staatsfonds CIC untersucht haben, halten die Ängste vor allem für eine Überreaktion des Westens, der mit der Verschiebung des wirtschaftlichen Gleichgewichts hadert. Diese wird in der Krise immer deutlicher: Während die USA und viele Euro-Länder an ihren Schulden zu ersticken drohen, weiß China nicht, was es mit all seinem angesparten Geld machen soll. Da ist es nur logisch, nach neuen Anlagemöglichkeiten zu suchen.

Ein Plan aus Studentenzeiten?

Dabei spielten nach Ansicht von DGAP-Direktor Sandschneider nicht nur strategische Erwägungen eine Rolle. So soll Investor Huang bereits seit den siebziger Jahren eine Verbindung mit Island haben, als er an der Universität in Peking das Zimmer mit einem Isländer teilte. "Der reagiert wie ein deutscher Mittelständler, der sich eine Finca auf Mallorca kauft", glaubt Sandschneider.

Allerdings hat Huang laut "FT" früher auch im chinesischen Informations- und Bauministerium gearbeitet. Enge Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik sind in China die Regel, immer wieder gibt es den Verdacht, dass die Regierung auch Industriespionage fördert. Und die bereits gewonnene Macht setzt China langsam offensiver ein.

Das zeigte sich zuletzt nach der Herabstufung der USA durch die Rating-Agentur Standard & Poor's. Als größter Gläubiger forderte China die US-Politik mit deutlichen Worten zu einem Ende des "kurzsichtigen politischen Gezerres" auf. Auch die rasante Aufrüstung des Landes verunsichert die USA, wie gerade erst ein Pentagon-Bericht zeigte.

Trotz des wachsenden Selbstbewusstseins habe ihr Land aber "nicht die Absicht, die Welt zu regieren", sagte die chinesische Vize-Außenministerin Fu Ying kürzlich im SPIEGEL-Interview. Auch China habe ein Interesse daran, dass Europa die Krise überwinde. "Ihre Verluste bedeuten ja nicht Gewinne auf unserer Seite. Wir sitzen in einem Boot."

Neben solchen Beteuerungen könnte besorgte Beobachter auch das Beispiel Japans beruhigen: Auch die japanische Wirtschaft galt vielen bis in die neunziger Jahre als schwer berechenbare Bedrohung - eine Sorge, von der zwei Krisenjahrzehnte später wenig übrig ist.

Die Isländer schließlich könnten sich noch aus einem anderen Grund mit Huangs Plänen für ein Golfressort anfreunden: Sie sind große Fans des Ballsports. Gemessen an der Bevölkerungszahl hat Island doppelt so viele Golfplätze wie Schottland.

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1. d
Kalaharry 30.08.2011
Zitat von sysopDas schuldengeplagte Island rückt in den Fokus von Groß-Investoren: Ein chinesischer Multimillionär will auf der Insel für 100 Millionen Dollar Land kaufen. Verfolgt Peking damit heimliche Interessen in dem Nato-Staat? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,783412,00.html
Gelten für chinesische Investoren in Island nicht auch die dortigen Gesetze?
2. Bitte um Erklaerung.
frank4979 30.08.2011
Wieso sollte China seinen Drang nach Antarktis Rohstoffen ( so im Bericht geschrieben) ausgerechnet mit einem Stuetzpunkt in Island erkaufen? Wieviel cm naeher liegt denn Island von der Antarktis entfernt als China?
3. China kauft
Magnolie5 30.08.2011
Faszinierend wie und wo die Chinesen ihre Dollars- ob von staatlicher oder privater Seite her- anlegen. Kleiner Tipp: Indonesien hat den noerdlichen Teil der Insel Bintan fuer 100 Jahre an Singapur verpachtet, dort sind etliche Ferienresorts (von Singapur finanziert) entstanden, beide Seiten profitieren, man muss nicht gleich verkaufen! Wie dumm muss man sein, sich so den Chinesen auszuliefern. das wird den Islaendern noch boese auf die Fuesse fallen.
4. China und die Verbote...
bodenseekind 30.08.2011
In China gilt das VERBOT von Landverkäufen an ausländische Investoren. Darüber sollte die Welt angesichts chinesischer "Interessen" nachdenken... Das "Interesse" an Isländischem Boden ist für jedes Kind durchschaubar.
5. ...
Jean-Carlo 30.08.2011
Zitat: "[...] sondern auch ein möglicher Ausgangspunkt in die Antarktis, wo zahlreiche Rohstoffe locken." Also, ich verstehe wirklich nicht viel von dem Geplänkel um die Rohstoffe, aber was hat Island mit der Antarktis zu tun? Sollten die Chinesen dann nicht lieber den Chilenen das Feuerland abkaufen? Zudem scheint mir, dass der liebe Herr Sandschneider unter Realitätsverlust leidet, wenn er den Kauf einer mallorquinischen Finka durch einen deutschen Mittelständler mit dem Kauf von 300 _km²_ durch einen chinesischen Multimillionär vergleicht.
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