S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Der Mindestlohn verdeckt die Deflation

Der deutsche Mindestlohn wird die Inflation im kommenden Jahr offiziell nach oben treiben. Doch die Zahlen trügen. Tatsächlich fallen die Preise - und es wird uns schlechter ergehen als den Japanern.

Eine Kolumne von


Alle Welt redet von der Deflation. Und jetzt kommt die Nachricht, dass durch die Einführung des Mindestlohns die Preise von Erdbeeren und Spargel im nächsten Jahr in Deutschland in die Höhe schießen dürften. Auch Frisöre und Taxis könnten Aufschläge verlangen. Ist die Deflation, also eine Spirale sinkender Preise, damit jetzt vom Tisch? Kann etwa Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die Deflation wirksamer bekämpfen als der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi?

Zunächst einmal: Eine einmalige Preiserhöhung wichtiger Güter und Dienstleistungen wird die deutschen Inflationsraten erhöhen. Nach exakt einem Jahr fällt der Effekt aber wieder aus dem Index heraus. Für die Geldpolitik ist der Mindestlohn somit irrelevant. Die Notenbank kann ihn weder verhindern noch kompensieren. Sie muss es auch nicht.

Das Gleiche gilt auch für Mehrwertsteuererhöhungen. Verschiedene Regierungen, etwa in Italien und Spanien, hatten mitten in der Krise die Mehrwertsteuersätze erhöht. Diese Steuererhöhungen fließen in den Preisindex mit ein. Als sie dann nach einem Jahr wieder hinausfielen, gingen auch die Inflationsraten im Euro-Raum zurück. Genau das passierte im vergangenen Herbst.

Mit anderen Worten: Der deflationäre Druck wurde in den offiziellen Indizes lediglich durch staatliche Maßnahmen verdeckt. Und Ähnliches wird mit dem Mindestlohn passieren, wenn die Preise für Erdbeeren und Spargel steigen. Der Preisindex steigt. Die Leute glauben, der Deflationsdruck sei vorbei. Die Konservativen fühlen sich bestätigt. Nur geändert hat sich nichts.

Ein Großteil des Euro-Raums ist in der Deflation

Aus diesem Grund ist es für die Beurteilung einer Preisentwicklung am besten, einen Kerninflationsindex zu betrachten. Am besten einen um administrative Effekte bereinigten. Nicht enthalten sind Güter mit hohen Preisschwankungen - wie Erdbeeren, Heizöl und Alkohol. Auch Steuern werden nicht mitberechnet. Einige Länder publizieren solche Statistiken. Danach ist ein Großteil des Euro-Raums schon jetzt in der Deflation.

Warum ist das ein Problem?

Es wird oft gesagt, dass man die Deflation, also den Verfall des Preisniveaus, unbedingt vermeiden muss, weil Menschen ihre Einkäufe in dem Glauben verschieben, dass alles im nächsten Jahr billiger wird. Das war auch in den dreißiger Jahren so. In Japan in den neunziger Jahren war das aber nicht mehr der Fall. Auch bei uns droht diese Form der Deflation nicht.

Das eigentliche Problem ist ein anderes. Eine zu niedrige Inflation - etwa 0,5 Prozent - oder eine leichte Deflation können eine Wirtschaft destabilisieren. In Japan zum Beispiel tauchten zwei Probleme zugleich auf: die Deflation und eine zu schwache Gesamtnachfrage in der Wirtschaft.

In einer solchen Situation bräuchte man negative Zinsen, um langfristig wieder die Wirtschaft anzukurbeln und Vollbeschäftigung zu erreichen. Diesen negativen Zinssatz nennt man auch den natürlichen Zinssatz, so benannt nach dem schwedischen Ökonomen Knut Wicksell. Da Notenbank- und Marktzinsen aber nicht nachhaltig negativ sein können, haben wir ein Problem. Der Notenbank-Zinssatz läge dann permanent über dem natürlichen Zins. In einer solchen Wirtschaft ist Vollbeschäftigung nicht möglich.

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Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht
Es gibt zwei Auswege. Entweder der Staat greift ein. Oder die Notenbank versucht mit Tricks, die Marktzinsen zu senken. Die erste Option ist die effektivste, aber bei uns nicht machbar. Durch unzählige Schuldenbremsen, Fiskalpakte und Stabilitätspakte haben wir hier das Tor verriegelt.

Die andere Option ist der Versuch der Geldpolitik, die Marktzinsen durch Anleihenkäufe zu drücken. In Deutschland und anderen Kreditländern sind solche Maßnahmen unbeliebt. Man vermutet versteckte Staatsfinanzierungen. Denn die Zentralbanken müssten auf jeden Fall eine Riesenmenge an Staatsanleihen kaufen, um die Marktzinsen zu senken. Private Anleihen gibt es in Europa nicht genug.

Gefahr einer "säkularen Stagnation"

Es gab in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg eine ähnliche Diskussion. Damals hielt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alvin Hansen eine Rede vor der American Economic Association, dem berühmtesten Ökonomen-Club der Welt. Hansen warnte damals vor einer "säkularen Stagnation". Damit beschrieb er genau die Situation, in der der natürliche Zins stark negativ ist. Hansens pessimistische Vorhersage trat nicht ein. Der Grund war ein damals unerwartetes Konjunkturprogramm auf Seiten der US-Regierung: der Eintritt in den Krieg. Hansens Rede geriet seitdem in Vergessenheit, ist aber jetzt wieder hochaktuell.

Ein Konjunkturprogramm dieser Art ist heute glücklicherweise nicht in Sicht. Damit stellt sich aber die Frage, wie man aus einer säkularen Stagnation wieder herauskommt. Mit dem Staat? Mit der Gelddruckmaschine? Mit beidem? Oder bleiben wir in der Stagnation so wie Japan?

Der deutsche Mindestlohn wird die veröffentlichen Inflationszahlen etwas frisieren. Er wird uns eine statistische Sicherheit vorgaukeln, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Es wird kommen wie in Japan - nur mit deutlich höherer Arbeitslosigkeit. Gut gehen kann das nicht.

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insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
unlogisch 23.04.2014
1. optional
Sinkende Preise kommen zustande, wenn es zu viel Angebot gibt und zu wenig Nachfrager. Mit dem Mindestlohn löst man das Problem nicht, da dieser teilweise immer noch bei Vielen von Hartz4 aufgestockt werden muss. Je mehr Leute mehr als 8,50 Euro Mindestlohn zur Verfügung haben, je mehr Nachfrage entsteht am Markt. Wer den Mittelstand in die Armut schickt, muss sich nicht wundern, das maschinell geführte 1 Mann Fabriken keine Abnehmer mehr für ihre Waren finden.
ambulans 23.04.2014
2. wenn
man jetzt z.b. alvin hansen's "säkulare stagnation" in gedanken mit den "möglichkeiten", die sich aus der ukraine(?)-"krise" ergeben könnten, in verbindung setzt - tja, dann könnte man wirklich dahin kommen, ernsthafte bedenken zu entwickeln ...
Kassandro5000 23.04.2014
3.
Kiel, den 26. 03.: "Ausgehend von annähernd normal ausgelasteten Produktionskapazitäten in diesem Jahr erwarten wir für die Jahre 2015 bis 2018 Expansionsraten des Bruttoinlandsprodukts, die deutlich über dem Potenzialwachstum von durchschnittlich 1,4 Prozent liegen – damit droht eine gravierende konjunkturelle Überhitzung."
ambulans 23.04.2014
4. wenn
man jetzt z.b. alvin hansen's "säkulare stagnation" in gedanken mit den "möglichkeiten", die sich aus der ukraine(?)-"krise" ergeben könnten, in verbindung setzt - tja, dann könnte man wirklich dahin kommen, ernsthafte bedenken zu entwickeln ...
mister-m 23.04.2014
5. Na, Herr Münchhausen,
da haben Sie ja wieder einen schönen Grund, um den Teufel an die Wand zu malen - offensichtlich eine Ihrer Liblingstätigkeiten. Ihr Satz: "Die Leute glauben, der Deflationsdruck sei vorbei", spricht Bände. "Die Leute" empfinden nämlich eine Deflation überhaupt nicht als Druck, sondern als Befreiung. Es ist doch eine wunderbare Sache, wenn ich mein Auto noch ein Jahr länger fahre, bevor ich ein neues kaufe: ein äusserst umweltfreundliches Verhalten! Eine Befreiung vom, man möchte schon sagen: Terror des Konsums. Ist Ihnen eigentlich schon mal in den Sinn gekommen, dass man auch mit weniger auskommen könnte? Darf man nicht, werden Sie sagen, das darf man auf gar keinen Fall, Sie sagen: man MUSS mehr konsumieren, immer mehr, sonst geht es uns schlecht, sogar schlechter als den Japanern. Ihre Ideologie ist einfach widerwärtig.
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