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Trotz Mindestlohn: 1,5 Millionen Geringverdiener könnten weniger als 8,50 Euro bekommen

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Floristin in Hamburg: Berufe, in denen schnell mal Überstunden anfallen

Floristen, Kraftfahrer und andere Geringverdiener könnten zu den unbeachteten Verlierern beim Mindestlohn werden. Denn sie leisten oft unbezahlte Mehrarbeit - und Kontrollen gibt es kaum.

Hamburg - Der Mindestlohn fordert eins seiner ersten Opfer: Das kostenlose Anzeigenblatt "WochenSpiegelSachsen" wird kurzerhand eingestellt. Das plötzliche Aus hänge unmittelbar mit dem künftigen Mindestlohn zusammen, erklärte der Geschäftsführer "den verdutzten Mitarbeitern", wie der Medienblog "Flurfunk Dresden" aus der Mitarbeiterversammlung berichtet. Wenn ab 2015 die gesetzliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro gelte, gebe es keine Perspektive mehr für das Wochenblatt.

Mindestlohngegner dürften sich durch solche Meldungen bestätigt fühlen. Einige von ihnen befürchten, dass die gerade beschlossene staatlich festgelegte Lohnuntergrenze von 8,50 Euro viele weitere Jobs vernichten wird. Andere sehen die Gefahr woanders: Sie rechnen damit, dass zahlreiche Unternehmen jede Chance nutzen werden, den Mindestlohn zu umgehen. Eine schon jetzt weit verbreitete: Die Mitarbeiter werden schlicht nicht für Überstunden bezahlt.

Wie viele das von den bisher erwarteten rund 4,2 Millionen Profiteuren des Mindestlohns treffen könnte, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für SPIEGEL ONLINE errechnet. Demnach könnten rund 1,5 Millionen der heutigen Geringverdiener trotz des Mindestlohns ab dem kommenden Jahr unterm Strich weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdienen, weil ihre Mehrarbeit nicht oder nur teilweise vergütet wird oder sie gar keine Arbeitszeit vereinbart haben. Offiziell dürften die Betroffenen demnach zwar von dem Lohnaufschlag profitieren. Am Ende könnte aber wenig davon übrigbleiben, wenn Überstunden nicht abgegolten oder sogar zusätzlich angeordnet werden oder die formale Arbeitszeit einfach verkürzt wird. Grundlage der DIW-Berechnung sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer Befragung von mehr als 12.000 Haushalten.

DIW-Ökonom Karl Brenke geht davon aus, dass vor allem Berufszweige betroffen sind, bei denen schnell Überstunden anfallen können, etwa bei Floristen oder Kraftfahrern. "Die vereinbarte Arbeitszeit weicht in diesen Berufen schon heute sehr oft von der tatsächlich geleisteten Arbeit ab. Künftig ist das umso mehr ein Einfallstor, um die Mindestlohnregel zu umgehen", sagt Brenke.

In Kleinbetrieben fehlen Betriebsräte - und Kontrollen

Ähnlich problematisch ist es bei Jobs, bei denen es keine vereinbarte Arbeitszeit gibt, sondern beispielweise ein Stücklohn oder nach Umsatz bezahlt wird, wie etwa bei Zeitungsausträgern oder Taxifahrern. Brenke zufolge muss in diesen Fällen - es dürften knapp eine Million Beschäftigte betroffen sein - ab 2015 eine betriebsübliche Arbeitszeit oder ein betriebsüblicher Umsatz festgelegt werden. "Nur wie legt man das in einem Kleinbetrieb fest, in dem jeder Mitarbeiter eine ganz andere Aufgabe hat?", fragt Brenke.

Gerade in Kleinbetrieben dürfte dem DIW zufolge der Mindestlohn auch am häufigsten missachtet werden. Schlichtweg weil Geringverdiener zu einem großen Teil in kleinen Firmen beschäftigt sind, diese Betriebe höhere Löhne oft nicht zahlen können und zugleich die Kontrollen fehlen. So ist nur ein Drittel der Geringverdiener in Unternehmen beschäftigt, die einen Betriebsrat haben. Zugleich scheuten sich die Mitarbeiter in den häufig familiär geführten Firmen, ihre Chefs anzuschwärzen, sagt Brenke. "Am Ende", meint der DIW-Forscher, "werden einfach nicht so viele wie erhofft vom Mindestlohn profitieren."

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insgesamt 231 Beiträge
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1. Da stellt sich nur eine Frage:
rodelaax 16.07.2014
Glaubt Frau Nahles eigentlich selber, was sie so von sich gibt?
2. Die Partei...
referee84 16.07.2014
die gegen dieses Vorhaben Verfassungsklage einreicht... werde ich zu 100 Prozent wählen!
3. Kapitalismus pur
urdemokrat 16.07.2014
Es wäre ja auch zu schön gewesen. wenn es anders gekommen wäre. Arme "Schweine" bleiben immer arme Schweine. Es lebe der Kapitalismus !
4. Nicht der Mindestlohn ...
HPS60 16.07.2014
... fordert die ersten Opfer, sondern der Wille einiger Gegner, Zeichen gegen den Mindestlohn zu setzen.
5. Tolle Wurst
testpilot1 16.07.2014
Eine Firma zahlt Mindestlohn, die andere Schummelt sich drum herum. Am Ende wird die Schummelfirma ihre Leistungen billiger anbieten können. Wettbewerb braucht gleiche faire Bedingungen! Deswegen bringt der Mindestlohn rein gar nichts, bei den working poor wird er nicht ankommen.
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