8,50 Euro nach sechs Wochen Mindestlohn bedroht Betriebspraktika

Die Bundesregierung feiert den Mindestlohn - doch für längere, freiwillige Betriebspraktika könnte er das Aus bedeuten. Denn auch Praktikanten, die länger als sechs Wochen im Unternehmen sind, müssen künftig im Regelfall 8,50 Euro pro Stunde erhalten.

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Studenten der Pharmazie in Leipzig (Archivbild): Längere Praktika sinnvoll
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Studenten der Pharmazie in Leipzig (Archivbild): Längere Praktika sinnvoll


Hamburg - Die Generation Praktikum ist Geschichte. So lässt sich der vom Bundeskabinett verabschiedete Gesetzentwurf zum Mindestlohn positiv auslegen. Denn ab 2015 gilt auch für freiwillige Betriebspraktika, die länger als sechs Wochen dauern, eine gesetzliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro. Damit sind als Praktika getarnte monatelange Arbeitseinsätze zum Hungerlohn künftig nahezu ausgeschlossen. Lediglich Schul- und Pflichtpraktika sind vom Mindestlohn ausgenommen.

Doch zugleich bedroht die Neuregelung längere, freiwillige Praktika, wie sie zum Beispiel viele Studierende in den Semesterferien absolvieren. Anke Hassel, Professorin für Public Policy an der privaten Hochschule Hertie School of Governance: "Es gibt Unternehmen, die Praktika nur anbieten, weil sie nichts oder nur wenig kosten. Wir müssen damit rechnen, dass dort Plätze gestrichen werden."

Johannes Vogel, Mitglied im FDP-Bundesvorstand, geht weiter. Er spricht von einer Politik gegen Studenten: "Das Gesetz bedeutet das Aus der meisten sinnvollen Studentenpraktika."

Ähnliche Befürchtungen äußern die großen Wirtschaftsverbände DIHK und BDA, aber auch der Caritasverband. Mit ihrem monatelangen Getrommel gegen die Lohnuntergrenze für Praktikanten fanden die Verbände zumindest teilweise Gehör bei der Bundesregierung: Ursprünglich sollte es gar keine Ausnahmen beim Mindestlohn geben. Zwischenzeitlich wurde die Frist für freiwillige Praktika auf vier Wochen gesetzt, nun sind es sechs Wochen geworden. Ob das reicht, um negative Effekte auszuschließen?

Durchschnittlich 550 Euro pro Monat

Rund 600.000 Praktika werden Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge jährlich angeboten. Es gibt jedoch wenige Erhebungen zur Dauer und Bezahlung. Aus einer älteren Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit der Freien Universität Berlin geht hervor, dass Uni-Absolventen durchschnittlich Praktika von etwas mehr als fünf Monaten absolvieren. Rund 40 Prozent dieser Praktika sind laut Studie unbezahlt. Bei den bezahlten betrug der durchschnittliche Bruttolohn lediglich 3,77 Euro pro Stunde oder rund 550 Euro pro Monat.

Wenn künftig die 8,50 Euro pro Stunde gelten, dürfte ein Praktikant je nach Wochenstunden bis zu 1400 Euro im Monat kosten. Für viele Unternehmen ist das zu viel, findet auch Professorin Anke Hassel. "Gerade für kleinere Firmen sollte man da Verständnis aufbringen", sagt sie.

Sorge um das Ausbildungsmodell in Deutschland

Während die meisten Konzerne problemlos die neuen Summen aufbringen können, dürfte es besonders für Kultur- und Kreativbetriebe oder auch Nichtregierungsorganisationen schwierig werden, den gleichen Umfang an Praktika anzubieten wie derzeit. Die Folge: Die Dauer der freiwilligen Betriebseinsätze dürfte breitflächig auf sechs Wochen verkürzt werden. Ein tiefer Einblick in einen Job, der nicht selten auch den Einstieg in den Beruf bedeutet, sieht anders aus.

Expertin Hassel hält diesen "Cut-Off-Point" nach eineinhalb Monaten Praktikum denn auch für viel problematischer als den vereinzelten Wegfall von Plätzen. Junge Leute könnten in sechswöchigen Kurzpraktika weniger Erfahrungen und Qualifikationen sammeln, meint sie. "Deutschland hat ein sehr gut funktionierendes Modell des Zutritts zum Arbeitsmarkt nach der Uni. Es wäre traurig, wenn das durch den Mindestlohn Schaden nehmen würde."

Dennoch plädiert Hassel dafür, den Mindestlohn erst einmal einzuführen und zu beobachten: "Dann kann man sehen, ob Korrekturen notwendig sind."

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insgesamt 365 Beiträge
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Seite 1
freyhajt 03.04.2014
1. ich habe nur bis zur einleitung gelesen,
aber wo ist das Problem? Generation Praktikum adé, mein Gott, wir wollen doch nicht der Ausbeutung hinterherheulen, oder? Findet sich bestimmt bald ein anderer Weg
chagall1985 03.04.2014
2. Erbärmlicher Lobby Blödsinn
Zitat von sysopDPADie Bundesregierung feiert den Mindestlohn - doch für längere, freiwillige Betriebspraktika könnte er das Aus bedeuten. Denn auch Praktikanten, die länger als sechs Wochen im Unternehmen sind, müssen künftig im Regelfall 8,50 Euro pro Stunde erhalten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mindestlohn-fuer-praktikanten-gefaehrdet-betriebspraktika-a-962404.html
Gott sei Dank geht diese Generation Praktika zu Ende. Diese gnadenlose Ausbeutung hoch qualifizierter Jobber die anderen Leuten Jobs wegnehmen. Das einzige was sich jetzt ändert ist das man halt statt 1 langes Praktikum 3 kurze a 6 Wochen im Studium macht. Ich frage mich manchmal für wie Dumm diese Lobbyisten und der Spiegel Ihre Leser manchmal halten.
Join_Me 03.04.2014
3.
Zitat von sysopDPADie Bundesregierung feiert den Mindestlohn - doch für längere, freiwillige Betriebspraktika könnte er das Aus bedeuten. Denn auch Praktikanten, die länger als sechs Wochen im Unternehmen sind, müssen künftig im Regelfall 8,50 Euro pro Stunde erhalten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mindestlohn-fuer-praktikanten-gefaehrdet-betriebspraktika-a-962404.html
Wenn Wirtschafts- und Lobbyverbände protestieren muss die Regierung ja irgendwas richtig gemacht haben. Es kann nicht sein, dass Praktikanten Vollzeitstellen ersetzen, so wie es im Moment läuft..
swische 03.04.2014
4. Naja
auch das wird der Markt regulieren. Es einfach mal zu machen und abzuwarten ist sicher eine gute Idee. Die Anbieter von Praktika sind nun erstmals gezwungen, sich zu überlegen, was ihnen die Leute wert sind, die sich im Betrieb umschauen, spätestens nach 6 Wochen. Wenn ein Betrieb mich haben will, weiss er das spätestens dann.
leidernein 03.04.2014
5.
Das dachte ich auch... Jahrelange miserabel bezahlte Praktika mit dünner Hoffnung auf eine Stelle sind somit Geschichte. Das ist überfällig! Eigentlich freuen sich gerade die Journalisten in meinem Bekanntenkreis darüber.
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