Deutschland abgehängt So hoch sind die Mindestlöhne in Europa

Die meisten EU-Länder haben ihre Mindestlöhne erhöht, im Schnitt um fast fünf Prozent. Deutschland liegt jetzt mit 8,50 Euro pro Stunde hinter allen westeuropäischen Staaten.

Nationale Mindestlöhne in der EU
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Nationale Mindestlöhne in der EU


17 Länder haben zum Jahresbeginn 2016 - oder kurz davor - ihre Mindestlöhne angehoben. "Die nominalen Erhöhungen fielen mit durchschnittlich 4,6 Prozent stärker aus als 2014 und waren deutlich kräftiger als in den krisengeprägten Jahren zuvor", heißt es im aktuellen Mindestlohnbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Da gleichzeitig die Inflation sehr niedrig war, legten die Mindestlöhne in den meisten EU-Ländern auch real deutlich zu."

Deutschland erhöhte den erst vor gut einem Jahr eingeführten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde dagegen nicht - und liegt damit weit hinter den übrigen westeuropäischen Staaten. Alle sehen mehr als 9 Euro Stundenlohn vor, in Luxemburg werden sogar 11,12 Euro gezahlt. Auch gemessen am mittleren nationalen Verdienst rangiert der deutsche Mindestlohn der Untersuchung zufolge nur im internationalen Mittelfeld.

Im Nachbarland Frankreich liegt die Untergrenze bei 9,67 Euro, in den Niederlanden bei 9,36 Euro, in Irland bei 9,15 und in Belgien bei 9,10 Euro. In Großbritannien müssen umgerechnet mindestens 9,23 Euro gezahlt werden. Zusätzlich zu einer Erhöhung in Landeswährung ist dieser Euro-Wert auch dadurch beeinflusst, dass das britische Pfund seine langjährige Schwäche gegenüber dem Euro zum Teil wettgemacht hat.

Wegen der niedrigen Inflation stiegen die Mindestlöhne auch preisbereinigt, heißt es in dem WSI-Bericht: In insgesamt 18 Ländern lag die Entwicklung demnach über der niedrigen und in einzelnen Fällen sogar negativen Inflationsrate, weshalb der Mindestlohn etwa auch in Griechenland real stieg, obwohl es dort keine nominale Erhöhung gab.

Die südeuropäischen EU-Staaten haben Lohnuntergrenzen zwischen 3,19 Euro in Portugal und 4,20 Euro auf Malta. Etwas darüber liegt Slowenien mit 4,57 Euro. In den meisten anderen mittel- und osteuropäischen Staaten sind die Mindestlöhne noch deutlich niedriger. Allerdings haben mehrere davon weiter aufgeholt. So müssen etwa in Polen jetzt mindestens 2,55 Euro pro Stunde bezahlt werden.

Die WSI-Tarifexperten kritisierten den deutschen Mindestlohn als zu niedrig: Schaue man auf das relative Niveau, rangiere Deutschland lediglich im internationalen Mittelfeld, heißt es in dem Bericht. Gemessen am jeweiligen Medianlohn, den Vollzeitbeschäftigte verdienen, bekäme ein nach dem Mindestlohn bezahlter Angestellter nur 48 Prozent. Beim Medianlohn handelt es sich um denjenigen Lohn, bei dem die Hälfte aller Beschäftigten mehr und die andere Hälfte weniger verdient.

Einige Wissenschaftler klassifizieren Löhne unterhalb von 50 Prozent des Medians als "Armutslohn". Deutlich höher, nämlich über 60 Prozent des Mittelwerts, liegen die Mindestlöhne unter anderem in der Türkei, Frankreich und Slowenien. Deutlich niedriger sind sie unter anderem in Japan, den USA oder Tschechien.

nck



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Ge-spiegelt 29.02.2016
1. Mindestlohn ist nicht gut
2 Beispiele: Erntehelfer: Die verdienen manchmal mehr als der Landwirt Asylbewerber: Wir wollen die ja möglichst schnell integrieren und in Arbeit bringen. Es fehlen aber oft die Qualifikationen und die Sprachkenntnisse. Auf der anderen Seite konkurrieren Asylbewerber mit Deutschen Mindestlohn Beziehern, weshalb diese gegen Asylbewerber sind.
prince62 29.02.2016
2. Deutschland bleibt der größte Niedriglohnsektor in Europa
Was ist da jetzt eine Überraschung? Deutschland ist seit Schröders Armutsagenda 2010 der größte Niedriglohnsektor in Europa und dabei soll es auch bleiben, wer Exportweltmeister werden und bleiben will, muß eben andere Prioritäten setzen, der Tag hat ja auch 24 Stunden, da kann der Arbeitspöbel ja auch 2-3 Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen, von davon Leben hat ja keiner was gesagt und die dafür verantwortlichen Parteien bilden nun eine Große Koalition und haben dafür über 70% der Stimmen erhalten, der deutsche Michel und seine Hilde wollen es genau so.
kittiwake 29.02.2016
3. das ist der Preis ...
... dafür, dass es Deutschland "so gut geht". Es geht halt nicht allen gut in Deutschland. Du und ich zahlen dafür. Übrigens falls es jemand noch nicht wusste, in der Leiharbeit wird häufig unter Mindestlohn bezahlt, wenn da spezielle Tarifverträge gelten. Eine Arztsekretärin bzw ärztluche Schreibkraft in Berlin bekommt beispielsweise 8,35 €|Std.
HansPa 29.02.2016
4. Schlechtmacherei
Es werden die großartigen Errungenschaften unserer Reformen wieder von ewig gestrigen schlecht gemacht. Genauso wie der Armutsbericht. Hört endlich auf! Uns geht es gut! Und wem es nicht gefällt der kann ja in die USA gehen!
johnboulaulruisseau 29.02.2016
5. Wer ist dafür verantwortlich?
Die legislative oder?
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