Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Angebliche Verstöße: Betrüger versuchen Firmen mit Mindestlohn-Strafgeldern abzuzocken

Von

Einige Firmen werden derzeit per Brief dazu aufgefordert, Strafzahlungen wegen angeblicher Verstöße gegen den Mindestlohn zu leisten. Das Finanzministerium ist alarmiert.

Die Masche ist ein Klassiker, aber das Thema ist neu: Betrüger versuchen in diesen Tagen, mit offiziell anmutenden Schreiben Strafzahlungen bei Betrieben einzutreiben. Begründung: Der Mindestlohn sei nicht eingehalten worden. Die Gelder in Höhe von mehreren hundert Euro werden per Brief bei den Unternehmen eingefordert, verbunden mit der Warnung, den Fall an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten - falls nicht gezahlt wird.

Einer dieser Briefe, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, kommt durchaus seriös daher: Als Absender ist eine Mindestlohnzentrale aufgeführt, auch der Name und das Zeichen einer Sachbearbeiterin werden gelistet. Im Text wird einleitend darüber aufgeklärt, dass seit dem 1. Januar 2015 der gesetzliche Mindestlohn gilt und die Nichteinhaltung geahndet wird.

Ausschnitt aus einem Betrüger-Brief Zur Großansicht

Ausschnitt aus einem Betrüger-Brief

Soweit, so richtig. Allerdings gibt es keine Mindestlohnzentrale. Damit kann sie auch nicht für die Kontrolle der Löhne zuständig sein - das ist die zum Zoll zugehörige Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS). Zudem werden Strafzahlungen erst fällig, wenn die FKS ein Vergehen festgestellt hat und ein juristisches Verfahren durchgeführt wurde.

Beim für den Zoll zuständigen Bundesfinanzministerium ist man entsprechend alarmiert. "Wir werden dies an die Staatsanwaltschaft weiterleiten und juristisch prüfen lassen", sagte ein Sprecher auf Anfrage.

Wie viele solcher Briefe im Umlauf sind und ob es sich um einen oder mehrere Betrüger handelt, ist noch unklar. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) berichtet von mehreren Fällen dieser Art, die über die gewerkschaftseigene Mindestlohn-Hotline gemeldet wurden. Teilweise wird auch der DGB-Slogan zum Mindestlohn "Kein Lohn unter 8,50 Euro pro Stunde" verwendet und die von der Gewerkschaft betriebene Website mindestlohn.de.

Die Verfasser der Briefe wollen sich offenbar zunutze machen, dass bei vielen Betrieben Unsicherheit in punkto Mindestlohn herrscht und auch immer wieder Fälle bekannt werden, wie Firmen bei der Lohnuntergrenze tricksen. Das mögliche Kalkül der Betrüger: Wer etwas zu verbergen hat, zahlt auch schnell.

Allerdings sind die Betrüger offenbar erstaunlich bescheiden. So fordern sie in dem SPIEGEL ONLINE vorliegenden Brief lediglich 550 Euro. Laut Gesetz drohen Betrieben, die den Mindestlohn umgehen, jedoch Strafen von bis zu 500.000 Euro.

Ausschnitt aus einem Betrüger-Brief Zur Großansicht

Ausschnitt aus einem Betrüger-Brief

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ist doch genauso wie bei diesen unsäglichen Abmahnungen
Thomas Paine 08.05.2015
welche da heutzutage die Haushalte beglücken... Auch dort wird, vor allem bei faktisch unrechtmäßigen Abmahnungen (RedTube/Uhrmann), eine eher geringe Summe gefordert, um die psychologische Zahlungshemmschwelle nicht zu überschreiten. Bedenkt man, dass die Sofortzahlerquote, ebenso wie bei diesen Abmahnungen, bei ca.15-20% liegen dürfte, dann hat sich der Aufwand doch gelohnt. Zudem dürfte die Dunkelziffer in diesem speziellen Fall erheblich sein. Denn wer zugibt diesem Betrug aufgesessen zu sein, der gibt damit doch auch direkt zu, dass er sich nicht an geltende Gesetze gehalten hat. Einer Anzeige wegen Betrugs bei der Polizei würde ja umgehend eine Anzeige wegen Verstoßes gegen den Mindestlohn folgen, nur eben gegen die eigene Person, und das möchten doch wohl die meisten Betrugsopfer vermeiden. Auch wenn mir die Betroffenen irgendwie(...) leidtun, so muss man doch feststellen, dass es keine Unschuldigen trifft. (Vorausgesetzt nur die, die gegen den Mindestlohn verstoßen zahlen die geforderten Beträge.) Ein abzocken der Abzocker sozusagen... Beides nicht schön, beides gehört bestraft, nur mir fällt es grad schwer zu unterscheiden welches das schlimmere Übel von beiden ist...
2. Da soll sich der Zoll
suhlerin 08.05.2015
mal mit dran hängen. Sind bestimmt genug schwarze Schafe dabei.
3. Nicht ungewöhnlich in Deutschland
nordharri 08.05.2015
In Deutschland ist seit der Privatisierung des Telekommunikationswesens der der Möglichkeiten des Internets das Abzock- und Abmahnunwesen ein regelrechter Wirtschaftszweig geworden. Nicht nur zahllose skrupellose Geschäftemacher und Ganoven, auch viele Rechtsanwälte verdienen sich damit eine goldene Nase. Es fehlt einfach der politische Wille, diesem Unwesen zum Schaden des Normalbürgers und mancher Klein-Gewerbetreibender energisch entgegen zu treten.
4. Was hat das Telekommunkationswesen damit zu tun?
juanth 08.05.2015
Zitat von nordharriIn Deutschland ist seit der Privatisierung des Telekommunikationswesens der der Möglichkeiten des Internets das Abzock- und Abmahnunwesen ein regelrechter Wirtschaftszweig geworden. Nicht nur zahllose skrupellose Geschäftemacher und Ganoven, auch viele Rechtsanwälte verdienen sich damit eine goldene Nase. Es fehlt einfach der politische Wille, diesem Unwesen zum Schaden des Normalbürgers und mancher Klein-Gewerbetreibender energisch entgegen zu treten.
Wer auf Grund so eines Schwachsinns zahlt ist selber Schuld. Auch vor dem Internet gab es schon Betrug, nur eben anders. P.S. Abmahnungen gibt es nur in Deutschland, vielleivht auch nur deswegen, weil viele Abgeordnete Anwaelte sind?
5.
Oberleerer 08.05.2015
Was für Deppen. Wenn eine Firma ihren Angestellten nicht die Butter auf Brot gönnt, wieso sollte sie ohne Nachhaken bezahlen? Die Chefs dieser Firman sind of die gleichen, die jahrelang wegen eines Falschparktickets klagen. Über die Kontoverbindung sollten aber die Betrüger leicht zu greifen sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: